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Von Büchern, Shitstorms, Häme und zwei Piratinnen

29. September 2012

Sie können den Begriff „Shitstorm“ langsam nicht mehr hören und haben ihn auch oft genug gelesen? Geht mir ähnlich und deshalb vermeide ich ihn meistens auch. Das ist mir heute nicht gelungen, tut mir leid. Gehört und gelesen haben Sie in den letzten zwei Wochen sicherlich auch über die beiden Bücher von Julia Schramm und Marina Weisband. Genau darum geht es heute.

Ich habe mich seit Tagen um dieses Thema gedrückt und das hat vier Gründe. Erstens kann ich viel zu wenig über Julia Schramm schreiben, zweitens interessiert sie mich nicht besonders und drittens ist sie mir schon ein wenig suspekt, da sie etwa vier Jahre Mitglied der Jungen Liberalen war, ehe sie zu den Piraten ging. Viertens mag und schätze ich Marina Weisband, die ich allerdings noch nie getroffen habe, wirklich sehr und hatte deshalb Bedenken, nicht mehr objektiv sein zu können. Da ich das jetzt schon zugegeben habe, weiß ich natürlich, dass mir genau das jemand anschließend vorwerfen kann, aber was soll´s? Ich versuche es trotzdem einmal mit einem fairen Text.

Foto: Marina Weisband/Tobias M. Eckrich

Ein wahrhafter Shitstorm traf Julia Schramm nach der Veröffentlichung ihres Buches. Kritik an ihrer konventionellen  Veröffentlichungsmethode, verbunden mit dem viel diskutierten 100.000 Euro Vorschuss, den sie bekommen haben soll, waren für mich verständlich. Ein wenig Häme von außen, nach dem Motto: „Wenn es ums Geld geht, sind doch alle gleich“ konnte ich ebenso noch nachvollziehen, aber übelste Beschimpfungen, die sie trafen, kann ich einfach nicht verstehen. Manchmal bekam man den Eindruck, sie hätte den Ausbruch des 3. Weltkriegs zu verantworten.

In den Tagen des Sturms um Frau Schramm, konzentrierte man sich dann auch auf Marina Weisband. Die ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei schreibt nämlich ebenfalls ein Buch. Das soll erst Ende Winter/Anfang Frühling 2013 erscheinen, aber macht momentan schon einige Schlagzeilen. Das Problem? Auch sie wählte einen herkömmlichen Veröffentlichungsweg. Auf ihrer Homepage verkaufte sie am letzten Wochenende die von ihr durchgesetzte Tatsache, dass es das E-Book ohne technischen Kopierschutz geben wird, als Erfolg, doch das war vielen Piraten deutlich zu wenig.

Kritik und persönliche Angriffe

Es ginge auch ohne Verlag, argumentierten einige. Andere sagten, sie hätte eine große Chance vertan, einen neuen komplett eigenen Weg zu bestreiten. Diese Kritik finde ich durchaus verständlich. Ich bin kein Pirat und sehe dieses Thema wesentlich weniger emotional als viele Mitglieder der Partei, aber das ist so weit alles nachvollziehbar und absolut in Ordnung, bis zu den Idealen, die verraten wurden, was ich schon als grenzwertig erachte. Hierbei blieb es aber auch wieder nicht.

Geld- und Mediengeilheit warf man ihr vor und es wurde auch wieder einmal persönlich. Wiederholen werde ich diese Dinge hier aus verständlichen Gründen natürlich nicht. Der Kritikpunkt, Marina Weisband wäre ohne die Piratenpartei gar nicht in der Position gewesen, ein solches Buch zu schreiben, insbesondere nicht inklusive eines anständigen Vorschusses, ist nicht von der Hand zu weisen. Ist es aber nicht auch so, dass die Partei eine ganze Zeit lang enorm von der Person Weisband profitiert hat? Dort, wo es „Themen statt Köpfe“ heißt, ist dieser Gedanke wohl nicht wirklich beliebt, aber das macht diesen trotzdem nicht weniger gültig.

Themen statt Köpfe?

Im übrigen finde ich den Standpunkt „Themen statt Köpfe“ nicht sonderlich sinnvoll. „Themen über Köpfe“, damit kann ich mich sofort sehr anfreunden, aber in einer repräsentativen Demokratie sind intelligente, charismatische, interessante und engagierte Politiker_innen absolut unerlässlich und all diese Charakteristiken treffen meiner Meinung nach ohne Einschränkung auf Marina Weisband zu.  Ohne wiederkehrende Köpfe, die eine Partei in den Medien vertreten, geht es auch nicht.

Der Vorwurf der Geldgeilheit greift für mich ebenfalls nicht. Es ist ja nicht so, als würde hier über eine ohnehin schon gutbezahlte Berufspolitikerin gesprochen. Vielleicht hätte sie dann tatsächlich auch einen anderen Weg gefunden, ihr Buch zu veröffentlichen. So ist aber selbstverständlich der finanzielle Aspekt für sie logischerweise nicht zu vernachlässigen. Das kann man Marina Weisband trotzdem vorwerfen, wenn man möchte. Gleichzeitig sollte man es dann konstruktiv tun und infantile persönliche Angriffe unterlassen.

Ein bisschen Perspektive 

Ein anderer Punkt ist mir zum Schluss noch wichtig. Wir sprechen immer viel von Politikverdrossenheit und jungen Menschen, die sich nur für sich selbst interessieren. Auf der anderen Seite kritisieren wir die etablierten Parteien und wünschen uns Veränderungen. Dann kommt eine neue Partei aus dem Nichts, die bei all ihren Unzulänglichkeiten über gute Ansätze verfügt und wir müssen sie innerhalb kürzester Zeit kaputtreden und schreiben. Tja und dann gibt es da noch eine junge, vielversprechende Politikerin, der auch gerade aus den eigenen Reihen, teils ein eisiger Wind ins Gesicht schlägt.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen/Euch geht, aber als ich 24 Jahre alt war, habe ich studiert und nebenbei noch einen 08/15 Job am Flughafen gemacht. Ich interessierte mich zwar schon intensiv für Politik, aber nur passiv. Ich verbrachte meine Freizeit mit Lesen, Fernsehen, Fußball, Eishockey, dem Computer und Bier. Marina Weisband wird in der nächsten Woche gerade 25 Jahre alt und hat mittlerweile schon ein knappes Jahr als politische Geschäftsführerin einer Partei verbracht, die über Chancen verfügt, nächstes Jahr in den Bundestag gewählt zu werden. Vielleicht kann man in Angesicht dessen auch einfach mal verzeihen oder zumindest nüchtern einordnen, was man für einen Fehler hält? 

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From → Kultur, Medien, Politik

5 Kommentare
  1. Dieser Kindergarten ist unglaublich, wirklich. Sie hätten sich PDS nennen sollen (Partei der Selbstzerfleischung), aber das Kürzel war nicht mehr frei.

    • Mittlerweile wäre das teilweise sehr passend. Ich verstehe einfach nicht, was diese persönlichen Attacken sollen. Es gibt so viele wichtige Themen und Probleme…. Ach, wem erzähle ich das?

  2. Julia Schramm kann nichts für den fehlenden Mumm in ihrer Partei: http://neuemodelle.wordpress.com/2012/09/20/liebe-piraten/

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  1. Ponader, Lauer und ein alberner Vorfall « Ziegenhodensuppe           

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