Skip to content

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 3

29. Februar 2016

Viele Monate sind mittlerweile vergangen, doch mein Ausflug nach Étretat war ein uneingeschränkter Erfolg. Innerhalb weniger Stunden gewann diese kleine Stadt an der französischen Westküste mein Herz. Claude Monet und Henri Matisse hatten hier ihre Zeit nicht verschwendet. Genauso wenig wie ich.

2015-09-20 22.15.49

Am Ende weiß man nie, ob man wiederkommen wird, so sehr man einen bestimmten Ort auch mag. Ich würde es gerne, aber das habe ich nicht selten in Bezug auf andere ebenso gedacht. Manchmal hat es geklappt, manchmal wird es bei dem einen Besuch bleiben, doch das ist nicht schlimm, wenn einem die Erinnerung stets Freude bereitet. Zumindest so wird es sein, mit Étretat und mir. Eventuell geht doch noch mehr, wer weiß?

Der Sonntagabend im September 2015 hatte mir ein köstliches Essen beschert. Pâté, Meeresfrüchte und ein guter Rotwein in aller Ruhe, während am Nebentisch ein Ehepaar verzweifelt versuchte, das kleine Töchterlein im Zaum zu halten. Ich fühlte mich nicht im Geringsten von ihnen gestört, genoss still meine Mahlzeit und den Wein, während ich mich auf einen Strandspaziergang am späten Abend freute.

Gegen 22 Uhr war niemand mehr unterwegs, abgesehen von einem jungen Mann mit seinem Hund und mir. Ich nickte den beiden freundlich zu, aber sie ignorierten mich. Der eine wollte scheinbar schnell nach Hause, der andere lieber die Promenade verlassen, um den Strand zu erobern. Ich überlegte mir derweil, ob Étretat der richtige Ort sein könne, um den Roman zu schreiben, der schon seit langer Zeit immer wieder in meinen Gedanken herumspukte.

Am Vormittag ging ich zur Post, kaufte zwei Briefmarken, warf die beiden Karten ein und machte mich auf nach Le Havre, von wo mein Weg nach einer kurzen Mittagspause weiter nach Paris ging. Ich mag Hamburg sehr, London ist zweifellos eine besondere Stadt, Prag nicht uninteressant, aber keine andere in Europa hat mich je so gepackt wie Paris, wenn man Budapest außer Acht lässt, doch meine Liebe zu der wundervollen Stadt an der Donau erklären? Das würde zu weit führen.

Im Anschluss einer kleinen unspektakulären Pause in Le Havre fuhr ich ohne weiteren Stopp durch, ehe ich an dieser Kreuzung mit meinem unschuldigen Mietwagen stand, der gerade 11.000 Kilometer auf dem Tacho hatte. In Paris. Wir waren verloren, vor einer verdammten Ampel. Im Chaos, im Lärm der Großstadt. Mein Auto und ich. Hinter mir hupte irgendein Spinner aus unerklärlichen Gründen. Die Stadt der Liebe, excusez-fucking-moi? „Die Liebe ist ein wildes Tier“, heißt es bei Rammstein. Vielleicht ist dann die Stadt der Liebe ein Zoo? Von rechts drängte ein Taxi aggressiv in meine Spur, während scheinbar aus dem Nichts plötzlich zwei Rollerfahrer an mir vorbeizogen. Wie hatten sie das geschafft und warum kämpften sie sich durch scheinbar kaum existente Lücken?

Das Wetter präsentierte sich deutlich unangenehmer als in den vergangenen Tagen. Dunkle Wolken und immer wieder ein kleiner Schauer.  Keine Sonnenstrahlen weit und breit, doch trotzdem saß ich irgendwann dank des Straßenverkehrs verschwitzt hinter meinem Steuer und drängelte spontan einfach munter mit. Scheiß drauf, Paris ist nur einmal im Jahr. Mietwagen oder nicht, auch egal, dachte ich mir. Wahrscheinlich kracht es bald, meine Mutter wäre sicher schreiend und heulend ausgestiegen. Ich fand jedoch langsam Gefallen an dem Wahnsinn. Anarchy in the Land of Croissants and Bouillabaisse. Jusqu’ici tout va bien.

Mein Kopf schmerzte, die Ruhe war verflogen, aber ich da, in der faszinierendsten Stadt Europas. London? Fuck off! Ich hörte den Soundtrack der fabelhaften Welt der Amélie in meinem Kopf und wollte zum Canal Saint-Martin sprinten, um dort Steine springen zu lassen. Zu der Szene aus einem meiner Lieblingsfilme in meinem Schädel knallte es nicht, warum auch immer? Diese verrückten Rollerfahrer machten mir am meisten Angst, aber am Ende passierte nichts. Glück, Zufall, keine Ahnung, es war egal. Ich war unbeschreiblich erleichtert, als ich schließlich eine kleine Parklücke vor dem Hôtel de France auf dem Boulevard Barbès erobert hatte. Ein Gefühl, als wäre ich nach einer langen Reise zuhause angekommen und irgendwie stimmte das auch.

In meiner Unterkunft  wurde ich außergewöhnlich nett begrüßt, bekam eine kleine Fernbedienung für das Parkhaus nebenan in die Hand gedrückt, noch bevor ich bezahlen musste. Ich war so erschöpft, dass ich mein Französisch nicht bemühen wollte und kommunizierte mit den beiden Männern an der Rezeption zunächst lieber auf Englisch. Nachdem sie neugierig fragten, ob ich auch Französisch sprach, gab ich mir Mühe, die mit Anerkennung belohnt wurde. In Paris kann man für die traurigste Bruchbude verantwortlich sein und wird immer noch genügend Gäste haben. Deshalb schätzte ich die Freundlichkeit des Personals umso mehr.

Das enge Parkhaus bescherte mir die nächste Hürde des Tages, doch ich meisterte auch diese irgendwie. Mein Hotelzimmer machte einen sehr anständigen Eindruck, einfach doch sauber. Ich konnte noch riechen, dass am Morgen das Bad gründlich gereinigt worden war. Alles andere als schlecht in Montmatre für nur 60 Euro pro Nacht, den Parkplatz nicht eingerechnet. Ich legte mich ein paar Minuten auf das frisch gemachte Bett und atmete durch. Eigentlich hätte ich einen Drink vertragen können, die Minibar suchte ich allerdings vergebens.

Etwas später inspizierte ich die nähere Umgebung. Die Straßen waren überlaufen, der Lärm, die Hektik und der Geruch der Großstadt übermannten mich. An jeder Ecke standen Männer afrikanischer Herkunft, die Maiskolben auf Eimern grillten, ein Handy-Shop nach dem anderen tauchte vor mir auf. Anzugträger, Frauen mit Kopftüchern und Touristen mit ihren Rucksäcken und Fotoapparaten hetzten in Richtung unterschiedlichster Ziele. Lärm, Hektik, der Geruch von Schweiß, Holzkohle und Autoabgasen ohne Unterlass. Ich sehnte mich für einen Moment nach Ètretat zurück.

Natürlich stand trotzdem das Ritual an, welchem ich in Paris jedes Mal nachgehe. Ich schlenderte zum Gare du Nord, warf einen Blick auf die bekannte Brasserie Terminus Nord und befand mich schließlich wieder auf der Rue St-Denis, einer meiner Lieblingsstraßen. Nur der Boulevard St.Laurent und die St-Catherine in Montréal bedeuten mir aus unterschiedlichen Gründen mehr. Ich könnte immer wieder stundenlang dort spazieren gehen. Hier herrscht das wahre Großstadtleben. So traurig und gleichzeitig für mich stets faszinierend.

All der Trubel, die Rastlosigkeit, die feiernden Menschen, hart arbeitende, selbstständige Leute und deren gelangweilte Angestellten in einem kleinen Kiosk oder einer Fastfood-Bude, Nutten auf der Suche nach Kunden, desorientierte, manchmal völlig verlorene Touristen, Obdachlose, Alkoholiker, aber auch Personen mit zu viel Geld, die in hippe Läden gingen, während andere wenige Meter weiter ein paar Euro zu erbetteln versuchten. All das packt mich immer wieder. Beeindruckt mich, macht mich betroffen und auch froh, weil ich an keinem langweiligen Ort bin und das echte Leben beobachte. Neugierig, skeptisch und demütig. An dieser Stelle, in dieser Straße, auch wenn sie sich im Laufe der Jahre deutlich verändert hatte, war ich wieder in meinem Paris.

Ich möchte in dieser Stadt nicht leben, so sehr ich Paris auch liebe, aber wenn ich dort bin, fühle ich mich geborgen. In der Anonymität, im Chaos des Weltstadtlebens spüre ich meine Irrelevanz, während andere Leute verzweifelt nach Aufmerksamkeit gieren. Ich genieße meine Unbedeutsamkeit und fühle eine Überlegenheit gegenüber den Menschen, die diese nie ertragen und akzeptieren könnten. Ich muss mir keine Mühe geben, unscheinbar zu sein. Ich bin es und das befreit mich in von all dem Wahnsinn des Alltags. Alles macht für einen Moment, für ein paar Minuten Sinn, weil so wenig Sinn macht.

Der vierte und letzte Teil dieser Geschichte folgt morgen.

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 1

Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 2

2 Kommentare
  1. Paris, Paris. Ja, diese Stadt verschlingt einen. Sie ist auch mein Zuhause. Aufgrund der Geschichte und der Kultur. Einfach berauschend. Auf den Straßenverkehr könnte ich allerdings verzichten.😉

Trackbacks & Pingbacks

  1. Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 4 | Ziegenhodensuppe           

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: