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Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 4

2. März 2016

Als ich die Seine erreicht hatte, dachte ich an das fabelhafte Konzert von Serj Tankian im Le Bataclan zurück. Genau jenes Theater, exakt der Veranstaltungsort für kleinere Konzerte, welcher etwa zwei Monate später weltweit bekannt wurde, aus allen nur denkbar beschissenen, falschen Gründen.

Vor dem Seitenausgang, wo ich mir im August 2010 nach dem Auftritt des tapferen, erkältungsgeplagten Tankian allein und in aller Ruhe ein frisches T-Shirt angezogen und das verschwitzte in meinen Rucksack gestopft hatte, humpelten angeschossene Menschen durch die Gegend. Viele verloren im Innenraum ihr Leben, erschossen von verblendeten, geisteskranken Individuen, für die ein Platz in der Hölle ein viel zu angenehmer Ort wäre. Ich sehe die Bilder vor mir und schüttele traurig mit dem Kopf. Immer wieder. Deshalb habe ich solange gebraucht, um diesen Text zu schreiben.

Surreal, krank und zutiefst verstörend empfand ich die Szenen des November 2015. Ich starrte nach der verheerenden Nachricht mehrmals auf meine vergilbte Konzertkarte und konnte all das, was ich in den Nachrichten sah, nicht wirklich glauben. Für viele war es im Endeffekt bei aller Betroffenheit doch nur ein Nachbarland. Ein Terroranschlag um die Ecke in Köln oder Dortmund hätte mich persönlich jedoch weniger berührt, was selbstverständlich nicht heißt, dass ein solcher nicht genauso schlimm gewesen wäre. Mais Paris? Mon Paris? Pourquoi?

„Die westliche Art des Lebens sei pervers“, lautet seitens islamischer Fundamentalisten oft der Vorwurf. Das stimmt auch, aber dieses perverse Leben mit noch perverseren Maßnahmen bekämpfen zu meinen, ist ein lächerlicher und heuchlerischer Scheiß, auf den nur völlig verblendete Individuen kommen können. Der französische Schriftsteller Michel Houllebecq bezeichnete den Islam einst als „die dümmste Religion“. Mittlerweile würde ich ihm nicht mehr widersprechen. Als ehemaliger Katholik bin ich persönlich aber einfach froh, diesen ganzen bescheuerten Religionsunsinn hinter mir gelassen zu haben. Ich würde mich zwar immer noch eher Agnostiker als Atheist nennen, aber an etwas wie Gott zu glauben, ist für mich grundsätzlich albern. Warum nicht auch an Einhörner glauben, leckeres alkoholfreies Bier oder an Spiderman?

An dem Abend meines Besuchs wirkte Paris friedlich. Viele Menschen feierten, gingen in kleineren und größeren Gruppen in Restaurants, tranken und genossen ein paar schöne Stunden. Nachdem ich die Seine überquert hatte, hielt ich mich in den Straßen um den Place Saint-Michel auf. Plötzlich befand ich mich in einer Ansammlung chinesischer Touristen, die aufmerksam ihrem Guide lauschten. Die Damen und Herren standen so eng beisammen, dass ich nicht gleich entfliehen konnte. Ganz unvermittelt erzählte mir eine kleine Chinesin in ihrer Muttersprache etwas, ohne mich anzusehen. Ich stutzte, sie blickte mich an und erschrak. Offensichtlich hatte sie an meiner Stelle eine Begleiterin oder vielleicht ihren Mann vermutet. Ich tat so, als hätte ich mich ebenfalls erschrocken. Die Dame quittierte meine kleine Schauspielleistung mit einem Lachen, ich nickte ihr freundlich zu und suchte einen Ausweg aus der asiatischen Belagerung.

Ich ging in den Pub „The Great Canadian“. Ich wusste, dass sich dort manchmal ein paar Eishockeyfans meiner Montreal Canadiens trafen und außerdem sollte es Poutine geben, eine Spezialität aus Québec mit Pommes Frites, Bratensauce und Cheddar Käse, von der es zahlreiche Variationen gibt. Mehr oder weniger zufällig trug ich an diesem Abend meine Montreal Canadiens Trainingsjacke, was dazu führte, dass ich etwas Einmaliges erlebte. Noch nie war mir das in Frankreich oder Québec passiert. Ich wurde vom Kellner auf Englisch begrüßt. Ich war perplex und verstehe das bis heute nicht wirklich, aber für bemerkenswert halte ich es ohne Zweifel. Eigentlich hätte ich nachfragen müssen, tat es aber nicht.

Der Kellner kam tatsächlich aus Kanada und seine Muttersprache war unverkennbar Englisch. Wir unterhielten uns nur kurz, aber es war ein angenehmes Gespräch. Die Poutine enttäuschte anschließend leider vollends. Viel hatte ich nicht erwartet, aber ein bisschen mehr wie die guten Exemplare in Montréal hätte sie schon sein dürfen. Immerhin schmeckte das Bier, was man bei 8 Euro für einen halben Liter aber auch erwarten darf. Jaja, Paris und die Preise. Nicht schön, aber wäre diese Stadt etwas günstiger, würde es von Touristen noch mehr wimmeln und das braucht diese sicher nicht.

Während ich mein zweites Bier trank und überlegte, wo es im Anschluss hingehen sollte, verfolgte ich ein Gespräch zwischen drei Bekannten, etwa Mitte 30, die sich zwei Tische weiter angeregt unterhielten. Ihr Thema waren Menschen und das Reisen. Was hätte es passenderes und interessanteres in diesem Augenblick geben können? Nachdem sich alle ein paar Minuten Klischees über andere Nationen um die Ohren gehauen hatten und ich schon gelangweilt auf mein Smartphone schaute, wurde es doch noch spannend. „Deutsche müssen einen immer belehren und ihre Sicht der Dinge aufzwingen“, sagte der größte, der die gesamte Zeit seinen langen, beigen Mantel nicht ablegte. „Das machen sie immer“. Für einen Moment überlegte ich hinzugehen und ihn darüber zu belehren, dass das nicht alle Deutschen tun.

Nach einem weiteren Bier machte ich mich für meine Verhältnisse schon relativ früh auf den langen Fußweg zurück zum Hotel. Ich wollte am Vormittag unbedingt noch zwei Stunden durch Montmartre laufen und etwas Anständiges zum Frühstück essen. Genau das tat ich auch. Meine Wahl fiel auf ein Croissant, das man in dieser Qualität in Deutschland nur sehr, sehr selten bekommt und auch der Schoko-Muffin wusste zu überzeugen. Ein kleiner Trost für die Poutine des Vorabends. Ich beendete meinen zu kurzen Paris-Abstecher mit einem Spaziergang nach Sacré-Cœur. Wie gerne wäre ich noch zum Friedhof Père Lachaise gegangen, wie gerne hätte ich mich noch in den Jardin des Tuileries gesetzt, wie gerne so viele andere Dinge gemacht…

Stattdessen setzte ich mich in mein Auto, manövrierte es durch das Parkhaus und machte mich auf den Weg zur Autobahn. Meine Laune verschlechtere sich zum einsetzenden Regen. Nach ein paar Minuten mussten die Scheibenwischer Schwerstarbeit verrichten. Auch auf den letzten paar Hundert der etwa 1600 Kilometern durch vier europäische Länder zeigte sich kaum Aufheiterung. Immerhin passte es zu meiner Stimmung, die sich erst änderte, als ich überlegte, wie viele schöne Orte ich in den vergangenen Tagen gesehen hatte. Ich dachte an Russland, die Mongolei, Kalifornien und Kanada zurück. Jede Reise hat ihre Höhen und Tiefen, aber die Höhen dominieren immer. Jede Reise lässt mich vor dem nächsten Kontoauszug daheim etwas zittern, doch vor allem macht am Ende jede Sinn. Für mich. Auf welche Weise auch immer. Vom Portemonnaie abgesehen, kommt man immer reicher zurück.

2015-09-22 09.43.35

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 1

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 2

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 3

From → Allgemein, Reise

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