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Ein kleiner französischer Roadtrip – Teil 2

28. Oktober 2015

Mein nächster Halt hieß Boulogne-sur-Mer. Dort traf ich eine äußerst gute Entscheidung. Ich mied Autobahnen in den folgenden Tagen und fuhr auf Landstraßen in Küstennähe langsam weiter gen Süden. Meine Belohnung waren reizvolle Dörfer und viele sympathische kleine Städte. 

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Boulogne-sur-Mer ist eine Gemeinde im Département Pas-de-Calais und der Geburtsort der bekannten Fußballprofis Franck Ribéry und Schapapapa, so sprach Franz Beckenbauer stets auf eigenwillige Art Jean-Pierre Papin aus. Den interessierten Besucher erwartet hier der größte Fischereihafen Frankreichs, die eindrucksvolle Basilika und das Meeresaquarium Nausicaä, für das ich mir aber keine Zeit nahm. Ich ging am Stadttor spazieren, genoss die Aussicht, wollte aber schon bald weiter an einen ruhigeren, kleineren Ort mit weniger Menschen.

Das Autofahren auf der Landstraße mit guter Musik aus den kleinen Boxen und meinem Glücksbringer vor dem Display, gefiel mir wesentlich mehr als die langweiligen, anonymen, immer gleichen Autobahnen, auf denen man so viel verpassen kann. Wann fährt man schon mal eben kurz ab, wenn man kein festes Ziel vor Augen hat oder das nächste, welches einem im Hinterkopf herumspukt, noch viele Kilometer entfernt liegt? Nie. Auf der Landstraße tat ich genau das, als ich am späten Mittag etwas Hunger bekam. Mein Blick fiel auf das Hinweisschild Richtung Montreuil-sur-Mer. Ich mochte diesen Namen, also fuhr ich hin. Eine völlig spontane Entscheidung. Eine sehr gute.

Die Sonne schien bei Temperaturen von deutlich über 20 Grad, ich machte das, was ich mit am liebsten tue. Ich reiste und ich fühlte mich dabei wohl. Wunderschön auf einem kleinen Bergkegel gelegen, an der Canche, findet man Montreuil-sur Mer. Ich schnappte mir den ersten freien Parkplatz und schlenderte relaxt durch den Ort. Niemand wirkte gehetzt. Mir kam es vor, als würde jeder den angenehmen Spätsommertag ähnlich genießen wie ich. Vielleicht abgesehen von den Einheimischen, die arbeiten mussten, doch auch die machten einen entspannten und freundlichen Eindruck. Das traf selbst auf den einsamen niedlichen Hund, der am Marktplatz neugierig in ein Geschäft blickte, eindeutig zu.

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Ein paar englische Motorradfahrer störten kurz die Ruhe. Nachdem der Lärm ihrer Vehikel langsam in der Ferne verstummt war, löffelte ich entspannt weiter meine köstliche Fischsuppe, welche ich mir zusammen mit einem Bier vor der Brasserie Le Caveau in der Sonne sitzend, bestellt hatte. Die letzten Marktstände wurden abgebaut, während ich mir überlegte, ob ich nicht schon an diesem Ort nach einem Zimmer für die Nacht suchen sollte. Warum eigentlich nicht? Es gefiel mir sehr und ich hätte noch stundenlang weiter entspannt an diesem Platz Bier trinken können.

Als der Kellner fragte, ob ich noch ein Leffe wolle, entschied ich mich jedoch für eine Cola und inspizierte nach dem Bezahlen zunächst die Hotels vor Ort. Die machten vorwiegend einen guten Eindruck, doch die Preise schreckten mich etwas ab. Das war wahrscheinlich die Schuld der nicht wenigen, zumeist älteren britischen Touristen, die sich mit mir dort aufhielten. Nach längerem Nachdenken fuhr ich weiter. Ich wollte noch lieber das Meer sehen. Fündig wurde ich schließlich in der Picardie und den Gemeinden Le Tréport/Mers-le-Bains, die am Ärmelkanal liegend aneinander grenzen. Mers-le-Bains mit seinem Strand, den Kreidefelsen, den hübschen Wohn- und Ferienhäusern, ist schöner und ruhiger. Le Tréport präsentiert sich dagegen sehr touristisch, aber dennoch nicht zu überlaufen oder anstrengend, zumindest nicht Mitte September.

Die Suche nach einem Hotel dauerte ein bisschen. Im ersten wurde ich an der Rezeption ein wenig barsch darauf aufmerksam gemacht, dass man ausgebucht sei, im zweiten war der günstigste Preis 99 Euro, ehe ich im dritten Glück hatte. Ich bekam ein hervorragendes Doppelzimmer mit einem sehr bequemen Bett, modernem großen Bad, sowie einem Parkplatz direkt vor der Tür. Am Abend ging es in Le Tréport zu den vielen Fischrestaurants, von denen ich in der Zwischenzeit gelesen hatte. Die Angebote der meisten sind recht ähnlich, aber beim Essengehen empfiehlt sich immer ein Internet-Check. Besteht die Möglichkeit nicht, nimmt man einfach das am besten besuchte. Ich entschied mich für eines der drei mit den besten Online Bewertungen und wurde nicht enttäuscht. Für 35 Euro gab es zwölf frische Austern als Vorspeise, ein fast perfekt gegrilltes Entrecôte vom Rind mit selbstgemachten Pommes Frites als Hauptspeise und ein nicht zu süßes Stück Kuchen zum Nachtisch. Dazu ein Pelforth Brune, welches ich gerne noch einmal zuhause trinken möchte. Würde es in Düsseldorf genauso gut schmecken?

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Das nächste Ziel hatte ich schon bei meiner Abfahrt im Hinterkopf. Etretat im Département Seine-Maritime und der Region Haute-Normandie. Dort konnte ich endlich ganz tief durchatmen und all die Nichtigkeiten des Lebens gänzlich abschütteln. Der Blick auf die Felsen und auf das Meer, mit einem Bier am Strand, einfach herrlich. Die oft so lapidaren, unsäglichen Fragen und Probleme des Alltags verschwanden langsam. Ich sah sie in meinen Gedanken vor mir, gebündelt in einer Wolke am Himmel. Stück für Stück verlor sie an Gewicht und versank schließlich im Wasser.

Für sehr akzeptable 50 Euro fand ich ein zweckmäßiges Zimmer im Hotel la Résidence, im Supermarkt holte ich Wasser und ein Bier, ehe ich ein Geschäft mit ausschließlich lokalen Produkten aufsuchte. Die kleine, dicke, blonde Verkäuferin mit dem weiten T-Shirt und der abgetragenen Jeans war so freundlich, dass ich nicht gehen konnte, ohne aus Sympathie wenigstens eine Flasche Cidre zu kaufen. Zwei Kundinnen sagten an der Kasse lächelnd etwas zu mir, was ich nicht verstand. Plötzlich schmunzelte der ganze Laden, ich schloss mich einfach an.

Später schaltete ich wieder ab. Etretat leerte sich dankbarerweise kontinuierlich. An diesem Sonntag fuhren die Wochenendbesucher langsam heim. Das war mir sehr willkommen. Ich saugte den fremden Ort, die Tatsache, niemanden zu kennen, die temporäre Freiheit, all das in mich auf. Die Felsen, der Strand und das Meer. Welch wunderschöner Ort. Da ich es fast nie vermag, in den positivsten Augenblicken nur zufrieden zu sein, überkam mich ein Moment des Bedauerns. Ach, wenn sie auch hier sein könnte, überlegte ich. Wir würden ein Bier zusammen trinken, sie anschließend gedankenversunken auf das Meer starren, ich sie beobachten und ihre atemberaubende Schönheit und Anmut ehrfurchtsvoll bewundern. Hätte sie nur die Zeit gehabt, mitzufahren. Nein, kein Bedauern. Bitte nicht jetzt.

Étretat

In fabelhaften Augenblicken ist es sinnlos, das Sackhaar von Horst Seehofer in der köstlichen Fischsuppe des Reisens zu suchen. Außerdem war, bin und werde ich immer ein Befürworter davon sein, ab und an alleine zu verreisen. Die Vorteile wie die Nachteile, sie liegen auf der Hand. Ich atmete tief ein und schaute wieder auf das Meer. Das beruhigt immer, wie es für mich sonst höchstens Berge vermögen oder der fantastische Himmel über der Mongolei. So wenig Menschen und so viel Himmel abseits der Hauptstadt, mir fehlt dieses Land. Ich denke oft an unsere Reise dahin zurück. Manchmal idealisieren wir Erinnerungen hoffnungslos und dann wiederum werden sie von uns schamlos diskreditiert. Nicht in diesem Fall.

Ich stelle mir oft die Frage, ob ich auf Reisen ein Suchender bin. Natürlich ist das der Fall. Wer unterwegs nicht sucht, ist ein Fastfood Tourist. All-inclusive, Strand, Pool, Party, Alkohol, Meer, vielleicht mal ficken. Eine RTL2 Reise, die so wertvoll ist wie ein kleines Steak, aus einer abgetragenen Schuhsohle. Suche ich jedoch nach etwas Bestimmten? Vielleicht, aber vor allem bin ich ein Findender. Gutes Essen, Ruhe, Action, lebendige Städte, beeindruckende Natur, Menschen und mitunter kleine Details. Ich erinnere mich an die Stop-Schilder, auf denen in Frankreich, wie bei uns und in vielen anderen Ländern, einfach „STOP“ steht. In Québec blickt man an dieser Stelle auf das Wort „ARRÊT“. Das mag kaum jemanden interessieren, ich schätze das Wissen darum.

Viele Menschen träumen vom Reisen und nicht wenige verreisen schließlich doch traumlos. Die Karibik wäre schon mal toll, vielleicht Kalifornien, Japan oder gar Australien, wer fände das nicht großartig? Dann geht es trotzdem wieder nach Mallorca oder an den Gardasee. Da ist es ja schön und man kennt alles. Es gibt keine Überraschungen, keine Unwägbarkeiten, aber auch keine Herausforderungen. Kein Visum, das beantragt werden muss, Impfungen? Nee, hier nicht. All-inclusive? Spannung exclusive. Mitunter ist das vielleicht nicht unangebracht, aber auf Dauer feiert die Bequemlichkeit einen verlustreichen Sieg.

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Reisen kann furchtbar anstrengend sein, wenn man die Individualität schätzt. Es kann frustrieren, sehr nachdenklich machen und ab und zu hinterfragt man alles, doch meistens ist die Belohnung groß. Wenn man verloren und verirrt durch eine sibirische Stadt auf der verzweifelten Suche nach seiner Unterkunft ist, findet man daran absolut nichts glamourös und am Ende bleibt dennoch eine erzählenswerte Erinnerung, die man vielleicht nie vergessen wird. Ich habe es erlebt und möchte es nicht missen.

Mich beschäftigt bei Zeiten die Frage, ob ich auf Reisen ein anderer Mensch bin. Ich lächele nicht aus taktischen Gründen, ich bin nicht freundlich, weil ich mir davon etwas verspreche. Ich tue alles, weil es sich richtig anfühlt und in jenem Moment geschieht es instinktiv. Es gibt keine Schauspielerei, keine Verlogenheit, Kompromisse, keine strategischen Überlegungen, die unseren Alltag konstant heimsuchen, wenn wir ehrlich sind. Ich reise, also bin ich. Ich selbst.

Eines kann ich nie gänzlich abschütteln, wo immer ich mich auch befinde. Es ist das quälende Thema Geld, die Überlegungen, wie viel ich für mein Essen oder mein Hotelzimmer ausgeben kann und sollte. Diese Fragen reißen Tag für Tag wieder tiefe, unangenehme Löcher in die positivsten Gedanken, in die ersehnte und geschätzte Gelassenheit. Plötzlich geht sie dahin, Wolke 7 wird zu Wolke 3.5 und es nervt wie ein eitriges Furunkel am Arsch von Kim Jong-un. Wenn ich das doch nur irgendwann entfernen könnte…

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From → Reise

3 Kommentare
  1. Es macht große Freude von deinem Roadtrip zu lesen und ich finde die Art des Reisens sympathisch.
    Das leidige Denken ans Geld kann ich leider zu gut verstehen und nervt auch mich immer wieder. Aber wie du es sagst, hilft dann nur das Fokussieren auf die positiven Dinge. Dann macht alles auch wieder Spaß.

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