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Die Wahrheit über Hillsborough

12. September 2012

Vorgestern berichtete ich über die BBC Dokumentation „Searching for the truth“ und kündigte an, dass der heutige 12. September 2012 vielleicht ein großer Tag für die Angehörigen der 96 Opfer von Hillsborough werden würde. Tatsächlich sieht es so aus, als könnte man nach über 23 Jahren doch noch wieder auf Gerechtigkeit hoffen. Die Wahrheit liegt nun zumindest in großen Teilen vor.

Die Hoffnung auf Gerechtigkeit schien lange Jahre unrealistisch, aber der erste große Schritt in diese Richtung wurde heute definitiv endlich getan. Das Experten-Kommission, welches sich über eineinhalb Jahre mit über 400.000 internen Dokumenten bezüglich der Hillsborough-Katastrophe befasste, hat heute eindeutige Fakten zu Tage gebracht. Fünf der wichtigsten und interessantesten Punkte des Berichts, der bereits komplett veröffentlicht ist, möchte ich hier kurz nennen. Wie sehr dieser Tag an der Mersey herbeigesehnt wurde, lässt die Titelseite des Liverpool Echo übrigens erahnen.

  1. Weder die Opfer, noch andere Liverpool Fans tragen an der Katastrophe eine Schuld.
  2. Das Hillsborough Stadion entsprach ganz eindeutig nicht den nötigen Sicherheitsanforderungen für diese Partie.
  3. Es hätten mehr Fans überleben können, wenn direkt nach dem Spielabbruch verantwortungsvoll gehandelt worden wäre. Insgesamt 41 Menschen hätten potenziell gerettet werden können.
  4. Die South Yorkshire Police hat eindeutig Fakten verschleiert und selbst Aussagen eigener Mitarbeiter zensiert.
  5. Den Leichen wurde Blut entnommen, welches auf den Alkoholgehalt überprüft wurde. War der festgestellte Blutalkohol gleich 0 oder sehr gering, suchte man in der nationalen Kriminaldatenbank nach Vorstrafen der Opfer. Mehr als die Hälfte dieser war übrigens 21 Jahre alt oder jünger.

Um 13.30 Uhr (deutscher Zeit) nahm Premierminister David Cameron im Parlament Stellung zu einigen der Punkten. Er machte klar, wie viele Dinge am 15. April 1989 falsch gelaufen sind. Angefangen von dem Spielort Hillsborough, der dieser großen Begegnung nicht angemessen war. Cameron ging auch auf die Lügen der Presse ein und lobte die Familien der Opfer dafür, wie würdevoll sie mit der Angelegenheit umgegangen sind. Er sagte, dass es für alle Anschuldigungen gegen Liverpool FC Fans keinen einzigen Beweis geben würde. Außerdem entschuldigte er sich im Namen des Parlaments und des Landes bei diesen Familien. „I am profoundly sorry“. Ed Miliband von der oppositionellen Labour Party sagte im Anschluss außerdem ganz eindeutig, dass die Schuldigen für diese Tragödie Verantwortung übernehmen müssen.

Am Montagabend strahle ITV übrigens eine weitere Dokumentation aus. Sie trägt den Titel „The Search For Truth„. Diese ist noch deutlich besser als jene der BBC. Leider ist es nicht ganz unkompliziert, den ITV Player außerhalb Großbritanniens aufzurufen (will heißen grundsätzlich nicht erlaubt), außerdem hat sie noch niemand bei Youtube hochgeladen und bei der Version unter dem Link hapert es leider sehr stark mit der Ton Synchronität. Sollte ich in den kommenden Tagen eine bessere Version finde, reiche ich einen Link dazu nach. Zum Schluss noch eines: Wirklich sehr empfehlenswert ist dieser Artikel von Brian Reade im Mirror, einer Zeitung, die man normalerweise meiden sollte.

Ergänzung: Soeben habe ich die Pressekonferenz der Hillsborough Family Support Group (HFSG) gesehen. Selbstverständlich eine hoch emotionale Angelegenheit, bei der allerdings sogar auch ein wenig gelacht wurde. Die Erleichterung war allen deutlich anzusehen, ebenso wie die Wut über die vermeidbaren Ereignisse und die Tatsache, dass über Jahre viele die Wahrheit verschleiern wollten und es auch haben. Auf die Frage, bis wie weit nach oben diese Verdeckungsbemühungen gingen, ließ die großartige HFSG Vorsitzende Margaret Aspinall, die in Hillsborough ihren 18-jährigen Sohn James verlor, wenig Zweifel an ihrer Meinung aufkommen. „To the top„, sagte sie. Übersetzt heißt das nichts anderes als Magaret Thatcher.

Ich bin überzeugt, das Frau Aspinall mit ihrer Vermutung absolut richtig liegt. Wer will schon ernsthaft glauben, dass die wichtigsten Fakten über ein solches nationales Desaster vor höchster politischer Ebene verheimlicht werden? Beweise, die das bestätigen, konnte die Kommission allerdings nicht finden, womit aber wohl auch kaum jemand ernsthaft gerechnet hatte. Womöglich wird dieser Punkt für immer ungeklärt bleiben. Das letzte Kapitel der langen, schmerzhaften Reise für die Angehörigen hat begonnen. Beendet wird diese erst sein, wenn Verantwortliche für die 96 Toten gefunden und verurteilt worden sind. Auch daran ließ die Pressekonferenz keinen Zweifel aufkommen und nach heute erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass dieser Tag ebenfalls wirklich kommt.

Den ganzen Bericht können Sie übrigens hier ansehen.

Zum Schluss sei jedem gedankt, der sich an diesem langen Kampf beteiligt hat. Vor allem den Familien, aber auch einigen Politikern, Ex-Spielern und Trainern, Fans oder jemanden wie Joey Barton, den man sonst vorwiegend als fiesen Rüpel kennt.

Lesen Sie auch: Eine neue Doku über Hillsborough

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From → Allgemein, Politik, Sport

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