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Die geschenkte Präsidentschaft

10. November 2016

Das Unverständnis über die Wahl Donald Trumps scheint vielerorts beinahe greifbar. Ich habe dieses Wahlergebnis auch nicht vorausgesehen, aber es überrascht mich wesentlich weniger als viele andere. Dafür gibt es zwei Hauptgründe.

Donald Trump, October 2016 by Gage Skidmore (Quelle: https://www.flickr.com/photos/gageskidmore/29496578964/in/photostream/)

Der erste Grund ist das besondere amerikanische Wahlsystem, welches zwar alle vier Jahre für Kopfschütteln sorgt, aber in Anbetracht der Größe der Vereinigten Staaten nicht so absurd ist, wie es gerne dargestellt wird, sobald einem das Endergebnis nicht gefallt. Selbst wenn man nach diesem System bevölkerungsreiche Staaten wie New York, Illinois oder vor allem Kalifornien mit großem Vorsprung gewinnt, ist es zu wenig, sofern man gleichzeitig zahlreiche wichtige „Swing States“ wie Florida, Michigan, Pennsylvania, Ohio und Wisconsin allesamt verliert. Genau das ist in der vergangenen Nacht geschehen. In der Summe sicherlich nicht erwartbar, aber gleichzeitig nie ein unrealistisches Szenario. Nicht erst seit dem Brexit sollte allen außerdem klar sein, dass die Zuverlässigkeit von Demoskopie nicht gegeben ist, sofern die Margen zu gering sind.

Der zweite Grund ist Hillary Clinton und die Spitze der demokratischen Partei. Sie haben Donald Trump zum Präsidenten gemacht. Sie sind für dieses historische Debakel verantwortlich. Da hilft keine Heulerei über das Wahlrecht oder über dumme, alte, weiße Männer. Der Triumph Trumps wäre vermeidbar gewesen, wahrscheinlich sogar mit Leichtigkeit. Man hätte nur irgendwann verstehen müssen, dass die Abneigung und Ressentiments gegen Clinton eine extrem große Bürde sein würden. Man wollte es nicht einsehen und große Teile der liberalen Medien spielten mit.

Es wurde sich lustig gemacht über den manchmal etwas zerfahrenen, zauseligen Bernie Sanders mit seinen zu linken Ideen. Man setzte lieber auf das Altbewährte, auf das „Weiter so“ und verhinderte die Kandidatur, die sich Sanders mehr als verdient gehabt hätte. Bedenkt man, dass die demokratische Parteiführung die Vorwahlen nachweislich zugunsten von Clinton beeinflusst hat und Sanders dennoch über 20 Staaten gewann, kann ich etwas Schadenfreude nicht verbergen. Natürlich muss ich dazu alle Gedanken an Trump für einen Moment ausblenden.

Wäre das simple Ziel von Clinton und der Spitze der demokratischen Partei der Sieg und die Verhinderung von Trump gewesen, sie hätten irgendwann Sanders den Weg frei machen müssen. Die Machtbesessenheit von Clinton und zu viel fehlgeleitete Loyalität ihrer Kandidatur gegenüber, haben zum aktuellen Ergebnis geführt. Über Monate zeigten viele Umfragen, Analysen und Experten immer wieder auf, dass Sanders die besseren Chancen gegen Trump gehabt und die Wahl voraussichtlich souverän gewonnen hätte.

Selbstverständlich wären Erfolge in Staaten wie Texas, West Virginia oder Wyoming auch für ihn Utopie gewesen, aber das hätte keine Rolle gespielt. Schaut man sich das Wahlergebnis im Detail an, muss man fest davon ausgehen, dass Sanders alle Staaten, die Clinton gewonnen hat, auch für sich entschieden hätte. Dazu wären mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wenigstens drei der genannten Swing States gekommen. Zum Sieg völlig ausreichend.

Sanders hätte Kompromisse schließen und sich von einigen seiner Ziele schnell verabschieden müssen, wie es Obama und viele andere vor ihm auch taten. Dennoch wäre es unter ihm wesentlich realistischer gewesen, eine etwas sozialere, gerechtere, friedlichere Gesellschaft zu kreieren und die weitere Spaltung des Landes zu verhindern. Unter Clinton völlig unmöglich und unter Trump extrem unwahrscheinlich, selbst wenn dieser nun wöchentlich mehr Kreide frisst als Bugs Bunny Karotten.

Bernie Sanders wäre nicht der Präsident der christlichen Fundamentalisten geworden. Die religiös Verblendeten, die ungeborene Menschen gerne mit Gewalt schützen wollen, während sie Schwule, Lesben, Sozialisten oder Einwanderer aufs Tiefste verachten und mit solch blindem Hass begegnen, wie man ihn vom IS kennt oder jene, die schon vorwurfsvoll „Sozialismus“ brüllen, wenn ein Arzt einem am Knie blutenden Kind kostenlos ein Pflaster reicht? Nein, die hätte der gebürtige New Yorker auch nicht erreicht. Sehr wohl aber die gemäßigten Wähler, die das sogenannte politische „Establishment“ abstrafen wollten und sich mit Händen und Füßen gegen eine Frau wehrten, die seit Jahrzehnten in der US Politik auf höchster Ebene mitbestimmt. Wie die Ablehnung und der oft sogar spürbare Hass Clinton gegenüber derart auswuchern konnte, dass diese Menschen für einen rassistischen, sexistischen Milliardär, der in den letzten zwölf Monaten mit Lüge um Lüge und Beleidigung um Beleidigung aufwartete, stimmen konnten? Ja, das darf jede Beobachterin und jeden Beobachter trotzdem sprachlos zurücklassen.

Ich mag Hillary Clinton absolut nicht und ich bin froh, dass sie nicht Präsidentin wird. Isoliert betrachtet. Die Machtgeilheit und dieses Fake-Lächeln ekeln mich an. So authentisch, herzlich und versöhnlich eine Michelle Obama wirkt, so durchchoreografiert, berechnend und beinahe computergesteuert kommt einem Hillary Clinton vor. Vom „Ja“ zum Irakkrieg, dem Benghazi Debakel, ihrer Wallstreet Nähe bishin zur E-Mail Affäre, gibt es unzählige Ereignisse und Fakten, die gegen sie sprechen. Man kann ihr Scheitern aber nicht isoliert betrachten. Die Menschen haben sich für die deutlich schlechtere von zwei entsetzlich miserablen Alternativen entscheiden. Viele Konsequenzen sind nicht absehbar, einige schon:

Um auf Trump einzugehen, auf die kontinuierliche Marginalisierung von Fakten und die Relativierung von Beleidigungen wie Lügen in ungekanntem Ausmaß, ist heute für mich nicht der richtige Zeitpunkt. In spannenden und beängstigenden Zeiten kann man sich als nächstes immerhin auf die kommende Sendung des fantastischen John Oliver freuen. Nebenbei freue ich mich aktuell aber auch über etwas Anderes: Keine Kinder zu haben.

From → Politik

26 Kommentare
  1. heinzelmann permalink

    Ziegen: Trump muss einem nicht gefallen, aber er wird sich mit Putin besser verstehen als Frau Clinton, deshalb war ich für ihn: Sanders wäre sicher eine besondere Wahl gewesen, glaube aber nicht, dass ein Sozialstaatsanhänger Chancen in der USa hätte!schwule, Frauen, Multu-Kulti sind mir da nicht so wichtig wie ein gutes Verhältnis Russland-USA, auch und besonders in Europa!

    • Punkt 1 mit Putin ist nicht garantiert.
      Sanders war/ist sehr beliebt bei vielen Menschen, gerade jungen. Natürlich hätten die Konservativen ihn verteufelt, aber das tun sie sowieso mit jedem.
      Schon klar Ribi. Tatsache ist, dass alle Menschen in den USA, die nicht weiß und hetero sind, seit gestern ein noch unsicheres Leben führen und das sind mal locker 100 Millionen.

  2. heinzelmann permalink

    Mich interessiert die Wahl im nächsten Jahr bei uns weitaus mehr, aber die Amis sind wichtig, weil sie sich weiterhin als Weltmacht verhalten. Nein, Garantien gibt es nicht, aber es scheint in die Richtung zu laufen! Auch die USa hat ein Mega-Problem mit Masseneinwanderung, meist illegal! wenn es auch meist Christen sind!Mich interessiert ein Friede inEuropa mehr als die Einwanderung in die USA, die zu uns interessiert mich da mehr! Du immer mit deinen jungen Menschen, Sanders hatte auch gesetzte Unterstützer! Trum hat gewonnen. ich werde es überleben, die BRd und befreundete Staaten werden es überleben!Europa muss stärker werden, die BRd und ihre Kernverbündeten müsssen auch ohne die USa, auch mal gegen diese, ihre Interessen vertreten!

    • Trump kann ja mal versuchen, alle „illegal“ in den USA lebende Mexikaner abzuschieben. Wäre sicher lustig, wenn das ganze Land binnen kurzer Zeit komplett vor die Hunde geht. „wenn es auch meist Christen sind!“ finde ich lustig. Manmanman.

  3. Josh permalink

    Der grosse Vorteil von Sanders wäre gewesen, dass Trump den Anti-Establishment Vorteil nicht gehabt hätte.

    • Möglich. Sicher sind die Vorteile für die schwarze und hispanische Bevölkerung sowie für Moslems, die allesamt seit gut zwei Tagen unzähligen Beleidigungen, Beschimpfungen, Bedrohungen und körperlicher Gewalt ausgesetzt sind, eher gering.

  4. …da hatte ich auf einem Arbeitsblatt für die Schüler heute doch gar stehen, dass es auch gar nicht mal so schlimm ist, nicht vier Jahre Clinton´s „phony smile“ ertragen zu müssen – auch der Rest des ABs liest sich wie vieles von „dem hier“ auf Englisch – und war dann eine gute Einleitung zu B. Joels „Allentown“, mit dem man die meisten Gründe für die Wahl Trumps gut abhaken kann. Nach dem Mittwochmorgenschock um fünf gesellt sich mittlerweile so etwas wie Freude dazu, so absurd das auch klingen mag. Im Gegensatz zum Brexit ist Trump ja auch nicht irreversibel, aber auch bei Ersterem muss man sich gar nicht mehr so sicher sein. Es lässt auch hoffen, dass man als selbstsüchtiger Narzist geliebt werden möchte und erfolgssüchtig ist – wird Trump diesen Charakterzügen gerecht, wird er schon einen passablen Job machen. Für „weiter so“ steht er auch nicht, da er gar keinen Plan hat, was vorher war. Auch ein Trost, wenn man ans Trumpeltier im weißen Haus denkt. Da müssen bloß noch ein paar Stockwerke drauf, sonst fühlt Donald sich nicht heimisch. Wenn die Mexikaner noch ein paar Steine übrig haben…

  5. heinzelmann permalink

    Ziegen: Du neigst dazu, der Mehrheit Vorwürfe zu machen. Mich geht nur an, wie er sich gegen die BRD und eine Art Kerneuropa darum verhält!!Fehlt noch Dein Dauernbrenner, Städte gegen böses Land!!

    • Ich mache jedem einen Vorwurf, der Gerechtigkeit, Fortschritt, Wandel, etc. ablehnt. Ansonsten nicht vom Thema abschweifen…

  6. Heinzelmann: Du entlarvst dich als unwissend. Bitte mehr Zeitung und Geschichtsbücher lesen. Und dann erst wieder kommentieren. Danke.

  7. heinzelmann permalink

    Trackquenn: entlarvt Du Dich als Mann oder Frau? Ich komme aus der Politikwissenschaft, Du auch, werter Herr/ wertes Fräulein? Ihr MInderheiten solltet die Debatte nicht alleine behersrchen! Ist ja alles so rechts!

  8. heinzelmann permalink

    Nadine: Mit Geschichte meint die werte Dame bestimmt den dt. Dauerbrenner oder?Künstler hassen die Völker, welche ihnen die Kunst erst erlauben!

  9. Wer Männer von Frauen nicht gleich unterscheiden kann, ist wahrscheinlich auch in anderen Dingen nicht sonderlich differenziert.
    Aha, du „kommst“ also aus der Politikwissenschaft. Übersetzt heißt das 2 Semester gucken.
    Macht ja nix. Alles Gute und ade.

  10. heinzelmann permalink

    Nadine: Spare Dir doch die Besserwisserei, bin gerne bereit, die Zahl der gelesenen polit. und historischen Bücher mit einer Germanistin zu vergleichen, danke und ende!

  11. heinzelmann permalink

    king: Ja, aber selbst ich als Frauenversteher , fast als Weichei gegen Damen, ärgere mich über solche Angriffe.Verstehe Trump derzeit so, dass er zurückrudert! Die Abschiebungen wird es geben, waren auch versprochen, wollen seine Wähler auch mehrheitlich!Warten wir doch mal ab! Will er für einen Dollar arbeiten, nicht schlecht!? Dies mit Russland und China, davon gehe ich stark aus!

    • Er hat viel versprochen. Entweder zieht er es durch, was in vielen Fällen schlecht wäre oder nicht: Dann hat er im Wahlkampf gelogen. Sein voraussichtliches Kabinett hat jedenfalls schon mal 0 mit Anti-Establishment zu tun.

      Finanziell ist es immer einfach, auf etwas zu verzichten, wenn der Verzicht 0 Auswirkungen auf das eigene Leben hat. Das gilt nicht nur für Trump.

  12. heinzelmann permalink

    king: Thema ist der Respekt vor Wahlentscheidungen!!

  13. heinzelmann permalink

    Ich halte es für einenWitz, dass Sanders die Wahl hätte gewinnen können! Danke Kümmern wir uns doch mehr um unser Europa!

    • Selbstverständlich hätte Sanders die Wahl gewinnen können, bzw er hätte die Wahl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gewonnen. Soll ich es nochmal erklären?

  14. heinzelmann permalink

    king: Versuche doch keien pseudolinke Besserwisserei! Welcher Politologe, ausser linksaußen gestrickte, würde dies so sehen? Die USA hat solchen Leuten nie eine Chance gegeben! Trump will abschieben, mal sehen, ist das Recht jedes Landes, BRD ist da 4. Klassig!Trum ist der gewählte Präsi, lalalalalal

    • Hahaha, Du wirfst mir Besserwisserei vor? Wie lächerlich. Allgemeinplätze wie „Die USA hat solchen Leuten nie eine Chance gegeben“ sind auch peinlich. Es geht nicht einmal um links und rechts, sondern um Umfragen, Einschätzungen und Logik.

      Clinton ist trotz ihrer unfassbaren Unbeliebtheit auf 232 electoral votes gekommen. Die meisten ihrer Staaten hat sie locker gewonnen. Zum Beispiel Kalifornien mit über 60%, New York mit knapp 60% oder New Jersey mit immerhin noch 55% zu 41,8&. Das sind allein schon 99 electoral votes. Es gibt lediglich zwei Staaten, die Clinton nur knapp gewonnen hat. Man kann davon ausgehen, dass Sanders die alle auch gewonnen hätte. Hinzu hätte er in zahlreichen Swing Staates gute Chancen gehabt. Ohne die Bürde zum politischen Establishment zu gehören und so Trump seinen größten Vorteil zu nehmen, hätten ihm schon die extrem umgekämpften Florida und Pennsylvania gereicht, um die Wahl zu gewinnen. Da müsste man über Wisconsin und Co. gar nicht mehr nachdenken.

      Trump hat am Ende nicht gewonnen, weil die Menschen ihn wollten, sondern weil die Menschen Clinton nicht wollten. Ich bin sicher, dass viele Frauen Trump schweren Herzens gewählt haben. Auch wieder eine Frage der Logik. Wer stimmt schon für jemanden, der einen beleidigt? Hier hätte Sanders hunderttausende, wahrscheinlich Millionen Stimmen mit Leichtigkeit abgeräumt.

      Schon vor Monaten haben Experten deutlich gemacht, dass Sanders es leichter gegen Trump haben würde als Clinton und viele haben gewarnt. Kann man alles nachlesen. Nicht zu unterschätzen ist nebenbei auch die Anzahl der Männer, die aus Prinzip einfach (noch) keine Frau wählen.

      Ach und Heinzelmann: Eine weitere unqualifizierte, unreflektierte, dumme Antwort gebe ich nicht frei.

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