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Kein Verlust?

13. November 2012

Als ich heute Mittag von der Insolvenz der „Frankfurter Rundschau“ las, machte mich das sehr traurig. Ich hatte über Jahre ein günstiges Studenten-Abo des Blattes, welches seit langem fester und etablierter Bestandteil der deutschen Zeitungslandschaft ist.

Die überregionale Tageszeitung Frankfurter Rundschau ist 2012 in der Tat leider nur noch ein Schatten früherer Tage. Ihr klares, unverwechselbares linkes Profil hatte sie vor langer Zeit verloren und befand sich vielleicht auch daher nicht erst seit kurzem in großen finanziellen Schwierigkeiten. Diesbezüglich steht die Traditionszeitung wahrlich nicht allein da. Verschiedene Rettungsversuche der FR brachten zuletzt keinen nachhaltigen Erfolg. Weder Personalabbau, noch die zwischenzeitliche Zusammenlegung der Chefredaktion mit jener der Berliner Zeitung, konnten die Verluste stoppen. Grund dafür ist der gleichzeitige Rückgang der Auflage bei Einbußen im Anzeigengeschäft.

Die Gehälter der Mitarbeiter seien noch bis Ende Januar gesichert, verkündeten heute DuMont Schauberg und die SPD-eigene Verlagsbeteiligungs-Gesellschaft DDVG. Ob die Rundschau dann Geschichte ist, kann noch niemand wirklich sagen, aber die Wahrscheinlichkeit scheint momentan alles andere als gering. Die Reaktionen auf diese Nachricht waren heute gemischt. Denkt man an die Mitarbeiter und die Tatsache, dass es sich hier um eine Institution in der Presselandschaft Deutschlands handelt, kann man eigentlich nur traurig darüber sein.

Filmkritiker Daniel Kothenschulte

Wo immer man auch heute Leserkommentare im Internet zu diesem Thema überflog, konnte man einem hämischen „Kein Verlust“ aber nicht entkommen. Ob bei Spiegel Online, FAZ, SZ oder sonstwo: Die vernünftigen, ausgewogenen Stimmen waren wieder einmal in der Unterzahl. Vielleicht ist die Frankfurter Rundschau unserer Tage wirklich längst nicht (mehr) unverzichtbar, aber was kommt als nächstes? Keine Taz und irgendwann fällt auch noch die Süddeutsche Zeitung weg? Und dann, weiter Häme und Schadenfreude? Darüber hinaus soll mir mal jemand zuzüglich der Tageszeitung, die er/sie aus regionalem Interesse vielleicht regelmäßig liest, noch fünf weitere in Deutschland nennen, deren Fortbestand begrüßenswerter anzusehen wäre.

Wenn man über den politischen Teil oder die Ausrichtung einer Tageszeitung redet, darf man auch nicht vergessen, dass ein solches Blatt viele weitere Rubriken hat. Mir persönlich sind beispielsweise Feuilleton und Sportteil ebenfalls sehr wichtig und hier muss sich die Frankfurter Rundschau, die es bereits seit 1945 gibt, vor einem bundesweiten Vergleich immer noch nicht fürchten. Ich denke an den Filmkritiker Daniel Kothenschulte, den Sportredakteur Jan Christian Müller oder auch an Mely Kiyak, deren Kolumnen ich gerne lese.

Wer ein unreflektiertes „kein Verlust“ von sich gibt, den darf ich jetzt noch daran erinnern, dass diese Zeitung über Jahre einige Skandale und Missstände aufdeckte. An hessische Steuerfahnder muss ich spontan denken oder natürlich aktuell an den Fall Derege Wevelsiep. Wenn eine Frankfurter Zeitung rassistische Polizeigewalt aufdeckt, dann ist es nicht zufälligerweise die Rundschau. Wie dem auch sei, seit einigen Minuten äußert sich die Frankfurter Rundschau nun endlich auch selbst zu diesem Thema. „Es ist nicht das Ende der FR“ ist fett oben auf der Startseite zu lesen. Die Belegschaft gibt sich kämpferisch, wie Sie hier nachlesen können. Ich drücke den Damen und Herren der Zeitung auf jeden Fall die Daumen!

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From → Allgemein, Kultur, Medien

3 Kommentare
  1. *signed & sealed by Uhupardo*

  2. http://kopfstaendler.blog.de/2012/11/17/the-free-press-alternative-arbeitslose-journalisten-15214228/

    Heute habe ich viel Zeit damit verbracht, unter dem Eindruck der Insolvenz der FR Belloc zu lesen, zusammengetragen habe ich da auch einige Zitate.

    Für etliche Jahrzehnte war ich auch Abonnentin der FR und fand sie immer gut. Darum tat es mir leid, dass sie aus der deutschen Presselandschaft verschwunden ist. Viele verblödende private und öffentlich-rechtliche Medien hätten die Pleite viel eher verdient als die FR.

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  1. Eine bedenkliche Entwicklung « Ziegenhodensuppe           

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