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Von Tittenpaul, fiesem Krach und dem Hackbraten aus der Hölle

12. Juni 2014

Wenn man über 30 Jahre lang keinen einzigen kompletten Tag als Patient in einem Krankenhaus verbracht hatte, darf man sich über 75 Stunden nicht beschweren. Im Gegenteil: Man sollte froh sein. Dennoch gibt es einige Dinge, die mir von Montag an für mehr als drei Tage in einem Düsseldorfer Krankenhaus sehr übel aufgestoßen sind.

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Romantischer Blick aus dem Fenster meines Krankenhauszimmers

Alles fing mit einem komischen Grummeln im Magen an. Es war so gegen 18 Uhr am Pfingstsonntag und ich freute mich auf zwei, drei gemütliche Tage mit wenig Arbeit, etwas Radfahren, Lesen, der neuen Game of Thrones-Folge usw. Daraus wurde leider nichts, denn das Grummeln verwandelte sich in einen Druckschmerz etwas oberhalb davon, wo die meisten Menschen ihren Blinddarm haben. Nach wenigen Stunden war mir klar, dass dieser Schmerz von alleine wohl nicht wieder verschwinden würde. Es tat im Ruhezustand zwar kaum weh, aber tiefes Einatmen und abrupte Bewegungen bereiteten mehr als kleines Unbehagen.

Um 6 Uhr morgens machte ich mich zu Fuß auf den Weg ins nur 5 Gehminuten entfernte Krankenhaus. 12 Stunden nach Beginn der Schmerzen erschien mir genau die richtige Zeit zu sein. Zu spät, um als panischer Spinner zu gelten, der ich auch sicher nicht war. Gleichzeitig aber rechtzeitig genug, um einen Blinddarmdurchbruch oder dergleichen noch problemlos verhindern zu können. Von der Uhrzeit versprach ich mir auch etwas.

Tatsächlich war ich so früh morgens einer von nur zwei Patienten in der Notambulanz. Das änderte nichts daran, dass ich über eine halbe Stunde auf die erste, oberflächliche Untersuchung warten musste. Mit einem sehr ausführlichen und fachlich fundierten „Das kann alles mögliche sein“ eines osteuropäischen Dr. van Nostrand wurde ich weitergeschickt. Anschließend fühlte ich mich schon besser aufgehoben. Ich wurde in Ruhe von einem Pfleger, einer Krankenschwester und einem Assistenzarzt befragt, abgetastet und zuletzt nahm man mir Blut ab. Die Krankenschwester meinte irgendwann zu den anderen beiden: „Ich bin ja keine Expertin, aber ich denke, wir sollten schon die Chirurgin hinzuholen.“ Darauf ich: Das habe ich jetzt überhört.“

Zwei Stunden vergingen, ohne dass man mir irgendeine Beachtung schenkte. Natürlich braucht das Labor seine Zeit, aber man hätte ja schon mal kurz reinschauen können. Immerhin tröpfelte mir eine Infusionslösung, an einer nicht portablen Apparatur befestigt, in die Vene und so konnte ich schlecht zur Toilette. Außerdem hatte ich Durst, sehr großen Durst. Irgendwann nahm ich den Infusionsbeutel von der Vorrichtung und verließ den Raum. Recht schnell fand ich den Pfleger, der es für ein gutes Zeichen hielt, dass ich auf die Toilette musste.

Eine Urinprobe, eine Blutauswertung und eine Ultraschalluntersuchung ohne Ergebnis später, befand ich mich im Untersuchungsraum der blonden Chirurgin, die ich im Nachhinein schon ein bisschen geil fand. Wie sie gelangweilt in der Gegend rumstarrte und dann dieses Piercing. Wahrscheinlich war sie auch noch ein wenig jünger als ich. Die Dame hatte sich entschieden, mich erstmal eine Nacht da zu behalten. Vermutlich habe ich eine leichte Blinddarmentzündung, sagte sie. Ich könne mich aber natürlich auch gegen ihren Rat selbst entlassen.

Darauf verzichtete ich, zumal eine Nacht ja nun nicht wirklich schlimm klang. Anschließend musste ich die wohl üblichen Fragen beantworten. Also die nach Hausarzt, möglichen anderen Erkrankungen, Größe, Gewicht, Beruf usw. Irgendwann kam die Ärztin zum lustigsten Punkt. Sie: „Drogen?“ Ich: „Grundsätzlich nein, aber wenn sie etwas interessantes anzubieten haben.“ Sie lächelte etwas mitleidig.

Bei meinem ersten Essen am Mittag war ich es, der mitleidig lächelte. Das können die nicht ernst meinen. Das können die nicht ernst meinen. Das können die nicht ernst meinen. Ich weiß nicht, wie oft mir dieser Satz durch den Kopf stieß. Es gab kalten Instant-Kartoffelbrei, kalten Rahmspinat und ein Omelett, wie es in dieser Form nur eine Fabrik hinbekommen kann. Wie die dort den Ei-Geschmack herausbekommen, ist mir aber immer noch ein Rätsel. Gordon Ramsay hätte alles in die Mülltonne gespuckt, aber ohne Publikum macht das wenig Sinn. Zuletzt hatte ich so übel im August 2013 gegessen und zwar am Busbahnhof des sibirischen Irkutsk und ich bin relativ sicher, dass ich dort eine der schlechtesten Mahlzeiten ganz Russlands hatte. Immerhin wurde mir dieses Mal nicht schwindelig.

Wenigstens hatte ich ein Dreibettzimmer für mich alleine. Das war der einzige Lichtblick und die Tatsache, dass ich endlich dazu kam, „Extremely Loud & Incredibly Close“ von Jonathan Safran Foer mal in Ruhe zu lesen. In böser Vorahnung hatte ich das Buch zusammen mit ein paar sauberen Klamotten zuhause in meinen Rucksack gestopft und mitgenommen. Ich vertrieb mir die Zeit abwechselnd mit schlafen und lesen, bis das Abendessen kam. Das überwältigte mich. Ob ich Tee oder Kaffee dazu wollte? Tee, antworte ich, gerne grünen. Den gab es natürlich nicht, dafür neben schwarzen noch drei, vier Sorten, die kein Mensch braucht. Um ziemlich genau 17.30 Uhr gab es zwei Scheiben Graubrot, geschmacksneutrale Wurst und Käse, der mich traurig machte. So etwas herzustellen, Käse zu nennen und Menschen zum essen zu geben, ist ein dreifaches Verbrechen. Am Mensch, am Tier und an richtigem Käse.

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Alle Patienten taten mir sehr leid, die keine Chance hatten, das Krankenhaus zu verlassen. Ich hätte mir nur 100 Meter weiter zur Not eine Pizza holen oder zum Koreaner gehen können. Ich passte mich aber an, fraß den Müll und hungerte die nächsten 14 Stunden. Das ist auch etwas, was ich höchst absurd finde. Man bekommt zwischen 7.30 und 17.30 Uhr drei Mahlzeiten und dann 14 Stunden gar nichts. Wie soll man so nicht spätestens um 23.30 Uhr wieder Hunger haben? Ach, ist egal, weil man dann ja schlafen soll. Ist ja auch kein Problem, wenn man permanent Geräusche vom Flur hört und auch nachts immer mal wieder jemand die Zimmertür öffnet.

Wie geruhsam der Pfingstmontag aber war, erfuhr ich nachdem die zu kurze Nacht zuende war. Pünktlich zur Visite wurde auf der Großbaustelle nebenan wieder die Arbeit aufgenommen. In den folgenden zehn Stunden gab es damit keine Chance, anständig zur Ruhe zu kommen und mal mehr als zehn oder fünfzehn Minuten zu schlafen. Die Visite selbst ergab auch nichts richtig Gutes. Meine Entzündungswerte im Blut waren erhöht, aber eine OP nicht nötig. Na immerhin. Ich solle auf jeden Fall erst einmal auf´s Frühstück verzichten und noch einmal zur Ultraschalluntersuchung. Am Mittwoch könne ich dann sehr wahrscheinlich nach Hause.

Na toll, noch ein Tag und eine Nacht im Krankenhaus. Ich befolgte alle Anweisungen brav, ehe ich mich nachmittags mal eine Stunde nach Hause verzog, um ein wenig im Internet zu surfen und ein bisschen kaltes Wasser zu trinken. Das gab es auf meiner Station nämlich nur zimmerwarm, für mich ein weiteres Rätsel. Anschließend lag ich wieder rum, las, schlief ein paar Minuten, sofern es der Lärm zuließ und bekam am frühen Abend einen spontanen, netten, kurzen Besuch. Einen eher skurrilen bereitete mir etwas später eine Stationsschwester. Dazu und zur Überschrift aber (über)morgen mehr.

– Fortsetzung folgt –

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