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Hillsborough: Der Tag danach

13. September 2012

Viele Interviews habe ich gestern Abend noch zu diesem Thema gesehen und auch die Gedenkfeier ein wenig verfolgt. Ich glaube, mir ging es wie den meisten. Man schwankte zwischen Erleichterung, Traurigkeit, Wut, aber auch ein bisschen Freude. Für mich persönlich ist und bleibt Hillsborough das wichtigste Thema dieser Woche.

Ich kann gut verstehen, dass der ESM bei den meisten Menschen oben steht, aber diesbezüglich hat sich in dieser Woche eigentlich nichts Überraschendes getan. Auf der anderen Seite war die Berichterstattung über Hillsborough in Deutschland gestern eine Schande, aber dazu später mehr. Erst einmal beginne ich mit dem positiven. Großartig fand ich nämlich vor allem die Reaktion der Menschen in Liverpool.

Es besteht absolut kein Zweifel, dass es nach dem Kampf um die Wahrheit, mit dem Kampf um Gerechtigkeit weitergeht. Wenn ich an diesen Tag zurückdenke, wird mir immer zuerst Trevor Hicks bei der Pressekonferenz der Hillsborough Family Support Group (HFSG) einfallen und das Foto der lächelnden Anne Williams (links) und Margaret Aspinall. Dieses und weitere können Sie sich zum Beispiel hier ansehen.

Golden sky at the end of the storm (Foto von @kitchentablelfc)

Beide Frauen hatten in Hillsborough einen Sohn verloren. James Gary Aspinall war damals 18 Jahre alt, Kevin Williams sogar erst 15. Es ist wohl kaum übertrieben zu behaupten, dass glückliche Momente für diese beiden Damen in den letzten 23 Jahren sehr rar waren. Umso großartiger und schöner dieses Foto. Die Gedenkfeier am Abend war selbstverständlich durchweg sehr emotional.

Erleichterung und Dankbarkeit in Richtung der Hillsborough-Kommission wechselten sich ab mit klaren Worten, die deutlich machten, dass der lange Kampf noch nicht abgeschlossen ist. Kurz vor Abschluss der Veranstaltung (dort entstand übrigens auch das Foto von „@kitchentablelfc„, welches ich freundlicherweise verwenden durfte) wurden noch einmal alle Namen der 96 Todesopfer vorgelesen, einige davon auch von Jamie Carragher.

Die gestrigen Fakten, die von der Kommission präsentiert wurden, hatten auch schon Konsequenzen in Form von verschiedenen Entschuldigungen. Die „Sun“, Kelvin MacKenzie und Boris Johnson wären an dieser Stelle beispielsweise zu nennen, aber andererseits widert es mich schon an, diese nur zu nennen. Eigentlich waren die gestern bestätigten Fakten seit Jahren bekannt, nur nicht in ganzem Ausmaß. Jetzt mit einer Entschuldigung zu kommen, als man keinen anderen Ausweg mehr sah, ist ziemlich wertlos.

Ich weiß, dass sich sehr wenige Menschen in diesem Land für das Thema so sehr interessieren wie ich, aber ich wiederhole mich gerne: Es geht einfach um mehr als Fußball. David Cameron sprach gestern von einer doppelten Ungerechtigkeit, die den Familien der Hillsborough Opfer über Jahre angetan wurde. Die Tragödie an sich, gefolgt von Verleumdungen, Verschleierungen, Lügen. Man muss sich einfach mal versuchen, in eine Mutter oder einen Vater zu versetzen. In ein Elternteil, der das eigene Kind ohne Verschulden verlor und sich dann auch noch über Jahre einen Dreck wie „Selbst schuld“ anhören lassen musste.

Trotz dieser Punkte ignorierte die deutsche Presse großenteils das Thema Hillsborough, zumindest was ausführliche Berichte angeht. Natürlich gab es einen dpa Artikel, der an verschiedenen Stellen immer wieder auftauchte (und einen Fehler enthielt). Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung berichteten zumindest bis heute Mittag gar nicht, sofern ich nichts übersehen habe und einige andere wie Spiegel Online warteten dafür mit ziemlich geschmacklosen Fotos zur Tragödie auf. Was den Inhalt angeht, so hatten sie dafür aber ja immerhin gestern Abend den iphone5 Präsentations-Liveticker…

Derweil schrieb ich nebenbei verschiedene Kommentare unter den oberflächlichen Artikeln von Spiegel Online und Co. Nur ein einziger davon wurde anschließend auch freigegeben. Peinlich, peinlich, zumal ich natürlich auf Beleidigungen und ähnliche Dinge verzichtete. Im Fernsehen habe ich bis vorhin (um 19.20 Uhr) nichts gesehen und ich bezweifele, dass ich viel verpasst habe. Der Bericht von kicker.tv/spiegel.tv ist allerdings absolut in Ordnung. Die Kulturzeit ging vor ihrem guten Beitrag über Ultras, der gestern Abend schon bei Zapp lief, auch immerhin kurz auf die gestrigen Geschehnisse ein. Vielleicht hat das aber auch etwas mit der E-Mail zu tun, die ich ca. 20 Stunden zuvor der Kulturzeit-Redaktion geschickt hatte…

Zum gleichen Thema:

– Die Wahrheit über Hillsborough

– Eine neue Doku über Hillsborough

(Anmerkung: Für die Weiterverbreitung von Links zu allen dreien meiner Hillsborough Artikel in dieser Woche, bin ich besonders dankbar.)

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8 Kommentare
  1. R.Fritschi permalink

    Ich kann mich dem Beitrag nur anschliessen. Habe die Berichterstattung in England sehr genau verfolgt und lese mich momentan stark ins Thema ein. Die beiden Taylor Reports sind sehr empfehlenswert, genauso das Buch „The Truth“ von Phil Scraton, der übrigens auch in diesem Panel sass.

    • Danke für die Tipps. Ich lese derweil gerade Stück für Stück den gesamten Bericht des Independent Panels.

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