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Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 1

8. Oktober 2015

Ich wusste, ich konnte nicht mehr weit entfernt sein. Der Name der Ausfahrt war mir jedoch entfallen und so schaute ich immer wieder ungeduldig aus den Seitenfenstern meines Autos. Als ich schon etwas verunsichert war, sah ich von einem Moment auf den anderen die zweite Station meiner Reise ganz unvermittelt. Der Dschungel tauchte zu meiner rechten auf.   

In Düsseldorf begann meine kurze Reise Mitte September. An einem gewöhnlichen Donnerstag holte ich den Mietwagen ab, verstaute meinen großen Rucksack im Kofferraum, stellte den kleinen auf den Beifahrersitz und los ging es. Brügge hieß mein erstes Ziel. Ein lohnenswertes, wie ich finde. Das historische Zentrum der größten Stadt Westflanderns ist überaus sehenswert. Der Grote Markt, Rozenhoedkaai und das Rathaus gehören zu den touristischen Pflichtorten. Man findet viele wundervolle Häuser, hübsche Brücken und Kirchenliebhaber kommen auch auf ihre Kosten. Angenehm empfand ich es, ziellos durch all die kleinen Strassen und Gassen zu schlendern, in denen lokale Produkte in sympathischen Läden verkauft werden. Manchmal duften Schokolade und Pralinen bis auf die Straße hinaus.

Das zum großen Teil hervorragende belgische Bier und leckere Pommes Frites sind weitere Gründe, für die sich lohnt, ein Wochenende in Brügge zu verbringen. Mehr als zwei Übernachtungen muss man andererseits nicht einplanen, denn außerhalb der Altstadt scheint Brügge ein gewöhnlicher 120.000 Einwohner-Ort, der für viele Menschen international erst durch Martin McDonaghs sehenswerten Film „In Bruges“ (auf deutsch: „Brügge sehen… und sterben?“) große Bekanntheit erlangte. Ich selbst machte mich aus Zeitgründen leider schon am nächsten Mittag auf die Weiterfahrt, natürlich nicht ohne Schokolade als Mitbringsel. Nach längerem Überlegen hatte ich mich allerdings für die falsche entschieden, wie mir gut eine Woche später leider mitgeteilt wurde.

Mein nächster Stop hieß Calais, eine Hafenstadt, die man eigentlich nicht sehen muss. Eigentlich. Mein blöder Steigerungsgag „Doof, Dover, Calais“ ist fraglos übertrieben, aber wäre dieser Ort nicht ein Synonym für die europäische Hilflosigkeit in der Flüchtlingsfrage, könnte man ihn beruhigt links liegen lassen, ohne das ich diese Stadt als hässlich oder unsympathisch beschreiben möchte. Das ist Calais nicht, doch abgesehen vom Markt am Samstagmorgen und dem Blick aufs Meer, gefiel mir dort nichts sonderlich. An Calais vorbeifahren konnte ich nicht, wollte ich nicht, durfte ich nicht. Im September 2015 war es für mich keine Option. Ich sah Flüchtlinge, die auf dem Standstreifen der Autobahn Richtung des Eurotunnels laufen. Menschen, die in der Stadt vor Kirchen und in Zelten leben oder im Dschungel hausen. Männer, Frauen und Kinder auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben.

Einige Zeit hatte es gedauert, ehe ich schließlich ein günstiges Hotel in zentraler Lage fand. Die meisten waren tatsächlich ausgebucht. Die Milf an der sauberen und aufgeräumten Rezeption zeigte sich äußerst freundlich und empfahl mir einen kostenlosen Parkplatz, der sich nur etwa 100 Meter entfernt befand. Beim Check-in sah ich neugierig auf den Bildschirm des PCs der Dame. Sie gab meine Daten ein und löschte dabei den Geburtsort des letzten Gastes, der in das Hotel gekommen war. Ein Mann aus Syrien, wie ich wenig überraschend feststellte. Ich ging auf mein Zimmer, welches guten 2-Sterne-Standard vorwies und dachte an all die Menschen, die in dieser Freitagnacht in Zelten, unter Planen, vor Kirchen oder unter anderen widrigen Umständen in Calais übernachten würden. Ich fühlte mich mies. Diese Menschen träumten von Großbritannien. Für viele wird sich dieser vielleicht nie erfüllen, während ich bequem in meinem Mietwagen nach London, Birmingham oder Liverpool hätte fahren können. Ich wollte es jedoch gar nicht.

Ich sah die müden Afrikaner vor meinem geistigen Auge. Die verzweifelten Gesichter, die ich am Nachmittag an einem deutschen Discounter in unmittelbarer Nähe des Tunnels beobachtet hatte. Wäre mir irgendeine realistische Möglichkeit in den Sinn gekommen, sie nach England zu bringen, hätte ich nicht gezögert. Ich dachte an die Familie mit den beiden kleinen niedlichen Kindern, die am Rande des Dschungels verlassen auf einem Hügel saß. Der Vater tippte etwas in sein Handy, Mutter und Kinder starrten ins Leere. Gestrandet in einem der schönsten Länder Europas, so nahe an ihrem großen Ziel und dennoch verzweifelnd weit davon entfernt. Ich hoffe noch immer, dass sie es eines Tages schaffen werden. Vielleicht wären sie dort schon schnell zufriedener, als ich in Düsseldorf.

Immer wieder traf ich bei einem Spaziergang auf junge Afrikaner, die scheinbar ziellos durch die Straßen zogen. Oft trugen sie Kapuzenpullover, alte Hosen, abgenutzte Schuhe und blickten auf den Boden. Nicht selten bemerkte ich sie schon von weitem aufgrund ihrer gesenkten Häupter, als wollten sie damit etwas ausdrücken. Ich hätte gerne ihre Geschichten gehört. Ich hätte gerne gewusst, von wo sie kamen, wie lange sie bis Calais gebraucht hatten und wie sie sich im Alltag mit ihrer Situation zu arrangieren versuchten.  Ich wusste lediglich, wohin sie wollten. Mehr würde ich nie erfahren.

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Wieder fühlte ich mich mies. Auf meinen Schultern spürte ich eine Last, die ich nicht abschütteln konnte. Es war keine Last der Schuld, sondern eine der Hilflosigkeit, so irrational das manchen auch vorkommen mag. Sie war einfach da. Etwas widerwillig suchte ich mir ein Restaurant und setzte mich draußen an einen freien Tisch. Essen musste ich schließlich trotzdem. Eine riesige Schüssel mit frischen Muscheln und selbstgemachten Pommes Frites als Beilage für nur elf Euro, stand wenig später vor mir. Genießen konnte ich das Essen nicht. Warum hatte ich meine Reise an diesen Ort nicht besser geplant, warum keine Kontakte geknüpft, warum nicht ein paar Spenden gesammelt, um dann Dinge Menschen zu geben, die sie wirklich benötigten? Ich kannte die beiden Gründe, doch in diesem Moment haderte ich mit ihnen. Die paar Utensilien in meinem Kofferraum waren lachhaft. Vielleicht muss ich zurückkommen. Und dann? Der verdammte Tropfen auf den beschissenen heißen Stein.

Als ich in meinen Gedanken versunken langsam die nur noch lauwarmen Muscheln aß, setzten sich zwei Männer an den Tisch gegenüber. Vielleicht Syrer, ich wusste es nicht. Der größere der beiden mit den schwarzen Haaren, dem Dreitagebart und der unauffälligen Kleidung, bestellte zwei Espresso und zwei Wasser. Sein kleiner, dicker und zunächst sehr schweigsame Freund mit dem Metallica Kapuzenpulli, schaute gelangweilt auf den Tisch. Sie schnappten sich einen Aschenbecher, rauchten und unterhielten sich dann leise, während ich mich mich wieder meinen inzwischen fast kalten Muscheln widmete. Ein paar Minuten später kam der Kellner zurück, brachte die bestellten Getränke und wollte sogleich abkassieren. Ich stutzte und beobachtete die Situation skeptisch. Niemand hatte von mir verlangt, direkt zu zahlen.

Der kleine Dicke zeigte sich unbeeindruckt, der andere runzelte die Stirn, starrte den Kellner an und fragte leicht verärgert nach, wobei ich den genauen Wortlaut ihres kurzen Gesprächs nicht verstehen konnte. Sie unterhielten sich auf Englisch, doch der Geräuschpegel von den anderen Tischen war inzwischen zu laut. Keinen schien die Situation sonst zu interessieren. Der Mann kramte einen Schein aus seinem Portemonnaie und zahlte kopfschüttelnd. Das Wechselgeld lehnte er ab. Ich musste lächeln. Die meisten Menschen hätten wahrscheinlich anders gehandelt. Der Kellner bedankte sich, steckte das Trinkgeld ein und ging mit leicht gesenktem Kopf zurück ins Restaurant. Sah ich gerade jemanden, der sich auch hilflos und womöglich mies fühlte?

Das Schauspiel wiederholte sich ein paar Minuten später. Die beiden Männer bestellten nach, mussten nach dem Erhalt ihre Getränke zahlen und der Große verzichtete wieder nicht auf das Trinkgeld. Mitunter gibt es Szenen, Situationen und Tage, an die man sich noch Jahre später aus unerklärlichen Gründen erinnert. Diesen Abend würde ich nie wieder vergessen, wusste ich spätestens in diesem Moment und das hatte mit meinem Essen und dem Bier rein gar nichts zu tun.

Mindestens zehn Minuten, nachdem ich aufgegessen und mein Bier geleert hatte, war immer noch niemand an meinen Tisch gekommen. Ab und zu ließ sich draußen ein Kellner blicken, ohne mir Beachtung zu schenken. Oh, welche Ironie. Ein paar Gäste bekamen neue Getränke, Tische wurden zusammengestellt, aber ich schien für niemanden zu existieren. Schließlich ging ich ins Restaurant, um an der Theke zu zahlen. Im Anschluss fragte ich nach. Ich wollte und konnte nicht einfach so weggehen. Ich wollte hören, warum die beiden direkt zahlen mussten. Der Kellner versicherte mir, es läge an der Uhrzeit. Nach 22 Uhr müsse jeder nach Erhalt der Bestellung auf Anweisung seines Chefs zahlen, sagte er. „Vraiment, c’est la raison?“ („Wirklich, ist das der Grund?“) fragte ich ungläubig nach, aber er blieb bei seiner Beteuerung. Ich glaubte ihm kein Wort.

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Für meine Verhältnisse ging ich gegen 23.30 Uhr sehr früh zu Bett. Die Bars und Clubs in der Nähe hatten mich nicht wirklich überzeugen können. Weder das „L´importe koi“ oder das „Amnesia“, wobei mir die Namen sehr gefielen. Ich zog die Ruhe meines Hotelzimmers vor und schlief erstaunlich schnell ein. Am Vormittag ging ich über den Wochenmarkt. Brot, Gebäck, Gemüse, Fisch und Fleisch wurden neben ein paar Ständen mit überflüssiger Billig-Kleidung angeboten. Alles andere sah sehr verlockend und lecker aus. Auch in Deutschland gehe ich gerne auf Märkte, aber dort habe ich selten das Gefühl, dass ich fast überall etwas kaufen sollte Es duftete fantastisch aus allen Richtungen. Ich begnügte mich mit einem leckeren Schoko-Croissant für faire 80 Cent. Auf einer Parkbank fiel mir währenddessen ein junger Mann auf. Er blickte apathisch auf das Treiben.

Nachdem ich zum zweiten Mal über den Markt geschlendert war, sah ich den Mann wieder. Mir kam es vor, als hätte er sich kein bisschen gerührt. Er hatte die Kapuze weit zusammengeschnürt, trug eine abgenutzte schwarze Hose, keine Socken und Schuhe, die kaum noch als solche zu identifizieren waren. Ich blickte in seine traurigen, tiefblauen Augen und fragte ihn spontan auf Englisch, ob er ein Wasser wolle. Er schaute irritiert, während ich eine kleine Flasche aus meinen Rucksack holte. „Das ist Deutschland Wasser“, sagte er und nahm sie entgegen. Ich war ein wenig überrascht und lächelte. „Ja, da komme ich her“. Er bedankte sich und mir fiel nichts Sinnvolles ein, was ich noch hätte sagen können.

Schon wieder das miese Gefühl, diese Hilflosigkeit. Dieser Gedanke, etwas ändern zu wollen, ohne einen Ansatz, ohne eine Idee zu haben. Nachdenklich verließ ich Calais wenig später, steuerte meinen kleinen blauen Wagen auf die A16 Richtung Süden und lauschte „On ira“ von Zaz.

  Oh qu’elle est belle notre chance
Aux milles couleurs de l’être humain
Mélangées de nos différences
A la croisée des destins

From → Allgemein, Politik, Reise

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