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Der graue Schleier

23. Juli 2013

Dies ist ein schwieriger Artikel. Man kann vieles lesen und sich in verschiedenste Dinge einarbeiten. Mitunter hat man am Ende aber dennoch keine wirkliche Ahnung. Das gilt zum Beispiel für das Thema Depressionen. Das ist etwas, was ich trotzdem so gut wie möglich verstehen möchte.

Ich persönlich kenne Frust, Deprimiertheit, Wut oder Fatalismus. Vielleicht deutlicher als die meisten anderen Menschen. Besonders die Tatsache, dass wir in einer völlig perversen Welt leben, in der hunderte Millionen Menschen täglich um das schlichte Überleben kämpfen, während einige Millionen kaum wissen, was sie mit ihrem riesigen Vermögen anstellen sollen, macht mich sehr traurig. Die Tatsache, dass ein krankes System, in dem so etwas möglich ist, verzweifelt am Leben gehalten wird, lässt die gesamte Angelegenheit noch schlimmer aussehen. Trotz alldem kenne ich Depressionen nicht.

Ich denke, das ist ein Problem, welches im Umgang mit Depressionen gemacht wird. Viele Menschen verwechseln diese Krankheit mit Gefühlen wie Deprimiertheit. Am 10. 11. 2009 wurde das Thema Depressionen von einem Moment auf den anderen in den Mittelpunkt des deutschen Medieninteresses katapultiert. Es gibt wohl kaum jemanden, der sich zu der Zeit in diesem Land aufgehalten hat und nichts vom Tod des Fußball-Torhüters Robert Enke mitbekam. Der gebürtige Jenaer beendete sein Leben durch einen sogenannten Schienensuizid. Er ließ sich also von einem Zug überfahren. Wikipedia verrät uns, dass von 2009 bis 2011 auf diese Weise jährlich zwischen 800 und 900 Menschen in Deutschland den Tod fanden.

Enke

Diese Zahlen sind bei 80 Millionen Einwohnern vielleicht nicht hochdramatisch. Bedenkt man aber, dass eine viel größere Anzahl von Suizid-Opfern einen anderen Tod wählt, sieht die Angelegenheit schon deutlich anders aus. Insgesamt nehmen sich in Deutschland jährlich mehr als 9000 Menschen das Leben. Die Dunkelziffer liegt höher, vielleicht sogar deutlich höher. Zum Vergleich: 2011 verunglückten bei Verkehrsunfällen in Deutschland 4009 Menschen tödlich, also deutlich weniger als die Hälfte. Etwa 80% der Suizid-Opfer haben zuvor unter Depressionen gelitten.  Deshalb sind die beiden Themen kaum voneinander zu trennen.

Das Buch „Ein allzu kurzes Leben“ von Ronald Reng, hat sicherlich vielen geholfen, schwere Depressionen ein bisschen besser einordnen zu können und diese Krankheit ernster zu nehmen. Hat sich darüber hinaus in den über dreieinhalb Jahren viel in Deutschland diesbezüglich geändert? Ich denke nicht. Hören wir von einem Freund, der sich den Arm gebrochen hat oder von einer Bekannten, die einen Bänderriss hat, dann wünschen wir gute Besserung. Bei schweren Erkrankungen potenziert sich unsere Betroffenheit. Verständlich. Bei Depressionen sind wir aber oft sprachlos.

Eine überwältigende Zahl

Ich bin sicher, dass es sogar noch Millionen Menschen in diesem Land gibt, die denken, dass Depressionen nur irgendein neumodischer Unsinn sind und die Personen, die darunter leiden, einfach einen Tritt in den Hintern brauchen und sich gefälligst mal zusammenreißen sollen. Niemand würde dagegen auf die Idee kommen, einem Krebskranken irgendwohin zu treten, oder? Am Ende hilft nur Aufklärung. Man muss diese Krankheit nicht nachempfinden können, um sie ernst zu nehmen. Manchmal helfen sogar ein paar simple Zahlen.

Einige habe ich schon genannt, aber die beeindruckendste und gleichzeitig die bedenklichste ist die Zahl 4.000.000. So viele Menschen leiden in Deutschland etwa unter einer behandlungsbedürftigen Depression. Vier Millionen bedeutet anders ausgedrückt: 5% der Bevölkerung oder jeder zwanzigste. Überlegen wir uns nun, wie viele Menschen wir kennen. In der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis, im Arbeitsumfeld und in der engeren Nachbarschaft. Das variiert zwar sehr stark, aber bei der großen Mehrheit werden das mindestens zwanzig Personen sein. Damit ist die Wahrscheinlichkeit dann recht groß, dass wenigstens eine dieser Personen unter Depressionen leidet.

Wir wissen es nicht

Oft wissen wir das nicht. Manchmal mögen wir vermuten, dass mit jemanden etwas nicht stimmt, mitunter haben wir nicht die geringste Ahnung. Das hat zwei Hauptgründe. Erstens ist eine Depressionen eben nicht so einfach optisch zu erkennen wie der eingegipste, gebrochene Arm. Zweitens fällt es vielen Betroffenen immer noch schwer, über ihre Krankheit zu sprechen. Zum einen, weil sie nicht von überall Verständnis erwarten können, zum anderen, weil es ihnen grundsätzlich peinlich ist. Beides ist nachvollziehbar, wobei eine Krankheit natürlich niemanden peinlich sein sollte. Von Scham möchte ich gar nicht erst schreiben.

grau

Ändern wird sich das wohl erst, wenn wir allgemein in der Gesellschaft ein neues Verständnis von und eine andere Einstellung zu Depressionen gefunden haben. Zum Verständnis hilft wahrscheinlich am besten, Betroffenen zuzuhören oder von ihnen zu lesen. Ich weiß wie es ist, keine Lust zu haben. Keine Lust, zu arbeiten. Keine Lust, irgendetwas zu tun. Nicht einmal Lust, morgens aufzustehen. Ich weiß aber nicht wie es ist, wenn diese alltäglichen Dinge zu einer Qual werden, die manchmal kaum überwindbar erscheint. Wenn sich alles sinnlos anfühlt und von einem grauen Schleier bedeckt ist. So beschreiben nicht wenige ihre Depressionen.

Eine betroffene Person schickte mir während der Recherche zu dem Thema diesen Text:

Mir fällt dazu nur ein, Dir zu erklären, wie ich mich während einer Depression fühle. Ich nenne sie „meine Dämonen“. Und wenn sie mich packen und in die Tiefe ziehen, dann wird vor allen Dingen eine unendliche Leere und Sinnlosigkeit deutlich, die so tief ist, dass ich dieses Leben einfach nicht mehr fortführen kann und möchte. Ich wechsele zwischen bodenloser Verzweiflung und der absoluten Gefühllosigkeit und kann nicht sagen, was schlimmer ist. Kein Sonnenstrahl, kein liebes Wort, kein Job, kein Mensch kann mir helfen.

Ich bin innerlich tot und will das dann auch körperlich sein. Das Leben läuft nicht mehr als Film, sondern nur noch in Einzelbildern. Nichts, absolut gar nichts macht Sinn. Nur Schmerz. Nur Leere. Dafür braucht es nicht unbedingt einen Grund. Das geschieht manchmal einfach so. Oder wenn mir meine innere Leere bewusst wird, die immer da ist, auch wenn mich grad keine „Dämonen“ packen. Jeder Tag ist ein Kampf gegen sie. Manchmal ist alles gut und dann plötzlich geht’s abwärts. Und wer das nicht erlebt hat, kann das nicht verstehen. Alles ist so sinnlos und leer und so anstrengend, dass man es kaum aus dem Haus schafft. Eine Spirale nach unten. Und dieser Grenzgang wird immer Teil meines Lebens bleiben.

Ich lerne aber, diese Momente zu überleben. Und dabei helfen Therapeuten und Selbsterkenntnis. Manchmal auch Tabletten. Bei mir aber nicht, doch das ist bei jedem anders. Und es helfen Freunde (sofern man sie einweiht), die einen nicht stigmatisieren und sprachlos sind sondern einfach zuhören und Fragen stellen. Keine Hysterie und kein Beschwichtigen, sondern ernsthaftes Interesse. Es ist nicht einfach, das Leben schön zu finden. Am Rand zu segeln gehört aber wohl zu mir. Depressionen kommen nicht einfach vom Himmel. Da spielen genetische und soziale Komponenten eine Rolle. Ich weiß mittlerweile, warum ich so bin. Und ich versuche an mir zu arbeiten. Aber die Dämonen warten jeden Tag auf mich…

Rationalität als Hindernis

Für viele Menschen ist es auch ein Problem, sich auf dieses Thema einzulassen, weil sie der Krankheit mit Rationalität begegnen, was einfach keinen Sinn macht. Robert Enke ist hier wieder ein gutes Beispiel. Dieser Mann hatte auf dem ersten Blick alles, was sich viele erträumen. Einen extrem gut bezahlten und angesehenen Job, eine attraktive und intelligente Frau, ein Kind, physische Gesundheit und sogar Fans. Wie kann jemand, der scheinbar alles hat, nur unter Depressionen leiden? Die Antwort ist ganz einfach: Das eine schließt das andere absolut nicht aus. Es kann jeden treffen.

Tabletten

Von vielen Prominenten haben wir über die Jahre erfahren, dass sie unter Depressionen leiden/litten. Die tragischen Fälle namens Robert Enke oder Kurt Cobain stehen nur ganz oben auf der Liste. Das Gute ist aber, dass es meistens nicht so weit kommt. Vielen kann geholfen werden. Einigen also durch Gespräche mit Therapeuten, anderen durch Medikamente, die wir heutzutage allerdings in vielen Bereichen auch deutlich zu schnell als Lösung für ein Problem ansehen. Im Kampf gegen die Krankheit kann es aber auch nie schaden, verschiedene Menschen im engeren Umfeld zu haben, mit denen man vertrauensvoll sprechen kann und die vor allem zuhören.

Selbst als Freund oder guter Bekannter kann man eine Depression nicht immer erkennen. Von daher wäre es wichtig, dass die Hemmschwelle darüber zu reden, allgemein sinkt. Daran kann wiederum jeder ein wenig mitwirken.

From → Allgemein

9 Kommentare
  1. Depressionen sind so ziemlich das Schlimmste, was einen Menschen treffen kann. Die Psyche fängt an, einen aufzufressen. Und ich denke, dass es vielen so geht wie mir damals…das „nicht darüber sprechen“…aus Angst! Schlichtweg aus Angst, weil man in diesem Land als psychisch kranker Mensch gerne als Irrer hingestellt wird, der auf einem Sofa von seinem Kummer erzählt. Ich bin froh, dass ich das nicht mehr erleben muss und kann nur hoffen, dass es so bleibt. Und allen anderen Erkrankten kann man nur diese eine helfende Hand wünschen, die einen begleitet, wenn man wieder lachen möchte.

    • Diese Stigmatisierung ist ein großes Problem, auch in anderen Bereichen. Zum Beispiel, wenn es um soziale Aspekte oder die Herkunft von Menschen geht.

      Ansonsten hoffe ich auch, dass es bei Dir so bleibt !

  2. Linda permalink

    Ein ganz großes Dankeschön für diesen offenen Artikel. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Stigmatisierung und Tabuisierung sich in der nächsten Zeit etwas verringern. Wenn man es einmal schafft, sich zu öffnen, egal ob im privaten Bereich oder bei einem Arzt bzw. Therapeuten, dann ist ein erster Schritt getan. Aber im beruflichen Umfeld ist die Depression nicht zulässig – denn du bist nicht mehr zurechnungsfähig.

  3. Eine Depression wird oft unterschätzt. Man erkennt Sie lange Zeit nicht, jedoch frisst sie einen von Zeit zu Zeit von innen auf. Man zieht sich immer mehr zurück und lässt niemanden mehr an seinem Leben teil haben, obwohl man eigentlich so dringend Hilfe bräuchte.

  4. Leider wird eine Depression nicht immer gleich erkannt oder selbst eingesehen.

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  1. Sommerpause! | Ziegenhodensuppe           

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