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Québec wählt und Deutschland berichtet auf Kindergartenniveau

5. September 2012

Ich mag Québec und ich hasse unfassbar oberflächliche Berichte. Von daher ist heute ein sehr schlechter Tag für mich. Nicht nur wurde gestern in Québecs Metropole Montréal ein Mann erschossenen, sowie ein weiterer verletzt. Nein, die separatistische Parti Québécois (PQ) konnte auch noch einen knappen Sieg erringen.

Tja und dann wäre da die oberflächliche Berichterstattung heute in Deutschland, wenn diese Wahl überhaupt Erwähnung fand. Sehr traurig finde ich. Natürlich handelt es sich bei Québec nur um eine kanadische Provinz, aber schaut man sich dagegen an, wie sehr der US-amerikanische Wahlkampf schon jetzt in den deutschen Medien präsent ist, also mehr als drei Monate vor der eigentlichen Abstimmung, dann kann man von nachvollziehbaren Relationen keineswegs mehr sprechen. Noch eklatanter empfinde ich diese Diskrepanz nebenbei, wenn in europäischen Nachbarländern gewählt wird. Wer kennt beispielsweise schon den Ministerpräsidenten Tschechiens?

Hätte es das traurige Attentat eines wahrscheinlich irren Einzeltäter (diesen Eindruck machte er jedenfalls mit einem Bademantel bekleidet) gestern nicht gegeben, wäre dieses Thema wahrscheinlich heute noch weiter unter den Tisch gefallen. Die 125 Sitze in der Nationalversammlung Québecs mögen Menschen hierzulande nicht besonders relevant empfinden, aber der ein oder andere politisch-interessierte Bürger hätte sicher lieber hierüber etwas gelesen und gehört, als über die Rede Michelle Obamas. Leider finden diese Personen wohl nur zu einem sehr kleinen Teil mein Blog, aber vielleicht kann ich dem ein oder anderen mit diesem Artikel einen Gefallen tun.

(Montréal, Québec, Canada)

Wenn von dem Attentat und dem Sieg der PQ in Deutschland kurz berichtet wird, könnte man den Eindruck bekommen, in Québec herrsche absolutes Chaos und am liebsten würde sich die gesamte Provinz sofort von Kanada abnabeln. Das ist natürlich schlichtweg nicht der Fall. Trotz des knappen Erfolges der PQ, kann diese Partei um ihre xenophobe und insgesamt zutiefst unsympathische Spitzenkandidatin Pauline Marois mit dem Ergebnis nicht wirklich zufrieden sein. Sehr viele Probleme hatten die abgewählten Liberalen der Parti libéral du Québec (PLQ) zuletzt, ich berichtete über die Studentenproteste. Dennoch liegt die PQ dem vorläufigen Endergebnis nach nur 0.7% vor der PLQ.

Mit 31.9% der Stimmen hat die Parti Québécois zudem nicht einmal jeden dritten Wähler erreicht, der sich gestern an der Abstimmung beteiligte. Bedenkt man dazu noch, dass die Wahlbeteiligung nur bei 53% lag, kann man von einem großen Wunsch der Québecois, sich von Kanada abzuspalten, also wirklich nicht reden. Die PQ wird dennoch als einzige Partei in einer Minderheitsregierung Stimmung in diese Richtung machen, wieder Ängste schüren, die Sprachgesetze zugunsten des Französischen verschärfen und auf ein Referendum hinarbeiten, dessen Erfolgsaussichten aber momentan sehr gering scheinen.

Interessant ist im übrigen, dass die PQ trotz ihrer nur 0.7% Vorsprung auf die PLQ 54 Sitze zugewiesen bekommt, während die Liberalen nur 50 erhalten. Nebenbei kann man übrigens beide Parteien als sozialliberal bezeichnen, wobei es natürlich direkte Pendants in Deutschland nicht gibt. Die restlichen 21 Mandate gehen an die konservative Coalition Avenir Québec (CAQ) mit 19 und an die linke Québec Solidaire (QS) mit 2. Auch wenn ich im Gegensatz zu QS klar gegen eine Abspaltung der Provinz von Kanada wäre, würde ich diese Partei grundsätzlich am ehesten wählen können. Politik kann schon wirklich absurd sein, gerade auch in Québec. Irgendwie macht das die Sache aber auch interessant.

(Flagge Québecs)

Nun kann man am Ende auch konstatieren, dass etwa 60% der abgegebenen Stimmen Parteien bekommen haben, die klar für den Verbleib Québecs als Provinz von Kanada sind. Zum einen die 31.2%, welche die Liberalen bekamen, dann die 27.1% der CAQ. Wer jetzt meint, ich habe einen Fehler gemacht, da diese bei nur 19 Mandaten doch keine 27.1% bekommen haben können, der irrt. Das Wahlsystem, welches dringend reformiert werden sollte, macht es möglich. Wie dem auch sei, zu diesen insgesamt 58.3% kommen noch die Stimmen, die die vielen kleineren Parteien (insgesamt wählten diese 3.8%) auf sich vereinen konnten.

Man könnte jetzt einwerfen, dass ja mathematisch Liberale und Konservative auch zusammenarbeiten könnten, aber mal ehrlich: Wo hat das jemals funktioniert? Das letzte Referendum, also die Abstimmung über eine Abspaltung Québecs fand übrigens 1995 statt. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, da ich 1994 zum ersten Mal in Montréal war. Dieser Stadt und dem Süden der Provinz war es damals knapp zu verdanken, dass sich die Separatisten nicht durchsetzen konnten. Bei einer Wahlbeteiligung von eindrucksvollen 93.52% stimmten gerade 50,58 % gegen die Souveränität Québecs.

Grundsätzlich kann ich jedem empfehlen, trotz allem mal diese Provinz zu besuchen. Québec ist übrigens mehr als viermal so groß wie Deutschland, mit etwa 8 Millionen Einwohner aber leben dort weniger Menschen als in Ungarn oder Österreich. Ca. die Hälfte dieser  lebt im Großraum Montréal, einer sehr interessanten und faszinierenden Stadt, in der man beispielsweise fantastisch essen kann, auch für wenig Geld. Außerdem gibt es in Québec riesige Wälder, Skigebiete, die sehr französische Hauptstadt Québec City und viel mehr. Und nein, man muss nicht französisch sprechen können. Schon gar nicht in Montréal.

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From → Politik

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