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Sechs Wochen Winter

7. März 2017

Die Temperaturen steigen wieder, aber es ist sehr kalt in Deutschland. Doch nicht nur hier. Auch in anderen Teilen Europas und vor allem in diesem faszinierenden wie verstörenden Land südlich von Kanada.

Alles geht in meinem Kopf durcheinander, wenn ich die Zeit seit dem 20. Januar 2017 chronologisch Revue passieren lassen möchte. Es war zu viel, zu wahnsinnig. Spontan schießen mir die Gags über alternative Fakten in den sozialen Medien in den Sinn. Ein paar gute waren dabei. Ein großes Lob geht an die Deutsche Bahn, die sich per Twitter darüber freute, dass 120% ihrer Züge am entsprechenden Tag pünktlich waren. Selbstironie ist eine stets sehr sympathische Eigenschaft.

Alternative Fakten? Das ist nicht weniger als abgefakt. Besonders, wenn diese von Gestalten wie Kellyanne Conway mit ihren abgekauten Fingernägeln und den furchtbar schlecht gefärbten Haaren oder Sean Spicer, der schon aussieht, als sei er das Produkt von drei Generationen Inzest, präsentiert werden. Man weiß in diesen Momenten nicht mehr, ob man lachen oder sich fürchten soll. Ich schmunzele mit Gänsehaut.

Auch das Privatfernsehen sorgte in jenen Tagen für wenig Abwechslung. Thomas Häßler machte beispielsweise bei RTL aus mir unbekannten Gründen eine Reis-Bohnen-Zigarettenkur in Australien, umgeben von pittoresker Natur und künstlichen Titten. Sieht man jedenfalls von denen des als Mallorca-Jens bekannten professionellen Schrottsängers, Märchen-Erzählers und Kinderproduzenten aus Sachsen ab. Skurril.

„Du kannst! So wolle nur!“ heißt es in Goethes Faust. Ein Zitat, welches mir beinahe täglich in den Sinn kam, wenn von ihm zu lesen war. Ja, ich bin angekommen beim Orangenen. Bei jenem inkompetenten Mann, der leider doch nicht nur ein Clown ist, welcher mit leeren Drohungen um sich wirft, wie viele dachten. Nein, Donald Trump ist die Mutter aller Horrorclowns. „Du willst? So könne nur!“ möchte man ihm mehrmals täglich twittern. Leider wird wohl Lena Meyer-Landrut eher fettleibig, als Donald Trump ein Mann, den man mit wahrem Können ruhigen Gewissens in Verbindung bringt. Das Gute an ihm wäre, dass er kein Ideologe sei, versuchten manche Menschen dessen Wahl zu verharmlosen. Das ist falsch. Donald Trumps Ideologie ist nur eine völlig andere als die gewohnten. Donald Trumps Ideologie ist Donald Trump. Seine narzisstische Persönlichkeitsstörung, die er immer wieder eindrucksvoll unter Beweis stellt, indem er auf peinliche und absurde Art und Weise zu verkaufen versucht, wie großartig er ist, lässt ihm aber wohl auch nur wenig Wahl.

Trumps Pleiten und Niederlagen werden weggewischt, denn sie darf es nicht geben, weil Niederlagen und selbst zweite Plätze nicht vorgesehen sind. Niemand kann bei der Amtseinführung wirklich mehr Zuschauer gehabt haben. Menschen, die gegen ihn demonstrieren, müssen böse sein. Kein Richter kann und darf seine grandiosen Ideen stoppen. Es gibt kein grau, nur das schwarz-weiß eines Egomanen, der oft hilflos wie ein Kind wirkt. Diese Hilflosigkeit, die er mit Aktionismus und derben Sprüchen zu verstecken versucht, lässt mich fast mitleidig zusammenzucken. Beschwörungen, Beschimpfungen und haltlose Versprechen, die nie umgesetzt werden (Stichwort „Sieg über den IS in 30 Tagen“) wechseln sich ständig ab. Muss man denn konkretes Mitleid haben? Ähh, nein. Am Ende ist Donald Trump so sympathisch wie die Vorstellung eines Abendspaziergangs mit Bernd Höcke durch eine mit Fackeln ausgeleuchtete Eichenallee. Aus Lautsprechern ertönt dabei Andreas Gabalier mit der dritten Strophes des Deutschlandliedes in Dauerschleife.

In der Zwischenzeit hat sich aber auch in Deutschland einiges getan. Der Messias ist erschienen und das so viele Jahre nach meinem Kirchenaustritt. Ärgerlich. Was wissen wir über ihn, über diesen Martin Schulz? Er kommt aus NRW, war mal Buchhändler, EU-Parlamentspräsident und sogar Bürgermeister von Würselen! Der wuselige Würselener mit dem Wurstgesicht. Inka Bause hätte bestimmt eine tolle Bäuerin für ihn gefunden.

Martin Schulz ist nicht Gott, wie man während des Anfangshypes vermuten musste. Er kann Wasser nicht in Wein verwandeln. Er sollte nicht einmal mehr Wein in Urin verwandeln. Ein Martin Schulz muss aber keine Angst haben, wieder am Alkohol zu hängen. Der Alkohol sollte jedoch Angst haben, an Martin Schulz zu hängen, meinen manche, die Chuck Norris im Vergleich für ein Weichei halten. Eigentlich hat Schulz jedoch nur diesen einen eindrucksvollen Trumpf: Er ist nicht Sigmar Gabriel. Das allein dürfte die Raute aber schon ordentlich zum Zittern bringen.

Vor vier Jahren war für viele noch die FDP das größte akute, politische Problem im Bundestag. Im Oktober würde ich, anstatt nur 10 Sekunden im Fahrstuhl mit einigen der neuen Gestalten, die dann im deutschen Parlament vor sich hin zetern und wehklagen werden, lieber ein romantisches Wochenende in einem Zweimannzelt mit Christian Lindner auf einer Mülldeponie in der Nähe von Eisenhüttenstadt verbringen. Sie wissen schon. Jene Gestalten, die sich über die Lügenpresse beschweren, dann von der Lügenpresse zu ihrem Paradethema in zahlreiche Talkshows eingeladen werden und sich anschließend wieder über die Lügenpresse ereifern.

Die Demokratie wird allenthalben mit Füßen getreten und die Presse mit einer Verächtlichkeit und nicht selten mit derart blindem Hass überzogen, dass man nur erschaudern kann. Schwarz ist weiß und weiß ist schwarz, immer wieder. Fakten werden verhöhnt und eine neue absurde Realität etabliert. Jede Person, die sich für Humanität, Solidarität und Gerechtigkeit einsetzt, ist plötzlich nur noch ein linksversiffter Gutmensch, der das Vaterland verrät oder im Zweifelsfall auch gerne mal ein Sympathisant des IS ist, so wie es Trump-Unterstützer mit Inbrunst vielen Demokraten vorwerfen. Sehr kreative Ideen haben diese Gestalten allenthalben übrigens eher selten. Das sieht grundsätzlich in Deutschland beispielsweise eher so aus:

Dieser Idiotie sinnvoll und effektiv entgegenzutreten, ist eine neue, unerwartete Aufgabe, an der momentan Intellektuelle, Medien wie Politiker aller (anderen) Parteien konstant scheitern. Eine mögliche Lösung ist so schmerzvoll, wie simpel. Die Aufgabe heißt Einigkeit zwischen allen demokratischen Kräften, mögen sie noch so unterschiedlich sein. Vielleicht ein unmögliches Unterfangen, wenn die CSU der AfD in Teilen näher ist als den Linken in der SPD, den Grünen und der Linkspartei sowieso. Ach, was würde heute Frank Schirrmacher wohl denken, sagen und schreiben?

Es ist die Zeit, in der sich gemäßigte Konservative genau überlegen sollten, welchen Weg sie beschreiten wollen. Möchten sie den Wahnsinn, der aus ihnen oder um sie herum entsprießt, weiter durch halbherzige Einwände den Weg bereiten oder besinnen sie sich auf den Anstand, der in ihnen schlummert und den sie mit ihrem angeblich oft so tiefen christlichen Glauben für sich reklamieren?

Sehr traurig an all dieser Scheiße ist es, dass wir eigentlich viel weiter sein könnten und sollten. Es schmerzt so sehr. Wir kaufen unseren To-Go-Kaffee, unsere Möbel oder Kleidung und so vieles mehr bei ekelhaften Ausbeutern und widerwärtigen Schmarotzern, die lächelnd dabei zusehen, wie „besorgte Bürger“ nach unten treten, weil ihre Kleingeistigkeit sich auf das einfachste Ziel konzentriert. Eigentlich sollten wir endlich die gigantischen Gewinne dieser Unternehmen angemessen besteuern, über das BGE diskutieren und über Wege, wie wir damit umgehen, dass in den nächsten Jahrzehnten viele Millionen Arbeitsplätze wegfallen werden. Eigentlich sollten wir darüber sprechen, dass der ÖPNV endlich ticketlos gestaltet werden muss und Kraftfahrzeuge mit Verbrennungsmotoren aus unseren Innenstädten möglichst schnell verbannt gehören. Das würde die allgemeine Gesundheit und Lebensqualität mit einfachsten Mitteln immens verbessern, aber solche Vorschläge hört man selbst von den Grünen nur noch selten. Eigentlich sollte das Ende des Kapitalismus und einer Zeit, in der Menschen nach ihrer ökonomischen Leistungsfähigkeit Wertschätzung erleben, ein großes Thema sein. Eigentlich, eigentlich, eigentlich.

Mir fielen noch einige Beispiele ein, aber es macht ja keinen Unterschied, da all diese Dinge über eine gewisse Zeit eine höchstens untergeordnete Rolle spielen werden. Ganz einfach, weil es mittlerweile zu viele Menschen gibt, die zurück wollen in die 50er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, anstatt sich darum zu bemühen, dass im Jahr 2050 noch Leben auf diesem Planeten existieren kann.

Es ist Winter. Anfang März eigentlich ganz normal, aber dieser könnte lange anhalten. Die weißen Wanderer, die ihn gerne verlängern würden, müssen keine Mauer erklimmen. Sie sind schon lange unter uns. In den USA haben sie bereits die Macht erlangt.

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From → Politik, Uncategor.

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