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Von Tittenpaul, fiesem Krach und dem Hackbraten aus der Hölle – Teil 2

14. Juni 2014

– Fortsetzung von vorgestern –

Als ich gerade mal wieder für ein paar Minuten Schlaf gefunden hatte, ging auch prompt die Tür auf und eine Krankenschwester stand vor mir.

Sie: „Hatten Sie heute schon Verdauung?“

Ich: „Nein.“

Sie: „Und was machen die Winde?“

Ich: „Winde?“

Sie: „Ja, die Winde?“

Ich: „Ich weiß nicht. Machen wir denn morgen einen Segelausflug?“

Blähungen als Winde zu bezeichnen, das war mir auch schon lange nicht mehr untergekommen. Ich berichtete also kurz von Windstärke 8-10, ehe ich wieder eindösen durfte.

Ich dachte später über meine Zivildienstzeit nach. Ob die Leute sich damals auf den Stationen des Krankenhauses auch so deplatziert und verloren vorgekommen sind? Die Zeit war jedenfalls interessant gewesen, wenn auch mitunter sehr nervig. Die insgesamt vier Zivis in meinem Bereich arbeiteten mehr als die Schwestern, die gerne mal stundenlange Besprechungen in einem eigentlich unzulässigen Raucherraum machten. Spaß hatten wir aber auch ohne Ende. Immer, wenn es darum ging, irgendetwas in die Augenarzt Praxis zu bringen oder von dort abzuholen, kloppten wir uns beinahe um den Job. Die Arzthelferinnen da waren einfach allesamt außergewöhnlich attraktiv. Wenn irgendwo nach Aussehen eingestellt wurde, dann dort.

Um einen Kollegen machte ich mir nach einiger Zeit große Gedanken. Er verbrauchte täglich so viel Sterillium, dass ich befürchtete, größere Hautfetzen würde sich nach einem halben Jahr langsam von seinen Fingerknochen lösen. Ein großer Spaß war auch immer wieder ein Abstecher in den Aufwachraum. Die Schwestern und Pfleger verbrachten augenscheinlich 90% ihrer Zeit dort mit dem Lesen von Zeitschriften und riefen von der Narkose noch benebelten Patienten selten mehr als „HINLEGEN, LEGEN SIE SICH BITTE WIEDER HIN“ zu. Ein aufregender Job.

Der Zivi der Intensivstation hieß mit Nachnamen tatsächlich „Bettenpaul“. Als ich diesen Namen zum ersten Mal auf einem Formular sah, entzifferte ich ihn als „Tittenpaul“. Der Rest ist natürlich logisch. Bis zum Ende seines Zivildienstes wurde der junge Mann nur noch Tittenpaul genannt. Ich hoffe, er ist mittlerweile darüber weg. Wenn nicht, dann möchte ich mich an dieser Stelle in aller Form entschuldigen. Nee, doch nicht. Für mich war der interessanteste Tag des Zivildienstes übrigens jener, als ich bei einer Beinamputation dabei sein durfte. Gut, dass der Patient nicht mitbekommen konnte, wie sein Bein mit einem gekonnten Wurf aus der Halbdistanz im blauen Sack landete. Ja, das ist wirklich passiert.

Langweilig, aber viel, viel besser als bei meinem Aufenthalt im Düsseldorfer Krankenhaus, war damals übrigens das Essen. Ich war im Speiseraum übrigens schnell recht beliebt, weil ich nach wenigen Tagen stets meine eigene Pfeffermühle dabei hatte. Dennoch würde ich dem Essen dort auf einer Skala von 1-10 immerhin eine 3-4 geben, während das in der letzten Woche höchstens eine 1 verdient. Am Dienstag hatte es dort übrigens ein Nudelgericht gegeben. Besser als der Spinat-Omelette-Püree Horror, aber immer noch extrem schlecht.

In der Nacht war ich tot und im Himmel, dachte ich für ein paar Sekunden. Plötzlich stand eine junge, extrem hübsche, blonde Dame vor mir, reichte mir die Hand und sagte: „Hallo, ich bin Ann-Sophie, die Nachtschwester. Ich werde diese Nacht noch viermal kommen.“ Ich sagte freundlich „Hallo“ und hoffte, viermal dabei zu sein. Leider vergebens. Anschließend schlief ich tatsächlich einige Stunden, wobei in dieser Nacht auch kein Unwetter in der Stadt wütete.

Vor der Visite gegen 7.15 Uhr begann wieder der Baustellenlärm mich zu quälen. Was war nur mit der guten alten Bauarbeitersitte geschehen, nach der man ab 12 Uhr nur noch rumsaß und sich volllaufen ließ? Nein, nichts da, von 7-17 Uhr wurde fast konstant Krach gemacht. Die Visite lief ab wie gewohnt. Kurzes Abtasten, einige Fragen, Blicke auf die Entzündungswerte meines Blutes und allgemeine Ratlosigkeit der medizinischen Fachkräfte. Um eines vorwegzunehmen: Was ich nun genau habe/hatte, weiß bis heute niemand. Fazit: Ich sollte doch noch lieber einen weiteren Tag bleiben.

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Später bat mich eine weitere Schwester, die ich bis dahin noch nicht kannte, um einen Gefallen. Ich solle doch bitte in das Zimmer nebenan umziehen. Mir schwante böses und es kam so, wie es kommen musste. Für die hoffentlich letzte Nacht im Spital der Verdammnis war ich nicht mehr allein auf dem Zimmer. Na super. Einige Zeit blieb mir aber zunächst noch, denn der eine potentielle Zimmernachbar war gerade frisch operiert und der andere würde wohl noch mindestens einen Tag auf der Intensivstation bleiben müssen.

Am Mittag wurde ganz groß aufgetischt. Es gab Hackbraten mit Röstkartoffeln und Leipziger Allerlei. Hier das Hackbraten-Rezept: Man besorge sich gemischtes Hack, am besten vom kranken Stubenküken und Nachbars Blindenhund. Man strecke dieses mit möglichst viel, viel Semmelbröseln. Wichtig ist hier, unbedingt die billigsten zu kaufen, die in Europa erhältlich sind. Anschließend entfernt man vorsorglich bitte unbedingt alle Gewürze sorgsam aus der Küche. Nun wird das Hack in eine Auflaufform geklatscht und bei 180 Grad gegart. Ist dieser Vorgang abgeschlossen, dann bitte noch einmal den Braten mit Alufolie luftdicht abdecken und das Ganze abermals in den Ofen stellen. Bei 80 Grad sollte man das gewünschte Ergebnis nach ziemlich genau drei Tagen erhalten.

Am Nachmittag wurde mir dann mitgeteilt, dass ich für jeden Krankenhaustag 10 Euro zuzahlen müsse, Einweisungs- und Entlassungstag werden dabei natürlich komplett berechnet. Sehr fair, wenn man an das leckere Essen denkt und daran, über wie viel Kohle die Krankenkassen verfügen. Könnte man nach ein paar Jahrzehnten ohne Krankenhaustag nicht wenigstens eine Frei-Woche bekommen? Nö, natürlich nicht. Hätte man diese 10 Euro am Tag wenigstens in besseres Essen investiert, wäre das zu verkraften gewesen. So kam ich mir doch ziemlich verarscht vor.

Ich halte es auch für ein absolutes Unding, dass man nicht einmal ein Stück frisches Obst am Tag in diesem Krankenhaus bekommt. Stattdessen werden billige, viel zu zuckerhaltige Joghurts auf´s Tablett gestellt. Was soll das? Niemand erwartet in einem Krankenhaus einen kulinarischen Hochgenuss, aber gesünder und ein wenig schmackhaft ginge es ohne großen personellen und finanziellen Aufwand von heute auf morgen. Offenbar ist man aber einfach zu dumm oder zu faul dazu. Eine andere Erklärung habe ich einfach nicht.

Es ist aber beileibe nicht nur das Essen und die Baustelle. In diesem Krankenhaus stimmt so einiges nicht und da lasse ich die persönliche Kompetenz und das Engagement des Personals ganz außen vor. Auf der gesamten Station herrscht eine lieblose Atmosphäre, die eigentlich nur dazu einlädt, krank zu bleiben. Die traurige Aufenthaltsecke mit zwei Tischen, ein paar Stühlen und einem Mini-Fernseher an der Wand, karge, triste Zimmer usw. Es gibt dort nichts Positives, nichts, was einmal vom Thema Krankheit ablenken könnte. Ein wenig freundlichere Farbe an der Wand und ein paar selbst gemalte Bilder von der Kinderstation wären schon ein großer Schritt in die richtige Richtung.

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„Die beste Krankheit taugt nichts“, sagte Herr Maier (ca. 70 Jahre alt), der nach überstandener Darm-OP bis zum nächsten Vormittag mein Leidenspartner auf dem Zimmer war, am Nachmittag. Ich konnte nicht widersprechen. Er war nett und erstaunlich lebhaft, so kurz nach dem schweren Eingriff. „Ach, in ein paar Wochen wird´s schon wieder gehen und dann holen wir den geplanten Türkei-Urlaub eben nach“, meinte er entschlossen. Nur über das Essen und die Baustelle nebenan verlor auch er kein gutes Wort.

Wie denn das Abendbrot geschmeckt habe, fragte er mich später. „Nicht schlecht“, sagte ich. „Wenn etwas nach nichts schmeckt, kann es wenigstens auch nicht schlecht schmecken.“ Herr Maier lächelte und erzählte mir, dass er bei seiner Voruntersuchung schon für drei Tage in den gleichen Genuss gekommen war und mehrmals seine Frau losgeschickt hatte, ihm ein anständiges Brötchen zu besorgen. Nein, die Küche hätte auch in ihm keinen neuen Fan gefunden. Immerhin gewann er so bei mir an Sympathien.

Am Donnerstag hatte der Spuk dann endlich ein Ende für mich. Auf meine während der Visite geäußerten Bemerkung, dass sich mein gefühlter Zustand in den letzten 24 Stunden nicht verbessert habe, schlug einer der Ärzte vor, ich solle vielleicht doch noch einen Tag bleiben. Ich legte Veto ein, ehe die Chirurgin vorschlug, der Oberarzt solle die letzte Entscheidung treffen. Ich willigte ein, da ich am Ergebnis wenig Zweifel hatte. Gegen 10 Uhr durfte ich dann endlich gehen. Ich verabschiedete mich von den Schwestern, Pflegern und natürlich Herrn Maier, packte meine Sachen zusammen und verließ das Krankenhaus. Draußen atmete ich tief durch. Ich war um einige Erfahrungen und eine längere Geschichte reicher, hätte darauf aber gut verzichten können.

Teil 1: Von Tittenpaul, fiesem Krach und dem Hackbraten aus der Hölle

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