Skip to content

Hamburg und die Nacht

30. Januar 2014

Für wenigstens einen knappen Tag wollte ich endlich einmal wieder Düsseldorf verlassen und dabei nicht abermals in Osnabrück landen. Meine Wahl fiel auf Hamburg, wo ich am Montag den Nachmittag, den Abend und eine kurze Nacht verbrachte.

Insgesamt gut sieben Stunden Zugfahrt dafür lohnen sich nicht? Ich bin da anderer Meinung, denn es war einfach wieder einmal an der Zeit für Hamburg. Nachdem ich den älteren Mitreisenden in meinem Abteil mit ihrem Gepäck helfen durfte, ging es auch gleich zu Programmpunkt 1. Ich fuhr nach Barmbek zum Museum der Arbeit, indem ich mir die interessante „Fotoausstellung zum Thema Wanderarbeiter“ ansah. Zu teils sehr guten Bildern gab es Informationen, die mich grundsätzlich nicht überraschten, aber dennoch bedrückten. Mittlerweile arbeitet beispielsweise jeder dritte rumänische Beschäftigte im Ausland. Was das für Familien und Freundschaften bedeutet, kann sich jeder selbst denken.

Ein anderer trauriger Fakt? Inzwischen befinden sich über 4500 der knapp 5000 deutschen Handelsschiffe auf den Weltmeeren unter ausländischer Flagge. Eine Maßnahme, die selbstverständlich einen Hauptgrund hat: Lohndumping. Wenn man daran denkt, unter welch erbärmlichen Arbeitsbedingungen hunderte Millionen Menschen weltweit leiden, möchte man sich eigentlich nur noch betrinken und pausenlos mit dem Kopf schütteln. Ich tat das aber nicht, sondern verließ an den Landungsbrücken meine Bahn, aß ein Fischbrötchen, trank ein Bier, genoss die schöne Aussicht und hörte etwas Musik.

Nach einem langen Spaziergang landete ich im Restaurant/der Sushibar eines sehr bekannten deutschen Fernsehkochs in Altona. Der Service dort war hervorragend und das Essen begann auch sehr vielversprechend mit einer Art (japanischer?) Papadams, zu denen ein leckerer, leicht scharfer Currydip gereicht wurde. Weiter ging´s mit einer Miso Suppe, die mich ebenfalls überzeugen konnte. Letzten Endes ein wenig enttäuschend fiel aber der große Sushi Mix für mich aus. Die Avocado Maki schmeckten großartig, aber von meinem Düsseldorfer Stammjapaner Yabase bin ich doch eine noch bessere Fischqualität gewohnt. Diese Erkenntnis und das insgesamt gute, aber nicht überteuerte Essen, ließen mich zufrieden das Restaurant verlassen.

Zu Fuß ging´s weiter Richtung St. Pauli. Besondere Pläne hatte ich für diesen Abend nicht mehr. Ich wollte durch die Straßen schlendern und es genießen, einfach mal wieder in Hamburg zu sein. Temperaturen jenseits des Gefrierpunktes und ein teilweise sehr aggressiver Wind hätten die meisten Menschen vor langen Spaziergängen wohl abgeschreckt. Mich störte es nicht. Im Gegenteil: Ich genoss es, an diesem Abend und in der Nacht über längere Zeit niemanden zu begegnen. Auf der Reeperbahn war das natürlich anders. Die frierenden Prostituierten hatten es an diesem Montag nicht leicht. Dennoch empfand ich es als etwas nervig, mehrere Male an der Jacke festgehalten und zu lange vollgequatscht zu werden. Das brachte auch wirklich niemanden etwas.

Eine Frage, die ich mir in jeder Stadt immer schnell stelle, ist ganz simpel: „Kann ich mir vorstellen, hier zu leben?“ Manchmal weiß ich die Antwort schnell. In Irkutsk oder Ulaanbaatar ging es mir so. Klarere Neins kann es kaum geben. Paris, Montréal, Budapest (mit Abstrichen wegen der Sprache) sind dagegen klare Jas und Hamburg? Hamburg auch. Das größte mir bekannte Manko der Stadt ist der HSV und darüber kann man hinwegsehen, wenn man gnädig ist. Gut, politisch bereitet Hamburg mir auch Kopfzerbrechen, die Mietsituation ist alles andere als komfortabel, doch darüber hinaus fallen mir nur positive Dinge ein. Viele Flecken Hamburgs sind einfach besonders schön.

Stundenlang ging ich am Montagabend und in der Nacht noch durch die Stadt. Ich vergewisserte mich, dass Astra immer noch ein Bier ist, welches man lieber meiden sollte und ging weiter. Durch verschiedene Stadtteile, am Hafen entlang und irgendwann in die Innenstadt. Auf der Suche nach der Bank meines Misstrauens traf ich eine äußerst nette Frau, die mir zwar nicht wirklich weiterhelfen konnte, mit der ich mich aber ein paar Minuten gut unterhielt. Attraktiv und mit einem bezaubernden Lächeln ausgestattet, war sie übrigens auch. Oft frage ich mich, wie viele spontane Begegnungen dieser Art uns entgehen, da wir niemanden mehr nach dem Weg oder anderen Informationen fragen müssen, weil wir alles über unser Smartphone nachschauen können. Ein weiterer Grund für mich, mir keines zuzulegen.

Insgesamt muss ich bestimmt 20 Kilometer zu Fuß durch die Stadt gegangen sein, als ich müde um 5 Uhr bereits wieder am Hauptbahnhof war. Eigentlich viel zu früh, aber ich hatte mir ja auch nur für die ersten Stunden in der Hansestadt etwas vorgenommen, ehe mir irgendwann in der Nacht die Ideen ausgegangen waren. „Slime“ hören und einfach nur die Straßen laufen, war aber dennoch klasse. Morgens um 5 Uhr am Hauptbahnhof ist dagegen weniges klasse. Außer, man denkt etwas weiter. All die gescheiterten Existenzen können einen auf den ersten Blick traurig machen. Andererseits sitzen die meisten davon wenigstens nicht um 7 Uhr völlig übermüdet im Bus zu ihrer Arbeitsstelle, auf die sie keinen Bock haben. Der Chef wird sicher wieder nerven, Kollegin Bettina aus dem Nachbarbüro mittags dämliche Abnehmtipps verteilen und der Herr Meyer lässt irgendwann am Nachmittag seine Kaffeetasse einfach in der Spüle stehen. Das macht er jeden Tag. Der scheiß Herr Meyer.

Durch die Glasscheibe sah ich, wie bei McDonald´s vier Männer Paderborner Pilsener aus Dosen in ihre Kaffeebecher schütteten. Nein, die mussten an diesem Tag sicher in kein Büro mehr. Höchstens in eine JVA. Ein paar Schritte weiter hielt eine Frau um die 35, mit roten fettigen Haaren, einem ausgeleiterten grauen Pollover, abgetragener blauer Jeans und noch halbwegs ansehnlichen braunen Stiefeln einen Monolog. Worum es genau ging, habe ich nicht verstanden, aber sie selbst wohl ebenso wenig. In einer Ecke zählte ein Mann, der eine versiffte braune Jacke trug, sein Kleingeld. Als ihm eine Münze herunterfiel, konnte er diese nur unter großer Anstrengung wieder aufheben und zu den anderen legen. Wie er in der Hocke, wild mit den Armen rudernd, noch so eben sein Gleichgewicht hielt, war gleichermaßen komisch wie tragisch.

Ich ergötze mich an solchen Dingen nicht, sondern finde die Nacht einfach ehrlicher als den Tag und die Nacht gehört gerade auch diesen Menschen, die ab 7 Uhr morgens nur noch Randfiguren sind, welche viele lieber übersehen. Die Nacht ist ehrlicher, weil die Menschen weniger gestresst sind und viele zumindest ein wenig alkoholisiert. Draußen vor dem Seiteneingang beobachtete ich Karl-Heinz, wahrscheinlich Ur-Hamburger und seinen Kollegen asiatischer Herkunft. Sie diskutierten lautstark an ihrem Zeitungsstand. Irgendwie drollig die beiden, wie sie aneinander vorbei argumentierten. Es ging um den HSV, der in diesem Jahr vielleicht endlich absteigt. Um 6.48 Uhr stieg ich dagegen hundemüde in meinen Zug zurück nach Düsseldorf und bereute diesen anstrengenden Tag kein bisschen.

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: