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Meine Antwort auf den FAZ Artikel „Lichtenhagen“

27. August 2012

Ich hatte eigentlich ein anderes Thema für heute geplant, aber zu sehr hat mich der Artikel „Lichtenhagen“ aufgeregt, der seit Samstag auf dem FAZ Portal zu lesen ist. Würde ich auf jeden ärgerlichen Text reagieren, hätte ich den ganzen Tag nichts anderes zu tun, aber in diesem Fall handelt es sich um einen ziemlich perfiden.

Im übrigen ist nicht nur mir dieser Artikel sehr sauer aufgestoßen und vielleicht freut sich der ein oder andere, dass ich mir die Zeit nehme, ein wenig darauf einzugehen. Außerdem sprechen wir hier nicht von der Bild Zeitung, die ich in der Regel problemlos ignorieren kann, sondern von einer der renommiertesten Zeitungen Deutschlands. Zunächst hier zur Quelle des Übels.  Jasper von Altenbockum hält sich in seinem Text nicht lange mit Nebensächlichkeiten auf. Gleich werden die Krawalle gegen die Asylbewerber genutzt, um vom „Ende der Utopie namens Multikulturalismus“ zu schreiben.

An dieser Stelle war ich bereits zum ersten Mal irritiert. Ich weiß nicht, wo der Autor wohnt, aber ich lebe in Düsseldorf. Diese Stadt hat knapp 600.000 Einwohner, von denen über 100.000 Ausländer sind. Ende 2010 hatten mehr als 35 Prozent der Düsseldorfer einen Migrationshintergrund. Multikulturalismus ist zumindest in deutschen Großstädten Realität. Das mag einem konservativen Bürger, der aus dem beschaulichen (eigentlich meine ich provinziellen) Schwäbisch Hall kommt, nicht gefallen, aber es wäre eine Utopie zu glauben, dass diese Zahlen nicht weiter steigen. Übrigens fühle ich mich in Düsseldorf recht wohl. Deutlich wohler als es wahrscheinlich in einer (süddeutschen) Kleinstadt der Fall wäre.

Anschließend wird der Artikel aber keineswegs besser. Leider habe ich nicht die Zeit und die Lust, auf jeden Punkt einzugehen, aber beispielsweise die Behauptung, dass Politiker und Sicherheitsbehörden im Kampf gegen Rechts versagt haben, als Übertreibung zu bezeichnen, ist absurd. Die NSU Morde, rechtsradikale Delikte und Gewalttaten im fünfstelligen Bereich jährlich, werden in der Summe gnadenlos verharmlost. Während des Lesens hatte ich konstant das Gefühl, dass jemand ein trauriges und menschenverachtendes Ereignis nutzt, um seine reaktionären Thesen zu verbreiten.

Später schreibt von Altenbockum, es wäre in Deutschland ein Experiment im Gange gewesen, in dem man folgendes herausfinden wollte: “ Wie lange hält es eine Gesellschaft aus, dass Monat für Monat zehn-, zwanzig- oder auch dreißigtausend Asylbewerber ins Land strömen? Das war verantwortungslos. Nur Romantiker können das nicht verstehen.“ Romantiker, ist klar oder? Erstaunlich, dass er sich zu schade war, das widerliche Wort „Gutmensch“ zu benutzen. Hätte prima zum Text gepasst. Ob der Mann schon einmal daran gedacht hat, dass es nicht falsch war, wie viele Menschen man nach Deutschland ließ, sondern unter welchen Bedingungen man sie unterbrachte? Bedingungen, die im übrigen heute auch oft alles andere als optimal sind.

Außerdem beschlich mich immer wieder der Eindruck, der Autor habe vergessen, worum es hier geht. Letzten Endes geht es  um Menschen. Menschen, die nicht aus einer Laune heraus mal eben ihre Heimat verlassen haben. Menschen, die sich zumeist aus Verzweiflung auf den Weg nach Deutschland gemacht haben. „Erst „Lichtenhagen“ brachte manche dieser Sozialalchimisten zur Besinnung.“ ist ein weiterer peinlicher Satz dieses Artikels. Ob sich von Altenbockum eigentlich bewusst ist, was er an dieser Stelle impliziert?

Beinahe schon wieder amüsant wird es, wenn er andere Menschen als „Gestrige“ bezeichnet oder als „blind“. Große Worte von jemanden, dessen Kopf ziemlich tief im eigenen Arsch steckt. Ich würde den Mann gerne mal fragen, woher er wohl die Legitimation nimmt, anderen Menschen sagen zu dürfen, wo diese zu leben haben und wo nicht? Ich würde ihn gerne fragen, was er von den tausenden Afrikanern hält, die in den letzten Jahren auf der Reise nach Lampedusa oder auf die kanarischen Inseln ertrunken sind? Menschen, die wie er die Grenzen am liebsten möglichst undurchlässig sehen, tragen hierfür mit Verantwortung.

Ich würde ihn gerne fragen, ob Deutschland nicht grundsätzlich deutlich mehr als knapp 82 Millionen Einwohner verkraften könnte und ob es nicht an der Zeit wäre, viel entschiedener mitzuhelfen, die Lebensbedingungen der Menschen, die nach Europa kommen, in ihren Heimatländern deutlich zu verbessern? Ich würde ihn gerne fragen, wie er sich Deutschland und Europa in 50 Jahren vorstellt? Wohl nicht eine anständige Antwort würde ich erwarten.

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5 Kommentare
  1. Es sind diese Artikel, die das Terrain vorbereiten sollen. Etwas in der Intention Ähnliches ist heute in der konservativen spanischen „ABC“ erschienen. In letzterem Fall ist der Protestbrief bereits raus. Angesichts dieses Artikels werde ich gleich noch einen an die FAZ schicken.

    Das „beste“ Beispiel ist Österreich. Jörg Haider und die FPÖ hatten damals begonnen, mitschöner Regelmässigkeit ausländerfeindliche Nadelstiche zu setzen in den Medien. Unterstützt von der einzigen Zeitung Europas, die schlimmer ist als „Bild“, der „Kronenzeitung“, wurde schleichend aber unaufhaltsam der fremdenfeindliche und rassistische Diskurs gesellschaftsfähig. Was heute in Österreich Standard ist, würde in Deutschland NOCH echtes Erschrecken auslösen.

  2. ribi permalink

    king: weder du noch uhu können ernsthaft den europäern die schuld dafür geben, wenn nicht eingeladene menschen beim versuch, einzuwandern, ertrinken, sorry! bevölkerung sieht dies europaweit eher so!

    • Ach, es ist also richtig, Menschen ertrinken zu lassen, weil sie nicht eingeladen sind?

      Bestimmt sieht die Bevölkerung das mehrheitlich anders als ich. Es wird ja auch in den Medien ordentlich dafür gesorgt, indem man Angst vor Überfremdung schürt, von Armutseinwanderern redet usw.

      Darüber hinaus ist Europa an vielen Fehlentwicklungen in Afrika maßgeblich beteiligt.

  3. ribi permalink

    king: man kann auch vor Ort helfen!

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