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Lost in Oberhausen

22. Oktober 2012

Haben Sie auch manchmal das Gefühl, die ganze Welt sei nur ein Fake? Eine Inszenierung, die allein dazu da ist, Sie zu verarschen? Ging mir gestern Abend mehrmals ganz genauso. Dies ist die Geschichte mehrerer Irrtümer, eines Konzerts, schlecht singender Menschen und eines Besuchs im Krankenhaus. Das alles ist wirklich passiert.

Serj Tankian und Viza in der Turbinenhalle zu Oberhausen standen bei mir gestern Abend auf dem Programm. Ein Freund begleitete mich. Der wird eine nicht geringfügige Rolle in diesem Text spielen. Von nun an werde ich ihn Ronny nennen.  So heißt er glücklicherweise nicht wirklich, aber er nennt sich manchmal so und ich ihn auch und ich mich ebenfalls, so wie er mich. Sie sind verwirrt und fragen sich, was das alles soll? Ich sagen Ihnen, dass es sogar noch einen dritten Ronny gibt, aber das ist eigentlich eine ganz andere Geschichte.

Kurz nach 17.30 Uhr spazierte ich gemütlich in Richtung des Düsseldorfer Hauptbahnhofs. Auf dem Weg holte ich fix noch etwas Geld von der Bank und war pünktlich am Bahnsteig. Der Regionalexpress um 18.03 Uhr brachte uns dann auch tatsächlich ohne Verspätung nach Oberhausen, in die widerliche Drecksstadt prosperierende Metropole im Herzen des Ruhrgebiets. Wir wurden begrüßt, wie uns gebührt: Grölende RWO Fans, laut denen ihr Verein offensichtlich der geilste Club der Welt ist (also mindestens),  standen am Bahnhofsvorplatz und tranken. Letzteres taten wir auch und bewunderten das Geschehen. Nach dem mitgebrachten Bier gönnten wir uns ein KöPi.

Der womöglich nicht beste Imbiss der Welt

KöPi schmeckt übrigens immer noch genauso mies wie eh und je. Richtigerweise hatte ich es über Jahre nicht angerührt und das wird von nun auch auch wieder der Fall sein. Nachdem wir das geleert hatten, kauften wir uns noch ein Budweiser für den Weg. Beide Biere kosteten übrigens nur ein Euro, was mindestens 20, eher 30 Cent unter Düsseldorfer Preisen liegt. Immerhin etwas Positives, aber wie soll man Oberhausen sonst am besten beschreiben? Männer werden vielleicht den Scheißfleck im Klo kennen, der dort manchmal nach einem großen Geschäft in der Schüssel auftaucht. Da man Ehrgeiz hat, nimmt man nicht die Klobürste, sondern versucht besagte Verschmutzung mit einem gezielten Strahl „wegzupissen“. Genau so wie dieser Scheißfleck kommt mir Oberhausen vor. Eben nur etwas weniger ansehnlich.

Wir gingen unserer Meinung nach mehr als rechtzeitig Richtung Turbinenhalle. Aus meiner Erfahrung der Tankian/Viza Konzerte in Köln und Paris (2010) wusste ich allerdings auch, dass es wahrscheinlich sehr pünktlich um 20 Uhr losgehen würde. Nach ein paar Minuten stellten wir fest, dass wir in die falsche Richtung gingen, weil wir beide den oberen Ausgang auf dem Stadtplan für den Hauptausgang hielten. Also ging´s in die andere Richtung und knapp zehn Minuten waren einschließlich einer Pinkelpause schon mal verschwendet. Prinzipiell war aber immer noch mehr als genug Zeit und vielleicht auch da der Sommer plötzlich zurückgekehrt war, widerstanden wir der Verlockung, in einen Bus einzusteigen.

Alles lief auch ganz normal, bis wir an einem Punkt kamen, der plötzlich ganz anders aussah, als ich es mir im Internet eingeprägt hatte. So etwas war bisher immer ausreichend gewesen. In Oberhausen allerdings nicht. Genauso wenig half die Karte, die Ronny dabei hatte besonders gut und auch die wenigen Spaziergänger brachten uns nicht entscheidend voran. Als wir gegen 19.50 Uhr wieder dort auftauchten, wo wir bereits zehn Minuten zuvor waren, wurde ich nervös. Nicht, dass hier jemand auf die Idee kommt, wir wären völlig verblödet: Wir gingen nicht über normale Straßen, sondern über teilweise komplett unbeleuchtete Wege. Damit hatten wir beide nicht wirklich gerechnet. Der Höhepunkt in dieser scheiß Gegend war dann aber ein Asi mit einem beschissenen Hund.

Als ich „Ey, Dein scheiß Hund hat mich gebissen“ hörte, dachte ich nur: „Das kann nicht wahr sein, das kann jetzt alles nicht wahr sein.“ Ronny blutete und das Konzert würde in wenigen Minuten ohne uns beginnen. Wir hörten natürlich sofort den Satz: „Die tut so etwas sonst nie.“ Nach kurzer, etwas heftiger Diskussionen gingen wir weiter, wobei wir uns wenigstens 10 Euro Praxisgebühr hätten geben lassen sollen. Kurz darauf fanden wir dann aber endlich den richtigen Weg und die Brücke, von der die Turbinenhalle schon zu sehen war. Gleichzeitig war aber auch klar, dass es bis dahin noch zehn Minuten dauern würde und mittlerweile war es 20 Uhr. Das Schlimme daran: Ich war gleich sicher, dass ich „Trans-Siberian Standoff“, oftmals der Eröffnungssong und mein Lieblingslied von Viza, verpassen würde und ich lag nicht falsch.

Wahrscheinlich sind uns noch ein oder zwei andere Songs von Viza entgangen, was mich sehr ärgerte. Ronnys Laune war aber komischerweise noch schlechter. Wäre ich pünktlich da gewesen, hätte ich einen Hundebiss dafür gerne akzeptiert, aber so war alles irgendwie nervig. Es ging aber auch so weiter. Viza waren zwar toll, aber bereits der Einlass hatte direkt zuvor für weiteren Ärger gesorgt. Die Print@home Tickets bekam man nämlich nicht zurück. Was das soll, ist mir ein Rätsel, aber es müsste eigentlich jedem klar sein, dass es nicht wenige Menschen gibt, die ihre Konzertkarten gerne behalten. So etwas zu ignorieren, ist ein ziemlich unnötiger Irrtum, aber der nächste folgte.

Am Bierstand wurde uns tatsächlich gesagt, wir müssten Bons kaufen. Also ging´s raus aus dem Hauptraum und Bons wurden gekauft, bis wir endlich unser Bier bekamen, welches nicht schmeckte. Da man um 20.15 Uhr nicht weiß, wie viel man in 2,5 Stunden trinken will, muss man natürlich mehrmals zum Bon-Stand. An der Theke geht´s zwar so etwas schneller, aber dafür könnte man genauso gut einfach einen weiteren Getränkestand installieren. Das hätte auch den Vorteil, dass die Bedienungen Trinkgeld bekommen würden. Das entgeht denen nämlich so wahrscheinlich völlig. Trotzdem waren wir übrigens durstig genug, dass Ronny 10 und ich 20 Euro in diese dämlichen Bons investierten.

Ein ganz großer menschlicher Irrtum ist es auch, zu glauben, dass es irgendjemanden irgendetwas nützt, wenn Leute mit ihren verdammten Handys ständig bei Konzerten Fotos machen oder mitfilmen. Noch lächerlicher ist es, wenn das bei Sportveranstaltungen passiert, aber auch in einem Konzert nervt das kolossal. Wie oft schaut man sich denn die qualitativ immer schlechten Aufnahmen später an? Darüber hinaus schränkt man damit natürlich anderen Besuchern die Sicht auf die Bühne ein. Schaut Euch doch einfach Fotos und Aufnahmen von Leuten an, die so etwas beruflich machen. Ist einfach besser…

Der Auftritt von Serj Tankian war dann zwar gut, gefiel mir aber nicht so wie 2010 in Köln und Paris. Zum einen vermisste ich „Borders are“ und den ein oder anderen weiteren Song vom „Imperfect Harmonies“ Album, außerdem fehlte „Aerials“, der System of a down Song, der bei (fast) jedem anderen Konzert der aktuellen Tour gespielt wird. Dafür gab es tatsächlich „Wings of summer“. An dieser Stelle musste ich fast lachen, denn das ist für mich Serjs schlechtester Song. Wirklich mies ist der nicht, aber von gewohntem Tankian Niveau weit entfernt. Auch der Sound war an manchen Stellen in der Turbinenhalle leider ziemlich schlecht. Passte irgendwie zum Abend.

Auf der anderen Seite waren natürlich viele hervorragende Songs dabei. „Harakiri“ und „Cornucopia“ vom aktuellen Album zum Beispiel, „Empty Walls“, „The unthinking Majority“, und „Beethoven´s Cunt“, „Baby“ oder „The honking Antilope“ von „Elect the Dead“ oder „Left of Center“ und für mich zum ersten Mal live das grandiose „Gate 21“ von „Imperfect Harmonies.“ Wie man von dem Album allerdings „Wings of Summer“ spielen kann und „Borders are“ oder „Electron“ weglässt, ist mir ein großes Rätsel. Nun ja, mit so etwas muss man immer rechnen und man sollte sich nicht auf das Negative konzentrieren, andererseits finde ich schon, dass man als Haupt-Act wenigstens 90 Minuten spielen sollte. Das wäre ungefähr gleichbedeutend mit zwei oder drei weiteren Songs gewesen, glaube ich.

Die kleineren Kritikpunkte sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich mir sofort wieder eine Karte kaufen würde, wenn Tankian nochmal in der Nähe spielt. Sofern er mit Viza auf Tour ist, würde ich natürlich noch weniger zögern, denn die gehören mittlerweile auch wirklich längst zu meinen fünf Lieblingsbands. Würde Tankian jetzt eine Viertelstunde länger spielen, hätte aber eine langweilige Vorband dabei, wäre mir im übrigen absolut nicht geholfen. Zurück zum gestrigen Abend. Der Rückweg ohne längeren Fußmarsch aus der idyllischen Gegend bis nach Düsseldorf verlief unspektakulär. Dann folgte das letzte Kapitel des Abends.

Wir machten uns auf den Weg ins Evangelisches Krankenhaus Düsseldorf, da eine Tollwut-Impfung aufgefrischt werden wollte. Das hätte man natürlich auch heute Vormittag noch machen können, aber wer sollte ahnen, dass das etliche Stunden dauern würde? Erst warteten wir gemeinsam und wir warteten. Die Krankenschwester und der Glatzkopf am Empfang gingen mir irgendwann auf den Sack, aber wir warteten weiter. Ein Albaner und ein paar andere Leute teilten unser Schicksal. Irgendwann ging ich kurz raus, hörte etwas Musik und sang leise, schlecht und schief vor mich hin. So leise war das dann aber wohl doch nicht, denn schnell kam die Schwester raus und bat mich, damit doch aufzuhören.

Als Ronny reingerufen wurde, dachte ich, es würde nun schnell gehen und natürlich lag ich falsch. Ich wartete und wartete und wartete. Irgendwann setzte ich das Warten draußen fort, weil ich den Laden von innen einfach nicht mehr sehen konnte. Als er endlich rauskam, verabschiedeten wir uns auch schnell voneinander, aber vor 3 Uhr war ich dennoch nicht zuhause, obwohl das Konzert deutlich vor 23 Uhr zu Ende gegangen war und man mit der Bahn schnell von Oberhausen nach Düsseldorf kommt. Im Nachhinein wurde mir übrigens heute bewusst, dass der erste Titel, den wir von Viza hörten, „It´s all wrong“ war und das passte irgendwie ganz gut zum Abend…

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From → Allgemein

7 Kommentare
  1. Ruwen permalink

    Eine schöne Ode an dieses Wohnklo genannt O.
    Immer wieder keine Reise wert.
    Aber krass, was da ein Nothaushalt bewirken kann – kurz hinterm Bahnhof geht das Licht aus und selbst da hätte man noch blind werden können, so schön is dat da.
    Zur Entschädigung was Schöneres zum äh anhören
    Meytal Cohen – Toxicity

  2. Tim permalink

    Sehr lustiger Bericht. Hat mich wirklich amüsiert!

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