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Ein Ausflug in Russlands wohl schönste Stadt

30. Juni 2015
Auferstehungskirche am Gribojedow-Kanal (Foto: Nadine Pungs)

Auferstehungskirche am Gribojedow-Kanal (Foto: Nadine Pungs)

Für ein verlängertes Wochenende habe ich mich Mitte Juni aufgemacht, die viertgrößte Stadt Europas zu besuchen und ich kam in den Genuss der wahrscheinlich schönsten des größten Landes der Erde. Eine Reise nach St. Petersburg kann ich uneingeschränkt empfehlen.

Im April verstarb Klaus Bednarz, der ehemalige Auslandskorrespondent der ARD und Moderator von „Monitor“. Seine „Ballade vom Baikalsee“ aus dem Jahre 1998 ist bis zum heutigen Tag, die von mir am meisten geschätzteste Reise-Dokumentation. Ich weiß nicht, wie oft ich sie gesehen habe, doch diese Doku hat mich nie wieder losgelassen. Bereits beim ersten Mal wollte ich am liebsten gleich los. Fünfzehn Jahre hat es letztendlich gedauert, bis ich in Moskau landete, in die transsibirsche Eisenbahn stieg und nach über 5000 Kilometern Zugfahrt und einer kleinen Bustour am Baikalsee ausstieg. Meinen kurzen Aufenthalt dort werde ich nie vergessen.

Klaus Bednarz ist auch dafür verantwortlich, dass mein generelles Interesse an Russland um ein vielfaches stieg und dafür bin ich ihm sehr dankbar. Ich war einige Male in Kanada, dem zweitgrößten Land der Erde und ich glaube, ich habe es verstanden, wenn es das überhaupt gibt, ein Land verstehen zu können. Bei Russland befinde ich mich weiterhin manchmal vor einem Rätsel, aber es frustriert nicht. Es bringt mich zum Nachdenken und steigert den Drang, irgendwann zurückkommen zu wollen. Immer noch, auch nach meiner zweiten Reise dorthin.

Diese zweite Russland-Reise war kurz, doch alles andere als eine Zeitverschwendung. St. Petersburg  ist schön, wenn auch nicht so schön wie diese entzückende Reisebegleiterin, die mit mir in Düsseldorf in den Airbus stieg. Meine Khaleesi, mit der ich mich sogar in einem 0-Sterne Hotel in Pjöngjang wohlfühlen würde. Vielleicht testen wir das im nächsten Jahr. Ich hoffe es. Unser kleines Hotel in einem Hinterhof des Newski-Prospekts, der bekanntesten Straße der Stadt, erwies sich jedenfalls als clevere Wahl. Ein sehr guter Ausgangspunkt, um „Piter“ zu erkunden.

Es gibt Städte, die man nach zwei, drei kompletten Tagen abhaken kann, St.Petersburg nicht. Allein in der Eremitage könnte man ganz locker einen kompletten Tag verbringen. Das Problem kommt mit der Bedeutung dieses riesigen Kunstmuseums. Es ist einfach zu gut besucht. Schon nach dreißig Minuten verging mir die Laune angesichts der Massen von Menschen, die dort durchgeschleust wurden. Ich hätte große Lust, mich in der Eremitage ganz alleine in irgendeiner Nacht für ein paar Stunden aufzuhalten, um mich in Ruhe mit einigen Meisterwerken der Malerei auseinanderzusetzen, aber diese Option gibt es leider nicht. Immerhin habe ich einen ganz kleinen Eindruck bekommen, bevor mich der Andrang müde, durstig und etwas genervt nach eineinhalb Stunden hinaustrieb.

Dort hatten wir zwei Tage zuvor ein unheimliches Erlebnis. Wir standen draußen und sahen uns ehrfürchtig um. In unmittelbarer Nähe befand sich der Stand eines russischen Autoherstellers. Billige Plastikmusik beschallte uns von dort aus zu großen Boxen. Nur ein Steinwurf entfernt von einem der beeindruckendsten Museen der Erde. Wir mussten tatsächlich Scooters „How much is the fish?“ ertragen. Das belustigte und enttäuschte, es war komisch und tragisch, albern und ignorant. Wir schüttelten den Kopf, wir konnten es nicht verstehen. Es war aber auch russisch. Ich erinnerte mich daran, wie uns knapp zwei Jahre zuvor in Listwyanka am Baikalsee mit „Modern Talking“ und Co. der Aufenthalt erschwert wurde. Ein verdammtes Déjà-vu, nein eigentlich ein Déjà-écouté.

Das ehemalige Leningrad ist die Geburtsstadt von Berühmtheiten wie Wladimir Nabokov, Dmitri Schostakowitsch oder Wladimir Putin. Letzterer ist nicht allgegenwärtig, aber so richtig entkommen kann man ihm nicht. Sein Konterfei begegnet einem auf Zeitschriften, Bildern, T-Shirts oder auf TassenIch bin geneigt, an dieser Stelle politisch zu werden, verkneife es mir aber schweren Herzens. Das Thema hat hier keinen Platz. Es würde den Rahmen komplett sprengen. Stattdessen folgt eine simple wie interessante Frage: Was macht eine Stadt für mich besonders? Freundliche Menschen, schöne Gebäude, Berge, Strände und vor allem Wasser. Von letzterem hat St. Petersburg eine Menge zu bieten. Der finnische Meerbusen sowie Flüsse und Kanäle en masse. Berge sucht man vergebens, aber bezüglich eindrucksvoller Gebäude ist man an der richtigen Stelle. Die Menschen erschienen mir zudem offener und vor allem der englischen Sprache deutlich besser mächtig als die Moskauviter.

Viel zu lang würde dieser Beitrag werden, wollte ich auf alles eingehen, was man in St. Petersburg sehen kann. Für den Literatur-Freund sollte das Puschkin Museum schon auf dem Programm stehen. Die Peter-und-Paul-Festung mit der gleichnamigen Kathedrale lohnt sich auch und etwas weiter außerhalb findet man die beeindruckend große Palastanlage Schloss Peterhof (UNESCO-Welterbe), die am besten mit dem Boot zu erreichen ist. Etwa 25 Kilometer entfernt liegt der Katharinenpark mit dem Großen Katharinenpalast und der Rekonstruktion des Bernsteinzimmers. Ich verzichtete darauf, aber als ich mir im Anschluss die Fotos ansah, bereute ich es schon ein bisschen. Vielleicht ergibt sich die Möglichkeit irgendwann nochmal, wer weiß?

International bekannt sind die „Weißen Nächte“, die ich mir zwar etwas weißer vorgestellt hatte, aber es ist dennoch ein Erlebnis, in der Nacht auf einem Boot über die Newa zu fahren und dem Hochziehen der Brücken zuzuschauen. Von 2 Uhr bis 5 Uhr morgens haben dann auch die größten Schiffe die Möglichkeit, die Reise zum finnischen Meerbusen abzuschließen oder in die andere Richtung zu steuern. Die Newa mündet nach weniger als 80 Kilometern bereits im Lagodasee, für den wir leider keine Zeit hatten. Ja, ich glaube ich würde sehr gerne noch einmal wiederkommen.

Wenn ich in einer mir unbekannten Stadt bin, muss ich sie nach Möglichkeit zu Fuß erkunden. Ich brauche ein Gefühl für einen Ort. Den bekomme ich nicht, wenn ich im Bus oder der Straßenbahn von Ort zu Ort hetze und noch weniger in der Metro, auch wenn die mitunter sehr praktisch sein kann. In St. Petersburg hat es einige Tage gedauert, dieses Gefühl zu bekommen, aber dann war ich beruhigt. Würde ich in fünf Jahren zurückkehren, wäre ich immer noch in der Lage, mich vom Newsky-Prospekt einigermaßen gezielt durch das Stadtzentrum zu bewegen.

Ein Phänomen, das mir immer wieder aufgefallen ist und welches ich überaus sympathisch erachte, sind die lesenden Menschen. Es ist selbstverständlich auch in Deutschland nicht ungewöhnlich, Leute mit einer Zeitung oder Zeitschrift im Bus oder der U-Bahn zu erspähen, aber in Russland ist es anders. Ich beobachte unter anderem eine Eisverkäuferin um die 60 Jahre, die sich beim Warten auf Kundschaft tief versunken in einem dicken alten Roman befand. Das gibt es in Deutschland nicht oder höchstens sehr, sehr selten. Die Dame kann man aber in Russland keineswegs als Einzelfall bezeichnen. So etwas sieht man häufiger, wenn man mit offenen Augen durch die Straßen St. Petersburgs geht.

Eine Stadt für Veganer ist die Schöne im Norden allerdings nicht. Fleisch- und Fischliebhabern haben dafür die Auswahl zwischen zahlreichen guten Restaurants, von denen die meisten deutlich günstiger als in Deutschland sind. Wer in einem sympathischen Restaurant zumindest vegetarisch essen möchte, der kann das Botanika an der Ul. Pestelya ausprobieren und dürfte es kaum bereuen. Am Ende soll die wichtigste Frage nicht gänzlich unbeantwortet bleiben. „How much is the fish?“ Der Omul war nicht günstig, aber sehr lecker. Der schmeckt am Baikal wohl am besten, aber wer eine schöne russische Stadt sehen möchte, sollte St. Petersburg eine Chance geben. Diese hat sie verdient.

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From → Kultur, Reise

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