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Eine lange Reise gen Osten

4. März 2013

Viele Menschen buchen dieser Tage ihren Sommerurlaub. Die meisten davon zieht es in die Sonne. Frankreich, Spanien, Kroatien, Italien oder die Karibik stehen auf dem Programm. Meine Ziele heißen dagegen Russland und die Mongolei.

Ja Russland, warum nicht? Wenn ich bedenke, wo Menschen überall hinreisen, aber das mit Abstand größte Land dieser Erde ignorieren, finde ich das schon ein wenig seltsam. Komisch eigentlich auch, dass ich es in meinem Alter noch nicht weiter gen Osten geschafft habe, als an einen bestimmten, nicht mehr ganz genau rekonstruierbaren Ort in Rumänien. Ende Juli soll es nun endlich so weit sein und ich habe mich seit langem nicht mehr derart auf eine Reise gefreut.

Das erste Ziel ist Moskau, wo ich schon lange hin wollte. „Rom, Rom, Rom“ werden jetzt einige schreien, aber nach Paris und London gibt es für mich keine interessantere und spannendere europäische Stadt. Anschließend geht es in die Transsibirische Eisenbahn. Nicht gerade der beste Ort für Entspannung und Erholung, aber darauf bin ich auch nicht aus. Ich bemitleide gerade zu alle Menschen, die ihren zwei- oder dreiwöchigen Sommerurlaub irgendwo verbringen, wo sie sich fast ausschließend zwischen Meer und Swimming Pool bewegen.

Ein bisschen mit der Bahn fahren

Das einzige Kriterium ist für viele, dass dieses „Irgendwo“ ein sonnenreicher Ort sein muss. Am Ende hat man sich vielleicht etwas erholt, aber zwei Wochen in einer überlaufenden Hotelanlage mit Sonnenbrand und allabendlichem Saufgelage, nur unterbrochen von einem Alibi-Ausflugstag, würde ich nicht geschenkt nehmen wollen. Okay, ein verlängertes Wochenende vielleicht schon, aber mehr wirklich nicht. Das allerdings auch nur, wenn nirgendwo irgendwelche nervigen Animateure rumlaufen.

Zurück nach Russland: Anfang August geht es dann in der Transsibirischen Eisenbahn auf die lange Reise in den Osten. Wenn ich für gewöhnlich mit der Bahn reise, dann bin ich nach weniger als zwei Stunden und ca. 180 Kilometern an meinem Zielort. Dieses Mal ist die Fahrt gut 50 Mal länger, wenn man die pure Entfernung betrachtet. Vom Jaroslawler Bahnhof in Moskau bis zur Endstation Wladiwostok sind es 9288 Kilometer, also noch etwas mehr als von New York nach Los Angeles und zurück. Immerhin wird der erste Zug aber nach drei Tagen und vier Nächten verlassen. Dann ist man in Irkutsk.

Transsib

Ufer des Baikalsees

Irkutsk, eine der größten Städte Sibiriens ist Ausgangsort für einen Besuch des Baikalsees. Der Baikal ist mit über 1600 Metern der tiefste und mit mehr als 25 Millionen Jahren der älteste Süßwassersee der Erde. Er enthält außerdem etwa die gleiche Wassermenge wie die Ostsee. Nach Moskau ist ein Aufenthalt an diesem See das zweite große Highlight. Ich stelle mir vor, wie ich am Ufer des Sees sitze und die Sonne sich auf dem Wasser spiegelt. Es herrscht Ruhe. Meine Begleiterin reicht mir dann ein eiskaltes Bier und einen Wodka, ich höre dazu Rammstein. Till Lindemann singt „Reise, Reise,… jeder tut´s auf seine Weise“ und ich ziehe vielleicht noch entspannt an einer Zigarette. Anschließend kaufen wir geräucherten Omul, den endemischen lachsartigen Fisch. Mallorca, suck my fucking dick!

Dann wartet der zweite Teil der Zugreise bis Wladiwostok. Noch etwas über 4000 Kilometer sind es bis da hin. Die meisten reisen derweil durch die Mongolei bis nach Peking, was sogar kürzer ist. Ich hätte auch nichts gegen Peking, aber für mich muss es die Originalstrecke sein. In China kann man bestimmt günstiger gut essen, aber ich möchte in Wladiwostok auf das japanische Meer schauen. Anschließend geht es dann trotzdem noch in die Mongolei und zwar mit dem Flugzeug. Theoretisch funktioniert das jedenfalls so. Bei einigen Fluggesellschaften bin ich mir nicht ganz sicher, wie wahrscheinlich es ist, unversehrt dort anzukommen.

Ein großes, kleines Land

Erst Russland und dann auch noch die Mongolei? Genau. Auch das Land hat mich schon immer fasziniert. Von der Fläche ist es mehr als viermal so groß wie Deutschland und hat dabei weniger Einwohner als Berlin. Rund ein Drittel der drei Millionen lebt in der Hauptstadt Ulaanbaatar, besser bekannt unter dem russischen Namen Ulan-Bator. Man zahlt dort mit dem Tögrög. Vielleicht bringt dieses Wissen mal jemandem 500.000 Euro bei „Wer wird Millionär?“. Interessant und gegebenenfalls ärgerlich: Für das Visum braucht man einen Reisepass, der noch mindestens ein Jahr Gültigkeit hat.

Vor allem freue ich mich auf die ganzen Kleinigkeiten. Die Gespräche mit völlig fremden Menschen, Essen an Bahnhöfen von alten Damen zu kaufen, die Teigtaschen unter ihren Mänteln warm halten, tiefe Falten im Gesicht haben und freundlich lächeln, wobei mindestens ein Goldzahn zum Vorschein kommt. Seit Jahren genieße ich regelmäßig Literatur und Dokumentationen über Russland. Es gibt wohl nichts, was diesbezüglich auf Phoenix ausgestrahlt wurde und an mir vorbei ging. Was genau die nicht selten zitierte russische Seele ausmacht, habe ich noch nicht ganz verstanden, aber vielleicht hilft mir diese Reise dabei.

Blick über Wladiwostok

Was ich an den russischen Menschen in all den Geschichten und Filmen immer sehr geschätzt habe, ist eine Mischung aus Melancholie, Stolz und und Selbstironie. Man meckert beispielsweise über „die“ in Moskau, die sich für uns in Sibirien nicht interessieren, aber selten ist dabei tiefe Verbitterung zu spüren. Vieles war in der UDSSR besser, hört man oft, ohne dass der alten Sowjetunion wirklich nachgetrauert wird.

Schön wäre es, wenn sich am Ende in der Mongolei noch die Möglichkeit ergibt, in einer Jurte zu übernachten und dort Airag zu trinken. Das ist die vergorene Stutenmilch, Nationalgetränk der Mongolei. Es ist selbstverständlich auch nicht schlecht, wenn man mit einer Person reist, die das meiste von all dem auch zu schätzen weiß. Also abgesehen vom Bier, der Zigarette und wahrscheinlich auch Rammstein.

An einer solchen Reise interessierte Personen sei noch mitgeteilt, dass für beide Länder eine ganze Reihe Impfungen empfohlen werden, die man teilweise nicht mal eben kurz vor Reiseantritt sich noch in den Körper jagen lassen kann. Ohne Visa geht es leider auch nicht. Ich persönlich werde übrigens auf der Fahrt ein kleines Buch schreiben. Mehr darüber dann zu gegebener Zeit hier.

From → Allgemein, Reise

17 Kommentare
  1. Timo permalink

    Mir gefällt der „Meine Begleiterin reicht mir Bier und Wodka“ Aspekt ungemein!🙂

  2. garlic221 permalink

    Hast Du Dich mal informiert, was für einen Reisepass Du für Russland brauchst? Mir der roten Pappe wird das wohl nicht gehen.
    Ach, ist Euch mal bei Reispass aufgefallen, das auf dem Passdeckel der Adler 6 Schwingen hat und alle Adler´s danach sieben Schwingen? Komisch, oder? Willkommen in der Bananenrepublik.🙂

  3. Frollein Nanni permalink

    Wie wär’s, wenn Du Deiner Begleiterin Bier und Wodka reichst?😉

  4. Garlic221 permalink

    […]Wunderschön.[…], das ist keine Antwort. Ich bin enttäuscht von Dir.

  5. Frollein Nanni permalink

    In der Mongolei reichst Du dann also den Airag? Hmm… ich weiß nicht…

  6. Judith Wirtz permalink

    Tolles Vorhaben. Ist ihre Reisebegleitung Spanierin ? Der Name lässt ja darauf schliessen.

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