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180 Kilometer vs. 9288 Kilometer

8. Juli 2013

Wieder einmal sitze ich in der Bahn und fahre die ca. 180 Kilometer von Düsseldorf nach Osnabrück. Eine Strecke, die auch nicht gerade interessanter wird, wenn man sie zum 250. Mal zurücklegt. Dafür wird meine übernächste Zugfahrt deutlich interessanter.

HKX

Hoffe ich jedenfalls. Ich sitze in Fahrtrichtung an der Tür. Der Platz neben mir ist frei. In Fahrtrichtung am Fenster sitzt ein alter Mann seiner Enkelin gegenüber. Vielleicht ist es aber auch ein Pädophiler mit seinem nächsten Opfer. Letzteres halte ich für sehr unwahrscheinlich und wenn, dann stellt sich doch die Frage, warum er sich ein Mädchen mit riesigen Segelohren ausgesucht hat. Merkwürdig gekleidet ist die Kleine auch noch. Rote Schuhe, blaue Socken, grüne Hose, gelbes T-Shirt.

Dunkle Sneakers, dunkle Jeans, ein graues T-Shirt und ziemlich hässliche, teilweise kaum definierbare Tätowierungen an beiden Ober- und Unterarmen hat der etwa 40-jährige Mann neben ihr vorzuweisen.  Wenn mir jemand irgendwann ein Gratis-Tattoo anbietet, werde ich sicherlich nicht ablehnen, mir aber die Motivwahl ganz genau überlegen. Selbstverständlich würde ich auch kein Standardmotiv nehmen. Ein riesiges Gemälde über den ganzen Rücken fände ich interessant, aber nicht so etwas.

Die Frau mit der Gitarre

Mir gegenüber sitzt eine dicke Frau mit kurzer weißer Hose und einem schwarzen Oberteil, die hartnäckig und ohne Pause auf ihr Smartphone starrt. Gerade ist in Essen eine Frau mit dunkler Kurzhaarfrisur eingestiegen, die auf dem Rücken eine Gitarre trägt. Auf der Gitarrentasche sind viele Unterschriften auszumachen und ein paar Herzchen, die wahrscheinlich ihre Freundinnen darauf gekritzelt haben.

Ich stelle mir vor, wie sie die Gitarrentasche an ihrem 35. Geburtstag von ihren Freundinnen geschenkt bekam. Man stieß mit Prosecco an, kicherte dümmlich vor sich und sagte Dinge wie: „Ach natürlich findest Du auch noch den Richtigen. Auf jeden Topf passt doch ein Deckel, weißt Du doch, hihi.“ Dann wurde gegessen und „ach, der Salat ist ja lecker, dieses Dressing, ist auch alles total gesund“ gesagt und die nach scheiß gar nichts schmeckende Tofuwurst gelobt.

Alles wie immer

Um 0.45 Uhr ging dann die letzte Freundin auch schon. Man kann ja nicht mehr die halbe Nacht durchfeiern wie mit 18, morgen muss bestimmt eine Stunde aufgeräumt werden und am Nachmittag steht der Besuch bei den Eltern an. Mama hat sicher wieder Erdbeerkuchen gemacht. Ach, Mama und ihr Erdbeerkuchen, sie ist doch die Beste. Tja und dann geht es natürlich Montag zurück ins Büro.

Von den Kollegen gibt’s bestimmt wieder einen Gutschein zum Brunch und eine Flasche Sekt, wie jedes Jahr. Steig nicht in mein Abteil, steig nicht in mein Abteil, Gitarrenhexe aus Essen! Macht sie nicht, sie geht weiter. Glück gehabt! Immerhin habe ich nun auch schon etwa ein Drittel der Fahrt überstanden. Bei insgesamt gerade 180 Kilometern von „Überstanden“ zu schreiben, ist allerdings schon merkwürdig, wenn man dreieinhalb Wochen später 9288 Kilometer in neun Tagen im Zug zurücklegen will. Das kann ich komischerweise kaum erwarten, wobei ich natürlich an die gesamte Reise denke als nur an das Zugfahren.

Transsib

Die Baikalbahn

Düsseldorf-Moskau-Irkutsk-Listwjanka (am Baikalsee) – Wladiwostok – Peking – Ulaanbaatar – Irgendwo in der Mongolei-Ulan Ude klingt auch ein bisschen aufregender. Vor allem war ich nach Düsseldorf bisher an noch keinem dieser Orte. Wird die Zugfahrt nicht auch irgendwann langweilig sein? Wahrscheinlich, aber der Blick aus dem Fenster wird mir nichts zeigen, was ich schon zigmal gesehen habe. Dazu werde ich mit genügend Literatur und Musik ausgerüstet sein und außerdem will ich über die Reise schreiben. Dann wäre da noch meine Begleiterin, mit der ich wohl auch ab und zu mal sprechen muss (kleiner Scherz. Ich habe eine sehr gute Begleiterin) und keine Ahnung, wer sonst noch in unserer Nähe sitzen wird.

Keine Lust habe ich irgendwie auf deutsche oder amerikanische Touristen. Nein, was für eine unschöne Idee. „Wie war´s denn in der Transsib?“ „Ach toll, die ersten knapp 5200 Kilometer bis Irkutsk saßen wir neben Ronnie und Jacqueline aus Paderborn. Von Irkutsk bis Wladiwostok anschließend der Familie Atkinson aus Milwaukee gegenüber.“ Nein, das muss wirklich nicht sein. Auch wenn es mit der Kommunikation vielleicht schwierig wird, würde ich schon lieber mit ein paar Russen ins Gespräch kommen. Mit ganz normalen Menschen.

Vielleicht sogar mit welchen, die keine Jogginghose tragen. Die soll nämlich die beliebteste Beinbekleidung in der Transsib sein. Ich bin anpassungsfähig und nehme lokale Sitten und Bräuche gerne an, aber nicht diesen. Ich habe schon seit über 20 Jahren aus guten Gründen keine Jogginghose mehr getragen und das soll sich so schnell auch nicht ändern.

From → Allgemein, Reise

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