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Schönen Feiertag!

3. Oktober 2012

Wie, Sie feiern heute nicht? Keine Lust auf den Helmut-Kohl-Tag? Sie warten immer noch auf die blühenden Landschaften im Osten dieses Landes? Sie sind gar mit der Gesamtsituation Europas unzufrieden? Keine Sorge, Sie sind nicht allein. Mir geht es ähnlich.  

Wer hätte vor 22 Jahren schon vermutet, dass Europa 2012 in einem so miserablen Zustand sein würde?  Ich jedenfalls nicht, muss ich zugeben. Die blühenden Landschaften waren ein dummes Versprechen, aber vielleicht sogar zu entschuldigen, wenn man an die damalige Euphorie erinnert. Am 3.10. jedes Jahres muss ich dennoch immer wieder daran zurückdenken. Viel blüht hier nicht und in weiten Teilen Europas noch deutlich weniger. Deutschland isoliert betrachtet, wird immer noch gern als ein Vorbild dieses Kontinents bezeichnet, aber man muss schon eine gehörige Seeschwäche auf dem einen Auge haben und auf dem anderen blind sein, um sich dieser Meinung anzuschließen. Mit der Tatsache, dass es der Mehrheit der Menschen in Deutschland (noch) relativ gut bis hervorragend geht, soll immer wieder verschleiert werden, dass Millionen anderer das genaue Gegenteil behaupten können, ohne zu übertreiben.

Foto: Helmut Kohl / Engelbert Reineke (Deutsches Bundesarchiv)


Haben Sie schon einmal bewusst beobachtet, wie ältere Menschen Pfandflaschen aus Mülleimern ziehen? Rentner, die schon ein wenig wacklig auf den Beinen sind, aber trotzdem noch Zeitungen austragen, um sich etwas dazuzuverdienen? Diese Dinge kann man in deutschen Großstädten heutzutage sehen, wenn man möchte. Ich habe vor einiger Zeit einen Mann getroffen, der krampfhaft versuchte, einen Zettel zu entziffern. Er war 56 oder 58 Jahre alt, genau erinnere ich mich nicht, aber ich kam zufällig mit ihm ins Gespräch. Dieser Mann sagte, er könne nicht mehr lesen. Nicht, weil seine Augen furchtbar schlecht wären, sondern weil er sich einfach keine neue Brille leisten könne. Er hat über 30 Jahre seines Lebens ganz gewöhnlich verbracht. Mit einem handwerklichen Beruf, der einigermaßen bezahlt wurde und von dem er anständig über die Runden kam.

Irgendwann wurde er arbeitslos und sein gewohntes Leben brach in kurzer Zeit zusammen. Eine realistische Chance auf einen neuen Job hat er nicht mehr und so muss er versuchen, irgendwie mit eigentlich deutlich zu wenig Geld zurechtzukommen. Sinnvolle Ablenkung boten Maßnahmen, die ihm aufgebrummt wurden, nicht wirklich. Immer, wenn er in den letzten zwei, drei Jahren kein Geld mehr hatte und dringend irgendetwas kaufen musste, habe er Teile seiner einst großen Werkzeugsammlung verkauft. Mittlerweile wäre so gut wie nichts mehr übrig und nicht einmal für die dringende benötigte neue Brille wäre Geld mehr da. Sein Bemühen eine zusätzliche finanzielle Unterstützung dafür zu bekommen, zog sich nun schon über viele Wochen hin, sagte er. Am Ende versuchte der Mann einen kleinen Scherz zu machen, aber wie enttäuscht, traurig und verzweifelt er war, konnte man selbst in diesem Moment in seinen Augen sehen.

In Deutschland wird immer über Leistungsträger gesprochen. War dieser Mann nicht auch jahrelang einer? Ganz sicher war er ein ganz gewöhnlicher Mensch, der ein ganz gewöhnliches Leben verbrachte. Er arbeitete, zahlte Steuern und hatte irgendwann wohl einfach Pech. Ein Skandal, wie unsozial und respektlos man nun mit ihm umgeht. In einem Land, in dem so etwas möglich ist, in einem Land, in dem mittlerweile über 20% der Beschäftigten im Niedriglohnsektor arbeiten, in einem Land, in dem hunderttausende Kinder in prekären Situationen leben, in einem Land, in dem es aber gleichzeitig unfassbaren Reichtum gibt, in so einem Land gibt es heute nicht viel zu feiern. Auch darf man nicht vergessen, wie maßgeblich Deutschland oder besser formuliert die deutsche Politik der letzten Jahre daran beteiligt ist, dass es vielen europäischen Nachbarn noch deutlich schlechter geht.

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From → Allgemein, Politik

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