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Nachruf auf einen unbekannten Begleiter

Wie traurig kann man sein, wenn ein Mensch stirbt, den man nie getroffen hat? Mitunter sehr, wie mir gestern nicht zum ersten Mal bewusst wurde. Die Nachricht vom Tode Roger Willemsens traf mich plötzlich und unbarmherzig. Sein Name tauchte unvermittelt ganz oben in den Deutschland Trends bei Twitter auf und das konnte eigentlich nur eines bedeuten. “Oh nein, bitte, bitte nicht”, dachte ich, bevor meine Neugierde siegte und ich einen Mausklick weiter die bittere Gewissheit erlangte.

Es muss 1991 oder 1992 gewesen sein, als ich von Willemsen erstmals Notiz nahm. Ich sah zufällig “0137” auf Premiere. Es war kein magischer Moment, aber seine Art gefiel mir und im Anschluss verfolgte ich die Sendung regelmäßig. Roger Willemsen begleitete mich von nun aus der Ferne. Selbst wenn ich monatelang nichts von ihm las und ihn auch nicht im Fernsehen erlebte, war er immer da. Bis vorgestern. Er wird mir sehr fehlen. Deutschlands durchschnittlicher IQ ist mit seinem Tod gesunken, aber ihn nur als Intellektuellen zu vermissen, würde zu kurz greifen.

Willemsem war unterhaltsam, witzig, engagiert, wissbegierig, schlagfertig und ganz besonderes nahm ich ihn als einen von sehr wenigen Menschen war, bei denen ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass irgendeine Person jemals etwas Schlechtes über ihn dachte, sagte oder schrieb. Selbst wenn das auf niemanden zutrifft (und ein Blick in ein paar Online-Kundenrezensionen zu “Die Enden der Welt” offenbarten meinen Irrtum), ist es vielleicht das größte Kompliment, welches man einer Person machen kann, mit der man kein einziges Wort gewechselt hat.

Roger Willemsen konnte lästern, ohne jemanden wirklich zu beleidigen, er konnte Menschen unterbrechen, ohne dass es unhöflich anmutete. Er konnte reden ohne zu langweilen, weil er wirklich immer etwas zu erzählen hatte. Zu fast jedem erdenkbaren Thema. Willemsen hatte aber nicht nur etwas zu erzählen, er hatte etwas zu sagen. Fast immer. Das sorgte insbesondere im Fernsehen für einen signifikanten Unterschied zu der Mehrheit seiner Kolleginnen und Kolleginnen.

Willemsens Interesse an Menschen, Dingen und Orten beeindruckte mich immer wieder, wie die ihm eigene überragende Wortgewandtheit. Seine intellektuelle Überlegenheit trug er für mich nie in übertriebenem Maße zur Schau. Er war ein Vorbild. Als Schriftsteller, Reisender, Humanist und in vielen anderen Rollen. Nun ist seine Reise mit 60 Jahren viel zu früh zu Ende gegangen und ich frage mich, was alles uns deswegen verwehrt bleibt. Mit Sicherheit das ein oder andere lesenswerte Buch. Traurig, einfach sehr traurig. Sein verschmitztes Lächeln, das ihn mit Ende 50 mitunter jünger wirken ließ als Talkshowgäste an seiner Seite, die kaum die 40 überschritten hatten. Auch das wird mir fehlen.

“Der Sinn besteht darin, die gegebene Frist sinnvoll zu nutzen. Nicht nur Spaß zu haben.”

(Roger Willemsen)

Eine Schreibblockade

Wo sind nur all die Texte, die ich in den letzten Wochen schreiben wollte? In meinem Kopf, aber sie wollen nicht raus. Ich bin oft zu müde und nicht selten sind mir meine Worte und Sätze nicht gut genug. Genau wie dieser hier eigentlich.  Manchmal hilft Alkohol, derzeit muss ich es nicht einmal versuchen.

Seit Wochen habe ich den letzten Teil meines Frankreichtrips fast fertig. Leider nur fast. So viel leichter erschien es mir einen simplen Artikel über einen großartigen Sportler zu schreiben. Über einen kommenden (deutschen) Superstar, von dem hierzulande kaum jemand Notiz nimmt. Selbst das hat sich leider als schwierig erwiesen. Möglicherweise liegt es daran, dass sich kaum jemand dafür interessiert. Es ist ja “nur” ein Eishockeyspieler. Andererseits ist zur Sportlerin des Jahres eine Kugelstoßerin gewählt worden. Ich musste schmunzeln und den Kopf schütteln. Das wäre übrigens nicht anders gewesen, wenn es sich um einen Kugelstoßer gehandelt hätte. Was folgt im nächsten Jahr? Ein Kirschkernweitspucker?

Es hätte für mich so unendlich viele interessante Themen in den letzten Monaten gegeben. Oftmals möchte ich aber fast nur noch alles ausblenden, was uns täglich in den Nachrichten serviert wird, doch es geht nicht. Man beschäftigt sich zu viel mit Gestalten wie Björn Höcke, verzweifelt über Seehofer fast ebenso, im TV sieht man ständig die nervigen Fratzen von Menschen wie Lanz, Hartwich oder Dieter Nuhr und warum ist der Twitter-Account von Erika Steinbach eigentlich immer noch nicht wegen groben Unfugs und peinlicherer Hetzerei gesperrt worden? Immerhin wird sie den Platz in der Hölle neben Margaret Thatcher würdig besetzen. Klar muss man sich den ganzen Quatsch nicht antun, aber allzu oft kann ich nicht schnell genug wegschalten. Okay, bei RTL schon und ich weiß gar nicht, welchen Programmplatz bei mir Sat.1 hat, aber ARD und ZDF sind oft auch nicht mehr viel besser.

Ausweg Mongolei?

Vielleicht müsste ich mal wieder in die Mongolei. Das Outback fehlt mir. Die Ruhe abseits der entsetzlichen Hauptstadt, der Himmel, die Berge, die Flüsse und die Tiere. Wie kann man in einer Stadt wie Düsseldorf schon abschalten? Knapp zweieinhalb Jahre liegt meine Reise in die Mongolei bereits zurück und in der Zwischenzeit ist vieles passiert. Europa befindet sich auf einem gefährlichen Weg, große Persönlichkeiten wie Karasek, Schmidt und Scholl-Latour sind verstorben, ich habe über 100 Mal japanisch gegessen, meine Lieblings-Bäckereifachverkäuferin ist weggezogen und Jürgen Klopp lernt jetzt Scouse.

Vor einer Jurte sitzen und in die Ferne starren? Keine Ahnung, ob das helfen würde. Äußerst warm dort anziehen müsste ich mich derzeit ohne Zweifel, aber möglicherweise könnte auch das helfen. Ein kalter Winter mit Schnee würde mich eher inspirieren als frühlingshafte 15 Grad Celsius zu Weihnachten. Wie dem auch sei, ich muss mich seit Monaten quälen, um überhaupt irgendetwas zu Ende zu schreiben. Oft bin ich kurz vor dem Abschluss mit allem gar nicht wirklich glücklich und wenn doch? Dann gibt es zu wenig Leser und noch weniger Resonanz. Mit dem Text über den zweiten Teil meines Frankreichtripps war ich mal tatsächlich zufrieden, aber wie viele haben diesen schon gelesen? Kommentiert hat ihn niemand.

Abwarten

Momentan hilft nur abwarten. Zeit und Geld für eine Reise in den nächsten Wochen sind leider nicht vorhanden. Wer weiß, vielleicht inspiriert mich Greg Graffins neues Buch “Population Wars: A New Perspective on Competition and Coexistence”, mit dem ich in den nächsten Tagen beginnen werde. Seine Band hat es fast immer vermocht:

Happy Festivus!

Während viele Menschen Weihnachten entgegenfiebern, feiert eine kleine Gemeinde weltweit heute Festivus. Abgesehen von der selbstverständlich obligatorischen Aluminium-Stange, ist dafür ja auch nicht so viel vonnöten.

Ich wünsche allen viel Erfolg bei den “Feats of Strength”, nette Gesellschaft, gutes Essen, ein paar schöne, ruhige, besinnungslose Momente und all den Scheiß, den Ihr Euch selbst wünscht.

Also, Happy Festivus!

Drei Monate Twitter

In den letzten drei Monaten habe ich wieder einigen Unsinn auf Twitter verzapft, den ich hier teilen möchte. Ich den nächsten Tagen gibt es dann wahrscheinlich auch endlich den dritten Teil meines Frankreichtrips und noch ein oder zwei andere Dinge zu lesen. 

  • Hat Winterkorn nur sein Wort gegeben oder sein Ehrenwort? Nicht, dass er demnächst im Beau-Rivage in Genf in der Badewanne…
  • Gestern stand vor diesem großen Fluss in Paris ein Pärchen, das mindestens 100 Fotos gemacht hat. Naja, jedem das Seine.
  • “Warum sind da so wenig Nudeln in der Sauce?” “Ich spar Ghetti.”
  • “Puh, ich habe echt richtig abgenommen.” “Kann man das Telefon auch falsch abnehmen?” Handgemenge.
  • Habe ein Steak auf einem geliehenen Auto liegengelassen. Ist ein Meatwagen.
  • Emilgrant, sagte gerade eine Frau auf der Straße. Ist das auch von Kästner? Emil und die Granten?
  • “Zechpreller” fand ich immer ein schönes Wort. Viel besser als Wirtschaftsflüchtling.
  • “Hey, das ist ein Bürgersteig, kein Radweg.”
    Alle Fußgänger. Immer.
    “Sorry, dass ich blind auf dem Radweg stand.”
    Kein Fußgänger. Jemals.
  • Was sagt der Seemann, wenn er einen Bauernhof besucht? Ah Heu.
  • “Kommt nicht irgendwo Sport?” “Doch.” “Wo?” “Im ZDF, Bayern spielt.” “Gut, dann schalt doch mal um auf Astro TV oder so.”
  • Verstehe nicht, warum die Verkäuferin aus der Schlachterei immer so komisch guckt, wenn ich von weitem brülle: “Ich will ein Rind von Dir.”
  • “Mein Arsch ist zu dick.” “Du hast Pobleme.”
  • Das Lieblingsgetränk von Besuchern im Tierpark ist wahrscheinlich der Espreszoo.
  • Religion verstehe ich einfach nicht. Kein Schweinefleisch essen, aber Mohammett anbeten.
  • Es gibt eine türkische Zeitung namens Cumhuriyet? CUM? Müsste einem Wichser wie Erdogan doch eigentlich gefallen.
  • Der sportlichste aller Schriftsteller war übrigens Tennis C. Williams.
  • Mein Alkoholiker-Nachbar salutiert immer, wenn er mich sieht. Im Haus ja noch okay, aber vorhin im Supermarkt…
  • Hat er jemanden auf einen Döner gepinkelt oder warum ist in den Trends?
  • Hat er eben Sackhaarberg gesagt?  
  • Warum braucht Chris Rea Weihnachten immer so lange für seine Heimfahrt und erstickt er dieses Jahr dort wohl endlich an einem Stück Gans?
  • “Die Saftpresse ist kaputt.” “Wirf doch mit der anderen weg.” “Wir haben noch eine?” “Ja, auf dem Küchentisch, die Lügenpresse.”
  • Endlich. Das Glas ist halb leer, aber ich bin ganz voll.
  • Flüchtlinge sollten selbst mehr für die Integration tun. Zum Beispiel, in dem sie jemanden wie Thorsten Legat einen Deutschkurs anbieten.
  • Habe meine Ernährung umgestellt. Die Chips sind jetzt im Kühlschrank, die Schokolade auf dem Küchentisch und der Käse liegt im Wohnzimmer.
  • Ach, Seehofer und Co. hetzen immer noch gegen Kellnerinnen und Kellner?
  • “Mein Sohn, musst Du in jeden Satz etwas mit Fisch einbauen?” “Ma krele doch nicht gleich so.”
  • “Ich habe Bauchschmerzen und meine Frau nervt.” “Ist wahrscheinlich eine Magen-Damen-Grippe.”

Ein Pflichtfilm

Schon irgendwie nett, dass die ARD in dieser Woche die Dokumentation “Citizenfour” über Edward Snowden zeigte. Die Verantwortlichen taten aber natürlich das, was sie immer machen, wenn sie etwas Interessantes, Wichtiges und Sehenswertes für den Sendeplan haben: Sie verfrachten es ins Nachtprogramm. Einen anderen Grund als fehlenden Mut gibt es für diese Vorgehensweise nicht.

Der beste Sendeplatz des Tages, jener um 20.15 Uhr, bleibt in der ARD fantasielosen Serien und Fernsehfilmen oder ausgelutschten Shows mit Eckart von Hirschhausen und Co. vorbehalten. Erbärmlich. Immerhin traute sich die ARD, Citizenfour überhaupt zu zeigen. Es ist zwar nicht so, dass der Film uns besonders viel verrät, was wir nicht bereits in den letzten zweieinhalb Jahren an irgendeiner Stelle erfahren haben. Gleichzeitig ist es aber dennoch höchst interessant, in den gut 100 Minuten, diesen Wahnsinn noch einmal am Stück zu sehen sowie Edward Snowden und Glenn Greenwald in Hongkong bei der Vorbereitung der Enthüllung des NSA Skandals zu beobachten. Das sollte jede(r) tun. Noch ist der Film einige Tage in der Mediathek der ARD zu sehen und derzeit auch bei Youtube.

Nebenbei finde ich Diskussionen über Snowden immer wieder interessant und bemerkenswert. Da gibt es tatsächlich an irgendeiner Stelle jedesmal Menschen, die ihn als einen Verräter sehen und finden, dass er sich in den USA einem Gericht stellen sollte. Jemand deckt den Verrat und den Betrug einer Regierung an ihren eigenen Bürgern auf und unter diesen Bürger gibt es Menschen, die auf den Enthüller wütender sind, als auf die wirklichen Kriminellen, deren Machenschaften so auch noch verteidigt werden? Absurder geht es kaum.

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 2

Mein nächster Halt hieß Boulogne-sur-Mer. Dort traf ich eine äußerst gute Entscheidung. Ich mied Autobahnen in den folgenden Tagen und fuhr auf Landstraßen in Küstennähe langsam weiter gen Süden. Meine Belohnung waren reizvolle Dörfer und viele sympathische kleine Städte. 

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Boulogne-sur-Mer ist eine Gemeinde im Département Pas-de-Calais und der Geburtsort der bekannten Fußballprofis Franck Ribéry und Schapapapa, so sprach Franz Beckenbauer stets auf eigenwillige Art Jean-Pierre Papin aus. Den interessierten Besucher erwartet hier der größte Fischereihafen Frankreichs, die eindrucksvolle Basilika und das Meeresaquarium Nausicaä, für das ich mir aber keine Zeit nahm. Ich ging am Stadttor spazieren, genoss die Aussicht, wollte aber schon bald weiter an einen ruhigeren, kleineren Ort mit weniger Menschen.

Das Autofahren auf der Landstraße mit guter Musik aus den kleinen Boxen und meinem Glücksbringer vor dem Display, gefiel mir wesentlich mehr als die langweiligen, anonymen, immer gleichen Autobahnen, auf denen man so viel verpassen kann. Wann fährt man schon mal eben kurz ab, wenn man kein festes Ziel vor Augen hat oder das nächste, welches einem im Hinterkopf herumspukt, noch viele Kilometer entfernt liegt? Nie. Auf der Landstraße tat ich genau das, als ich am späten Mittag etwas Hunger bekam. Mein Blick fiel auf das Hinweisschild Richtung Montreuil-sur-Mer. Ich mochte diesen Namen, also fuhr ich hin. Eine völlig spontane Entscheidung. Eine sehr gute.

Die Sonne schien bei Temperaturen von deutlich über 20 Grad, ich machte das, was ich mit am liebsten tue. Ich reiste und ich fühlte mich dabei wohl. Wunderschön auf einem kleinen Bergkegel gelegen, an der Canche, findet man Montreuil-sur Mer. Ich schnappte mir den ersten freien Parkplatz und schlenderte relaxt durch den Ort. Niemand wirkte gehetzt. Mir kam es vor, als würde jeder den angenehmen Spätsommertag ähnlich genießen wie ich. Vielleicht abgesehen von den Einheimischen, die arbeiten mussten, doch auch die machten einen entspannten und freundlichen Eindruck. Das traf selbst auf den einsamen niedlichen Hund, der am Marktplatz neugierig in ein Geschäft blickte, eindeutig zu.

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Ein paar englische Motorradfahrer störten kurz die Ruhe. Nachdem der Lärm ihrer Vehikel langsam in der Ferne verstummt war, löffelte ich entspannt weiter meine köstliche Fischsuppe, welche ich mir zusammen mit einem Bier vor der Brasserie Le Caveau in der Sonne sitzend, bestellt hatte. Die letzten Marktstände wurden abgebaut, während ich mir überlegte, ob ich nicht schon an diesem Ort nach einem Zimmer für die Nacht suchen sollte. Warum eigentlich nicht? Es gefiel mir sehr und ich hätte noch stundenlang weiter entspannt an diesem Platz Bier trinken können.

Als der Kellner fragte, ob ich noch ein Leffe wolle, entschied ich mich jedoch für eine Cola und inspizierte nach dem Bezahlen zunächst die Hotels vor Ort. Die machten vorwiegend einen guten Eindruck, doch die Preise schreckten mich etwas ab. Das war wahrscheinlich die Schuld der nicht wenigen, zumeist älteren britischen Touristen, die sich mit mir dort aufhielten. Nach längerem Nachdenken fuhr ich weiter. Ich wollte noch lieber das Meer sehen. Fündig wurde ich schließlich in der Picardie und den Gemeinden Le Tréport/Mers-le-Bains, die am Ärmelkanal liegend aneinander grenzen. Mers-le-Bains mit seinem Strand, den Kreidefelsen, den hübschen Wohn- und Ferienhäusern, ist schöner und ruhiger. Le Tréport präsentiert sich dagegen sehr touristisch, aber dennoch nicht zu überlaufen oder anstrengend, zumindest nicht Mitte September.

Die Suche nach einem Hotel dauerte ein bisschen. Im ersten wurde ich an der Rezeption ein wenig barsch darauf aufmerksam gemacht, dass man ausgebucht sei, im zweiten war der günstigste Preis 99 Euro, ehe ich im dritten Glück hatte. Ich bekam ein hervorragendes Doppelzimmer mit einem sehr bequemen Bett, modernem großen Bad, sowie einem Parkplatz direkt vor der Tür. Am Abend ging es in Le Tréport zu den vielen Fischrestaurants, von denen ich in der Zwischenzeit gelesen hatte. Die Angebote der meisten sind recht ähnlich, aber beim Essengehen empfiehlt sich immer ein Internet-Check. Besteht die Möglichkeit nicht, nimmt man einfach das am besten besuchte. Ich entschied mich für eines der drei mit den besten Online Bewertungen und wurde nicht enttäuscht. Für 35 Euro gab es zwölf frische Austern als Vorspeise, ein fast perfekt gegrilltes Entrecôte vom Rind mit selbstgemachten Pommes Frites als Hauptspeise und ein nicht zu süßes Stück Kuchen zum Nachtisch. Dazu ein Pelforth Brune, welches ich gerne noch einmal zuhause trinken möchte. Würde es in Düsseldorf genauso gut schmecken?

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Das nächste Ziel hatte ich schon bei meiner Abfahrt im Hinterkopf. Etretat im Département Seine-Maritime und der Region Haute-Normandie. Dort konnte ich endlich ganz tief durchatmen und all die Nichtigkeiten des Lebens gänzlich abschütteln. Der Blick auf die Felsen und auf das Meer, mit einem Bier am Strand, einfach herrlich. Die oft so lapidaren, unsäglichen Fragen und Probleme des Alltags verschwanden langsam. Ich sah sie in meinen Gedanken vor mir, gebündelt in einer Wolke am Himmel. Stück für Stück verlor sie an Gewicht und versank schließlich im Wasser.

Für sehr akzeptable 50 Euro fand ich ein zweckmäßiges Zimmer im Hotel la Résidence, im Supermarkt holte ich Wasser und ein Bier, ehe ich ein Geschäft mit ausschließlich lokalen Produkten aufsuchte. Die kleine, dicke, blonde Verkäuferin mit dem weiten T-Shirt und der abgetragenen Jeans war so freundlich, dass ich nicht gehen konnte, ohne aus Sympathie wenigstens eine Flasche Cidre zu kaufen. Zwei Kundinnen sagten an der Kasse lächelnd etwas zu mir, was ich nicht verstand. Plötzlich schmunzelte der ganze Laden, ich schloss mich einfach an.

Später schaltete ich wieder ab. Etretat leerte sich dankbarerweise kontinuierlich. An diesem Sonntag fuhren die Wochenendbesucher langsam heim. Das war mir sehr willkommen. Ich saugte den fremden Ort, die Tatsache, niemanden zu kennen, die temporäre Freiheit, all das in mich auf. Die Felsen, der Strand und das Meer. Welch wunderschöner Ort. Da ich es fast nie vermag, in den positivsten Augenblicken nur zufrieden zu sein, überkam mich ein Moment des Bedauerns. Ach, wenn sie auch hier sein könnte, überlegte ich. Wir würden ein Bier zusammen trinken, sie anschließend gedankenversunken auf das Meer starren, ich sie beobachten und ihre atemberaubende Schönheit und Anmut ehrfurchtsvoll bewundern. Hätte sie nur die Zeit gehabt, mitzufahren. Nein, kein Bedauern. Bitte nicht jetzt.

Étretat

In fabelhaften Augenblicken ist es sinnlos, das Sackhaar von Horst Seehofer in der köstlichen Fischsuppe des Reisens zu suchen. Außerdem war, bin und werde ich immer ein Befürworter davon sein, ab und an alleine zu verreisen. Die Vorteile wie die Nachteile, sie liegen auf der Hand. Ich atmete tief ein und schaute wieder auf das Meer. Das beruhigt immer, wie es für mich sonst höchstens Berge vermögen oder der fantastische Himmel über der Mongolei. So wenig Menschen und so viel Himmel abseits der Hauptstadt, mir fehlt dieses Land. Ich denke oft an unsere Reise dahin zurück. Manchmal idealisieren wir Erinnerungen hoffnungslos und dann wiederum werden sie von uns schamlos diskreditiert. Nicht in diesem Fall.

Ich stelle mir oft die Frage, ob ich auf Reisen ein Suchender bin. Natürlich ist das der Fall. Wer unterwegs nicht sucht, ist ein Fastfood Tourist. All-inclusive, Strand, Pool, Party, Alkohol, Meer, vielleicht mal ficken. Eine RTL2 Reise, die so wertvoll ist wie ein kleines Steak, aus einer abgetragenen Schuhsohle. Suche ich jedoch nach etwas Bestimmten? Vielleicht, aber vor allem bin ich ein Findender. Gutes Essen, Ruhe, Action, lebendige Städte, beeindruckende Natur, Menschen und mitunter kleine Details. Ich erinnere mich an die Stop-Schilder, auf denen in Frankreich, wie bei uns und in vielen anderen Ländern, einfach “STOP” steht. In Québec blickt man an dieser Stelle auf das Wort “ARRÊT”. Das mag kaum jemanden interessieren, ich schätze das Wissen darum.

Viele Menschen träumen vom Reisen und nicht wenige verreisen schließlich doch traumlos. Die Karibik wäre schon mal toll, vielleicht Kalifornien, Japan oder gar Australien, wer fände das nicht großartig? Dann geht es trotzdem wieder nach Mallorca oder an den Gardasee. Da ist es ja schön und man kennt alles. Es gibt keine Überraschungen, keine Unwägbarkeiten, aber auch keine Herausforderungen. Kein Visum, das beantragt werden muss, Impfungen? Nee, hier nicht. All-inclusive? Spannung exclusive. Mitunter ist das vielleicht nicht unangebracht, aber auf Dauer feiert die Bequemlichkeit einen verlustreichen Sieg.

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Reisen kann furchtbar anstrengend sein, wenn man die Individualität schätzt. Es kann frustrieren, sehr nachdenklich machen und ab und zu hinterfragt man alles, doch meistens ist die Belohnung groß. Wenn man verloren und verirrt durch eine sibirische Stadt auf der verzweifelten Suche nach seiner Unterkunft ist, findet man daran absolut nichts glamourös und am Ende bleibt dennoch eine erzählenswerte Erinnerung, die man vielleicht nie vergessen wird. Ich habe es erlebt und möchte es nicht missen.

Mich beschäftigt bei Zeiten die Frage, ob ich auf Reisen ein anderer Mensch bin. Ich lächele nicht aus taktischen Gründen, ich bin nicht freundlich, weil ich mir davon etwas verspreche. Ich tue alles, weil es sich richtig anfühlt und in jenem Moment geschieht es instinktiv. Es gibt keine Schauspielerei, keine Verlogenheit, Kompromisse, keine strategischen Überlegungen, die unseren Alltag konstant heimsuchen, wenn wir ehrlich sind. Ich reise, also bin ich. Ich selbst.

Eines kann ich nie gänzlich abschütteln, wo immer ich mich auch befinde. Es ist das quälende Thema Geld, die Überlegungen, wie viel ich für mein Essen oder mein Hotelzimmer ausgeben kann und sollte. Diese Fragen reißen Tag für Tag wieder tiefe, unangenehme Löcher in die positivsten Gedanken, in die ersehnte und geschätzte Gelassenheit. Plötzlich geht sie dahin, Wolke 7 wird zu Wolke 3.5 und es nervt wie ein eitriges Furunkel am Arsch von Kim Jong-un. Wenn ich das doch nur irgendwann entfernen könnte…

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Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 1

Ich wusste, ich konnte nicht mehr weit entfernt sein. Der Name der Ausfahrt war mir jedoch entfallen und so schaute ich immer wieder ungeduldig aus den Seitenfenstern meines Autos. Als ich schon etwas verunsichert war, sah ich von einem Moment auf den anderen die zweite Station meiner Reise ganz unvermittelt. Der Dschungel tauchte zu meiner rechten auf.   

In Düsseldorf begann meine kurze Reise Mitte September. An einem gewöhnlichen Donnerstag holte ich den Mietwagen ab, verstaute meinen großen Rucksack im Kofferraum, stellte den kleinen auf den Beifahrersitz und los ging es. Brügge hieß mein erstes Ziel. Ein lohnenswertes, wie ich finde. Das historische Zentrum der größten Stadt Westflanderns ist überaus sehenswert. Der Grote Markt, Rozenhoedkaai und das Rathaus gehören zu den touristischen Pflichtorten. Man findet viele wundervolle Häuser, hübsche Brücken und Kirchenliebhaber kommen auch auf ihre Kosten. Angenehm empfand ich es, ziellos durch all die kleinen Strassen und Gassen zu schlendern, in denen lokale Produkte in sympathischen Läden verkauft werden. Manchmal duften Schokolade und Pralinen bis auf die Straße hinaus.

Das zum großen Teil hervorragende belgische Bier und leckere Pommes Frites sind weitere Gründe, für die sich lohnt, ein Wochenende in Brügge zu verbringen. Mehr als zwei Übernachtungen muss man andererseits nicht einplanen, denn außerhalb der Altstadt scheint Brügge ein gewöhnlicher 120.000 Einwohner-Ort, der für viele Menschen international erst durch Martin McDonaghs sehenswerten Film “In Bruges” (auf deutsch: “Brügge sehen… und sterben?”) große Bekanntheit erlangte. Ich selbst machte mich aus Zeitgründen leider schon am nächsten Mittag auf die Weiterfahrt, natürlich nicht ohne Schokolade als Mitbringsel. Nach längerem Überlegen hatte ich mich allerdings für die falsche entschieden, wie mir gut eine Woche später leider mitgeteilt wurde.

Mein nächster Stop hieß Calais, eine Hafenstadt, die man eigentlich nicht sehen muss. Eigentlich. Mein blöder Steigerungsgag “Doof, Dover, Calais” ist fraglos übertrieben, aber wäre dieser Ort nicht ein Synonym für die europäische Hilflosigkeit in der Flüchtlingsfrage, könnte man ihn beruhigt links liegen lassen, ohne das ich diese Stadt als hässlich oder unsympathisch beschreiben möchte. Das ist Calais nicht, doch abgesehen vom Markt am Samstagmorgen und dem Blick aufs Meer, gefiel mir dort nichts sonderlich. An Calais vorbeifahren konnte ich nicht, wollte ich nicht, durfte ich nicht. Im September 2015 war es für mich keine Option. Ich sah Flüchtlinge, die auf dem Standstreifen der Autobahn Richtung des Eurotunnels laufen. Menschen, die in der Stadt vor Kirchen und in Zelten leben oder im Dschungel hausen. Männer, Frauen und Kinder auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben.

Einige Zeit hatte es gedauert, ehe ich schließlich ein günstiges Hotel in zentraler Lage fand. Die meisten waren tatsächlich ausgebucht. Die Milf an der sauberen und aufgeräumten Rezeption zeigte sich äußerst freundlich und empfahl mir einen kostenlosen Parkplatz, der sich nur etwa 100 Meter entfernt befand. Beim Check-in sah ich neugierig auf den Bildschirm des PCs der Dame. Sie gab meine Daten ein und löschte dabei den Geburtsort des letzten Gastes, der in das Hotel gekommen war. Ein Mann aus Syrien, wie ich wenig überraschend feststellte. Ich ging auf mein Zimmer, welches guten 2-Sterne-Standard vorwies und dachte an all die Menschen, die in dieser Freitagnacht in Zelten, unter Planen, vor Kirchen oder unter anderen widrigen Umständen in Calais übernachten würden. Ich fühlte mich mies. Diese Menschen träumten von Großbritannien. Für viele wird sich dieser vielleicht nie erfüllen, während ich bequem in meinem Mietwagen nach London, Birmingham oder Liverpool hätte fahren können. Ich wollte es jedoch gar nicht.

Ich sah die müden Afrikaner vor meinem geistigen Auge. Die verzweifelten Gesichter, die ich am Nachmittag an einem deutschen Discounter in unmittelbarer Nähe des Tunnels beobachtet hatte. Wäre mir irgendeine realistische Möglichkeit in den Sinn gekommen, sie nach England zu bringen, hätte ich nicht gezögert. Ich dachte an die Familie mit den beiden kleinen niedlichen Kindern, die am Rande des Dschungels verlassen auf einem Hügel saß. Der Vater tippte etwas in sein Handy, Mutter und Kinder starrten ins Leere. Gestrandet in einem der schönsten Länder Europas, so nahe an ihrem großen Ziel und dennoch verzweifelnd weit davon entfernt. Ich hoffe noch immer, dass sie es eines Tages schaffen werden. Vielleicht wären sie dort schon schnell zufriedener, als ich in Düsseldorf.

Immer wieder traf ich bei einem Spaziergang auf junge Afrikaner, die scheinbar ziellos durch die Straßen zogen. Oft trugen sie Kapuzenpullover, alte Hosen, abgenutzte Schuhe und blickten auf den Boden. Nicht selten bemerkte ich sie schon von weitem aufgrund ihrer gesenkten Häupter, als wollten sie damit etwas ausdrücken. Ich hätte gerne ihre Geschichten gehört. Ich hätte gerne gewusst, von wo sie kamen, wie lange sie bis Calais gebraucht hatten und wie sie sich im Alltag mit ihrer Situation zu arrangieren versuchten.  Ich wusste lediglich, wohin sie wollten. Mehr würde ich nie erfahren.

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Wieder fühlte ich mich mies. Auf meinen Schultern spürte ich eine Last, die ich nicht abschütteln konnte. Es war keine Last der Schuld, sondern eine der Hilflosigkeit, so irrational das manchen auch vorkommen mag. Sie war einfach da. Etwas widerwillig suchte ich mir ein Restaurant und setzte mich draußen an einen freien Tisch. Essen musste ich schließlich trotzdem. Eine riesige Schüssel mit frischen Muscheln und selbstgemachten Pommes Frites als Beilage für nur elf Euro, stand wenig später vor mir. Genießen konnte ich das Essen nicht. Warum hatte ich meine Reise an diesen Ort nicht besser geplant, warum keine Kontakte geknüpft, warum nicht ein paar Spenden gesammelt, um dann Dinge Menschen zu geben, die sie wirklich benötigten? Ich kannte die beiden Gründe, doch in diesem Moment haderte ich mit ihnen. Die paar Utensilien in meinem Kofferraum waren lachhaft. Vielleicht muss ich zurückkommen. Und dann? Der verdammte Tropfen auf den beschissenen heißen Stein.

Als ich in meinen Gedanken versunken langsam die nur noch lauwarmen Muscheln aß, setzten sich zwei Männer an den Tisch gegenüber. Vielleicht Syrer, ich wusste es nicht. Der größere der beiden mit den schwarzen Haaren, dem Dreitagebart und der unauffälligen Kleidung, bestellte zwei Espresso und zwei Wasser. Sein kleiner, dicker und zunächst sehr schweigsame Freund mit dem Metallica Kapuzenpulli, schaute gelangweilt auf den Tisch. Sie schnappten sich einen Aschenbecher, rauchten und unterhielten sich dann leise, während ich mich mich wieder meinen inzwischen fast kalten Muscheln widmete. Ein paar Minuten später kam der Kellner zurück, brachte die bestellten Getränke und wollte sogleich abkassieren. Ich stutzte und beobachtete die Situation skeptisch. Niemand hatte von mir verlangt, direkt zu zahlen.

Der kleine Dicke zeigte sich unbeeindruckt, der andere runzelte die Stirn, starrte den Kellner an und fragte leicht verärgert nach, wobei ich den genauen Wortlaut ihres kurzen Gesprächs nicht verstehen konnte. Sie unterhielten sich auf Englisch, doch der Geräuschpegel von den anderen Tischen war inzwischen zu laut. Keinen schien die Situation sonst zu interessieren. Der Mann kramte einen Schein aus seinem Portemonnaie und zahlte kopfschüttelnd. Das Wechselgeld lehnte er ab. Ich musste lächeln. Die meisten Menschen hätten wahrscheinlich anders gehandelt. Der Kellner bedankte sich, steckte das Trinkgeld ein und ging mit leicht gesenktem Kopf zurück ins Restaurant. Sah ich gerade jemanden, der sich auch hilflos und womöglich mies fühlte?

Das Schauspiel wiederholte sich ein paar Minuten später. Die beiden Männer bestellten nach, mussten nach dem Erhalt ihre Getränke zahlen und der Große verzichtete wieder nicht auf das Trinkgeld. Mitunter gibt es Szenen, Situationen und Tage, an die man sich noch Jahre später aus unerklärlichen Gründen erinnert. Diesen Abend würde ich nie wieder vergessen, wusste ich spätestens in diesem Moment und das hatte mit meinem Essen und dem Bier rein gar nichts zu tun.

Mindestens zehn Minuten, nachdem ich aufgegessen und mein Bier geleert hatte, war immer noch niemand an meinen Tisch gekommen. Ab und zu ließ sich draußen ein Kellner blicken, ohne mir Beachtung zu schenken. Oh, welche Ironie. Ein paar Gäste bekamen neue Getränke, Tische wurden zusammengestellt, aber ich schien für niemanden zu existieren. Schließlich ging ich ins Restaurant, um an der Theke zu zahlen. Im Anschluss fragte ich nach. Ich wollte und konnte nicht einfach so weggehen. Ich wollte hören, warum die beiden direkt zahlen mussten. Der Kellner versicherte mir, es läge an der Uhrzeit. Nach 22 Uhr müsse jeder nach Erhalt der Bestellung auf Anweisung seines Chefs zahlen, sagte er. “Vraiment, c’est la raison?” (“Wirklich, ist das der Grund?”) fragte ich ungläubig nach, aber er blieb bei seiner Beteuerung. Ich glaubte ihm kein Wort.

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Für meine Verhältnisse ging ich gegen 23.30 Uhr sehr früh zu Bett. Die Bars und Clubs in der Nähe hatten mich nicht wirklich überzeugen können. Weder das “L´importe koi” oder das “Amnesia”, wobei mir die Namen sehr gefielen. Ich zog die Ruhe meines Hotelzimmers vor und schlief erstaunlich schnell ein. Am Vormittag ging ich über den Wochenmarkt. Brot, Gebäck, Gemüse, Fisch und Fleisch wurden neben ein paar Ständen mit überflüssiger Billig-Kleidung angeboten. Alles andere sah sehr verlockend und lecker aus. Auch in Deutschland gehe ich gerne auf Märkte, aber dort habe ich selten das Gefühl, dass ich fast überall etwas kaufen sollte Es duftete fantastisch aus allen Richtungen. Ich begnügte mich mit einem leckeren Schoko-Croissant für faire 80 Cent. Auf einer Parkbank fiel mir währenddessen ein junger Mann auf. Er blickte apathisch auf das Treiben.

Nachdem ich zum zweiten Mal über den Markt geschlendert war, sah ich den Mann wieder. Mir kam es vor, als hätte er sich kein bisschen gerührt. Er hatte die Kapuze weit zusammengeschnürt, trug eine abgenutzte schwarze Hose, keine Socken und Schuhe, die kaum noch als solche zu identifizieren waren. Ich blickte in seine traurigen, tiefblauen Augen und fragte ihn spontan auf Englisch, ob er ein Wasser wolle. Er schaute irritiert, während ich eine kleine Flasche aus meinen Rucksack holte. “Das ist Deutschland Wasser”, sagte er und nahm sie entgegen. Ich war ein wenig überrascht und lächelte. “Ja, da komme ich her”. Er bedankte sich und mir fiel nichts Sinnvolles ein, was ich noch hätte sagen können.

Schon wieder das miese Gefühl, diese Hilflosigkeit. Dieser Gedanke, etwas ändern zu wollen, ohne einen Ansatz, ohne eine Idee zu haben. Nachdenklich verließ ich Calais wenig später, steuerte meinen kleinen blauen Wagen auf die A16 Richtung Süden und lauschte “On ira” von Zaz.

  Oh qu’elle est belle notre chance
Aux milles couleurs de l’être humain
Mélangées de nos différences
A la croisée des destins

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