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Die EM zwischen Viertel- und Halbfinale

25. Juni 2012

Waren das nicht spannende, hochklassige, ja großartige Viertelfinalspiele? Nein, ganz bestimmt nicht. Bis zur Partie zwischen England und Italien habe ich mich ziemlich gelangweilt, wenn ich ehrlich bin. Oft habe ich mich dabei erwischt, wie ich auf meinen Monitor starrte und nach neuen Mails oder Tweets schaute. Gut immerhin, dass viermal die bessere und offensivere Mannschaft weiterkam, auch wenn ich es einigen englischen Spielern schon gegönnt hätte, im Halbfinale teilnehmen zu dürfen.

Die dummen und ausgelutschten Gags über deren Versagen im Elfmeterschießen spare ich mir natürlich auch. Genauso gut hätte England die Italiener vom Punkt schlagen können, aber es musste ja Ashley Young schießen… Mittwoch geht es also weiter mit Portugal-Spanien. Die Portugiesen siegten im Viertelfinale gegen Tschechien durch ein Tor von Ronaldo in der 79. Minute mit 1-0. Klingt spannend? War es aber nicht. Die Tschechien hielten das Unentschieden zwar lange, hatten aber selbst kaum Chancen und mussten am Ende verdientermaßen die Heimreise antreten. Gleiches gilt für die Franzosen, von denen man allerdings mehr erwartet hatte. Okay, fast jede Mannschaft spielt defensiv gegen Spanien, aber wenn man mit Samir Nasri einen seiner beiden besten Fußballer über eine Stunde auf der Bank sitzen lässt, hat man nun wirklich eine Halbfinalteilnahme nicht verdient.

Sehr gefreut hat mich natürlich, dass mit Xabi Alonso mein spanischer Lieblingsspieler beide Tore gegen Frankreich erzielte. Wie schön wäre es, hätte er Liverpool niemals verlassen. Was hatten wir noch? Achja, Deutschland-Griechenland. Deutschland spielte offensiv gut, kassierte aber auch zwei Tore gegen völlig überforderte Griechen, deren Torhüter im übrigen einen furchtbaren Eindruck machte. Die ersten beiden Treffer, die er kassierte, waren nicht unhaltbar, der dritte ein grober Fehler seinerseits. Die Kicker Note 5,5 hat er sich damit redlich verdient. Auch mit einem guten Schlussmann hätte Griechenland am Ende wohl kaum gewonnen, aber vielleicht wäre es bis in die Schlussphase spannend geblieben. Großes Lob bekommt allerdings Joachim Löw von mir dafür, dass er trotz drei Siegen in der Vorrunde Reus und Schürrle für Müller und Podolski gebracht hat. Absolut richtig, wobei Götze statt Schürrle noch mehr Qualität bedeuten würde.

Die letzte Begegnung des Viertelfinals war denn die einzige spannende: Italien gegen England. Wie ich prophezeit hatte, war die Mannschaft von Roy Hodgson die defensivere, die zwar ihre Chancen hatte, aber am Ende verdient unterlag. „Vom physischen Eindruck war das ´ne Katastrophe“, sagte Mehmet Scholl über England in der Verlängerung. Tja, aber wie wäre es mal mit ein paar Sätzen dazu gewesen, woran es wohl lag? Natürlich kam kein Wort. Wahrscheinlich wird man es oberflächlich auf mangelnde Fitness schieben, aber das ist natürlich absoluter Quatsch. Im Gegensatz zur schwachsinnigen Theorie vom furchtbaren Kommentator Steffen Simon, der davon ausging, dass Italien in der Verlängerung eher müde werden würde, weil der Weltmeister von 2006 in den 90 Minuten zuvor deutlich mehr für die Offensive tat.

Selbstverständlich ist es deutlich anstrengender, wenn man fast immer reagieren, Lücken schließen und dem Ball hinterherhetzen muss, als wenn man ihn selbst hat und damit agieren kann. Nun erwarte ich weder von ARD noch von ZDF gute Kommentare und Analysen, aber auf welch niedrigem Niveau man dort arbeitet, ist mitunter wirklich erschreckend, doch dazu später mehr. Zurück zum Spiel Englands. „Wir haben unsere Taktikvorgaben erfüllt“ sagte Steven Gerrard nach der Partie. Kein Zweifel, so ist Roy Hodgsons Fußball. Ein destruktives, fantasieloses 4-4-1-1 oder 4-4-2, bei dem der Gegner meistens den Ball hat. Wenn man schön verteidigt und vielleicht mal einen Konter oder eine Standardsituation nutzt, kann man damit gewinnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass man gegen ähnlich starke oder bessere Teams verliert, weil man ihnen die Initiative überlässt und somit eben auch immer wieder Chancen gibt, gute Tormöglichkeiten herauszuspielen, scheint Hodgson nicht weiter zu stören.

Ich schrieb schon vor knapp drei Monaten davon. Roy Hodgson ist ein anständiger Trainer für einen Durchschnittsclub wie Fulham, aber eine völlige Fehlbesetzung für einen großen Club, wie sich in Liverpool zeigte und nun bei der englischen Nationalmannschaft. Wie Andrea Pirlo gestern in Ruhe das italienische Spiel lenken konnte und Wayne Rooney wie auch Ashley Young, trotz schlechter Leistungen 120 Minuten auf dem Platz blieben, muss für jeden halbwegs intelligenten englischen Fan schlimm mit anzusehen gewesen sein. Zugegeben, bei Rooney kann man immer auf eine geniale Szene, auf ein Tor hoffen, aber Young enttäuschte im gesamten Turnier. Als eben dieser Young dann auch noch zum Elfmeterpunkt ging, ahnte ich schon, was passieren würde. Dass er die Kugel blind gen Latte dreschen würde, wusste ich natürlich nicht. Wieso ein Profi-Fußballer mit derartigem Risiko von 11 Metern schießt, werde ich nie verstehen. Es ist aber auch grundsätzlich schon sinnvoller, wenn man nach 120 Minuten vom Punkt auf jemanden setzt, der zuvor gut gespielt hat. Glen Johnson in diesem Fall beispielsweise.

Viel schlimmer ist aber, dass England mit der Negativtaktik und vielen destruktiven Entscheidungen Hodgsons sich um eine bessere Chance gebracht hat, in den 120 zuvor, Italien zu schlagen. Statt des wirklich enttäuschenden Young hätte man Oxlade-Chamberlain eine Chance geben können. Der hatte im ersten Spiel gegen Frankreich ein paar ziemlich gute Ansätze gezeigt, spielte danach aber nur noch wenige Minuten. Theo Walcott, der die Partie gegen Schweden im Alleingang gedreht hatte, begann nicht einmal. Dafür aber immer wieder der biedere Milner, der in jeder Begegnung von Beginn an spielte. Agiert man schon derart defensiv, dann braucht man einfach bessere, gefährlichere Außen als Young und Milner. Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, Rooney oder Carroll als einzige Spitze aufzustellen und auf ein 4-2-3-1 umzustellen. Hier hätte Gerrard dann die offensive, zentrale Mittelfeldrolle hinter der Spitze bekommen, die er über Jahre in Liverpool gespielt hat und Milner/Parker hätten die „Doppel 6“ gebildet.

Sowieso ist die Misserfolgs-Geschichte Englands in den letzten Jahren auch die Geschichte von der Verschwendung Steven Gerrards. Seine Vielseitigkeit wurde ihm zum Opfer, genau wie die Dummheit der Trainer. Zusammen mit Frank Lampard lief´s selten und da man Lampard wohl nur eine Rolle zutraut, musste Gerrard immer eine andere erfüllen. Unter Capello spielte er bei der WM 2010 sogar auf links. die einzige Mittelfeldposition, die er in Liverpool nie bekleidet. Gerrard gehört entweder hinter die Spitze/n oder ins zentrale Mittelfeld zusammen mit einem Mann, der stark genug ist, ihm auch Defensivarbeit abzunehmen. Von Scott Parker, der ein solider Spieler ist aber auch nicht mehr, konnte das niemand ernsthaft erwarten. So zeigte sich auch gegen Italien oft, dass Gerrard bei italienischem Ballbesitz tiefer (also näher am eigenen Tor) stand als Parker.

Trotzdem war Gerrard in den ersten drei Spielen Englands bester Mann und bereitete drei Treffer vor. Ich hätte ihm sehr gegönnt, auch im Halbfinale antreten zu können. Mit diesem Trainer, dieser Taktik und dieser Spielerauswahl wäre dort dann aber wohl sehr sicher gegen Deutschland Schluss gewesen. Schlecht für England ist es, dass man nach einem Ausscheiden im Elfmeterschießen den Trainer nicht entlassen kann. Vielleicht ist man bei der FA aber gar nicht unzufrieden mit Hodgson. Vielleicht mag man destruktiven Fußball, dass ein Milner aufläuft, dass das Tempo bei Ballbesitz immer wieder verschleppt wird und die Außenverteidiger sich kaum ins Offensivspiel anschalten. Dass sowohl Johnson, als auch Cole, hier durchaus große Stärken haben, sah man in den ersten zehn Minuten und kurz vor Ende der regulären Spielzeit.

Eigentlich wollte ich gar nicht so viel über England schreiben, aber es war so absehbar, was mit dieser Mannschaft unter Hodgson passieren würde. Was anderweitig passiert, ist aber nicht minder ärgerlich. Im ZDF guckt Katrin Müller-Hohenstein dumm aus der Wäsche, während Oliver Kahn neben ihr etwas von Druck, Belastung, Erwartung und so weiter faselt. In der ARD ist es manchmal noch schlimmer. Als Spieler mochte ich Mehmet Scholl, aber auch er kommentiert und analysiert höchstens an der Grasspitze, wie das Beispiel oben zeigt. Gestern kannte er noch nicht einmal die Regeln für das Elfmeterschießen oder sollte das ein blöder Witz sein? Für Steffen Simon waren die englischen Spieler Terry und Carroll beispielsweise „Schränke“. Eine antiquierte und alberne Formulierung, die sich andere Kommentatoren schon seit Jahren verkneifen.

So geht das schon seit Tagen. Da wird der junge Welbeck nach einen schönen Tor zum Riesentalent. Nicklas Bendtner war plötzlich der Star der Dänen, obwohl mit Daniel Agger der beste Skandinavier bei diesem Turnier die Bezeichnung viel mehr verdient hat. „Emotionen, wie nur der Fußball sie hervorbringt“ sagte ein ZDF Reporter in Prag stehend, als die Tschechen das Viertelfinale erreichten. Klar, als die tschechische Eishockey- Nationalmannschaft 1998 die olympische Goldmedaille holte, war bestimmt viel weniger los…  Jetzt ist es eine offene Sache, twitterte Dirk „Sherlock“ Nowitzki in dümmlicher Boris Becker Manier direkt vor dem Elfmeterschießen und Jürgen Bergener von der ARD setzte dem Ganzen gestern die Krone auf. Er fragte Hansi Flick ernsthaft, ob jetzt eine spezielle Vorbereitung auf den Gegner stattfinden würde. Wohlgemerkt im Hinblick auf das EM Halbfinale gegen Italien.

Nein Jürgen, die machen jetzt vier Tage lang Pasta-Wettessen, Pizza-Weitwerfen und gemeinschaftliches Zielwichsen in ein Chianti-Glas. Ob da eine spezielle Vorbereitung stattfinden würde? Ich kann nicht glauben, dass jemand ernsthaft diese Frage gestellt hat. Ich will nicht zu kritisch sein, aber es sind schon Menschen für geringeren Unsinn entlassen worden. Bei ARD und ZDF wird man die eigene Inkompetenz und aber wohl kaum bemerken. Leute, ich dachte, Fußball sei Eurer Spiel? Dann redet auch angemessen drüber. Ich kenne zwar Kanadier, die ebenfalls oberflächlich über Eishockey sprechen und wahrscheinlich gibt es Litauer und Serbien, die wenig Ahnung von Basketball haben und dennoch darüber reden, aber was hier bei diesem Turnier passiert, ist wirklich teilweise nur noch erbärmlich.

Erwähnte ich eigentlich, dass Jürgen Klopp in der Spielanalyse an allen Ecken und Enden fehlt? Froh bin ich allerdings, dass nicht nur mir aufgefallen ist, auf welch niedrigem Niveau weitestgehend berichtet wird. Diese Kolumne von Georg Diez ist durchaus empfehlenswert und der freitag widmet sich diesem Thema auch kurz. So, nun bleibt leider keine Gelegenheit mehr für eine Vorschau der Halbfinals, aber eigentlich kann sich ja jeder selbst denken, wer die Favoriten sind und warum.

Vielleicht auch von Interesse:

  1. Der Ball ist eckig und die Halbzeit geht 90 Minuten
  2. Spielfrei
  3. Der Ball rollt – Gedanken zur EM
  4. Aprilscherz am 1. Mai: Roy Hodgson neuer England Trainer

From → Film + TV, Medien, Sport

3 Kommentare
  1. Ole permalink

    „gemeinschaftliches Zielwichsen in ein Chianti-Glas“ –> Made my day! Toll geschrieben, sehr lesenswert!

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  1. Statistik zu Beginn des Juli « Ziegenhodensuppe           

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