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Ein ganz trauriges Bild

30. Oktober 2012

Ich könnte heute darüber schreiben, wie lächerlich und korrupt die englische Premier League mittlerweile ist, aber ich widme mich lieber einem wichtigeren Thema. Fußball ist einfach scheißegal, wenn man bedenkt, welch trauriges Bild Deutschland heutzutage teilweise abgibt. 

Wer wissen möchte, was im englischen Fußball falsch läuft, der kann sich heute drei Stunden Zeit nehmen und die Spiele zwischen Everton FC und Liverpool FC sowie das Heimspiel von Chelsea FC vom Sonntag anschauen. Offensichtlicher geht es kaum noch. Viel wichtiger und trauriger ist dieser Tage aber, was vor unserer eigenen Haustür passiert. Leider schauen wir oft lieber woanders hin. Wie intensiv die großen Medien das in den letzten Tagen wieder einmal gemacht haben, kann man nur noch als atemberaubend peinlich bezeichnen. Den ganzen gestrigen Tag wurde mehr als ausführlich über „Sandy“ berichtet, schon am frühen Morgen. Wohlgemerkt über einen Sturm, der tausende Kilometer westlich von uns noch Stunden vom Erreichen der amerikanischen Atlantikküste entfernt war.

Über das Refugeecamp auf dem Pariser Platz in Berlin berichtete man dafür gestern teilweise gar nicht.  Ungefähr vier Minuten erhielt „Sandy“ abends beispielsweise in den Heute Nachrichten des ZDF um 19 Uhr, das Refugeecamp direkt in unserer Hauptstadt wurde nicht eine Sekunde erwähnt. Gerade, wenn man bedenkt, wie viele Sender sich in der Nähe befinden, ist das schon mehr als bemerkenswert. Die Asylsuchenden haben genügend verständliche Gründe in Berlin zu demonstrieren, erfahren auch viel Solidarität, aber wichtig genug sind (waren?) sie großen Teilen der Medien nicht. Über die lustige und sehr gute Aktion tits4humanrights, um auf das Refugeecamp mehr Aufmerksamkeit zu ziehen, erfahren Sie hier mehr. Außerdem lohnt ein Besuch hier.

Ich habe nun schon öfter über dieses Thema geschrieben und möchte nicht alles wiederholen, aber zumindest die Forderungen der Demonstranten nach einer Abschaffung der Residenzpflicht, ein Ende von Lagern- und Sammelunterkünften und von schnellerer Bearbeitung von Asylanträgen umzusetzen, sowie ein Leben in Würde, sollte nun wirklich niemand ernsthaft ablehnen können. Ich selbst unterstütze alle anderen Forderungen auch, aber erwarten kann ich das von vielen Menschen leider nicht. Desinteresse ist eine Sache. Wie asozial, ignorant und selbstsüchtig gedacht wird, zeigt sich aber auch immer wieder dieser Tage.

Wir reden hier von Menschen, die teilweise zig tausende Kilometer unter Einsatz ihres Lebens zurückgelegt haben. Alles in der Hoffnung auf ein menschenwürdigeres Leben in Europa. Mutige Leute, die keine utopischen Forderungen stellen, sondern nur das vom Leben wollen, was für die meisten von uns selbstverständlich ist. Eine Wohnung, genug Geld für Essen, Trinken, Kleidung und zumindest der gelegentlichen Teilnahme am gesellschaftlichen Leben sowie die Möglichkeit, eine passende Beschäftigung zu finden. Um all das müssen sie nicht nur kämpfen, nein: Sie dürfen sich auch noch verhöhnen lassen von Menschen, die aus ihren warmen Wohnzimmern oder ihren Büros um die eigenen Steuergelder bangen.

Einfach widerlich, wenn man sich erdreistet, Leute zu beurteilen und zu kritisieren, die mitunter unmenschliche Dinge erlebt haben. Darüber hinaus Personen, die man gerne mal als „Wirtschaftsflüchtlinge“ diskreditiert, ohne jemals mit ihnen gesprochen zu haben. Dazu kommt auch noch, dass die Demonstranten in Berlin von der Polizei auch wieder einmal schikaniert werden. „Wir tun hier nur unsere Pflicht“ heißt es dann mal wieder. Ich merke, wie ich leise „ACAB“ von Slime vor mich hin summe, als ich lese, dass Polizisten den Demonstranten trotz Feuchtigkeit und Kälte Isomatten, Schlafsäcke und Decken abnehmen. Alles mit der lapidaren Erklärung, dass Camping-Utensilien nicht gestattet wären.

Natürlich kommt der einfache Beamte oder Angestellte der Polizei nicht selbst auf eine solche Idee. Wer aber einer derartigen Anweisung blind Folge leistet, für den habe ich nur noch Verachtung übrig. Gleiches gilt auch für die schon erwähnten ignoranten Leute mit ihren dummen und asozialen Kommentaren im Internet. Der Polizei-Einsatz würde ja auch viel Geld kosten, las ich heute Morgen. Aha, das ist natürlich die Schuld friedlicher Demonstranten und nicht derer, die dort zur Schikane Polizei hinschicken, die ansonsten nicht gebraucht wird.

Was für ein trauriges Bild dieses Land nicht selten abgibt, raubt mir den Atem. Verstellt wird dieses Bild eben nur dadurch, dass es woanders auf den ersten Blick noch viel schlimmer aussieht. Haben Sie beispielsweise die Tage gesehen/lesen, dass immer mehr ältere deutsche Mitbürger in günstigere Pflegeheime außer des Landes abgeschoben werden? Oder Haben Sie Hans-Peter Friedrichs Lügen, Ausreden und Beschwichtigungen am Sonntag Abend bei „Günter Jauch“ bezüglich des NSU Skandals gesehen? Deutschland macht in vielerlei Hinsicht einen beschämenden Eindruck, wenn wir unsere Augen öffnen. Solange es den meisten von uns aber noch einigermaßen gut geht, bevorzugen wir den Tunnelblick.

Lesen Sie auch:

– Im Zweifel gegen den Flüchtling

– Irrsinn, wohin man schaut

– Für mehr Menschenwürde

– Der Sheriff vom Dorf

– Demonstration gegen Abschiebungen am Düsseldorfer Flughafen

– Wadim

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