Skip to content

Filmtipp: Toni Erdmann

Es kommt äußerst selten vor, dass ein deutscher Film in Cannes nur knapp an der goldenen Palme vorbeischrammt und aus vielen europäischen Ländern wie sogar aus Nordamerika begeisterte Anfragen erhält. Genau dies ist bei Maren Ades „Toni Erdmann“, der seit Donnerstag in den Kinos zu sehen ist, verdientermaßen geschehen. Ich habe mir ein Bild gemacht und kann die Lobeshymnen verstehen.

Toni

Ines bekommt eine richtig gute Käsereibe geschenkt

Die eigentliche Geschichte dieses Films ist schnell erzählt: Der pensionierte, allein lebende Musiklehrer Winfried Conradi möchte nach dem Tod seines Hundes wieder einen engeren Kontakt zu seiner Tochter Ines aufbauen. Diese lebt und arbeitet als erfolgreiche Unternehmensberaterin in Bukarest und ist gerade damit beschäftigt, ein Konzept zur Vernichtung von Arbeitsplätzen zu erstellen. Mit seinen konventionellen Versuchen scheitert Winfried, der es fortan in der Rolle des Toni Erdmann versucht. Mit falschen Zähnen und billiger Perücke ausgestattet, bringt er sich und seine Tochter als angeblicher deutscher Botschafter, Coach oder Consulting-Berater, in amüsante und peinliche Situationen.

Was in billigem Klamauk hätte enden können, macht die Regisseurin Maren Ade zu einem großen Film, was wiederum wohl nur den wenigsten gelungen wäre. Mit „Alle anderen“ deutete sie schon 2009 ihr Talent an, wobei das Beziehungsdrama mit Birgit Minichmayr und Lars Eidinger weder die Tiefe, noch den Humor von Toni Erdmann hat und mich beim Zusehen teilweise etwas anstrengte. Toni Erdmann strengt nicht an und langweiligt auch keine Sekunde, selbst wenn er mit 163 Minuten nicht gerade kurz geraten ist. Mit der Auswahl ihrer Schauspieler lag Ade goldrichtig. Der Österreicher Peter Simonischek spielt Toni Erdmann auf eine sehr überzeugende, nicht zu aufdringliche Art, während Sandra Hüller als Ines Conradi brilliert. Ob als genervte Tochter oder kalte Geschäftsfrau, man nimmt ihr alles ab. Sie wird für diese Rolle noch jede Menge Preise bekommen und ich gönne ihr jeden einzelnen.

Eine interessante Frage von Toni Erdmann ist die danach, wer eigentlich unglücklicher ist: Der Vater, der in die Rolle eines fiktiven Charakters schlüpfen muss, um seiner Tochter näherzukommen  oder die Tochter selbst, welche abseits ihres Berufes weder ein wirkliches Leben führt, noch eine echte Identität zu haben scheint? Wahrscheinlich nehmen sich beide nichts. Beim Vater liegt alles nach ein paar Filmminuten auf der Hand, bei der Tochter muss man allenfalls kurz hinter die Fassade schauen. Wobei das allerdings nur nötig ist, wenn man die Möglichkeit in Betracht zieht, dass ein Mensch zufrieden damit sein kann, in einem deutlich ärmeren Land für Entlassung von vielen Menschen mitverantwortlich zu sein und dafür auch noch sehr gut bezahlt zu werden.

Im Vorfeld las ich einiges über diesen Film und kann nicht glauben, dass er tatsächlich einmal als Drama und mehrmals als Komödie bezeichnet wurde. Toni Erdmann ist eine Tragikomödie, von deren Qualität man in diesem Jahr wohl kaum eine zweite in den Kinos finden wird. Eine weitere große Stärke von Ades drittem Spielfilm neben den Schauspielern und vieler Ideen ist seine Unvorhersehbarkeit. Der Zuschauer wird immer wieder überrascht und kann sich nie sicher sein, was die nächsten Minuten bringen werden. Ein Höhepunkt stellt da die unerwartete Gesangseinlage von „Whitney Schnuck“ dar. Für diese gab es in Cannes sogar Szenenapplaus. Gibt es auch Kritikpunkte? Am Film selbst nicht, aber der Trailer hätte mich von einem Kinobesuch kaum nicht überzeugt, eher im Gegenteil. Davon sollte sich aber wirklich niemand beeindrucken lassen.

Brexit – Crapxit

Man kann die EU aus vielen Gründen berechtigterweise kritisieren. Eine fehlkonstruierte Währung, zu wenige Bemühungen um soziale Gerechtigkeit und ganz sicher auch zu viel Bürokratie, aber der Ausstieg Großbritanniens ist trotzdem eine abermals bedauerliche Entwicklung. 

Man muss das Referendum nicht als völlige Katastrophe ansehen, aber Europa ist 2016 in einem viel schlechteren Zustand als viele es vor wenigen Jahren wohl allgemein für möglich gehalten hätten. Arbeitslosigkeit und große soziale Probleme in den meisten Ländern dieses Kontinents, die wachsende Angst vor Terroranschlägen, ein Krieg vor unserer Haustür und nationalistische Bewegungen, wohin man schaut. Da passt der Brexit prima ins Bild.

Wie dieser zustande gekommen ist, lässt mich allerdings mit den Kopf schütteln. Offensichtlich haben nicht nur Labour und die etwa 2/3 der Tories, die für den Verbleib Großbritanniens in der EU waren, keine gute Arbeit gemacht, sehr wahrscheinlich waren sich viele Menschen nach den Prognosen der Buchmacher zu sicher, dass ihre Stimme nicht unbedingt benötigt werden würde.

Ein weiterer Punkt ist gestern oft thematisiert worden und dieser geht mir nicht aus dem Kopf. Die jungen Menschen haben sich ganz klar für einen Verbleib in der EU ausgesprochen, Personen bis 49 Jahre immer noch mit einer spürbaren Mehrheit und erst im Anschluss kippte das Ergebnis. Die Menschen von 65+ Jahren waren dann insgesamt deutlich für den Brexit. Ein 71-jähriger Rentner, auf dessen Leben der Ausstieg kaum oder gar keinen Einfluss haben wird, verkompliziert also jenes einer 17-jährigen Schülerin, die nicht stimmberechtigt tatenlos zusehen musste. Eine Schande.

Während ich mich darüber aufregte, sah ich einen passenden Tweet von Extra 3: „Vor allem Alte haben für gestimmt. Hätten die nicht die paar Jahre warten können, bis sie auf natürliche Weise aus der EU austreten?“ Natürlich kamen die vorhersehbaren dämlichen Kommentare von Menschen, die Sarkasmus und Satire nicht verstehen (das ist leider oft ein großes Problem in Deutschland). Vielleicht kamen einige dieser Kommentare aber auch, weil die Verfasser selbst im Hinterkopf haben, was für ein Unding es ist.

Nein, man kann natürlich kein Wahlhöchstalter einführen, selbst wenn das manchmal äußerst wünschenswert wäre. Es geht aber auch nicht, dass man junge Menschen von einer Entscheidung ausschließt, die eben diese am meisten betrifft. Hätten alle Britinnen und Briten ab 14 Jahren am Referendum teilnehmen können, wäre das „Remain“ Lager wahrscheinlich hauchdünn siegreich vor dem „Leave“ Camp gewesen. Traurig? Mit Sicherheit. Vielleicht sogar tragisch, wenn dadurch eben diesen jungen Leuten vielleicht in ein paar Jahren tatsächlich die Chance deutlich erschwert wird, in Deutschland oder Frankreich zu studieren.

Äußerst tragisch ist es ohne Zweifel, dass gestern ein Kasper wie Boris Johnson als Sieger in die Kameras schauen durfte, während ein Rassist wie Nigel Farage sich jubelnd zeigte. Zum Verzweifeln nahezu schon, wenn man dann die grinsenden Fressen von Le Pen, Wilders oder irgendwelchen AfD Clowns sieht. Vielen Dank Großbritannien. Nee, Moment, vielen Dank England und Wales! An Nordirland und Schottland hat es nun wirklich nicht gelegen.

Es stimmte allerdings auch nicht ganz England außer London für den Brexit, wie in den deutschen Medien mehrmals pauschal und schlichtweg falsch berichtet wurde. Ein bisschen mehr Differenzierung muss schon sein. Ein kurzer Blick auf einige andere der zehn größten städtischen Verwaltungsbezirke Englands: In Liverpool, Manchester und Bristol waren insgesamt um die 60% der Stimmberechtigten für den Verbleib in der EU, in Leeds und Leicester sprach man sich hauchdünn ebenfalls dafür aus. In Birmingham, der zweitgrößten Stadt Großbritanniens, lautete das Ergebnis extrem knapp 50.42%:49.58% für den Brexit.

In den Dörfern, Kleinstädten und bei den alten Menschen wurde der Ausstieg beschlossen. In den Großstädten und bei den jungen Menschen wird man die Folgen insgesamt am deutlichsten spüren. Als junger Brite in London oder Liverpool wäre ich mächtig angepisst.

Zwischendurch

Eigentlich wollte ich schon vorletzte Woche über meinen Besuch in Barcelona schreiben, aber zeitlich habe ich es wieder einmal nicht hinbekommen. Auch heute nicht, vielleicht morgen oder am Freitag. Trotzdem wenigstens mal ein paar Worte zwischendurch.

Vorgestern zappte ich nur etwas müde und vom Relegationsspiel gelangweilt durch die Kanäle, da sah ich ausgerechnet bei Circus HalliGalli zufällig einen tollen Beitrag, den ich an dieser Stelle gerne weiterverbreite. Es ist kein neues Phänomen, dass Menschen oft nach unten treten, wenn sie mit ihrer persönlichen Lage nicht zufrieden sind.

So traurig und bemitleidenswert das auch ist, es lässt sich nicht im Handumdrehen ändern. Wie absurd es ist, wenn gegen Schwächere gehetzt wird, aber man schön die Klappe hält, während zig Milliarden Euro unnötig verbrannt werden, sollte eigentlich jedem halbwegs intelligenten Menschen klar sein:

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 4

Als ich die Seine erreicht hatte, dachte ich an das fabelhafte Konzert von Serj Tankian im Le Bataclan zurück. Genau jenes Theater, exakt der Veranstaltungsort für kleinere Konzerte, welcher etwa zwei Monate später weltweit bekannt wurde, aus allen nur denkbar beschissenen, falschen Gründen.

Vor dem Seitenausgang, wo ich mir im August 2010 nach dem Auftritt des tapferen, erkältungsgeplagten Tankian allein und in aller Ruhe ein frisches T-Shirt angezogen und das verschwitzte in meinen Rucksack gestopft hatte, humpelten angeschossene Menschen durch die Gegend. Viele verloren im Innenraum ihr Leben, erschossen von verblendeten, geisteskranken Individuen, für die ein Platz in der Hölle ein viel zu angenehmer Ort wäre. Ich sehe die Bilder vor mir und schüttele traurig mit dem Kopf. Immer wieder. Deshalb habe ich solange gebraucht, um diesen Text zu schreiben.

Surreal, krank und zutiefst verstörend empfand ich die Szenen des November 2015. Ich starrte nach der verheerenden Nachricht mehrmals auf meine vergilbte Konzertkarte und konnte all das, was ich in den Nachrichten sah, nicht wirklich glauben. Für viele war es im Endeffekt bei aller Betroffenheit doch nur ein Nachbarland. Ein Terroranschlag um die Ecke in Köln oder Dortmund hätte mich persönlich jedoch weniger berührt, was selbstverständlich nicht heißt, dass ein solcher nicht genauso schlimm gewesen wäre. Mais Paris? Mon Paris? Pourquoi?

„Die westliche Art des Lebens sei pervers“, lautet seitens islamischer Fundamentalisten oft der Vorwurf. Das stimmt auch, aber dieses perverse Leben mit noch perverseren Maßnahmen bekämpfen zu meinen, ist ein lächerlicher und heuchlerischer Scheiß, auf den nur völlig verblendete Individuen kommen können. Der französische Schriftsteller Michel Houllebecq bezeichnete den Islam einst als „die dümmste Religion“. Mittlerweile würde ich ihm nicht mehr widersprechen. Als ehemaliger Katholik bin ich persönlich aber einfach froh, diesen ganzen bescheuerten Religionsunsinn hinter mir gelassen zu haben. Ich würde mich zwar immer noch eher Agnostiker als Atheist nennen, aber an etwas wie Gott zu glauben, ist für mich grundsätzlich albern. Warum nicht auch an Einhörner glauben, leckeres alkoholfreies Bier oder an Spiderman?

An dem Abend meines Besuchs wirkte Paris friedlich. Viele Menschen feierten, gingen in kleineren und größeren Gruppen in Restaurants, tranken und genossen ein paar schöne Stunden. Nachdem ich die Seine überquert hatte, hielt ich mich in den Straßen um den Place Saint-Michel auf. Plötzlich befand ich mich in einer Ansammlung chinesischer Touristen, die aufmerksam ihrem Guide lauschten. Die Damen und Herren standen so eng beisammen, dass ich nicht gleich entfliehen konnte. Ganz unvermittelt erzählte mir eine kleine Chinesin in ihrer Muttersprache etwas, ohne mich anzusehen. Ich stutzte, sie blickte mich an und erschrak. Offensichtlich hatte sie an meiner Stelle eine Begleiterin oder vielleicht ihren Mann vermutet. Ich tat so, als hätte ich mich ebenfalls erschrocken. Die Dame quittierte meine kleine Schauspielleistung mit einem Lachen, ich nickte ihr freundlich zu und suchte einen Ausweg aus der asiatischen Belagerung.

Ich ging in den Pub „The Great Canadian“. Ich wusste, dass sich dort manchmal ein paar Eishockeyfans meiner Montreal Canadiens trafen und außerdem sollte es Poutine geben, eine Spezialität aus Québec mit Pommes Frites, Bratensauce und Cheddar Käse, von der es zahlreiche Variationen gibt. Mehr oder weniger zufällig trug ich an diesem Abend meine Montreal Canadiens Trainingsjacke, was dazu führte, dass ich etwas Einmaliges erlebte. Noch nie war mir das in Frankreich oder Québec passiert. Ich wurde vom Kellner auf Englisch begrüßt. Ich war perplex und verstehe das bis heute nicht wirklich, aber für bemerkenswert halte ich es ohne Zweifel. Eigentlich hätte ich nachfragen müssen, tat es aber nicht.

Der Kellner kam tatsächlich aus Kanada und seine Muttersprache war unverkennbar Englisch. Wir unterhielten uns nur kurz, aber es war ein angenehmes Gespräch. Die Poutine enttäuschte anschließend leider vollends. Viel hatte ich nicht erwartet, aber ein bisschen mehr wie die guten Exemplare in Montréal hätte sie schon sein dürfen. Immerhin schmeckte das Bier, was man bei 8 Euro für einen halben Liter aber auch erwarten darf. Jaja, Paris und die Preise. Nicht schön, aber wäre diese Stadt etwas günstiger, würde es von Touristen noch mehr wimmeln und das braucht diese sicher nicht.

Während ich mein zweites Bier trank und überlegte, wo es im Anschluss hingehen sollte, verfolgte ich ein Gespräch zwischen drei Bekannten, etwa Mitte 30, die sich zwei Tische weiter angeregt unterhielten. Ihr Thema waren Menschen und das Reisen. Was hätte es passenderes und interessanteres in diesem Augenblick geben können? Nachdem sich alle ein paar Minuten Klischees über andere Nationen um die Ohren gehauen hatten und ich schon gelangweilt auf mein Smartphone schaute, wurde es doch noch spannend. „Deutsche müssen einen immer belehren und ihre Sicht der Dinge aufzwingen“, sagte der größte, der die gesamte Zeit seinen langen, beigen Mantel nicht ablegte. „Das machen sie immer“. Für einen Moment überlegte ich hinzugehen und ihn darüber zu belehren, dass das nicht alle Deutschen tun.

Nach einem weiteren Bier machte ich mich für meine Verhältnisse schon relativ früh auf den langen Fußweg zurück zum Hotel. Ich wollte am Vormittag unbedingt noch zwei Stunden durch Montmartre laufen und etwas Anständiges zum Frühstück essen. Genau das tat ich auch. Meine Wahl fiel auf ein Croissant, das man in dieser Qualität in Deutschland nur sehr, sehr selten bekommt und auch der Schoko-Muffin wusste zu überzeugen. Ein kleiner Trost für die Poutine des Vorabends. Ich beendete meinen zu kurzen Paris-Abstecher mit einem Spaziergang nach Sacré-Cœur. Wie gerne wäre ich noch zum Friedhof Père Lachaise gegangen, wie gerne hätte ich mich noch in den Jardin des Tuileries gesetzt, wie gerne so viele andere Dinge gemacht…

Stattdessen setzte ich mich in mein Auto, manövrierte es durch das Parkhaus und machte mich auf den Weg zur Autobahn. Meine Laune verschlechtere sich zum einsetzenden Regen. Nach ein paar Minuten mussten die Scheibenwischer Schwerstarbeit verrichten. Auch auf den letzten paar Hundert der etwa 1600 Kilometern durch vier europäische Länder zeigte sich kaum Aufheiterung. Immerhin passte es zu meiner Stimmung, die sich erst änderte, als ich überlegte, wie viele schöne Orte ich in den vergangenen Tagen gesehen hatte. Ich dachte an Russland, die Mongolei, Kalifornien und Kanada zurück. Jede Reise hat ihre Höhen und Tiefen, aber die Höhen dominieren immer. Jede Reise lässt mich vor dem nächsten Kontoauszug daheim etwas zittern, doch vor allem macht am Ende jede Sinn. Für mich. Auf welche Weise auch immer. Vom Portemonnaie abgesehen, kommt man immer reicher zurück.

2015-09-22 09.43.35

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 1

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 2

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 3

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 3

Viele Monate sind mittlerweile vergangen, doch mein Ausflug nach Étretat war ein uneingeschränkter Erfolg. Innerhalb weniger Stunden gewann diese kleine Stadt an der französischen Westküste mein Herz. Claude Monet und Henri Matisse hatten hier ihre Zeit nicht verschwendet. Genauso wenig wie ich.

2015-09-20 22.15.49

Am Ende weiß man nie, ob man wiederkommen wird, so sehr man einen bestimmten Ort auch mag. Ich würde es gerne, aber das habe ich nicht selten in Bezug auf andere ebenso gedacht. Manchmal hat es geklappt, manchmal wird es bei dem einen Besuch bleiben, doch das ist nicht schlimm, wenn einem die Erinnerung stets Freude bereitet. Zumindest so wird es sein, mit Étretat und mir. Eventuell geht doch noch mehr, wer weiß?

Der Sonntagabend im September 2015 hatte mir ein köstliches Essen beschert. Pâté, Meeresfrüchte und ein guter Rotwein in aller Ruhe, während am Nebentisch ein Ehepaar verzweifelt versuchte, das kleine Töchterlein im Zaum zu halten. Ich fühlte mich nicht im Geringsten von ihnen gestört, genoss still meine Mahlzeit und den Wein, während ich mich auf einen Strandspaziergang am späten Abend freute.

Gegen 22 Uhr war niemand mehr unterwegs, abgesehen von einem jungen Mann mit seinem Hund und mir. Ich nickte den beiden freundlich zu, aber sie ignorierten mich. Der eine wollte scheinbar schnell nach Hause, der andere lieber die Promenade verlassen, um den Strand zu erobern. Ich überlegte mir derweil, ob Étretat der richtige Ort sein könne, um den Roman zu schreiben, der schon seit langer Zeit immer wieder in meinen Gedanken herumspukte.

Am Vormittag ging ich zur Post, kaufte zwei Briefmarken, warf die beiden Karten ein und machte mich auf nach Le Havre, von wo mein Weg nach einer kurzen Mittagspause weiter nach Paris ging. Ich mag Hamburg sehr, London ist zweifellos eine besondere Stadt, Prag nicht uninteressant, aber keine andere in Europa hat mich je so gepackt wie Paris, wenn man Budapest außer Acht lässt, doch meine Liebe zu der wundervollen Stadt an der Donau erklären? Das würde zu weit führen.

Im Anschluss einer kleinen unspektakulären Pause in Le Havre fuhr ich ohne weiteren Stopp durch, ehe ich an dieser Kreuzung mit meinem unschuldigen Mietwagen stand, der gerade 11.000 Kilometer auf dem Tacho hatte. In Paris. Wir waren verloren, vor einer verdammten Ampel. Im Chaos, im Lärm der Großstadt. Mein Auto und ich. Hinter mir hupte irgendein Spinner aus unerklärlichen Gründen. Die Stadt der Liebe, excusez-fucking-moi? „Die Liebe ist ein wildes Tier“, heißt es bei Rammstein. Vielleicht ist dann die Stadt der Liebe ein Zoo? Von rechts drängte ein Taxi aggressiv in meine Spur, während scheinbar aus dem Nichts plötzlich zwei Rollerfahrer an mir vorbeizogen. Wie hatten sie das geschafft und warum kämpften sie sich durch scheinbar kaum existente Lücken?

Das Wetter präsentierte sich deutlich unangenehmer als in den vergangenen Tagen. Dunkle Wolken und immer wieder ein kleiner Schauer.  Keine Sonnenstrahlen weit und breit, doch trotzdem saß ich irgendwann dank des Straßenverkehrs verschwitzt hinter meinem Steuer und drängelte spontan einfach munter mit. Scheiß drauf, Paris ist nur einmal im Jahr. Mietwagen oder nicht, auch egal, dachte ich mir. Wahrscheinlich kracht es bald, meine Mutter wäre sicher schreiend und heulend ausgestiegen. Ich fand jedoch langsam Gefallen an dem Wahnsinn. Anarchy in the Land of Croissants and Bouillabaisse. Jusqu’ici tout va bien.

Mein Kopf schmerzte, die Ruhe war verflogen, aber ich da, in der faszinierendsten Stadt Europas. London? Fuck off! Ich hörte den Soundtrack der fabelhaften Welt der Amélie in meinem Kopf und wollte zum Canal Saint-Martin sprinten, um dort Steine springen zu lassen. Zu der Szene aus einem meiner Lieblingsfilme in meinem Schädel knallte es nicht, warum auch immer? Diese verrückten Rollerfahrer machten mir am meisten Angst, aber am Ende passierte nichts. Glück, Zufall, keine Ahnung, es war egal. Ich war unbeschreiblich erleichtert, als ich schließlich eine kleine Parklücke vor dem Hôtel de France auf dem Boulevard Barbès erobert hatte. Ein Gefühl, als wäre ich nach einer langen Reise zuhause angekommen und irgendwie stimmte das auch.

In meiner Unterkunft  wurde ich außergewöhnlich nett begrüßt, bekam eine kleine Fernbedienung für das Parkhaus nebenan in die Hand gedrückt, noch bevor ich bezahlen musste. Ich war so erschöpft, dass ich mein Französisch nicht bemühen wollte und kommunizierte mit den beiden Männern an der Rezeption zunächst lieber auf Englisch. Nachdem sie neugierig fragten, ob ich auch Französisch sprach, gab ich mir Mühe, die mit Anerkennung belohnt wurde. In Paris kann man für die traurigste Bruchbude verantwortlich sein und wird immer noch genügend Gäste haben. Deshalb schätzte ich die Freundlichkeit des Personals umso mehr.

Das enge Parkhaus bescherte mir die nächste Hürde des Tages, doch ich meisterte auch diese irgendwie. Mein Hotelzimmer machte einen sehr anständigen Eindruck, einfach doch sauber. Ich konnte noch riechen, dass am Morgen das Bad gründlich gereinigt worden war. Alles andere als schlecht in Montmatre für nur 60 Euro pro Nacht, den Parkplatz nicht eingerechnet. Ich legte mich ein paar Minuten auf das frisch gemachte Bett und atmete durch. Eigentlich hätte ich einen Drink vertragen können, die Minibar suchte ich allerdings vergebens.

Etwas später inspizierte ich die nähere Umgebung. Die Straßen waren überlaufen, der Lärm, die Hektik und der Geruch der Großstadt übermannten mich. An jeder Ecke standen Männer afrikanischer Herkunft, die Maiskolben auf Eimern grillten, ein Handy-Shop nach dem anderen tauchte vor mir auf. Anzugträger, Frauen mit Kopftüchern und Touristen mit ihren Rucksäcken und Fotoapparaten hetzten in Richtung unterschiedlichster Ziele. Lärm, Hektik, der Geruch von Schweiß, Holzkohle und Autoabgasen ohne Unterlass. Ich sehnte mich für einen Moment nach Ètretat zurück.

Natürlich stand trotzdem das Ritual an, welchem ich in Paris jedes Mal nachgehe. Ich schlenderte zum Gare du Nord, warf einen Blick auf die bekannte Brasserie Terminus Nord und befand mich schließlich wieder auf der Rue St-Denis, einer meiner Lieblingsstraßen. Nur der Boulevard St.Laurent und die St-Catherine in Montréal bedeuten mir aus unterschiedlichen Gründen mehr. Ich könnte immer wieder stundenlang dort spazieren gehen. Hier herrscht das wahre Großstadtleben. So traurig und gleichzeitig für mich stets faszinierend.

All der Trubel, die Rastlosigkeit, die feiernden Menschen, hart arbeitende, selbstständige Leute und deren gelangweilte Angestellten in einem kleinen Kiosk oder einer Fastfood-Bude, Nutten auf der Suche nach Kunden, desorientierte, manchmal völlig verlorene Touristen, Obdachlose, Alkoholiker, aber auch Personen mit zu viel Geld, die in hippe Läden gingen, während andere wenige Meter weiter ein paar Euro zu erbetteln versuchten. All das packt mich immer wieder. Beeindruckt mich, macht mich betroffen und auch froh, weil ich an keinem langweiligen Ort bin und das echte Leben beobachte. Neugierig, skeptisch und demütig. An dieser Stelle, in dieser Straße, auch wenn sie sich im Laufe der Jahre deutlich verändert hatte, war ich wieder in meinem Paris.

Ich möchte in dieser Stadt nicht leben, so sehr ich Paris auch liebe, aber wenn ich dort bin, fühle ich mich geborgen. In der Anonymität, im Chaos des Weltstadtlebens spüre ich meine Irrelevanz, während andere Leute verzweifelt nach Aufmerksamkeit gieren. Ich genieße meine Unbedeutsamkeit und fühle eine Überlegenheit gegenüber den Menschen, die diese nie ertragen und akzeptieren könnten. Ich muss mir keine Mühe geben, unscheinbar zu sein. Ich bin es und das befreit mich in von all dem Wahnsinn des Alltags. Alles macht für einen Moment, für ein paar Minuten Sinn, weil so wenig Sinn macht.

Der vierte und letzte Teil dieser Geschichte folgt morgen.

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 1

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 2

Leser googeln – ich antworte, Teil 8

Nach langer Zeit komme ich heute endlich wieder zu einem Beitrag in der Rubrik „Leser googeln“. Wie in den ersten Ausgaben folgen in fett/kursiv die Eingaben bei Google, über die Leser auf Ziegenhodensuppe gelandet sind und anschließend meine Antworten.

warum ist merkel so schön

Bitte geben Sie Ihren Wohnort gefolgt von +Augenarzt in eine Suchmaschine Ihrer Wahl ein. Gute Besserung!

Frau wünscht sich dreier zum geburtstag

Da wäre ich vorsichtig. Ein Dreier ist kein offizieller Euro-Schein! Seien Sie nicht so geizig, es ist doch der Geburtstag Ihrer Frau. Lassen Sie besser einen Fünfer springen!

krankenhaus abendessen

Ich persönlich ziehe beim Abendessen Restaurants Krankenhäusern ja vor, aber nun gut, da hat jede(r) seine Präferenzen. Ich mag besonderes japanische Restaurants. In Düsseldorf kann ich Nagaya, Yabase, Yaki-The-Emon, Takumi, Kushi-Tei of Tokyo und Kagaya (mit der sicherlich schönsten Bedienung der Stadt) sehr empfehlen. Beim Abendessen im Krankenhaus denke ich dagegen an zwei traurige Scheiben Graubrot, etwas Butter, fiesen Schmelzkäse oder Gouda, Billig-Salami oder Kochschinken, einen Joghurt und einen schwarzen Tee. Guten Appetit dann!

haehnchen sarah wiener

Ja, da kann man leicht durcheinander kommen, aber ich habe extra nochmal in Ruhe recherchiert. Sarah Wiener ist allen Indizien nach tatsächlich eine Frau und kein Hähnchen!

Welches getränk zu leberwurst

Das muss man in Ruhe abwägen. Wasser passt zu jedem Essen, aber warum in diesem Fall nicht ein besonderes? Ich denke an ein schönes lauwarmes Glas Wurstwasser. Das Aroma entfaltet sich besonders gut, wenn man es zuvor zwei, drei Tage auf der Fensterbank über der Heizung aufbewahrt. Na, klingt das nicht toll? Noch einmal guten Appetit!

anständig bezahlte arbeit dortmund

Beim BVB soll man ganz gut verdienen, hörte ich schon mehrmals. Ansonsten ist wohl ein Umzug in eine andere Stadt die erfolgversprechendere Alternative.

wie verrichtet angela merkel ihre notdurft? 

Schon wieder geht es um Merkel? Na schön. Gerüchten zufolge verrichtet sie ihre Notdurft meistens auf einer Toilette, oft sogar aus Bequemlichkeitsgründen im Sitzen. Daheim nutzt sie am liebsten speziell angefertigtes weiß-blaues Klopapier, gerne mit dem Konterfei von Horst Seehofer.

wie das universum entstand (did god create the universe?)

No, he fucking didn´t because he´s either dead or much more likely: He never existed.

fußballschuhe lutschen

Guten Appetit habe ich schon gewünscht, oder?

wegen perverser such begriffe stafbar ?

Hallo Herr Edathy? Wie geht es Ihnen? Ist die Kacke wieder am Dampfen? Naja, was soll´s? Gegen eine Zahlung von ein paar Tausend Euro kommen Sie aus der Sache sicher schnell wieder raus. Ist doch alles ein Kinderspiel.

belmondo ferdinand

Danke! Endlich einmal eine sympathische Suchanfrage. „Pierrot le Fou“ ist einer meiner Lieblingsfilme, einer der besten von Belmondo und er hat zudem Filmgeschichte geschrieben. Zum Beispiel dank dieser Szene:

wie steht afd zu waffenexporten

Sehr positiv steht sie diesen gegenüber. Hauptsache die Wirtschaft brummt und es werden nur Ausländer damit erschossen. Naja, Kinder auch nicht so gerne oder wie war das gleich?

850 mindestrente

Wenn man für die Mindestrente erst 850 Jahre alt werden muss, scheint mir das Konzept fraglich. Im Ernst brauchen wir weder eine Mindestrente, noch einen Mindestlohn und viele andere Dinge, die immer wieder überflüssigerweise diskutiert werden. Was wir brauchen ist ein bedingungsloses Grundeinkommen von nicht weniger als 1000 Euro im Monat.

aylin tezel game of thrones

Ähh, leider nein. Ich wüsste nicht, sie bei „Game of Thrones“ gesehen zu haben. Schön wäre es, sehr schön. Aylin Tezel ist einfach fantastisch.

wie groß ist thomas walde

Er ist ziemlich lang, aber leider selten groß.

flake lorenz anstrengung

Vielen Dank dafür und das meine ich am Ende wirklich ernst! Flake sagte der Süddeutschen Zeitung:

“Alles, was aus Anstrengung entsteht, ist Scheiße. Hör dir die Musik im Radio an. Leiernder, wehleidiger, stumpfer Dreck. Entstanden aus Anstrengung. Gemacht von Leuten, die Häuser abbezahlen müssen. Stumpf anmoderiert von Leuten, die Häuser abbezahlen müssen. Kapitalismus macht stumpf. Ich habe mich noch keine fünf Minuten im Leben angestrengt. Man muss sich entscheiden. Gute Kunst entsteht nicht aus Anstrengung. Sondern absichtslos. Aus Lust.”

Ich liebe dieses Zitat. Sehr. Ich denke an die lächerlich abgefeierte Adele. Eine Frau mit einer tollen Stimme, deren Songs mich absolut kalt lassen. Ihre Energie und ihr Talent, sie verlaufen im Nichts. Musik um des Geldes und nicht Musik, um der Kunst willen. Man kann diese trotzdem mögen, aber wen berührt sie wirklich? Mich jedenfalls nicht.

Nachruf auf einen unbekannten Begleiter

Wie traurig kann man sein, wenn ein Mensch stirbt, den man nie getroffen hat? Mitunter sehr, wie mir gestern nicht zum ersten Mal bewusst wurde. Die Nachricht vom Tode Roger Willemsens traf mich plötzlich und unbarmherzig. Sein Name tauchte unvermittelt ganz oben in den Deutschland Trends bei Twitter auf und das konnte eigentlich nur eines bedeuten. „Oh nein, bitte, bitte nicht“, dachte ich, bevor meine Neugierde siegte und ich einen Mausklick weiter die bittere Gewissheit erlangte.

Es muss 1991 oder 1992 gewesen sein, als ich von Willemsen erstmals Notiz nahm. Ich sah zufällig „0137“ auf Premiere. Es war kein magischer Moment, aber seine Art gefiel mir und im Anschluss verfolgte ich die Sendung regelmäßig. Roger Willemsen begleitete mich von nun aus der Ferne. Selbst wenn ich monatelang nichts von ihm las und ihn auch nicht im Fernsehen erlebte, war er immer da. Bis vorgestern. Er wird mir sehr fehlen. Deutschlands durchschnittlicher IQ ist mit seinem Tod gesunken, aber ihn nur als Intellektuellen zu vermissen, würde zu kurz greifen.

Willemsem war unterhaltsam, witzig, engagiert, wissbegierig, schlagfertig und ganz besonderes nahm ich ihn als einen von sehr wenigen Menschen war, bei denen ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass irgendeine Person jemals etwas Schlechtes über ihn dachte, sagte oder schrieb. Selbst wenn das auf niemanden zutrifft (und ein Blick in ein paar Online-Kundenrezensionen zu „Die Enden der Welt“ offenbarten meinen Irrtum), ist es vielleicht das größte Kompliment, welches man einer Person machen kann, mit der man kein einziges Wort gewechselt hat.

Roger Willemsen konnte lästern, ohne jemanden wirklich zu beleidigen, er konnte Menschen unterbrechen, ohne dass es unhöflich anmutete. Er konnte reden ohne zu langweilen, weil er wirklich immer etwas zu erzählen hatte. Zu fast jedem erdenkbaren Thema. Willemsen hatte aber nicht nur etwas zu erzählen, er hatte etwas zu sagen. Fast immer. Das sorgte insbesondere im Fernsehen für einen signifikanten Unterschied zu der Mehrheit seiner Kolleginnen und Kolleginnen.

Willemsens Interesse an Menschen, Dingen und Orten beeindruckte mich immer wieder, wie die ihm eigene überragende Wortgewandtheit. Seine intellektuelle Überlegenheit trug er für mich nie in übertriebenem Maße zur Schau. Er war ein Vorbild. Als Schriftsteller, Reisender, Humanist und in vielen anderen Rollen. Nun ist seine Reise mit 60 Jahren viel zu früh zu Ende gegangen und ich frage mich, was alles uns deswegen verwehrt bleibt. Mit Sicherheit das ein oder andere lesenswerte Buch. Traurig, einfach sehr traurig. Sein verschmitztes Lächeln, das ihn mit Ende 50 mitunter jünger wirken ließ als Talkshowgäste an seiner Seite, die kaum die 40 überschritten hatten. Auch das wird mir fehlen.

„Der Sinn besteht darin, die gegebene Frist sinnvoll zu nutzen. Nicht nur Spaß zu haben.“

(Roger Willemsen)

%d Bloggern gefällt das: