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Was geht es mich an?

3. August 2012

Gute Ideen für meinen heutigen Beitrag hatte ich bei meinem fast gesunden Frühstück am Morgen. Leider habe ich mir keine Notizen gemacht und quäle mich gerade mit der Rekonstruktion meiner Gedanken. Irgendwie über Menschen sowie Gesellschaft wollte ich schreiben und Politik und all diesen Quatsch. Ich hoffe, ich bekomme es einigermaßen hin. 

Die Überschrift ist ein guter Ausgangspunkt. Das „Was geht mich es an?“ stelle ich immer wieder bei vielen Menschen fest, wenn auch manchmal nur unterschwellig. Andere sagen beispielsweise ganz offensiv und ehrlich Dinge wie „Politik interessiert mich nicht.“ Ich kann gut verstehen, dass jemand von einem Großteil der Politiker und vom Parlamentarismus gelangweilt, enttäuscht und vielleicht sogar angewidert ist, aber sich dafür nicht interessieren? Es geht um die Lebensumstände eines jeden und niemand würde sagen: „Ob uns der Sauerstoff auf der Erde demnächst ausgeht oder nicht, ist mir doch egal.“

 (ein fast gesundes Frühstück)

Gerade die Gleichgültigkeit und der Fatalismus erhalten die politische Klasse, die sich von Wirtschaft und Großkapital ihre Grenzen vorschreiben lässt, komfortabel am leben. Tagtäglich wird uns vorgelogen, dass wir nur alle sparen müssen und dann wird alles gut. Manche Menschen haben es schon verstanden, wie blödsinnig das ist und andere nicht. Viele wollen wahrscheinlich einfach nicht. Ich kann das nachvollziehen, wenn es einem selbst finanziell noch gut geht, aber in diesem Fall ärgert es mich. Wir leben in einer Zeit, in der man endlich einmal grundsätzlich unsere Lebensweise infrage stellen sollte, beginnend mit dem Wirtschaftssystem.

Der Kapitalismus hat in Deutschland für einen Großteil der Menschen ab 1950 für gut zwanzig Jahre mehr als ordentlich funktioniert. Spätestens aber mit Reagan und Thatcher in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts war diese Zeit vorbei. Es mag ausgelutscht klingen, aber es stimmt einfach, dass reiche Menschen immer reicher werden, Arme ärmer und die Mittelschicht dazwischen nimmt ab. Es ist höchste Zeit, diesen Wahnsinn zu beenden. Ich kann auch das ewige Gerede von Wirtschaftswachstum und der das Geschäft belebenden Konkurrenz nicht mehr hören. Ich kann nicht akzeptieren, dass man Hoffnungen auf sozialere und gerechtere Modelle immer schnell wegwischt und Alternativen lieber gar nicht diskutieren will.

Nicht wenige Menschen sind es leid, in einer Gesellschaft zu leben, die vom Kapital dominiert wird. Ich wiederhole mich, aber heute steht das Geld über dem Menschen. Das erleben wir jedes Mal, wenn ein Unternehmen die Streichung von Arbeitsplätzen ankündigt und als Folge der eigene Börsenkurs nach oben geht. Vielen gefällt all dieser Schwachsinn ebenfalls nicht, aber sie nehmen es einfach hin, als gäbe es keine Alternativen. Das stimmt so nicht. Natürlich gibt es viele Ideen, die teilweise sehr interessant sind, aber wie selten werden Bandbreitenmodell oder Gemeinwohlökonomie usw. beispielsweise im Fernsehen oder den großen Zeitungen und Zeitschriften erwähnt? Dahinter steckt natürlich die Angst von reichen Privatpersonen und Unternehmen die für sie aktuell extrem komfortable Stellung einzubüßen.

(Dem ungarischen Forint ging es auch schon mal besser)

Ja, man stelle sich einmal vor, Arbeitgeber in Deutschland werden gezwungen, nur noch anständige Jobs zu vergeben, von denen die Angestellten und Arbeiter auch leben können. Nein, derweil freut man sich weiter über eine gefakte Arbeitslosenzahl, die auf Lohndumping und vielfältige prekäre Arten der Beschäftigung beruht. Immer und immer wieder wird uns derweil erzählt, dass der deutsche Steuerzahler für andere Menschen in Europa zahlt und das diese sich doch gefälligst mehr anstrengen sollen. Klar, die junge Lehrerin in Griechenland, die nun deutlich weniger verdient, als sie während ihres Studiums noch annahm und von ihrem Gehalt an der Schule allein kaum oder gar nicht leben kann, ist wirklich eine faule Schlampe. Oder der spanische Besitzer eines kleines Kinos, den die aktuelle Mehrwertsteuererhöhung vielleicht sogar in die Pleite treibt: Einfach nutzlos der Mann.

Ich kann auch das Gerede von Krise und Euro-Rettung nicht mehr hören. Manchmal nervt mich schon der Anblick der Euromünzen in meinem Portemonnaie und ich starre dann später an meinem Schreibtisch auf die 600+ Forint, die dort liegen. Nicht, dass es der ungarischen Währung gut geht, aber davon muss ich täglich wenigstens nicht 100 Mal hören. Nur das Wort „Sparen“ bereitet meinen Ohren noch mehr Schmerzen. Viel sparen hier, dort ein bisschen Banken regulieren, da etwas Millionärssteuer bringt im übrigen auch im Gesamtpaket nicht viel. Wir brauchen ein soziales Wirtschaftssystem, in dem Armut und Reichtum Grenzen haben. In diesem muss eine möglichst große Chancengleichheit herrschen und wir brauchen eine richtige Demokratie. Immer wieder muss ich während des Verfassens dieses Textes an einen meiner Lieblingssongs denken, „The unthinking majority“:

We don’t need your hypocrisy
Execute real democracy
Post-industrial society
The unthinking majority

Um wirklich etwas zu ändern, muss zunächst einmal die wenig oder nicht-denkende Mehrheit dazu ermutigt werden sich zu überlegen, ob sie so weiterleben leben will. Also in einem System der Angst und der Umverteilung von unten nach oben. Mögliche Alternativen müssen möglichst oft und ausgiebig diskutiert werden, sodass die Frage „Was geht es mich an?“ Stück für Stück weniger oft in den Raum geworfen wird. Diesen Punkt A zu erkennen, ist der erste Schritt. Dann überlegt man sich, wie eine sozialere, gerechtere und friedfertigere Gesellschaft ausschauen könnte. Der dritte Schritt ist dann darüber nachzudenken, wie man von A nach B kommt. Alles nicht so einfach und kein schneller Prozess, aber es ist höchste Zeit dafür zu sorgen, dass die Notwendigkeit von Schritt A von möglichst vielen Menschen anerkannt wird.

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2 Kommentare
  1. Ich kann verstehen, wenn jemand sagt „Parteipolitik interessiert mich nicht“. Deswegen frage ich immernach, wenn jemand sagt „Politik interessiert mich nicht. Besteht er aber auf „Politik“ im Allgemeinen, freue ich mich auch; ein Depp weniger, mit dem man sich beschäftigen muss.

    • Das kann ich auch verstehen.

      Hier wird´s schwieriger. Wenn so etwas von halbwegs intelligenten Leute kommt, habe ich damit meine Probleme.

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