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Nachruf auf einen unbekannten Begleiter

9. Februar 2016

Wie traurig kann man sein, wenn ein Mensch stirbt, den man nie getroffen hat? Mitunter sehr, wie mir gestern nicht zum ersten Mal bewusst wurde. Die Nachricht vom Tode Roger Willemsens traf mich plötzlich und unbarmherzig. Sein Name tauchte unvermittelt ganz oben in den Deutschland Trends bei Twitter auf und das konnte eigentlich nur eines bedeuten. „Oh nein, bitte, bitte nicht“, dachte ich, bevor meine Neugierde siegte und ich einen Mausklick weiter die bittere Gewissheit erlangte.

Es muss 1991 oder 1992 gewesen sein, als ich von Willemsen erstmals Notiz nahm. Ich sah zufällig „0137“ auf Premiere. Es war kein magischer Moment, aber seine Art gefiel mir und im Anschluss verfolgte ich die Sendung regelmäßig. Roger Willemsen begleitete mich von nun aus der Ferne. Selbst wenn ich monatelang nichts von ihm las und ihn auch nicht im Fernsehen erlebte, war er immer da. Bis vorgestern. Er wird mir sehr fehlen. Deutschlands durchschnittlicher IQ ist mit seinem Tod gesunken, aber ihn nur als Intellektuellen zu vermissen, würde zu kurz greifen.

Willemsem war unterhaltsam, witzig, engagiert, wissbegierig, schlagfertig und ganz besonderes nahm ich ihn als einen von sehr wenigen Menschen war, bei denen ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass irgendeine Person jemals etwas Schlechtes über ihn dachte, sagte oder schrieb. Selbst wenn das auf niemanden zutrifft (und ein Blick in ein paar Online-Kundenrezensionen zu „Die Enden der Welt“ offenbarten meinen Irrtum), ist es vielleicht das größte Kompliment, welches man einer Person machen kann, mit der man kein einziges Wort gewechselt hat.

Roger Willemsen konnte lästern, ohne jemanden wirklich zu beleidigen, er konnte Menschen unterbrechen, ohne dass es unhöflich anmutete. Er konnte reden ohne zu langweilen, weil er wirklich immer etwas zu erzählen hatte. Zu fast jedem erdenkbaren Thema. Willemsen hatte aber nicht nur etwas zu erzählen, er hatte etwas zu sagen. Fast immer. Das sorgte insbesondere im Fernsehen für einen signifikanten Unterschied zu der Mehrheit seiner Kolleginnen und Kolleginnen.

Willemsens Interesse an Menschen, Dingen und Orten beeindruckte mich immer wieder, wie die ihm eigene überragende Wortgewandtheit. Seine intellektuelle Überlegenheit trug er für mich nie in übertriebenem Maße zur Schau. Er war ein Vorbild. Als Schriftsteller, Reisender, Humanist und in vielen anderen Rollen. Nun ist seine Reise mit 60 Jahren viel zu früh zu Ende gegangen und ich frage mich, was alles uns deswegen verwehrt bleibt. Mit Sicherheit das ein oder andere lesenswerte Buch. Traurig, einfach sehr traurig. Sein verschmitztes Lächeln, das ihn mit Ende 50 mitunter jünger wirken ließ als Talkshowgäste an seiner Seite, die kaum die 40 überschritten hatten. Auch das wird mir fehlen.

„Der Sinn besteht darin, die gegebene Frist sinnvoll zu nutzen. Nicht nur Spaß zu haben.“

(Roger Willemsen)

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