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Filmtipp: Toni Erdmann

19. Juli 2016

Es kommt äußerst selten vor, dass ein deutscher Film in Cannes nur knapp an der goldenen Palme vorbeischrammt und aus vielen europäischen Ländern wie sogar aus Nordamerika begeisterte Anfragen erhält. Genau dies ist bei Maren Ades „Toni Erdmann“, der seit Donnerstag in den Kinos zu sehen ist, verdientermaßen geschehen. Ich habe mir ein Bild gemacht und kann die Lobeshymnen verstehen.

Toni

Ines bekommt eine richtig gute Käsereibe geschenkt

Die eigentliche Geschichte dieses Films ist schnell erzählt: Der pensionierte, allein lebende Musiklehrer Winfried Conradi möchte nach dem Tod seines Hundes wieder einen engeren Kontakt zu seiner Tochter Ines aufbauen. Diese lebt und arbeitet als erfolgreiche Unternehmensberaterin in Bukarest und ist gerade damit beschäftigt, ein Konzept zur Vernichtung von Arbeitsplätzen zu erstellen. Mit seinen konventionellen Versuchen scheitert Winfried, der es fortan in der Rolle des Toni Erdmann versucht. Mit falschen Zähnen und billiger Perücke ausgestattet, bringt er sich und seine Tochter als angeblicher deutscher Botschafter, Coach oder Consulting-Berater, in amüsante und peinliche Situationen.

Was in billigem Klamauk hätte enden können, macht die Regisseurin Maren Ade zu einem großen Film, was wiederum wohl nur den wenigsten gelungen wäre. Mit „Alle anderen“ deutete sie schon 2009 ihr Talent an, wobei das Beziehungsdrama mit Birgit Minichmayr und Lars Eidinger weder die Tiefe, noch den Humor von Toni Erdmann hat und mich beim Zusehen teilweise etwas anstrengte. Toni Erdmann strengt nicht an und langweiligt auch keine Sekunde, selbst wenn er mit 163 Minuten nicht gerade kurz geraten ist. Mit der Auswahl ihrer Schauspieler lag Ade goldrichtig. Der Österreicher Peter Simonischek spielt Toni Erdmann auf eine sehr überzeugende, nicht zu aufdringliche Art, während Sandra Hüller als Ines Conradi brilliert. Ob als genervte Tochter oder kalte Geschäftsfrau, man nimmt ihr alles ab. Sie wird für diese Rolle noch jede Menge Preise bekommen und ich gönne ihr jeden einzelnen.

Eine interessante Frage von Toni Erdmann ist die danach, wer eigentlich unglücklicher ist: Der Vater, der in die Rolle eines fiktiven Charakters schlüpfen muss, um seiner Tochter näherzukommen  oder die Tochter selbst, welche abseits ihres Berufes weder ein wirkliches Leben führt, noch eine echte Identität zu haben scheint? Wahrscheinlich nehmen sich beide nichts. Beim Vater liegt alles nach ein paar Filmminuten auf der Hand, bei der Tochter muss man allenfalls kurz hinter die Fassade schauen. Wobei das allerdings nur nötig ist, wenn man die Möglichkeit in Betracht zieht, dass ein Mensch zufrieden damit sein kann, in einem deutlich ärmeren Land für Entlassung von vielen Menschen mitverantwortlich zu sein und dafür auch noch sehr gut bezahlt zu werden.

Im Vorfeld las ich einiges über diesen Film und kann nicht glauben, dass er tatsächlich einmal als Drama und mehrmals als Komödie bezeichnet wurde. Toni Erdmann ist eine Tragikomödie, von deren Qualität man in diesem Jahr wohl kaum eine zweite in den Kinos finden wird. Eine weitere große Stärke von Ades drittem Spielfilm neben den Schauspielern und vieler Ideen ist seine Unvorhersehbarkeit. Der Zuschauer wird immer wieder überrascht und kann sich nie sicher sein, was die nächsten Minuten bringen werden. Ein Höhepunkt stellt da die unerwartete Gesangseinlage von „Whitney Schnuck“ dar. Für diese gab es in Cannes sogar Szenenapplaus. Gibt es auch Kritikpunkte? Am Film selbst nicht, aber der Trailer hätte mich von einem Kinobesuch kaum nicht überzeugt, eher im Gegenteil. Davon sollte sich aber wirklich niemand beeindrucken lassen.

From → Film + TV

2 Kommentare
  1. heinzelmann permalink

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