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Vielen Dank NRW!

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NRW hat gewählt und wie. Wahnsinn! Wer hätte das gedacht? Wer hätte gedacht, dass Menschen sich weiter steigende Mieten wünschen, mehr Kinderarmut, eine noch inhumanere Flüchtlingspolitik und einen Überwachungsstaat oder wahlweise Studiengebühren. Wirklich beeindruckend. 

 

Liebe Hannelore,
das hast Du wirklich großartig hinbekommen. Sich ständig an der Linken abzuarbeiten und eine ganze Partei als regierungsunfähig darzustellen, während Du einen unfähigen Innenminister wie Ralf Jäger unbedingt im Amt behalten wolltest: Lächerlich und peinlich. Man kann noch so sehr von sozialer Gerechtigkeit schwafeln. Wenn man am Ende nur einen Bruchteil davon umsetzt, der nötig wäre, um eben diese herzustellen, merken es die meisten Menschen irgendwann. Am Ende wolltest Du Dich als Ministerpräsidentin in eine große Koalition retten und hast Dich gehörig verzockt. Hochverdient. Wäre da nur dieser Nachfolger nicht…

 

Lieber Armin,
jetzt bist Du der strahlende Wahlsieger, ist das nicht schön?! Lustig nebenbei auch, denn wir wissen ja beide, dass Dich eigentlich keiner wollte. Das zeigen viele Zahlen, wie auch das absurd hohe FDP Ergebnis eindeutig. Naja, ich bin sicher, dass Du NRW weit nach vorne bringst. Natürlich glaube ich auch daran, dass  Düsseldorf eine Vorzeige-Fahrradstadt wird und die Fortuna 2020 in der Champions League spielt. Amüsant war es im Wahlkampf, wie Du keine Chance ausgelassen hast, die Linke als undemokratische Partei darzustellen. Es sind nicht die Wähler der Linken, die am Samstagabend mit besabbertem Hemd betrunken um 22.30 Uhr in der Dorfkneipe vom Hocker rutschen, nachdem sie wieder einmal von „Unter Hitler war ja nicht alles schlecht“ gefaselt haben und nach Hause torkeln, wo sie über ihre Alte drüber wollen, die sich auch schon seit Jahren keine Mühe mehr gibt ihren Damenbart wenigstens etwas zu trimmen. Nein, das sind Deine Wähler und die einiger anderer Parteien, die weit rechts zu verorten sind.

 

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Liebe Sylvia,
ach Sylvia, wo soll ich nur beginnen? Vielleicht auf Bundesebene, wo Ihr mit Hans-Christian Ströbele im Herbst den letzten zutiefst ehrbaren und sympathischen Abgeordneten an den Ruhestand verliert? Damit seid Ihr dann kein bisschen wählbarer mehr als CDU/CSU, SPD oder FDP. Mögen die Kretschmann/Özdemir Grünen im September das bekommen, was sie verdienen. 4,99 % nach langem Zittern bis 3 Uhr morgens bei trockenen Dinkel-Crackern mit veganem Kräuterquark.

 

Lieber Christian,
brillant, wie Du es hinbekommen hast, mit Deinem eloquenten Auftritten hunderttausende Wählerinnen und Wähler zu blenden. Wir wissen beide, dass es nur Sinn macht die FDP zu wählen, wenn man zu viel Geld hat und noch mehr möchte. Was ist mit dem liberalen Charakter Deiner Partei? Den habt Ihr doch schon so oft mit den Überwachungsfetischisten der CDU verraten und am Ende werdet Ihr es wieder tun. Bis das jeder gemerkt hat, der Dich gewählt hat, sitzt Du schon in der Business Class der Lufthansa auf dem Weg nach Berlin. Toll.

 

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Zuletzt fehlt noch Özlem Demirel. Ich bin kein ganz großer Fan und weiß, dass die Linke mit einer Janine Wissler aus Hessen locker 6 oder 7% geholt hätte, aber Demirel hat mich gestern Abend extrem beeindruckt. Da nannte sie Armin Laschet, von dem sie immer nur verbal auf die Fresse bekam, einen ehrlichen Mann. Anschließend bekam sie gleich wieder von Frau Kraft eine mit. Von so viel Klasse wie Frau Demirel in diesem kurzen Moment gezeigt hat, können Laschet und Kraft nur träumen.

 

Eigentlich sollte die Überschrift übrigens „Fick Dich, NRW“ lauten, doch das  war mir zu plakativ. Passend genug aber um damit zu schließen und ganz besonders als Nachricht an die 7,4% der Wählerinnen und Wähler, die auch noch den letzten Rest Anstand, den ich nicht pauschal allen anderen absprechen möchte, vermissen ließen.  Über diese ekelhafte Partei verliere ich kein weiteres Wort, da sie sowieso schon viel zu viel Aufmerksamkeit bekommt.

 

Also nochmal vielen Dank, NRW! Vielen Dank für Nichts!
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Sechs Wochen Winter

Die Temperaturen steigen wieder, aber es ist sehr kalt in Deutschland. Doch nicht nur hier. Auch in anderen Teilen Europas und vor allem in diesem faszinierenden wie verstörenden Land südlich von Kanada.

Alles geht in meinem Kopf durcheinander, wenn ich die Zeit seit dem 20. Januar 2017 chronologisch Revue passieren lassen möchte. Es war zu viel, zu wahnsinnig. Spontan schießen mir die Gags über alternative Fakten in den sozialen Medien in den Sinn. Ein paar gute waren dabei. Ein großes Lob geht an die Deutsche Bahn, die sich per Twitter darüber freute, dass 120% ihrer Züge am entsprechenden Tag pünktlich waren. Selbstironie ist eine stets sehr sympathische Eigenschaft.

Alternative Fakten? Das ist nicht weniger als abgefakt. Besonders, wenn diese von Gestalten wie Kellyanne Conway mit ihren abgekauten Fingernägeln und den furchtbar schlecht gefärbten Haaren oder Sean Spicer, der schon aussieht, als sei er das Produkt von drei Generationen Inzest, präsentiert werden. Man weiß in diesen Momenten nicht mehr, ob man lachen oder sich fürchten soll. Ich schmunzele mit Gänsehaut.

Auch das Privatfernsehen sorgte in jenen Tagen für wenig Abwechslung. Thomas Häßler machte beispielsweise bei RTL aus mir unbekannten Gründen eine Reis-Bohnen-Zigarettenkur in Australien, umgeben von pittoresker Natur und künstlichen Titten. Sieht man jedenfalls von denen des als Mallorca-Jens bekannten professionellen Schrottsängers, Märchen-Erzählers und Kinderproduzenten aus Sachsen ab. Skurril.

„Du kannst! So wolle nur!“ heißt es in Goethes Faust. Ein Zitat, welches mir beinahe täglich in den Sinn kam, wenn von ihm zu lesen war. Ja, ich bin angekommen beim Orangenen. Bei jenem inkompetenten Mann, der leider doch nicht nur ein Clown ist, welcher mit leeren Drohungen um sich wirft, wie viele dachten. Nein, Donald Trump ist die Mutter aller Horrorclowns. „Du willst? So könne nur!“ möchte man ihm mehrmals täglich twittern. Leider wird wohl Lena Meyer-Landrut eher fettleibig, als Donald Trump ein Mann, den man mit wahrem Können ruhigen Gewissens in Verbindung bringt. Das Gute an ihm wäre, dass er kein Ideologe sei, versuchten manche Menschen dessen Wahl zu verharmlosen. Das ist falsch. Donald Trumps Ideologie ist nur eine völlig andere als die gewohnten. Donald Trumps Ideologie ist Donald Trump. Seine narzisstische Persönlichkeitsstörung, die er immer wieder eindrucksvoll unter Beweis stellt, indem er auf peinliche und absurde Art und Weise zu verkaufen versucht, wie großartig er ist, lässt ihm aber wohl auch nur wenig Wahl.

Trumps Pleiten und Niederlagen werden weggewischt, denn sie darf es nicht geben, weil Niederlagen und selbst zweite Plätze nicht vorgesehen sind. Niemand kann bei der Amtseinführung wirklich mehr Zuschauer gehabt haben. Menschen, die gegen ihn demonstrieren, müssen böse sein. Kein Richter kann und darf seine grandiosen Ideen stoppen. Es gibt kein grau, nur das schwarz-weiß eines Egomanen, der oft hilflos wie ein Kind wirkt. Diese Hilflosigkeit, die er mit Aktionismus und derben Sprüchen zu verstecken versucht, lässt mich fast mitleidig zusammenzucken. Beschwörungen, Beschimpfungen und haltlose Versprechen, die nie umgesetzt werden (Stichwort „Sieg über den IS in 30 Tagen“) wechseln sich ständig ab. Muss man denn konkretes Mitleid haben? Ähh, nein. Am Ende ist Donald Trump so sympathisch wie die Vorstellung eines Abendspaziergangs mit Bernd Höcke durch eine mit Fackeln ausgeleuchtete Eichenallee. Aus Lautsprechern ertönt dabei Andreas Gabalier mit der dritten Strophes des Deutschlandliedes in Dauerschleife.

In der Zwischenzeit hat sich aber auch in Deutschland einiges getan. Der Messias ist erschienen und das so viele Jahre nach meinem Kirchenaustritt. Ärgerlich. Was wissen wir über ihn, über diesen Martin Schulz? Er kommt aus NRW, war mal Buchhändler, EU-Parlamentspräsident und sogar Bürgermeister von Würselen! Der wuselige Würselener mit dem Wurstgesicht. Inka Bause hätte bestimmt eine tolle Bäuerin für ihn gefunden.

Martin Schulz ist nicht Gott, wie man während des Anfangshypes vermuten musste. Er kann Wasser nicht in Wein verwandeln. Er sollte nicht einmal mehr Wein in Urin verwandeln. Ein Martin Schulz muss aber keine Angst haben, wieder am Alkohol zu hängen. Der Alkohol sollte jedoch Angst haben, an Martin Schulz zu hängen, meinen manche, die Chuck Norris im Vergleich für ein Weichei halten. Eigentlich hat Schulz jedoch nur diesen einen eindrucksvollen Trumpf: Er ist nicht Sigmar Gabriel. Das allein dürfte die Raute aber schon ordentlich zum Zittern bringen.

Vor vier Jahren war für viele noch die FDP das größte akute, politische Problem im Bundestag. Im Oktober würde ich, anstatt nur 10 Sekunden im Fahrstuhl mit einigen der neuen Gestalten, die dann im deutschen Parlament vor sich hin zetern und wehklagen werden, lieber ein romantisches Wochenende in einem Zweimannzelt mit Christian Lindner auf einer Mülldeponie in der Nähe von Eisenhüttenstadt verbringen. Sie wissen schon. Jene Gestalten, die sich über die Lügenpresse beschweren, dann von der Lügenpresse zu ihrem Paradethema in zahlreiche Talkshows eingeladen werden und sich anschließend wieder über die Lügenpresse ereifern.

Die Demokratie wird allenthalben mit Füßen getreten und die Presse mit einer Verächtlichkeit und nicht selten mit derart blindem Hass überzogen, dass man nur erschaudern kann. Schwarz ist weiß und weiß ist schwarz, immer wieder. Fakten werden verhöhnt und eine neue absurde Realität etabliert. Jede Person, die sich für Humanität, Solidarität und Gerechtigkeit einsetzt, ist plötzlich nur noch ein linksversiffter Gutmensch, der das Vaterland verrät oder im Zweifelsfall auch gerne mal ein Sympathisant des IS ist, so wie es Trump-Unterstützer mit Inbrunst vielen Demokraten vorwerfen. Sehr kreative Ideen haben diese Gestalten allenthalben übrigens eher selten. Das sieht grundsätzlich in Deutschland beispielsweise eher so aus:

Dieser Idiotie sinnvoll und effektiv entgegenzutreten, ist eine neue, unerwartete Aufgabe, an der momentan Intellektuelle, Medien wie Politiker aller (anderen) Parteien konstant scheitern. Eine mögliche Lösung ist so schmerzvoll, wie simpel. Die Aufgabe heißt Einigkeit zwischen allen demokratischen Kräften, mögen sie noch so unterschiedlich sein. Vielleicht ein unmögliches Unterfangen, wenn die CSU der AfD in Teilen näher ist als den Linken in der SPD, den Grünen und der Linkspartei sowieso. Ach, was würde heute Frank Schirrmacher wohl denken, sagen und schreiben?

Es ist die Zeit, in der sich gemäßigte Konservative genau überlegen sollten, welchen Weg sie beschreiten wollen. Möchten sie den Wahnsinn, der aus ihnen oder um sie herum entsprießt, weiter durch halbherzige Einwände den Weg bereiten oder besinnen sie sich auf den Anstand, der in ihnen schlummert und den sie mit ihrem angeblich oft so tiefen christlichen Glauben für sich reklamieren?

Sehr traurig an all dieser Scheiße ist es, dass wir eigentlich viel weiter sein könnten und sollten. Es schmerzt so sehr. Wir kaufen unseren To-Go-Kaffee, unsere Möbel oder Kleidung und so vieles mehr bei ekelhaften Ausbeutern und widerwärtigen Schmarotzern, die lächelnd dabei zusehen, wie „besorgte Bürger“ nach unten treten, weil ihre Kleingeistigkeit sich auf das einfachste Ziel konzentriert. Eigentlich sollten wir endlich die gigantischen Gewinne dieser Unternehmen angemessen besteuern, über das BGE diskutieren und über Wege, wie wir damit umgehen, dass in den nächsten Jahrzehnten viele Millionen Arbeitsplätze wegfallen werden. Eigentlich sollten wir darüber sprechen, dass der ÖPNV endlich ticketlos gestaltet werden muss und Kraftfahrzeuge mit Verbrennungsmotoren aus unseren Innenstädten möglichst schnell verbannt gehören. Das würde die allgemeine Gesundheit und Lebensqualität mit einfachsten Mitteln immens verbessern, aber solche Vorschläge hört man selbst von den Grünen nur noch selten. Eigentlich sollte das Ende des Kapitalismus und einer Zeit, in der Menschen nach ihrer ökonomischen Leistungsfähigkeit Wertschätzung erleben, ein großes Thema sein. Eigentlich, eigentlich, eigentlich.

Mir fielen noch einige Beispiele ein, aber es macht ja keinen Unterschied, da all diese Dinge über eine gewisse Zeit eine höchstens untergeordnete Rolle spielen werden. Ganz einfach, weil es mittlerweile zu viele Menschen gibt, die zurück wollen in die 50er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, anstatt sich darum zu bemühen, dass im Jahr 2050 noch Leben auf diesem Planeten existieren kann.

Es ist Winter. Anfang März eigentlich ganz normal, aber dieser könnte lange anhalten. Die weißen Wanderer, die ihn gerne verlängern würden, müssen keine Mauer erklimmen. Sie sind schon lange unter uns. In den USA haben sie bereits die Macht erlangt.

Die geschenkte Präsidentschaft

Das Unverständnis über die Wahl Donald Trumps scheint vielerorts beinahe greifbar. Ich habe dieses Wahlergebnis auch nicht vorausgesehen, aber es überrascht mich wesentlich weniger als viele andere. Dafür gibt es zwei Hauptgründe.

Donald Trump, October 2016 by Gage Skidmore (Quelle: https://www.flickr.com/photos/gageskidmore/29496578964/in/photostream/)

Der erste Grund ist das besondere amerikanische Wahlsystem, welches zwar alle vier Jahre für Kopfschütteln sorgt, aber in Anbetracht der Größe der Vereinigten Staaten nicht so absurd ist, wie es gerne dargestellt wird, sobald einem das Endergebnis nicht gefallt. Selbst wenn man nach diesem System bevölkerungsreiche Staaten wie New York, Illinois oder vor allem Kalifornien mit großem Vorsprung gewinnt, ist es zu wenig, sofern man gleichzeitig zahlreiche wichtige „Swing States“ wie Florida, Michigan, Pennsylvania, Ohio und Wisconsin allesamt verliert. Genau das ist in der vergangenen Nacht geschehen. In der Summe sicherlich nicht erwartbar, aber gleichzeitig nie ein unrealistisches Szenario. Nicht erst seit dem Brexit sollte allen außerdem klar sein, dass die Zuverlässigkeit von Demoskopie nicht gegeben ist, sofern die Margen zu gering sind.

Der zweite Grund ist Hillary Clinton und die Spitze der demokratischen Partei. Sie haben Donald Trump zum Präsidenten gemacht. Sie sind für dieses historische Debakel verantwortlich. Da hilft keine Heulerei über das Wahlrecht oder über dumme, alte, weiße Männer. Der Triumph Trumps wäre vermeidbar gewesen, wahrscheinlich sogar mit Leichtigkeit. Man hätte nur irgendwann verstehen müssen, dass die Abneigung und Ressentiments gegen Clinton eine extrem große Bürde sein würden. Man wollte es nicht einsehen und große Teile der liberalen Medien spielten mit.

Es wurde sich lustig gemacht über den manchmal etwas zerfahrenen, zauseligen Bernie Sanders mit seinen zu linken Ideen. Man setzte lieber auf das Altbewährte, auf das „Weiter so“ und verhinderte die Kandidatur, die sich Sanders mehr als verdient gehabt hätte. Bedenkt man, dass die demokratische Parteiführung die Vorwahlen nachweislich zugunsten von Clinton beeinflusst hat und Sanders dennoch über 20 Staaten gewann, kann ich etwas Schadenfreude nicht verbergen. Natürlich muss ich dazu alle Gedanken an Trump für einen Moment ausblenden.

Wäre das simple Ziel von Clinton und der Spitze der demokratischen Partei der Sieg und die Verhinderung von Trump gewesen, sie hätten irgendwann Sanders den Weg frei machen müssen. Die Machtbesessenheit von Clinton und zu viel fehlgeleitete Loyalität ihrer Kandidatur gegenüber, haben zum aktuellen Ergebnis geführt. Über Monate zeigten viele Umfragen, Analysen und Experten immer wieder auf, dass Sanders die besseren Chancen gegen Trump gehabt und die Wahl voraussichtlich souverän gewonnen hätte.

Selbstverständlich wären Erfolge in Staaten wie Texas, West Virginia oder Wyoming auch für ihn Utopie gewesen, aber das hätte keine Rolle gespielt. Schaut man sich das Wahlergebnis im Detail an, muss man fest davon ausgehen, dass Sanders alle Staaten, die Clinton gewonnen hat, auch für sich entschieden hätte. Dazu wären mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wenigstens drei der genannten Swing States gekommen. Zum Sieg völlig ausreichend.

Sanders hätte Kompromisse schließen und sich von einigen seiner Ziele schnell verabschieden müssen, wie es Obama und viele andere vor ihm auch taten. Dennoch wäre es unter ihm wesentlich realistischer gewesen, eine etwas sozialere, gerechtere, friedlichere Gesellschaft zu kreieren und die weitere Spaltung des Landes zu verhindern. Unter Clinton völlig unmöglich und unter Trump extrem unwahrscheinlich, selbst wenn dieser nun wöchentlich mehr Kreide frisst als Bugs Bunny Karotten.

Bernie Sanders wäre nicht der Präsident der christlichen Fundamentalisten geworden. Die religiös Verblendeten, die ungeborene Menschen gerne mit Gewalt schützen wollen, während sie Schwule, Lesben, Sozialisten oder Einwanderer aufs Tiefste verachten und mit solch blindem Hass begegnen, wie man ihn vom IS kennt oder jene, die schon vorwurfsvoll „Sozialismus“ brüllen, wenn ein Arzt einem am Knie blutenden Kind kostenlos ein Pflaster reicht? Nein, die hätte der gebürtige New Yorker auch nicht erreicht. Sehr wohl aber die gemäßigten Wähler, die das sogenannte politische „Establishment“ abstrafen wollten und sich mit Händen und Füßen gegen eine Frau wehrten, die seit Jahrzehnten in der US Politik auf höchster Ebene mitbestimmt. Wie die Ablehnung und der oft sogar spürbare Hass Clinton gegenüber derart auswuchern konnte, dass diese Menschen für einen rassistischen, sexistischen Milliardär, der in den letzten zwölf Monaten mit Lüge um Lüge und Beleidigung um Beleidigung aufwartete, stimmen konnten? Ja, das darf jede Beobachterin und jeden Beobachter trotzdem sprachlos zurücklassen.

Ich mag Hillary Clinton absolut nicht und ich bin froh, dass sie nicht Präsidentin wird. Isoliert betrachtet. Die Machtgeilheit und dieses Fake-Lächeln ekeln mich an. So authentisch, herzlich und versöhnlich eine Michelle Obama wirkt, so durchchoreografiert, berechnend und beinahe computergesteuert kommt einem Hillary Clinton vor. Vom „Ja“ zum Irakkrieg, dem Benghazi Debakel, ihrer Wallstreet Nähe bishin zur E-Mail Affäre, gibt es unzählige Ereignisse und Fakten, die gegen sie sprechen. Man kann ihr Scheitern aber nicht isoliert betrachten. Die Menschen haben sich für die deutlich schlechtere von zwei entsetzlich miserablen Alternativen entscheiden. Viele Konsequenzen sind nicht absehbar, einige schon:

Um auf Trump einzugehen, auf die kontinuierliche Marginalisierung von Fakten und die Relativierung von Beleidigungen wie Lügen in ungekanntem Ausmaß, ist heute für mich nicht der richtige Zeitpunkt. In spannenden und beängstigenden Zeiten kann man sich als nächstes immerhin auf die kommende Sendung des fantastischen John Oliver freuen. Nebenbei freue ich mich aktuell aber auch über etwas Anderes: Keine Kinder zu haben.

Filmtipp: Toni Erdmann

Es kommt äußerst selten vor, dass ein deutscher Film in Cannes nur knapp an der goldenen Palme vorbeischrammt und aus vielen europäischen Ländern wie sogar aus Nordamerika begeisterte Anfragen erhält. Genau dies ist bei Maren Ades „Toni Erdmann“, der seit Donnerstag in den Kinos zu sehen ist, verdientermaßen geschehen. Ich habe mir ein Bild gemacht und kann die Lobeshymnen verstehen.

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Ines bekommt eine richtig gute Käsereibe geschenkt

Die eigentliche Geschichte dieses Films ist schnell erzählt: Der pensionierte, allein lebende Musiklehrer Winfried Conradi möchte nach dem Tod seines Hundes wieder einen engeren Kontakt zu seiner Tochter Ines aufbauen. Diese lebt und arbeitet als erfolgreiche Unternehmensberaterin in Bukarest und ist gerade damit beschäftigt, ein Konzept zur Vernichtung von Arbeitsplätzen zu erstellen. Mit seinen konventionellen Versuchen scheitert Winfried, der es fortan in der Rolle des Toni Erdmann versucht. Mit falschen Zähnen und billiger Perücke ausgestattet, bringt er sich und seine Tochter als angeblicher deutscher Botschafter, Coach oder Consulting-Berater, in amüsante und peinliche Situationen.

Was in billigem Klamauk hätte enden können, macht die Regisseurin Maren Ade zu einem großen Film, was wiederum wohl nur den wenigsten gelungen wäre. Mit „Alle anderen“ deutete sie schon 2009 ihr Talent an, wobei das Beziehungsdrama mit Birgit Minichmayr und Lars Eidinger weder die Tiefe, noch den Humor von Toni Erdmann hat und mich beim Zusehen teilweise etwas anstrengte. Toni Erdmann strengt nicht an und langweiligt auch keine Sekunde, selbst wenn er mit 163 Minuten nicht gerade kurz geraten ist. Mit der Auswahl ihrer Schauspieler lag Ade goldrichtig. Der Österreicher Peter Simonischek spielt Toni Erdmann auf eine sehr überzeugende, nicht zu aufdringliche Art, während Sandra Hüller als Ines Conradi brilliert. Ob als genervte Tochter oder kalte Geschäftsfrau, man nimmt ihr alles ab. Sie wird für diese Rolle noch jede Menge Preise bekommen und ich gönne ihr jeden einzelnen.

Eine interessante Frage von Toni Erdmann ist die danach, wer eigentlich unglücklicher ist: Der Vater, der in die Rolle eines fiktiven Charakters schlüpfen muss, um seiner Tochter näherzukommen  oder die Tochter selbst, welche abseits ihres Berufes weder ein wirkliches Leben führt, noch eine echte Identität zu haben scheint? Wahrscheinlich nehmen sich beide nichts. Beim Vater liegt alles nach ein paar Filmminuten auf der Hand, bei der Tochter muss man allenfalls kurz hinter die Fassade schauen. Wobei das allerdings nur nötig ist, wenn man die Möglichkeit in Betracht zieht, dass ein Mensch zufrieden damit sein kann, in einem deutlich ärmeren Land für Entlassung von vielen Menschen mitverantwortlich zu sein und dafür auch noch sehr gut bezahlt zu werden.

Im Vorfeld las ich einiges über diesen Film und kann nicht glauben, dass er tatsächlich einmal als Drama und mehrmals als Komödie bezeichnet wurde. Toni Erdmann ist eine Tragikomödie, von deren Qualität man in diesem Jahr wohl kaum eine zweite in den Kinos finden wird. Eine weitere große Stärke von Ades drittem Spielfilm neben den Schauspielern und vieler Ideen ist seine Unvorhersehbarkeit. Der Zuschauer wird immer wieder überrascht und kann sich nie sicher sein, was die nächsten Minuten bringen werden. Ein Höhepunkt stellt da die unerwartete Gesangseinlage von „Whitney Schnuck“ dar. Für diese gab es in Cannes sogar Szenenapplaus. Gibt es auch Kritikpunkte? Am Film selbst nicht, aber der Trailer hätte mich von einem Kinobesuch kaum nicht überzeugt, eher im Gegenteil. Davon sollte sich aber wirklich niemand beeindrucken lassen.

Brexit – Crapxit

Man kann die EU aus vielen Gründen berechtigterweise kritisieren. Eine fehlkonstruierte Währung, zu wenige Bemühungen um soziale Gerechtigkeit und ganz sicher auch zu viel Bürokratie, aber der Ausstieg Großbritanniens ist trotzdem eine abermals bedauerliche Entwicklung. 

Man muss das Referendum nicht als völlige Katastrophe ansehen, aber Europa ist 2016 in einem viel schlechteren Zustand als viele es vor wenigen Jahren wohl allgemein für möglich gehalten hätten. Arbeitslosigkeit und große soziale Probleme in den meisten Ländern dieses Kontinents, die wachsende Angst vor Terroranschlägen, ein Krieg vor unserer Haustür und nationalistische Bewegungen, wohin man schaut. Da passt der Brexit prima ins Bild.

Wie dieser zustande gekommen ist, lässt mich allerdings mit den Kopf schütteln. Offensichtlich haben nicht nur Labour und die etwa 2/3 der Tories, die für den Verbleib Großbritanniens in der EU waren, keine gute Arbeit gemacht, sehr wahrscheinlich waren sich viele Menschen nach den Prognosen der Buchmacher zu sicher, dass ihre Stimme nicht unbedingt benötigt werden würde.

Ein weiterer Punkt ist gestern oft thematisiert worden und dieser geht mir nicht aus dem Kopf. Die jungen Menschen haben sich ganz klar für einen Verbleib in der EU ausgesprochen, Personen bis 49 Jahre immer noch mit einer spürbaren Mehrheit und erst im Anschluss kippte das Ergebnis. Die Menschen von 65+ Jahren waren dann insgesamt deutlich für den Brexit. Ein 71-jähriger Rentner, auf dessen Leben der Ausstieg kaum oder gar keinen Einfluss haben wird, verkompliziert also jenes einer 17-jährigen Schülerin, die nicht stimmberechtigt tatenlos zusehen musste. Eine Schande.

Während ich mich darüber aufregte, sah ich einen passenden Tweet von Extra 3: „Vor allem Alte haben für gestimmt. Hätten die nicht die paar Jahre warten können, bis sie auf natürliche Weise aus der EU austreten?“ Natürlich kamen die vorhersehbaren dämlichen Kommentare von Menschen, die Sarkasmus und Satire nicht verstehen (das ist leider oft ein großes Problem in Deutschland). Vielleicht kamen einige dieser Kommentare aber auch, weil die Verfasser selbst im Hinterkopf haben, was für ein Unding es ist.

Nein, man kann natürlich kein Wahlhöchstalter einführen, selbst wenn das manchmal äußerst wünschenswert wäre. Es geht aber auch nicht, dass man junge Menschen von einer Entscheidung ausschließt, die eben diese am meisten betrifft. Hätten alle Britinnen und Briten ab 14 Jahren am Referendum teilnehmen können, wäre das „Remain“ Lager wahrscheinlich hauchdünn siegreich vor dem „Leave“ Camp gewesen. Traurig? Mit Sicherheit. Vielleicht sogar tragisch, wenn dadurch eben diesen jungen Leuten vielleicht in ein paar Jahren tatsächlich die Chance deutlich erschwert wird, in Deutschland oder Frankreich zu studieren.

Äußerst tragisch ist es ohne Zweifel, dass gestern ein Kasper wie Boris Johnson als Sieger in die Kameras schauen durfte, während ein Rassist wie Nigel Farage sich jubelnd zeigte. Zum Verzweifeln nahezu schon, wenn man dann die grinsenden Fressen von Le Pen, Wilders oder irgendwelchen AfD Clowns sieht. Vielen Dank Großbritannien. Nee, Moment, vielen Dank England und Wales! An Nordirland und Schottland hat es nun wirklich nicht gelegen.

Es stimmte allerdings auch nicht ganz England außer London für den Brexit, wie in den deutschen Medien mehrmals pauschal und schlichtweg falsch berichtet wurde. Ein bisschen mehr Differenzierung muss schon sein. Ein kurzer Blick auf einige andere der zehn größten städtischen Verwaltungsbezirke Englands: In Liverpool, Manchester und Bristol waren insgesamt um die 60% der Stimmberechtigten für den Verbleib in der EU, in Leeds und Leicester sprach man sich hauchdünn ebenfalls dafür aus. In Birmingham, der zweitgrößten Stadt Großbritanniens, lautete das Ergebnis extrem knapp 50.42%:49.58% für den Brexit.

In den Dörfern, Kleinstädten und bei den alten Menschen wurde der Ausstieg beschlossen. In den Großstädten und bei den jungen Menschen wird man die Folgen insgesamt am deutlichsten spüren. Als junger Brite in London oder Liverpool wäre ich mächtig angepisst.

Zwischendurch

Eigentlich wollte ich schon vorletzte Woche über meinen Besuch in Barcelona schreiben, aber zeitlich habe ich es wieder einmal nicht hinbekommen. Auch heute nicht, vielleicht morgen oder am Freitag. Trotzdem wenigstens mal ein paar Worte zwischendurch.

Vorgestern zappte ich nur etwas müde und vom Relegationsspiel gelangweilt durch die Kanäle, da sah ich ausgerechnet bei Circus HalliGalli zufällig einen tollen Beitrag, den ich an dieser Stelle gerne weiterverbreite. Es ist kein neues Phänomen, dass Menschen oft nach unten treten, wenn sie mit ihrer persönlichen Lage nicht zufrieden sind.

So traurig und bemitleidenswert das auch ist, es lässt sich nicht im Handumdrehen ändern. Wie absurd es ist, wenn gegen Schwächere gehetzt wird, aber man schön die Klappe hält, während zig Milliarden Euro unnötig verbrannt werden, sollte eigentlich jedem halbwegs intelligenten Menschen klar sein:

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 4

Als ich die Seine erreicht hatte, dachte ich an das fabelhafte Konzert von Serj Tankian im Le Bataclan zurück. Genau jenes Theater, exakt der Veranstaltungsort für kleinere Konzerte, welcher etwa zwei Monate später weltweit bekannt wurde, aus allen nur denkbar beschissenen, falschen Gründen.

Vor dem Seitenausgang, wo ich mir im August 2010 nach dem Auftritt des tapferen, erkältungsgeplagten Tankian allein und in aller Ruhe ein frisches T-Shirt angezogen und das verschwitzte in meinen Rucksack gestopft hatte, humpelten angeschossene Menschen durch die Gegend. Viele verloren im Innenraum ihr Leben, erschossen von verblendeten, geisteskranken Individuen, für die ein Platz in der Hölle ein viel zu angenehmer Ort wäre. Ich sehe die Bilder vor mir und schüttele traurig mit dem Kopf. Immer wieder. Deshalb habe ich solange gebraucht, um diesen Text zu schreiben.

Surreal, krank und zutiefst verstörend empfand ich die Szenen des November 2015. Ich starrte nach der verheerenden Nachricht mehrmals auf meine vergilbte Konzertkarte und konnte all das, was ich in den Nachrichten sah, nicht wirklich glauben. Für viele war es im Endeffekt bei aller Betroffenheit doch nur ein Nachbarland. Ein Terroranschlag um die Ecke in Köln oder Dortmund hätte mich persönlich jedoch weniger berührt, was selbstverständlich nicht heißt, dass ein solcher nicht genauso schlimm gewesen wäre. Mais Paris? Mon Paris? Pourquoi?

„Die westliche Art des Lebens sei pervers“, lautet seitens islamischer Fundamentalisten oft der Vorwurf. Das stimmt auch, aber dieses perverse Leben mit noch perverseren Maßnahmen bekämpfen zu meinen, ist ein lächerlicher und heuchlerischer Scheiß, auf den nur völlig verblendete Individuen kommen können. Der französische Schriftsteller Michel Houllebecq bezeichnete den Islam einst als „die dümmste Religion“. Mittlerweile würde ich ihm nicht mehr widersprechen. Als ehemaliger Katholik bin ich persönlich aber einfach froh, diesen ganzen bescheuerten Religionsunsinn hinter mir gelassen zu haben. Ich würde mich zwar immer noch eher Agnostiker als Atheist nennen, aber an etwas wie Gott zu glauben, ist für mich grundsätzlich albern. Warum nicht auch an Einhörner glauben, leckeres alkoholfreies Bier oder an Spiderman?

An dem Abend meines Besuchs wirkte Paris friedlich. Viele Menschen feierten, gingen in kleineren und größeren Gruppen in Restaurants, tranken und genossen ein paar schöne Stunden. Nachdem ich die Seine überquert hatte, hielt ich mich in den Straßen um den Place Saint-Michel auf. Plötzlich befand ich mich in einer Ansammlung chinesischer Touristen, die aufmerksam ihrem Guide lauschten. Die Damen und Herren standen so eng beisammen, dass ich nicht gleich entfliehen konnte. Ganz unvermittelt erzählte mir eine kleine Chinesin in ihrer Muttersprache etwas, ohne mich anzusehen. Ich stutzte, sie blickte mich an und erschrak. Offensichtlich hatte sie an meiner Stelle eine Begleiterin oder vielleicht ihren Mann vermutet. Ich tat so, als hätte ich mich ebenfalls erschrocken. Die Dame quittierte meine kleine Schauspielleistung mit einem Lachen, ich nickte ihr freundlich zu und suchte einen Ausweg aus der asiatischen Belagerung.

Ich ging in den Pub „The Great Canadian“. Ich wusste, dass sich dort manchmal ein paar Eishockeyfans meiner Montreal Canadiens trafen und außerdem sollte es Poutine geben, eine Spezialität aus Québec mit Pommes Frites, Bratensauce und Cheddar Käse, von der es zahlreiche Variationen gibt. Mehr oder weniger zufällig trug ich an diesem Abend meine Montreal Canadiens Trainingsjacke, was dazu führte, dass ich etwas Einmaliges erlebte. Noch nie war mir das in Frankreich oder Québec passiert. Ich wurde vom Kellner auf Englisch begrüßt. Ich war perplex und verstehe das bis heute nicht wirklich, aber für bemerkenswert halte ich es ohne Zweifel. Eigentlich hätte ich nachfragen müssen, tat es aber nicht.

Der Kellner kam tatsächlich aus Kanada und seine Muttersprache war unverkennbar Englisch. Wir unterhielten uns nur kurz, aber es war ein angenehmes Gespräch. Die Poutine enttäuschte anschließend leider vollends. Viel hatte ich nicht erwartet, aber ein bisschen mehr wie die guten Exemplare in Montréal hätte sie schon sein dürfen. Immerhin schmeckte das Bier, was man bei 8 Euro für einen halben Liter aber auch erwarten darf. Jaja, Paris und die Preise. Nicht schön, aber wäre diese Stadt etwas günstiger, würde es von Touristen noch mehr wimmeln und das braucht diese sicher nicht.

Während ich mein zweites Bier trank und überlegte, wo es im Anschluss hingehen sollte, verfolgte ich ein Gespräch zwischen drei Bekannten, etwa Mitte 30, die sich zwei Tische weiter angeregt unterhielten. Ihr Thema waren Menschen und das Reisen. Was hätte es passenderes und interessanteres in diesem Augenblick geben können? Nachdem sich alle ein paar Minuten Klischees über andere Nationen um die Ohren gehauen hatten und ich schon gelangweilt auf mein Smartphone schaute, wurde es doch noch spannend. „Deutsche müssen einen immer belehren und ihre Sicht der Dinge aufzwingen“, sagte der größte, der die gesamte Zeit seinen langen, beigen Mantel nicht ablegte. „Das machen sie immer“. Für einen Moment überlegte ich hinzugehen und ihn darüber zu belehren, dass das nicht alle Deutschen tun.

Nach einem weiteren Bier machte ich mich für meine Verhältnisse schon relativ früh auf den langen Fußweg zurück zum Hotel. Ich wollte am Vormittag unbedingt noch zwei Stunden durch Montmartre laufen und etwas Anständiges zum Frühstück essen. Genau das tat ich auch. Meine Wahl fiel auf ein Croissant, das man in dieser Qualität in Deutschland nur sehr, sehr selten bekommt und auch der Schoko-Muffin wusste zu überzeugen. Ein kleiner Trost für die Poutine des Vorabends. Ich beendete meinen zu kurzen Paris-Abstecher mit einem Spaziergang nach Sacré-Cœur. Wie gerne wäre ich noch zum Friedhof Père Lachaise gegangen, wie gerne hätte ich mich noch in den Jardin des Tuileries gesetzt, wie gerne so viele andere Dinge gemacht…

Stattdessen setzte ich mich in mein Auto, manövrierte es durch das Parkhaus und machte mich auf den Weg zur Autobahn. Meine Laune verschlechtere sich zum einsetzenden Regen. Nach ein paar Minuten mussten die Scheibenwischer Schwerstarbeit verrichten. Auch auf den letzten paar Hundert der etwa 1600 Kilometern durch vier europäische Länder zeigte sich kaum Aufheiterung. Immerhin passte es zu meiner Stimmung, die sich erst änderte, als ich überlegte, wie viele schöne Orte ich in den vergangenen Tagen gesehen hatte. Ich dachte an Russland, die Mongolei, Kalifornien und Kanada zurück. Jede Reise hat ihre Höhen und Tiefen, aber die Höhen dominieren immer. Jede Reise lässt mich vor dem nächsten Kontoauszug daheim etwas zittern, doch vor allem macht am Ende jede Sinn. Für mich. Auf welche Weise auch immer. Vom Portemonnaie abgesehen, kommt man immer reicher zurück.

2015-09-22 09.43.35

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 1

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 2

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 3

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