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Von Kleinkunst und großer Kunst

23. April 2015

Die letzte Woche startete mit einer großen und sehr angenehmen Überraschung. Es begab sich in der Nacht von Sonntag auf Montag, als ich mitbekam, dass jemand tatsächlich die ersten vier Folgen der neuen „Games of Thrones“ Staffel ins Netz gestellt hatte. Ich überlegte kurz, konnte dann aber nicht widerstehen und genoss etwa dreieinhalb Stunden der wohl besten Fernsehserie unserer Zeit.

Keine Sorge, selbstverständlich verbreite ich an dieser Stelle keine Spoiler. Ich weiß, dass es viele Fans gibt, die lieber wöchentlich eine Folge in Topqualität schauen oder sogar auf die deutsche Fassung warten. Wie und wann man auch immer schaut, freuen darf man sich auf die neue Staffel ohne Frage, auch wenn… Nee, müsst Ihr schon selbst sehen. Für mich heißt es jetzt noch über eineinhalb Wochen Geduld üben, bis Folge 5 gezeigt wird. Nicht gerade einfach, aber ich überlege sogar, eine weitere Woche zu warten, um dann zwei Folgen hintereinander gucken zu können. Wahrscheinlich halte ich es nicht aus, aber ein Versuch ist es wert. Interessant an alledem? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mir über so etwas derart ausführliche Gedanken gemacht habe wie bei „Game of Thrones“.

Dennoch war der kleine Serien-Marathon nicht das Highlight der letzten Woche. Dieses folgte am Donnerstag und es wäre um ein Haar ins Wasser gefallen. In der Nacht hatte mich bei der Arbeit vor dem PC plötzlich eine fiese Übelkeit heimgesucht. Zweimal konnte ich den Gang auf das Klo noch gerade abwenden, aber nach zwei Stunden Schlaf war es dann am Morgen so weit. Ich ging kotzen. Ein paar Stunden später und am Mittag wiederholte ich das Prozedere ungewollt. Im Anschluss wurde mir schon nach einem Schluck Wasser übel und an Essen vermochte ich gar nicht zu denken. Das große Problem an der Sache? Ich hatte irgendwann nur noch vier Stunden Zeit, um halbwegs fit zu werden. Das Dota – Konzert in Köln, auf das ich mich schon gut vier Monate gefreut hatte, stand auf dem Programm. Wäre da nicht meine Begleiterin gewesen, die ganz sicher auch allein gefahren wäre, aber doch die Karten von mir zu Weihnachten bekommen hatte: Ich wäre liegen geblieben. So raffte ich mich dann gegen 17 Uhr auf, ging duschen, trank ganz, ganz langsam eine kleine Cola und ging auf wackeligen Beinen zur Straßenbahn. Meine beste Entscheidung seit langem.

Ich habe von Musik wenig Ahnung. Ich spiele kein Instrument, kann keine Noten lesen und singen ebenso wenig. Ich merke aber, wenn Musk ein Herz und eine Seele hat. Der Einheitsbrei,  den uns die großen Radiosender hartnäckig und ohne große Ausnahmen Tag für Tag um die Ohren hauen, hat das nicht. Genauso wenig wie die insgesamt noch größere Kommerzkacke, die in den Castingsshows rauf und runtergesungen wird. Immer natürlich unter der Vorgabe, ein besonderes Talent zu finden, dem man den Weg zu einer tollen Karriere ebnet. Vielleicht gelingt das manchmal sogar, aber wo ist der Sinn, wo ist der Wert des Ganzen, wenn es letzten Endes nicht darum geht, mit der Musik wirklich etwas auszudrücken, sondern einzig allein darum, möglichst viele Menschen anzusprechen, um möglichst viel Geld zu verdienen? Dotas Musik hat eine Seele und viel Herz. Deshalb mag ich sie. Die Musikerin und ihre Musik. Sehr mittlerweile.

Dota Kehr wurde 1979 geboren. Sie stammt aus Berlin, wo sie auch mit ihrer Band heute den größten Bekanntheitsgrad besitzt. Dota ist nicht nur eine talentierte Musikerin, sondern auch darüber hinaus eine interessante Person. Über die Medizinerin und ehemalige Straßenmusikerin kann man aber woanders nachlesen…  An diesem Abend im recht gut gefüllten Gloria-Theater zu Köln sehe ich sie zum ersten Mal live und mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht zum letzten. Die Stimmung ist sehr positiv und Dota spielt fast alle Songs, die ich hören wollte. Drei Streicher sind an diesem Abend zur Verstärkung dabei, was mir ebenfalls ohne Einschränkung zusagt. Ach, hätte ich mich nur in der Verfassung gefühlt, ein paar Bier dazu trinken zu können. Stattdessen nur Wasser und eine Orangina als größtes Wagnis.

Zwischen den Songs präsentiert sich Dota ein wenig verpeilt, lustig, ein bisschen süß und sehr putzig. Insgesamt dabei jedoch jederzeit sympathisch, nein, das ist untertrieben. Liebenswert ist das Wort, welches ich suche. Ich habe schon nach einer halben Stunde das Gefühl, ich möchte einfach unbedingt einmal im Sommer abends mit ihr auf einer Dachterasse in Ruhe ein paar Gläser Wein oder Bier trinken und reden. Zum Beispiel über ihre Songs „Utopie“ und „Grenzen“. Letzterer ist viel direkter als die meisten ihrer anderen. Der Text spricht mir aus dem Herzen:

[…]

Es gibt Frontex und push-backs,
Zäune, Waffen, Flüchtlingsabwehrkonferenzen.
Das Mittelmeer wird ein Massengrab.
Es gibt Grenzen.

Sie führen zu Nationalismus mit seinen
bekloppten Konsequenzen,
Man entrechtet Leute, nur weil sie von irgendwo kamen.
Es gibt Grenzen.

Könnten Sie diese Antwort bitte
sinngemäß richtig ergänzen:
was liegt möglicherweise im Kern des Problems?
Es gibt Grenzen.

Ich melde mich ab, gebt mir einen Pass,
wo „Erdenbewohner“ drin steht.
Einfach nur „Erdenbewohner“.
Sagt mir bitte, wohin man da geht.

[…]

Ich schließe die Tür und genieße die Stille,
ich grenze mich ab, das muss sein.
Jeder hat seine Grenze, die ihn umgibt,
sie schließt ihn schützend ein.

Jeder Übergriff, jeder Schlag
verletzt ein Menschenrecht.
Warum schützt man die Grenzen der Staaten so gut
Und die Grenzen der Menschen so schlecht?

Sie müssen nicht zwischen den Ländern verlaufen,
aber zwischen den Menschen.
Nicht aus Stacheldraht sollen sie sein,
sondern aus Respekt.
Es gibt Grenzen.

Sie wusste gar nicht, dass sie Kleinkunst mache, sagte Dota Kehr 2011. Da nahm sie den deutschen Kleinkunstpreis entgegen. Ja, sie kann witzig sein, auch wenn sie sagt, sie habe nur zwei Arten von Songs, „traurige und beängstigende“. Nein, gerade deshalb ist sie es. Sie nimmt sich selbst nicht so ernst. Dota ist keine Rampensau, die es nicht abwarten kann, ihr nächstes Konzert zu geben und von hunderten Menschen bejubelt zu werden. Es geht ihr um die Musik. Ihre Musik, die großartig ist. Schrieb ich schon, dass ich sie gut finde? Tue ich. Ich sehe nur eine Frau lieber auf der Bühne und die singt manchmal Lieder von Dota. Verrückt, oder?

Am Ende war Dotas Kleinkunst für mich das Größte der letzten Woche. Sehr dankbar bin ich ihr dafür, dass sie mit der Ausnahme des grandiosen „Fahrtwind“, am Ende alle Songs gespielt hat, die ich und meine Begleiterin unbedingt hören wollten. „Wo soll ich suchen“, „Alles du, alles Dur“, „Warten auf Wind“, „Hoch oben“ und „Zuhause“ verliehen mir eine Gänsehaut. Hätte sie noch „Das Wesen der Glut“ durch „Fahrtwind“ ersetzt, wäre es vielleicht schon wieder zu perfekt gewesen? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass ich sehr große Lust hätte, zu ihrem nächsten Konzert am Freitag nach Soest zu fahren. Das wird sehr wahrscheinlich leider nichts, aber sie spielt öfter in Berlin und ich war sowieso eigentlich schon zu lange nicht mehr dort.

One Comment
  1. Konrad Herbst permalink

    Kleiner Tip am Rande. Bei Maxdome kann man die komplette 5. Staffel für nur 22,99 € käuflich als Online-Abruf erwerben. Also alle bereits ausgestrahlten und zukünftigen Folgen. Mit Originalton und in HD versteht sich. Endlich sind die bei HBO oder wer auch immer mal auf den Trichter gekommen. Und ein wenig mehr Werbung hätte Maxdome für das Angebot auch machen können.

    Wünschte mir, man würde öfters mal was neues hier im Blog zu lesen bekommen.
    LG

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