Skip to content

WM: Die Berichterstattung in den deutschen Medien

28. Juni 2014

Seit gut zwei Wochen läuft die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Für mich Zeit, einen kritischen Blick auf die Berichterstattung der deutschen Medien zu werfen, wobei ich mich aus Zeitgründen fast ausschließlich mit der ARD und dem ZDF beschäftige. 

Simon

Steffen Simon, Leiter der ARD-Sportschau und nerviger Fußballkommentator.

Sind Sie auch so begeistert von dieser tollen WM? Grandiose Spiele auf technisch und taktisch höchstem Niveau, souveräne Schiedsrichter und eine erstklassige Berichterstattung im deutschen Fernsehen. Sie stimmen zu? Dann sollten Sie schnell Ihr Fernsehgerät einschalten. Vielleicht verpassen Sie sonst eventuell, wie Katrin Müller-Hohenstein vor laufenden Kameras die Stollen von Bastian Schweinsteigers Fußballschuhen sauber lutschen darf. Ansonsten lesen Sie ruhig weiter, denn ich sehe ein ganz anderes Turnier.

Ich gebe zu, dass der Job des Fußballkommentators kein einfacher ist. Live kann man eben kein unüberlegtes Wort zurücknehmen, jeder Versprecher bleibt hängen. Ob es einem nicht doch in letzter Sekunde auffallen sollte, dass ein Satz wie „“die sind Südländer, da ist nicht alles perfekt organisiert“ (Steffen Simon über die Iraner), mehr als ein kleiner Fauxpas ist, darf jeder gerne für sich selbst entscheiden. Gerade bei Simon nerven mich andere Dinge viel mehr. Vor allem seine ständige Tendenz, harmlose Strafraumszenen spannender zu quatschen als sie sind.

Hatte Simon Raheem Sterling schon einmal spielen sehen?

Was Taktik und Spielanalyse angeht, hat Simon so gut wie nie etwas zu bieten, was einem „Bei-der-EM-und-WM-schaue-ich-dann-aber-schon-mal-zu“ – Gucker nicht auch auffällt. Wenn man bedenkt, welchen Hype eine Fußball-WM in Deutschland auslöst, ist es auch bemerkenswert, dass offenbar eine intensive Vorbereitung bei vielen Kommentatoren keine Rolle spielt. Natürlich lesen sie sich Informationen an, aber wie ist es möglich, dass ein Steffen Simon offenbar keine Ahnung hat, was für eine starke Rückrunde ein Raheem Sterling in Liverpool spielte und so weder dessen Einsatz noch Sterlings gute Leistung beim Spiel England gegen Italien wirklich überraschend waren? Ich vermute, Simon selbst hatte Sterling zuvor noch nie spielen sehen.

Eng_Sterling

Dieser Sterling kann tatsächlich Fußball spielen

Wenn jemand ein WM-Spiel zwischen Italien und England kommentiert, darf man schon erwarten, dass die Person in der abgelaufenen Saison zumindest ein paar Spitzenspiele der Serie A und der Premier League gesehen hat. Es ist ja auch nicht so, als müsse man dafür im Jahr 2014 nach Rom, Turin, London oder Liverpool fliegen. Simon würden Reisen dahin allerdings sicher nicht schaden. Vielleicht wäre ein Sabbatjahr gut, einfach mal viele Spiele schauen und die Klappe halten. Fairerweise muss ich anmerken, dass das ZDF mit Béla Réthy an der Spitze auch nicht mit einem Großen seiner Zunft besticht. Auf der anderen Seite hat die ARD durchaus einige fähigere Mitarbeiter, welche jedoch zumeist jene Spiele kommentieren, die nicht im Hauptinteresse des breiten Publikums stehen.

Die fragwürdige Arbeit der meisten Kommentatoren von ARD und ZDF wird aber noch bei weitem durch die oft unterirdischen Vorstellungen der Reporter und Experten in Brasilien überboten. Ich habe kein Problem damit, dass sich Giovane Élber mit der deutschen Sprache noch immer häufig schwer tut. In der Analyse nach den Spielen hat Élber allerdings so gut wie gar nichts anzubieten. Peinlicher ist aber selbstverständlich noch der ARD-Einsatz seiner Landsfrau Fernanda Brandao, deren Aufgabe natürlich eine andere ist. Aber welche eigentlich? Sie ist gebürtige Brasilianerin, sehr attraktiv und? Und nichts. Das muss reichen. So erzählt Brandao freudestrahlend davon, dass sie so gerne einmal im holländischen Bus mitfahren würde, weil da immer so gute Stimmung herrsche. A. Ha.

Katrin Müller-Hohenstein toppt alles

Im Gegensatz zur ARD präsentiert uns das ZDF eine wahre MILF (MIst Labernde Frau), die sich leider auch noch direkt mit dem weltweit beliebtesten Mannschaftssport beschäftigt. Nein, das macht sie nicht wirklich. Sie füllt lediglich die Rolle eines Fans aus, dem es gelungen ist, aus dem deutschen Lager berichten zu dürfen. Eine kritische Distanz zur deutschen Mannschaft ist selbst beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen allgemein non-existent, Müller-Hohenstein unternimmt allerdings nicht einmal die geringste Anstrengung, eine solche vorzutäuschen. Da wird neckisch am Pool geplauscht, auf die Minute genau vorgetragen, wann der deutsche Mannschaftsbus wo angekommen ist und wer vielleicht ein unbedeutendes Wehwehchen mit sich rumschleppt.

Wie sie sichtlich mitleidend über die Verletzung von Mats Hummels erzählt und ansonsten freudestrahlend vorwiegend über Nebensächlichkeiten schwafelt, sagt vieles über ihre Berufsauffassung aus. Ach, Sie interessiert es, dass mannschaftsübergreifend Schafkopfrunden stattfinden und die Tatsache, dass sich der DFB Bus einmal durch die Wassermassen kämpfen musste? Das konnte ich nicht wissen. Im Jahr 2014 gibt es in Deutschland längst genug Frauen, die über Fußball einiges zu sagen hätten, doch das scheint offensichtlich nicht gefragt zu sein. Sehr, sehr schade. Ich persönlich könnte mir theoretisch die Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus anstelle von Urs Meier als Bereicherung vorstellen.

Urs Meier bleibt ohne Klopp blass

Bei der Europameisterschaft 2008 bildete Urs Meier im ZDF mit Jürgen Klopp noch ein sehr starkes Duo. Ohne Klopp, der den Zuschauern immer wieder fachlich interessante und gute Analysen präsentierte, enttäuscht Meier. Gestern lobte der ehemalige Schiedsrichter aus der Schweiz gar kritiklos das lächerlich harte FIFA-Urteil im Fall Luis Suárez. Jeder soll für sich selbst entscheiden, welche Bestrafung in einem solchen Fall angemessen ist. Den Arbeitgeber von Suárez gleich mit zu bestrafen, ist ein Unding.  Man hätte dem Stürmerstar aus Uruguay beispielsweise eine Geldstrafe aufbrummen können, die er wirklich spürt. 100.000 Schweizer Franken sind für ihn weniger als ein wöchentliches Gehalt. Auch hätte man ihm eine 13-monatige Länderspielsperre geben können, sodass er die Copa América 2015 verpassen würde. Das wäre zwar auch unangemessen gewesen, aber seinen Verein für dieses Vergehen leiden zu lassen, ist indiskutabel. All das wurde nicht diskutiert.

Abgesehen vom ein oder anderen Geistesblitz Mehmet Scholls bleiben die Analysen enttäuschend. Fast kontinuierlich kratzt man an der Oberfläche. Man lechzt nach Sensationen, wohl wissend, dass diese bei einer solchen WM früher oder später von alleine kommen. Oliver Kahn schwafelt gerne über „wichtichche Dinge“, mentale Belastungen und Automatismen und wiederholt sich auf penetrante Art und Weise, während sein Zusammenspiel mit Oliver Welke, der bei der Heute Show wesentlich besser aufgehoben ist, erkenntnisarm und zumeist auch äußerst unlustig bleibt. Kahn gehört zu den clevereren Ex-Spielern ohne eine intellektuelle Vorzeigegestalt Deutschlands werden zu können. Dennoch kann und muss man mehr von ihm erwarten, als die ein oder andere zutreffende kritische Beurteilung eines Torhüters vorzubringen.

Kritik scheint ungewollt

Ehrliche, offene und schonungslose Kritik scheint schlichtweg ungewollt zu sein. Man möchte von der WM profitieren. Man will den Zuschauern offensichtlich verbissen verkaufen, dass sie etwas Großem beiwohnen. Ehrlichkeit könnte natürlich auch die Einschaltquoten gefährden… Es wird da kritisiert, wo es unumgänglich ist. Bei unerklärlichen Fehlentscheidungen nicht weniger Schiedsrichter, bei glasklaren Fouls, bei einer peinlichen Schwalbe wie der des Brasilianers Fred im Eröffnungsspiel gegen Kroatien oder eben im Fall von Luis Suárez. Man gefällt sich lieber darin, Nebensächlichkeiten breitzutreten. Man diskutiert die Torkamera, macht alberne Witze über das Freistoßspray (Sprühsahne, Rasierschaum, hahaha) und thematisiert unaufhörlich das Wetter.

Über die Spanier schüttete man lieber kübelweise Häme aus und erzählte Lapidares über eine zu satte und zu alte (insgesamt völliger Quatsch) Mannschaft, anstatt den Trainer Vicente del Bosque ernsthaft zu hinterfragen. Nach der ersten Partie der Spanier gegen Holland betitelte man das letztendlich womöglich spielentscheidende und eindeutig irreguläre 1-3 als Randnotiz. Auch der auf diesem Niveau völlig überforderte und ungeeignete englische Trainer Roy Hodgson, welcher nicht wie sein italienischer Kollege Cesare Prandelli den Anstand besitzt, zurückzutreten, kam gut davon. Man erwartete von England ja eh nichts. Hätte die Mannschaft besser organisiert mit drei zentralen Mittelfeldspielern agiert, wären die Erfolgschancen allerdings deutlich größer gewesen. Gary Lineker hat es erkannt, auch wenn ich seine Kommentare über Wayne Rooney und Steven Gerrard nicht nachvollziehen kann:

Bitte nicht zu viele Demos

Ein ganz besonderes Schmankerl, welches ich beinahe vergessen hätte, bot den ZDF Zuschauern nach wenigen WM-Tagen übrigens noch Béla Réthy. Ihm gelang es tatsächlich, die zu diesem Zeitpunkt im Vergleich zum Turnier von 2010 deutlich höhere Anzahl von Toren mit den unterschiedlichen Systemen zu erklären, die bis dahin in Brasilien aufeinandertrafen. Leider fehlt mir die Zeit, diese unsinnige Aussage auseinanderzupflücken.  Eine große Unsitte ist und bleibt es im Sportjournalismus und nicht nur dort, komplette Nationen zu vereinnahmen. „Ganz Brasilien hofft auf den zweiten Sieg“, obwohl Dutzende Millionen Menschen dort wahrlich andere Probleme haben und nein, auch ganz Deutschland fiebert nicht mit Jogi, Schweini und Poldi. Vielen ist die Fußball-WM einfach völlig egal. Es soll sogar auch Menschen hierzulande geben, die sich gar einen anderen Sieger wünschen.

Sehr übel aufgestoßen sind mir die Relativierungen der Demonstrationen in Brasilien. Ja, vor der WM haben noch deutlich mehr protestiert, aber nun nicht mehr so viele, wurde uns in der ersten WM-Woche zigmal erzählt. Hmm, vielleicht stimmt das faktisch sogar, aber woran könnte das liegen? Eventuell auch daran, dass Menschen keine Lust auf Gummigeschosse im Bauch und Schlagstöcke im Gesicht haben? Nein, man will lieber Samba, Sonne und Strafraumszenen. Dankbar bin ich für die wenigen guten, kritischen Artikel, die ich über die WM bisher zu lesen bekam. Einen der besten lieferte „Zeit Online“, aber leider muss ich aus bekannten Gründen auf einen Link verzichten. Der große Rest der deutschen Presse (Ein Artikel bei Spiegel Online trug gestern tatsächlich den Titel „WM-Vorrunden-Bilanz: Heiß, heiß, Baby!) passt sich ARD und ZDF leider zu sehr an.

From → Kultur, Medien, Politik, Sport

6 Kommentare
  1. Brigitte permalink

    Das Urteil gegen Luis Suárez ist ungerecht und im höchsten Maße fragwürdig. Man kann nicht den FC Liverpool dafür bestrafen. Wie das zustande kam, konnte man auf dem Video nicht sehen. Wir wissen doch, dass die Italiener provokant und Schauspieler sind. Die spielen doch immer den „sterbenden Schwan“. Wahrscheinlich hat Chiellini sich anschließend amüsiert. Typisch italienisch.
    Zum Kommentar von Béla Rethy kann man nur den Kopf schütteln. Das war eindeutig nur pro Italien. So was sollte man sich als Sportkommentator nicht leisten..

    • Natürlich hat Chiellini provoziert, hätte ich an seiner Stelle aber auch gemacht. Interessant ist, dass er selbst das Urteil zu hart findet. Was die Schauspielerei angeht: Da haben andere ganz schön aufgehört. Stichwort: Müller gegen Portugal.

  2. ribi permalink

    king: streiche meinen post, der angriff auf die dame war unangemessen! hoffe, dass es dir wieder besser geht! die dame vom zdf finde ich allerdings hervorragend, höre mir die kommentare aber kaum an- mich interessiert das spiel! zum vorfall, die urus haben eine art von spiel drauf, die verteidigen auch noch in der 80 minute, sind mit recht wieder daheim! italien machte die tore nicht, denke aber, auch deutschland wird nicht weltmeister werden. bei italien der sturm- beim dfb-team die abwehr, das reicht nicht!ich bin für eine sperre für suarez, aber die sollte sich auf deren nati beziehen! pool ist mit ihm genug gebeutelt gewesen, verkaufen tut not!angirffe auf eine europ. kulturnation sollten hier aber auch nicht erlaubt sein, wenn der blogbetreiber gerecht sein will!

  3. ribi permalink

    king: welcher engl. trianer hat überhaupt hohes niveau, anders als italien verfügen die nicht über internat. begehrte trainer!? der hogson ist doch nett, 2012 überrraschte er gegn italien mit seiner cleveren defensivtaktik!

    • Ein guter englischer Trainer kommt mir auch gerade nicht in den Sinn, aber viele Premier League Trainer, die einen besseren Job machen könnten. Pelligrini, Mourinho, aber ganz besonders Martinez und Rogers. Nett? Er ist ein Idiot.

  4. ribi permalink

    king: mit nett meinte ich meinen eindruck , sehe ihn nur bei großen turnieren, weiß, dass er früher inter trainierte! gute reise!!!!!!!!!!!!!!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: