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Eine kleine Tirade

Als ich mit diesem Blog begann, hatte ich mir vorgenommen, möglichst wenig zu fluchen und mit Schimpfwörtern um mich zu werfen. Das ist mir meistens auch gut gelungen, aber heute muss ich mal eine Ausnahme machen. Der Grund ist simpel: Mein Blut und meine Pisse kochen, ich könnte im Strahl kotzen.

Gestern Nacht sah ich in der ZDF-Mediathek das Sommerinterview mit Horst Seehofer. Der notorisch angepisste und mehr als latent aggressive Thomas Walde gefiel mir dieses Mal gut, ging er Seehofer doch so auf den Sack, wie der Horst für gewöhnlich mir. Das Gespräch könnte man Stück für Stück analysieren, aber es geht mir nur um einen kleinen Ausschnitt. Vehement wehrte sich Seehofer, auf die Frage zu antworten, ob er in dieser Legislaturperiode ein Flüchtlingsheim besucht habe. Es wurde mehr als deutlich, dass es dies nicht getan hat.

Wenn der bayerische Ministerpräsident es genauso wenig für nötig erachtet wie die Bundeskanzlerin, sich vor Ort selbst ein Bild zu machen, spricht das eine klare Sprache. Das ist aber nur die Spitze des viel zitierten Eisberges. Insbesondere CDU und CSU, sowie die Wähler der beiden Parteien, sind für Ressentiments, wachsenden Fremdenhass und Angriffe auf Flüchtlinge, wie auf deren geplante Unterkünfte, ohne Zweifel mitverantwortlich. Wahrhaben wollen sie das natürlich alle nicht.

Ich denke an den ehemaligen deutschen Innenminister Hans-Peter Friedrich mit seinem stets zutiefst bräsigen Auftreten und der penetranten Schamhaarperücke. Wie er immer wieder von den bösen Schleuserbanden faselte, dabei implizierend, dass ohne diese viele Flüchtlinge gar nicht in der EU ankommen würden. Wie Friedrich gehört auch dessen Vorgänger und Nachfolger Thomas de Maizière zu den Arschgesichtern, die nicht müde werden, Flüchtlinge in gute, schlechte und irgendetwas dazwischen einzuordnen. Eine Glanzleistung von ihm war es zudem, darüber zu schwadronieren, die Leistungen für Asylbewerber überprüfen zu wollen. Als ob das Menschen davon abhalten würde, nach Deutschland zu kommen.

 (Thomas de Maizière mit einer aktuellen Glanzleistung)

Auch das ewige Lamentieren über die sogenannten sicheren Herkunftsstaaten ist unerträglich. Völlig egal, welche Meinung man in dieser Angelegenheit vertritt: Die ständigen Diskussionen, in denen man insbesondere seitens CDU/CSU (auch viele SPD Leute tun sich hier sehr negativ hervor) fordert, die Liste dieser Länder zu erweitern und Menschen aus jenen Staaten schneller abzuschieben, nähren den Boden, auf dem rechte Gewalt entsteht. Wer das nicht sieht, ist entweder blind oder zu dumm.

Der Umgang mit der Sprache bringt mich in den letzten Tagen, Wochen und Monaten ebenfalls mehr und mehr zum Verzweifeln. An dieser Stelle mal ein schöner Gruß an die beschissenen Medien, die hier prima mitspielen. Warum muss man Menschen, die sicher niemals leichten Herzens ihre Heimat verlassen, um irgendwo in würdigeren Umständen ein besseres Leben zu suchen, als “Wirtschaftsflüchtlinge” diffamieren? “Armutsflüchtlinge” wäre beispielsweise schon ein ganzes Stück angenehmer und fairer. “Wirtschaftsflüchtling” ist längst ein Schimpfwort geworden, bei dem stets mitschwingt, dass Menschen etwas von uns wollen, das ihnen nicht zustehen sollte. Im Zweifelsfall wird noch so getan, als wollten diese dafür keine Gegenleistung erbringen. Es ist widerwärtig.

Ohne Unterlass werfen Politiker und Medien mit negativen Vokabeln um sich, wenn sie von Flüchtlingen sprechen, die in diesem Jahr in Europa ankommen oder es noch vorhaben. “Flüchtlingsflut”, “Flüchtlingsansturm” heißt es da oder “Flüchtlingswelle”. Von Andrang liest man hier, von Völkerwanderung dort. Der letzte Begriff ist vielleicht noch so eben akzeptabel, aber allesamt sind sie eindeutig negativ und absolut unnötig. Warum kann man nicht einfach sachlich von einem erhöhten oder meinetwegen auch hohen Flüchtlingsaufkommen reden und schreiben? Klar verkauft man damit im Zweifelsfall ein paar Zeitungen weniger, aber zumindest Politiker sollten es besser wissen.

Sie wollen es aber nicht, besonders jene von CDU/CSU. Ich weiß, dass es dort auch ein paar halbwegs anständige Leute gibt, aber selbst bei denen muss in der Kindheit oder Jugend ein bisschen was falsch gelaufen sein. Viele andere können nicht aufhören, am rechten Rand zu fischen und möchten potenzielle AfD, NPD und Wähler ähnlicher Parteien lieber für sich vereinnahmen. Gerade im Sommer 2015 ist es langsam höchste Zeit, sich von dieser verheerenden Strategie endlich zu lösen.

Klare Worte und den Hauch von Empathie spürt man nur dann, wenn diese Leute daran nicht mehr vorbeikommen, weil sie sonst als die kaltherzigen Arschlöcher dastehen, die sie in Wahrheit sind. Wenn ein Satz wie Seehofers “Wir wollen nicht zum Sozialamt für die ganze Welt werden” fällt, dann legt er damit ein paar rechten Idioten Steine und Brandsätze vor die Füße. Eine Erika Steinbach und viele andere sind kein Stück besser. Nach dem Gewaltausbruch im Flüchtlingsheim von Suhl twitterte sie schnell: “Gewalttäter sofort ausweisen!” Nach den rechten Krawallen von Heidenau war von “Gewalttäter sofort bestrafen” nichts zu lesen. Für sie hoffe ich, dass es die Hölle doch gibt. Möge sie dort auf alle Ewigkeit irgendwo in der Nähe von Margaret Thatcher schmoren.

Zum Ausrasten ist auch das permanente Gerede von Asylmissbrauch, während rechte Gewalttäter als mutmaßlich rechts oder gar nur als Asylgegner oder besorgte Bürger bezeichnet werden. Ob die Übertreibung im ersten Fall oder die Verharmlosung im zweiten schlimmer ist? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass man sich bei all dem kleingeistigen Geschwätz, den angsteinflößenden Vokabeln und der Hilflosigkeit der Politik, über brennende Flüchtlingsheime und Gewaltexzesse nicht wirklich wundern muss. Ebenso wenig ist es ein Wunder, dass besonders Sachsen in negativem Sinne immer wieder besonders auffällig ist. Dort regiert die CDU seit 25 Jahren.

Drei Dinge helfen meiner Meinung nach generell am besten gegen Rassismus und Xenophobie: Bildung, Reisen und persönlicher Kontakt. Nach einer anständigen Dosis davon würden wohl nur die verbohrtesten und dümmsten Menschen ihre abstrakten, oft völlig irrationalen Ängste und ihren blinden Hass aufrechterhalten. Nur schade, dass keine Krankenkasse für diese Behandlung aufkommt. Also werden die jämmerlichen Schwachköpfe weiter nach unten treten, weil ihnen der Mut und der Intellekt fehlt, es in die andere Richtung zu versuchen. Ob in nächster Zeit wenigstens einige Politiker kapieren, dass sie an den Anschlägen und der Gewalt in diesem Jahr in Deutschland mit ihrem Reden und Handeln eine große Mitschuld haben, ist leider auch fraglich.

Die Mongolei – Noch Butter?

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So viel Himmel. Nirgendwo gibt es so viel Himmel. Tiefblau, unterbrochen von strahlendweißen Zuckerwattewolken. Eingerahmt von sanften grünen Hügeln. Fast greifbar erscheint er. Man muss sich nur strecken und kann ihn berühren. Unendlich weit und wie gemalt. Als hätte ein Künstler all sein Blau auf die Leinwand geschüttet. Verschwenderisch und selbstvergessend. Der ewig blaue Himmel wird von den Mongolen als heilig verehrt und ich stimme ihnen zu. In keinem anderen Land der Welt habe ich bisher so viel Himmel gesehen.

Fotor_143731733477434 Wir lebten eine Weile mitten unter Nomaden. Weit ab von jeglicher Zivilisation und irgendwo im mongolischen Grasland. Björn saß vor unserer kleinen Jurte und las ein Buch. Eine Ziege schaute ihm dabei neugierig zu. Ich entschied mich, ein wenig hinaus ins Outback zu wandern, das Zeltlager zu verlassen. Hinaus in die Einsamkeit.

Wohnt man in Großstädten, so hört man stets ein leises Grundrauschen. Autos, Züge, Menschen. Es ist nie wirklich…

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Das würdelose Geschacher der EU um Flüchtlinge

Am gestrigen Montag erreichten die EU Innenminister im Streit um die Verteilung von Flüchtlingen in Brüssel einen sehr kleinen Fortschritt.  Dennoch bleibt das Geschacher um Menschen würdelos und eine Schande für ganz Europa.

In Internet-Diskussionen bezeichne ich mich gegenüber Menschen aus anderen Kontinenten immer als Europäer, was ich bei meiner letztjährigen Reise in die USA und Kanada ebenfalls tat. Erst auf Nachfrage hin spezifiziere ich dann. Ich sage nicht gerne, dass ich aus Deutschland komme. Es ist mir nicht peinlich, aber ich sehe einfach nur wenige Dinge in mir, die man mit Menschen aus Deutschland verbindet. Es klingt mir immer zu miefig, zu spießig, zu langweilig. Ein bisschen zu sehr nach ausgeprägtem Pflichtbewusstsein, peinlich genauem Ordnungsdrang, übertriebenem Fleiß, frühem Aufstehen, mit Hilfe der Wasserwaage gerade geschnittenen Hecken, Arbeit als Lebensinhalt Nummer 1 und dem starren Bestehen auf überflüssigen Regeln. Zugegeben, ich bin fast immer pünktlich. Ich sehe das allerdings nicht als deutsch an, sondern finde es einfach praktisch und respektvoll.

Mit dem Begriff Europäer konnte ich mich dagegen lange sehr gut anfreunden. Es ist nicht nur meine geographische Heimat, es ist deutlich mehr Lebensfreude als sie Deutschland verkörpert. Es ist auch London, Paris, Budapest, Amsterdam, Barcelona oder St. Petersburg. Es ist Pizza, Wiener Schnitzel, Jamón Ibérico, Bouillabaisse  und Kolbász. Es ist Kultur und Geschichte. Ich mag die europäische Idee schon aus dem simplen Grund, dass Verbündete für gewöhnlich keine Kriege untereinander führen. Ich finde es außerdem großartig, eine Landesgrenze passieren zu können, ohne warten und meinen Ausweis zeigen zu müssen sowie einiges mehr.

Ich schäme mich für Europa

In den letzten Monaten und Jahren  gibt es aber leider immer mehr Gründe, sich für Europa zu schämen. Die endlose Griechenlandsaga, welche uns noch lange beschäftigen wird, die Ukraine-Problematik und Kriege wie andere Konflikte, an denen wir teils alles andere als unschuldig sind und die vor unserer Haustür stattfinden. Erbärmlicher und ungeschickter als in der Flüchtlingsfrage stellen wir uns aber wohl in keinem anderen Bereich an. Über die widerwärtige Minderheit, die Unterkünfte abfackelt und offen gegen Fremde hetzt, will ich an dieser Stelle nicht schreiben. Der Quatsch, den Horst Seehofer im kurzen Bericht der Tagesschau erzählte, kann mich schon genügend zum Kopfschütteln bringen. Bayern gerät an die Belastungsgrenze? Ein Hohn, wenn man bedenkt, wie viele syrische Flüchtlinge mittlerweile in der Türkei leben. Es ist an der Zeit, die Belastungsgrenze nach oben zu verlegen. Vor allem jene in den Köpfen.

Aber wir können doch nicht alle aufnehmen? Mir ist erstens auch nicht bekannt, dass alle kommen wollen und zweitens verlangt das niemand. Gerade ein immer älter werdendes Land wie Deutschland, sollte schon aus Eigeninteresse mehr tun. Darüber hinaus gibt es etwas wie Empathie und zahlreiche andere Gründe. Wie wäre es mit der von uns leergefischten westafrikanischen Küste? Wie wäre es mit dem Klimawandel, an dem vorwiegend Nordamerika und Europa die Schuld tragen, während man in Afrika darunter leiden muss? Wir schicken unseren Elektroschrott und unseren EU-subventionierten Hähnchenfleischabfall nach Afrika, plündern Ressourcen, aber Verantwortung wollen wir nur so weit übernehmen, wie es gerade nötig ist, um unser Gewissen zu beruhigen.

Pflicht statt Wohltat

Viele Menschen scheinen es hierzulande als Wohltat anzusehen, Flüchtlinge aufzunehmen. Das ist es aber nicht. Es ist unsere Pflicht, wenn es um Menschen geht, die in der Heimat um ihr Leben fürchten müssen. Bei den anderen müssen wir wohl erst einmal damit beginnen, sie nicht ständig zu diffamieren. “Wirtschaftsflüchtling” ist zu einer Beschimpfung geworden, die mit großer Inbrunst und Verachtung besonders gerne von Politikern christlicher Parteien benutzt wird. Wirtschaftsflüchtling klingt irgendwie so, als würden Menschen gemütlich vorbeimarschiert kommen, weil sie einfach gerade gerne mal modischere Klamotten, ein größeres Auto und ein eigenes Haus hätten. Sie wollen aber nur ein sichereres und menschenwürdiges Leben. “Lebensflüchtling” wäre ein besserer Begriff.

Für mich gibt es kein legitimes Recht, nach dem ein Mensch einem anderen vorschreiben darf, wo dieser zu leben hat. Mit welcher Überzeugung viele Leute offensichtlich anderer Ansicht sind, irritiert mich. “Hahaha, Du bist halt am falschen Ort geboren. Pech gehabt, wünsche noch ein schlechtes Leben!” Wir haben mit unseren Händen Grenzen künstlich geschaffen und wir können sie auch wieder beseitigen, selbst wenn wir in Ungarn gerade das Gegenteil tun. Ja, ich weiß:  Es ist eine Utopie. Ich glaube nicht, dass meine Kinder es erleben würden, hätte ich welche, aber unserer wahres Ziel müsste es sein, Grenzen gänzlich abzuschaffen und jedem einzuräumen, dort wohnen zu können, wo er oder sie will. Vielleicht wird das auch in hundert Jahren nicht der Fall sein, aber es ist traurig, dass die meisten von uns nicht einmal davon träumen. Was aktuell geschieht, ist sogar mehr als traurig. Es ist eine bedrückende Schande, die schnellstens ein Ende haben muss.

Ein Ausflug in Russlands wohl schönste Stadt

Auferstehungskirche am Gribojedow-Kanal (Foto: Nadine Pungs)

Auferstehungskirche am Gribojedow-Kanal (Foto: Nadine Pungs)

Für ein verlängertes Wochenende habe ich mich Mitte Juni aufgemacht, die viertgrößte Stadt Europas zu besuchen und ich kam in den Genuss der wahrscheinlich schönsten des größten Landes der Erde. Eine Reise nach St. Petersburg kann ich uneingeschränkt empfehlen.

Im April verstarb Klaus Bednarz, der ehemalige Auslandskorrespondent der ARD und Moderator von “Monitor”. Seine “Ballade vom Baikalsee” aus dem Jahre 1998 ist bis zum heutigen Tag, die von mir am meisten geschätzteste Reise-Dokumentation. Ich weiß nicht, wie oft ich sie gesehen habe, doch diese Doku hat mich nie wieder losgelassen. Bereits beim ersten Mal wollte ich am liebsten gleich los. Fünfzehn Jahre hat es letztendlich gedauert, bis ich in Moskau landete, in die transsibirsche Eisenbahn stieg und nach über 5000 Kilometern Zugfahrt und einer kleinen Bustour am Baikalsee ausstieg. Meinen kurzen Aufenthalt dort werde ich nie vergessen.

Klaus Bednarz ist auch dafür verantwortlich, dass mein generelles Interesse an Russland um ein vielfaches stieg und dafür bin ich ihm sehr dankbar. Ich war einige Male in Kanada, dem zweitgrößten Land der Erde und ich glaube, ich habe es verstanden, wenn es das überhaupt gibt, ein Land verstehen zu können. Bei Russland befinde ich mich weiterhin manchmal vor einem Rätsel, aber es frustriert nicht. Es bringt mich zum Nachdenken und steigert den Drang, irgendwann zurückkommen zu wollen. Immer noch, auch nach meiner zweiten Reise dorthin.

Diese zweite Russland-Reise war kurz, doch alles andere als eine Zeitverschwendung. St. Petersburg  ist schön, wenn auch nicht so schön wie diese entzückende Reisebegleiterin, die mit mir in Düsseldorf in den Airbus stieg. Meine Khaleesi, mit der ich mich sogar in einem 0-Sterne Hotel in Pjöngjang wohlfühlen würde. Vielleicht testen wir das im nächsten Jahr. Ich hoffe es. Unser kleines Hotel in einem Hinterhof des Newski-Prospekts, der bekanntesten Straße der Stadt, erwies sich jedenfalls als clevere Wahl. Ein sehr guter Ausgangspunkt, um “Piter” zu erkunden.

Es gibt Städte, die man nach zwei, drei kompletten Tagen abhaken kann, St.Petersburg nicht. Allein in der Eremitage könnte man ganz locker einen kompletten Tag verbringen. Das Problem kommt mit der Bedeutung dieses riesigen Kunstmuseums. Es ist einfach zu gut besucht. Schon nach dreißig Minuten verging mir die Laune angesichts der Massen von Menschen, die dort durchgeschleust wurden. Ich hätte große Lust, mich in der Eremitage ganz alleine in irgendeiner Nacht für ein paar Stunden aufzuhalten, um mich in Ruhe mit einigen Meisterwerken der Malerei auseinanderzusetzen, aber diese Option gibt es leider nicht. Immerhin habe ich einen ganz kleinen Eindruck bekommen, bevor mich der Andrang müde, durstig und etwas genervt nach eineinhalb Stunden hinaustrieb.

Dort hatten wir zwei Tage zuvor ein unheimliches Erlebnis. Wir standen draußen und sahen uns ehrfürchtig um. In unmittelbarer Nähe befand sich der Stand eines russischen Autoherstellers. Billige Plastikmusik beschallte uns von dort aus zu großen Boxen. Nur ein Steinwurf entfernt von einem der beeindruckendsten Museen der Erde. Wir mussten tatsächlich Scooters “How much is the fish?” ertragen. Das belustigte und enttäuschte, es war komisch und tragisch, albern und ignorant. Wir schüttelten den Kopf, wir konnten es nicht verstehen. Es war aber auch russisch. Ich erinnerte mich daran, wie uns knapp zwei Jahre zuvor in Listwyanka am Baikalsee mit “Modern Talking” und Co. der Aufenthalt erschwert wurde. Ein verdammtes Déjà-vu, nein eigentlich ein Déjà-écouté.

Das ehemalige Leningrad ist die Geburtsstadt von Berühmtheiten wie Wladimir Nabokov, Dmitri Schostakowitsch oder Wladimir Putin. Letzterer ist nicht allgegenwärtig, aber so richtig entkommen kann man ihm nicht. Sein Konterfei begegnet einem auf Zeitschriften, Bildern, T-Shirts oder auf TassenIch bin geneigt, an dieser Stelle politisch zu werden, verkneife es mir aber schweren Herzens. Das Thema hat hier keinen Platz. Es würde den Rahmen komplett sprengen. Stattdessen folgt eine simple wie interessante Frage: Was macht eine Stadt für mich besonders? Freundliche Menschen, schöne Gebäude, Berge, Strände und vor allem Wasser. Von letzterem hat St. Petersburg eine Menge zu bieten. Der finnische Meerbusen sowie Flüsse und Kanäle en masse. Berge sucht man vergebens, aber bezüglich eindrucksvoller Gebäude ist man an der richtigen Stelle. Die Menschen erschienen mir zudem offener und vor allem der englischen Sprache deutlich besser mächtig als die Moskauviter.

Viel zu lang würde dieser Beitrag werden, wollte ich auf alles eingehen, was man in St. Petersburg sehen kann. Für den Literatur-Freund sollte das Puschkin Museum schon auf dem Programm stehen. Die Peter-und-Paul-Festung mit der gleichnamigen Kathedrale lohnt sich auch und etwas weiter außerhalb findet man die beeindruckend große Palastanlage Schloss Peterhof (UNESCO-Welterbe), die am besten mit dem Boot zu erreichen ist. Etwa 25 Kilometer entfernt liegt der Katharinenpark mit dem Großen Katharinenpalast und der Rekonstruktion des Bernsteinzimmers. Ich verzichtete darauf, aber als ich mir im Anschluss die Fotos ansah, bereute ich es schon ein bisschen. Vielleicht ergibt sich die Möglichkeit irgendwann nochmal, wer weiß?

International bekannt sind die “Weißen Nächte”, die ich mir zwar etwas weißer vorgestellt hatte, aber es ist dennoch ein Erlebnis, in der Nacht auf einem Boot über die Newa zu fahren und dem Hochziehen der Brücken zuzuschauen. Von 2 Uhr bis 5 Uhr morgens haben dann auch die größten Schiffe die Möglichkeit, die Reise zum finnischen Meerbusen abzuschließen oder in die andere Richtung zu steuern. Die Newa mündet nach weniger als 80 Kilometern bereits im Lagodasee, für den wir leider keine Zeit hatten. Ja, ich glaube ich würde sehr gerne noch einmal wiederkommen.

Wenn ich in einer mir unbekannten Stadt bin, muss ich sie nach Möglichkeit zu Fuß erkunden. Ich brauche ein Gefühl für einen Ort. Den bekomme ich nicht, wenn ich im Bus oder der Straßenbahn von Ort zu Ort hetze und noch weniger in der Metro, auch wenn die mitunter sehr praktisch sein kann. In St. Petersburg hat es einige Tage gedauert, dieses Gefühl zu bekommen, aber dann war ich beruhigt. Würde ich in fünf Jahren zurückkehren, wäre ich immer noch in der Lage, mich vom Newsky-Prospekt einigermaßen gezielt durch das Stadtzentrum zu bewegen.

Ein Phänomen, das mir immer wieder aufgefallen ist und welches ich überaus sympathisch erachte, sind die lesenden Menschen. Es ist selbstverständlich auch in Deutschland nicht ungewöhnlich, Leute mit einer Zeitung oder Zeitschrift im Bus oder der U-Bahn zu erspähen, aber in Russland ist es anders. Ich beobachte unter anderem eine Eisverkäuferin um die 60 Jahre, die sich beim Warten auf Kundschaft tief versunken in einem dicken alten Roman befand. Das gibt es in Deutschland nicht oder höchstens sehr, sehr selten. Die Dame kann man aber in Russland keineswegs als Einzelfall bezeichnen. So etwas sieht man häufiger, wenn man mit offenen Augen durch die Straßen St. Petersburgs geht.

Eine Stadt für Veganer ist die Schöne im Norden allerdings nicht. Fleisch- und Fischliebhabern haben dafür die Auswahl zwischen zahlreichen guten Restaurants, von denen die meisten deutlich günstiger als in Deutschland sind. Wer in einem sympathischen Restaurant zumindest vegetarisch essen möchte, der kann das Botanika an der Ul. Pestelya ausprobieren und dürfte es kaum bereuen. Am Ende soll die wichtigste Frage nicht gänzlich unbeantwortet bleiben. “How much is the fish?” Der Omul war nicht günstig, aber sehr lecker. Der schmeckt am Baikal wohl am besten, aber wer eine schöne russische Stadt sehen möchte, sollte St. Petersburg eine Chance geben. Diese hat sie verdient.

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Ein albernes Bild

Man hört immer mal wieder, dass der Besitzer einer Tankstelle, die Eigentümerin eines Kiosks oder Menschen in vergleichbarer Position, sich weigern, in ihren Geschäften die BILD Zeitung zu verkaufen. Welch absurde und alberne Konsequenzen das nach sich ziehen kann, zeigte gestern ein Bericht des Medienmagazins Zapp.

Man muss sich diesen Schwachsinn einmal vor Augen führen. Ein Mensch folgt seinem Gewissen, seiner moralischen Vorstellungen und wird dafür bestraft. Die Argumentation von Kai-Christian Albrecht, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Buch-, Zeitungs- und Zeitschriften-Grossisten e.V. und Markus Schöberl, Herausgeber “Presse-Vertriebs Digest”, ist zudem einfach Quatsch. Wenn man allen Presseprodukten bei jedem Händler die gleiche Chancen einräumen will, dann müssten eben auch alle ausnahmslos jede noch so kleine Zeitschrift anbieten, wie auch immer das umsetzbar sein sollte. Aber nein, müssen sie ja nicht. Eine Frühremission z.B. ist auch in Ordnung, doch eine eigene Meinung darf der Händler nicht kundtun.

Der Kunde würde bevormundet werden, war auch ein schönes Argument. Vielmehr wird doch der Händler von dieser Praxis bevormundet und erpresst. Jeder Kunde, der unbedingt die BILD Zeitung lesen will, kann sich das Drecksblatt schließlich auch noch an anderer Stelle besorgen. Leider gibt es viel zu wenige Händler, diese sich weigern, gedruckte Scheiße zu verkaufen. Das Schöne an spezifischem Fall? Der Tankstellenbesitzer bekommt momentan genügend mediale Aufmerksamkeit, dass sich auf absehbare Zeit ausreichend Menschen mit ihm solidarisch zeigen und zum Tanken bei ihm Halt machen werden. Das dürfte seinen Umsatzverlust zumindest ausgleichen.

Ring of Kerry – Ein köstliches Stück Irland

Ursprünglich veröffentlicht auf Trackqueen:

Ruhe. Wind rauscht. Hinter den Hügeln blöken vereinzelt Schafe. Die Sonne scheint.

Wir hatten einen Platten, mitten in der Pampa. Björn konnte einem Schlagloch nicht ausweichen. Der Platten stellte sich noch zusätzlich als Achsenbruch heraus. Seit vier Stunden war kein Auto mehr an uns vorbeigefahren. Björn rauchte. Sylvi guckte. Slobby erzählte irgendwas von einer Verschwörung der irischen Kleeblattmafia und Timo und Simone, die Björn liebevoll und zeitsparend „Timone“ taufte, ergaben sich dem Schicksal. Wir kannten uns alle vom Studium und dies war unsere erste gemeinsame Reise. Nun saßen wir irgendwo im Ring of Kerry fest, eine bildschöne Panoramaküstenstraße im Südwesten Irlands. „Es gibt Schlimmeres.“ sagte Timone weise und Sylvi nickte seufzend. Vergeblich hatte sie versucht, per Handy einen sogenannten Rory zu erreichen. Unser Mietwagen-Ansprechpartner. Rory war nicht auffindbar. Wahrscheinlich in einem Pub versackt. Ganz klischeehaft. Wir warteten. Sechs Stunden später entschied ich mich widerwillig für mein allererstes Wildpinkel-Erlebnis im Leben…

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Von Kleinkunst und großer Kunst

Die letzte Woche startete mit einer großen und sehr angenehmen Überraschung. Es begab sich in der Nacht von Sonntag auf Montag, als ich mitbekam, dass jemand tatsächlich die ersten vier Folgen der neuen “Games of Thrones” Staffel ins Netz gestellt hatte. Ich überlegte kurz, konnte dann aber nicht widerstehen und genoss etwa dreieinhalb Stunden der wohl besten Fernsehserie unserer Zeit.

Keine Sorge, selbstverständlich verbreite ich an dieser Stelle keine Spoiler. Ich weiß, dass es viele Fans gibt, die lieber wöchentlich eine Folge in Topqualität schauen oder sogar auf die deutsche Fassung warten. Wie und wann man auch immer schaut, freuen darf man sich auf die neue Staffel ohne Frage, auch wenn… Nee, müsst Ihr schon selbst sehen. Für mich heißt es jetzt noch über eineinhalb Wochen Geduld üben, bis Folge 5 gezeigt wird. Nicht gerade einfach, aber ich überlege sogar, eine weitere Woche zu warten, um dann zwei Folgen hintereinander gucken zu können. Wahrscheinlich halte ich es nicht aus, aber ein Versuch ist es wert. Interessant an alledem? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mir über so etwas derart ausführliche Gedanken gemacht habe wie bei “Game of Thrones”.

Dennoch war der kleine Serien-Marathon nicht das Highlight der letzten Woche. Dieses folgte am Donnerstag und es wäre um ein Haar ins Wasser gefallen. In der Nacht hatte mich bei der Arbeit vor dem PC plötzlich eine fiese Übelkeit heimgesucht. Zweimal konnte ich den Gang auf das Klo noch gerade abwenden, aber nach zwei Stunden Schlaf war es dann am Morgen so weit. Ich ging kotzen. Ein paar Stunden später und am Mittag wiederholte ich das Prozedere ungewollt. Im Anschluss wurde mir schon nach einem Schluck Wasser übel und an Essen vermochte ich gar nicht zu denken. Das große Problem an der Sache? Ich hatte irgendwann nur noch vier Stunden Zeit, um halbwegs fit zu werden. Das Dota – Konzert in Köln, auf das ich mich schon gut vier Monate gefreut hatte, stand auf dem Programm. Wäre da nicht meine Begleiterin gewesen, die ganz sicher auch allein gefahren wäre, aber doch die Karten von mir zu Weihnachten bekommen hatte: Ich wäre liegen geblieben. So raffte ich mich dann gegen 17 Uhr auf, ging duschen, trank ganz, ganz langsam eine kleine Cola und ging auf wackeligen Beinen zur Straßenbahn. Meine beste Entscheidung seit langem.

Ich habe von Musik wenig Ahnung. Ich spiele kein Instrument, kann keine Noten lesen und singen ebenso wenig. Ich merke aber, wenn Musk ein Herz und eine Seele hat. Der Einheitsbrei,  den uns die großen Radiosender hartnäckig und ohne große Ausnahmen Tag für Tag um die Ohren hauen, hat das nicht. Genauso wenig wie die insgesamt noch größere Kommerzkacke, die in den Castingsshows rauf und runtergesungen wird. Immer natürlich unter der Vorgabe, ein besonderes Talent zu finden, dem man den Weg zu einer tollen Karriere ebnet. Vielleicht gelingt das manchmal sogar, aber wo ist der Sinn, wo ist der Wert des Ganzen, wenn es letzten Endes nicht darum geht, mit der Musik wirklich etwas auszudrücken, sondern einzig allein darum, möglichst viele Menschen anzusprechen, um möglichst viel Geld zu verdienen? Dotas Musik hat eine Seele und viel Herz. Deshalb mag ich sie. Die Musikerin und ihre Musik. Sehr mittlerweile.

Dota Kehr wurde 1979 geboren. Sie stammt aus Berlin, wo sie auch mit ihrer Band heute den größten Bekanntheitsgrad besitzt. Dota ist nicht nur eine talentierte Musikerin, sondern auch darüber hinaus eine interessante Person. Über die Medizinerin und ehemalige Straßenmusikerin kann man aber woanders nachlesen…  An diesem Abend im recht gut gefüllten Gloria-Theater zu Köln sehe ich sie zum ersten Mal live und mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht zum letzten. Die Stimmung ist sehr positiv und Dota spielt fast alle Songs, die ich hören wollte. Drei Streicher sind an diesem Abend zur Verstärkung dabei, was mir ebenfalls ohne Einschränkung zusagt. Ach, hätte ich mich nur in der Verfassung gefühlt, ein paar Bier dazu trinken zu können. Stattdessen nur Wasser und eine Orangina als größtes Wagnis.

Zwischen den Songs präsentiert sich Dota ein wenig verpeilt, lustig, ein bisschen süß und sehr putzig. Insgesamt dabei jedoch jederzeit sympathisch, nein, das ist untertrieben. Liebenswert ist das Wort, welches ich suche. Ich habe schon nach einer halben Stunde das Gefühl, ich möchte einfach unbedingt einmal im Sommer abends mit ihr auf einer Dachterasse in Ruhe ein paar Gläser Wein oder Bier trinken und reden. Zum Beispiel über ihre Songs “Utopie” und “Grenzen”. Letzterer ist viel direkter als die meisten ihrer anderen. Der Text spricht mir aus dem Herzen:

[…]

Es gibt Frontex und push-backs,
Zäune, Waffen, Flüchtlingsabwehrkonferenzen.
Das Mittelmeer wird ein Massengrab.
Es gibt Grenzen.

Sie führen zu Nationalismus mit seinen
bekloppten Konsequenzen,
Man entrechtet Leute, nur weil sie von irgendwo kamen.
Es gibt Grenzen.

Könnten Sie diese Antwort bitte
sinngemäß richtig ergänzen:
was liegt möglicherweise im Kern des Problems?
Es gibt Grenzen.

Ich melde mich ab, gebt mir einen Pass,
wo „Erdenbewohner“ drin steht.
Einfach nur „Erdenbewohner“.
Sagt mir bitte, wohin man da geht.

[…]

Ich schließe die Tür und genieße die Stille,
ich grenze mich ab, das muss sein.
Jeder hat seine Grenze, die ihn umgibt,
sie schließt ihn schützend ein.

Jeder Übergriff, jeder Schlag
verletzt ein Menschenrecht.
Warum schützt man die Grenzen der Staaten so gut
Und die Grenzen der Menschen so schlecht?

Sie müssen nicht zwischen den Ländern verlaufen,
aber zwischen den Menschen.
Nicht aus Stacheldraht sollen sie sein,
sondern aus Respekt.
Es gibt Grenzen.

Sie wusste gar nicht, dass sie Kleinkunst mache, sagte Dota Kehr 2011. Da nahm sie den deutschen Kleinkunstpreis entgegen. Ja, sie kann witzig sein, auch wenn sie sagt, sie habe nur zwei Arten von Songs, “traurige und beängstigende”. Nein, gerade deshalb ist sie es. Sie nimmt sich selbst nicht so ernst. Dota ist keine Rampensau, die es nicht abwarten kann, ihr nächstes Konzert zu geben und von hunderten Menschen bejubelt zu werden. Es geht ihr um die Musik. Ihre Musik, die großartig ist. Schrieb ich schon, dass ich sie gut finde? Tue ich. Ich sehe nur eine Frau lieber auf der Bühne und die singt manchmal Lieder von Dota. Verrückt, oder?

Am Ende war Dotas Kleinkunst für mich das Größte der letzten Woche. Sehr dankbar bin ich ihr dafür, dass sie mit der Ausnahme des grandiosen “Fahrtwind”, am Ende alle Songs gespielt hat, die ich und meine Begleiterin unbedingt hören wollten. “Wo soll ich suchen”, “Alles du, alles Dur”, “Warten auf Wind”, “Hoch oben” und “Zuhause” verliehen mir eine Gänsehaut. Hätte sie noch “Das Wesen der Glut” durch “Fahrtwind” ersetzt, wäre es vielleicht schon wieder zu perfekt gewesen? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass ich sehr große Lust hätte, zu ihrem nächsten Konzert am Freitag nach Soest zu fahren. Das wird sehr wahrscheinlich leider nichts, aber sie spielt öfter in Berlin und ich war sowieso eigentlich schon zu lange nicht mehr dort.

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