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Wie wäre es mit ein wenig Geduld?

10. Oktober 2012

Ich war nie ein Fan Bruno Labbadias. Weder des Fußballers, des Trainers, noch des germanistischen Vorbildes aller Schulabbrecher. Für seine sogenannte Wutrede, über die seit Sonntag diskutiert wird, kann ich ihn aber wirklich kein bisschen kritisieren.

Große Teile der Fußballwelt sind ständig nervös, extrem ungeduldig und geil auf Sensationen. Besonders über Entlassungen von Trainern wird immer gerne spekuliert, schon vor Beginn einer Saison. Läuft es dann einmal schlecht und das manchmal nur über einige Wochen, dann werden diese blitzschnell kritisiert und infrage gestellt. Diese Kritik überschreitet oft sehr schnell den Punkt, an dem man sie noch als konstruktiv betiteln kann.

Bruno Labbadia

Die Tatsache, dass sich Bruno Labbadia über einen Teil dieser Punkte am Sonntag aufgeregt und sich klar dazu geäußert hat, finde ich absolut nachvollziehbar. Als der Ex-Spieler von Bayern München, Kaiserslautern, Werder Bremen und Co. den VFB Stuttgart vor knapp zwei Jahren übernahm, war dieser akut abstiegsgefährdet. Man hatte sich dort übrigens gerade vom zwölften Trainer seit 1998 getrennt. Labbadia schaffte den Klassenerhalt mit der Mannschaft und führte die Schwaben in der letzten Saison sogar in die Europa League.

Jedem halbwegs intelligenten Fußballfan und Journalisten musste klar sein, dass diese Entwicklung nicht so weitergehen würde. Rückschläge waren mehr als absehbar und die gab´s. In der Europa League misslang der Start bei nur einem Punkt in ersten beiden Spielen. Noch ist hier aber nichts verloren, während man im DFB Pokal zuhause gegen St. Pauli eine sehr machbare Aufgabe vor sich hat. In der Liga sind sechs Punkte aus den ersten sieben Spielen zwar enttäuschend, aber auch hier ist für Panik kein Anlass. Es sind gerade sieben Partien absolviert und Hannover 96 auf Platz 5 hat nur fünf Zähler mehr.

Wie schnell es gehen kann, zeigt momentan der Hamburger SV. Die Mannschaft wirkt immer noch fragil und hatte zuletzt auch einige Male eine gehörige Portion Glück, konnte sich aber immerhin innerhalb von vier Spieltagen von Platz 17 auf Rang 8 verbessern. Nach nur drei Pflichtspielen galt Thorsten Fink, der Trainer der Hanseaten, als Kandidat Nr. 1 auf eine Entlassung. Nun scheint er vorerst fest im Sattel sitzen zu können. Gleiches könnte auch bald wieder für Labbadia gelten, wenn man ein wenig Ruhe und Geduld im Verein und dessen Umfeld etablieren könnte.

Es gibt sicherlich Trainer, die sich über viele Jahre in ihrer Arbeitsweise abnutzen, aber jemanden nicht einmal zwei komplette Spielzeiten zu geben, um die eigenen Vorstellungen umsetzen zu können, ist lächerlich. Genauso lächerlich ist es, Trainer die sich bei den jeweiligen Clubs schon bewiesen haben, nach ein paar Wochen des Misserfolgs zu feuern. In der heutigen Zeit mag das an der Tagesordnung sein, aber die Vereine sind einfach gefragt, hier dem Druck von Medien und Fans besser stand zu halten, zumindest wenn sie von ihrem Coach auch während einer Krise selbst noch überzeugt sind.

Zwei Trainer, die einen ganz gewöhnlichen Fußball-Club zu einem der größten der Welt aufgebaut haben, hatten dafür gemeinsam fast 24 Jahre Zeit. Mehr als zwei Jahrzehnte, in denen fantastische Erfolge gefeiert wurden, in denen es aber auch mal die ein oder andere schwächere Phase gab. Genauso wie in jedem anderen Club. Nicht auszudenken, hätte man Bill Shankly oder Bob Paisley aus Panik zwischenzeitlich während einer kurzen Krise entlassen.

Momentan hat dieser Verein den vierten Trainer in zweieinhalb Jahren und auch der wird schon wieder deutlich hinterfragt, obwohl der Fußball, den er spielen lässt, meistens sehr ansehnlich ist. Bis dieser erfolgreich ist, bedarf es oft wesentlich mehr Geduld und Zeit als es bei einem Trainer, der auf Defensive setzt, der Fall ist. Ob man das begreifen wird?

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From → Allgemein, Medien, Sport

2 Kommentare
  1. Bavo für diesen Artikel. Dem habe ich nichts hinzuzufügen, ausser: Es war nicht einmal eine Wutrede, darunter verstehe ich noch etwas ganz anderes. Labbadia hat nur dasgesagt, was unbedingt gesagt werden musste. Meine Version wäre schriller gewesen.

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