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Der Ball rollt – Gedanken zur EM

9. Juni 2012

Endlich ist es wieder so weit. Menschen schrauben sich alte versiffte Fahnen an die Autos, laufen schon am frühen Nachmittag mit Bierflaschen in der Hand durch die Straßen, zwängen ihre oft unansehnlichen Körper in enge Trikots und beschmieren sich teilweise sogar die Gesichter. Es ist WM. Okay, es ist EM, dabei das ist eigentlich das gleiche, nur ohne Brasilien, Argentinien und ansonsten Mannschaften, die keiner braucht. Ja, ja die Exoten sind auch immer eine Bereicherung, in der Theorie. Wirklich Spaß macht es am Ende nicht, wenn man sich etwas wie Neuseeland gegen Kolumbien anschaut. Ach, fast hätte ich es vergessen: Ich habe heute auch eine hübsche junge Frau mit einer an ihrem Wagen befestigten Fahne gesehen. Sie stand an einer Ampel, hörte überdurchschnittlich laut Musik und lächelte. Wahrhaftig eine sehr attraktive junge Dame. Ach ja, es war übrigens eine kroatische Fahne.

Das erste große Fußballturnier, an das ich mich erinnere, ist die WM 1986 in Mexiko. Uli Stein nannte Franz Beckenbauer damals einen Suppenkasper, die „Hand Gottes“ schlug im Viertelfinale England und im Endspiel siegte Argentinien dann auch noch gegen Deutschland, mit 3-2. Über ein Vierteljahrhundert später interessiert mich das große Turnier, welches gestern begann, weniger als je zuvor. Zu sehr nervt mich der moderne Fußball, in dem andauernd von Geschäft, Business und Co. geredet wird und in dem irrsinnige Summen eine Rolle spielen. Zudem ist mir die ständige Eventisierung ein Graus. Man guckt nicht einfach irgendwo gemeinsam, man geht zum Public Viewing, usw.

Menschen, die mit Fußball eigentlich wenig am Hut haben, meinen, sie müssten sich von diesem Hype anstecken lassen. Leute, die keine Ahnung haben, was Celtic Glasgow und die Glasgow Rangers unterscheidet. Personen, die Ashley nicht von Joe Cole unterscheiden können und denen gar nicht klar ist, dass die Vorrundengruppen bei einer EM durchschnittlich deutlich stärker besetzt sind als bei einer WM. Ich will niemanden den Spaß nehmen oder etwas vorschreiben, aber es stört mich einfach, dass Menschen ein Turnier für sich mit vereinnahmen, obwohl sie den Sport nicht wirklich lieben. Leute, die gar nicht verstehen können, dass mir der Ausgang eines Ligaspiels meiner Lieblingsmannschaft wichtiger ist als das WM Finale.

Wie sehr die WM 2006 gehyped wurde, kann ich bis heute auch nicht vergessen. Ja, die Stimmung war gut, ja, die Sonne hat viel geschienen und Deutschland hat guten Fußball gespielt, aber gegen wen wurden die vier Siege bis zum engen Viertelfinale gegen Argentinien noch eingefahren? Genau, gegen Costa Rica, Ecuador, Polen und Schweden. Nimmt man letztere vielleicht noch aus, alles zum damaligen Zeitpunkt höchstens zweitklassige Nationen. Viele andere Länder spielten alles andere als ansehnlichen Fußball und kann sich noch jemand an das entsetzliche Achtelfinale zwischen der Schweiz und der Ukraine erinnern, welches nach 120 grausamen Minuten ins Elfmeterschießen ging? Darmstadt 98 gegen Preußen Münster in der 3. Liga  kann kaum schlimmer sein. Sommermärchen my balls…

Am Ende schaue ich trotzdem zu. Fußball ist immerhin der zweitschönste Sport der Welt und vielleicht gibt es ja ein paar attraktive Spiele zu bewundern. Gestern war das noch nicht so, aber Polen – Griechenland (1-1) kam man immerhin als recht abwechslungsreich bezeichnen. Im Anschluss besiegten die Russen mit 4-1 Tschechien deutlich und haben damit bereits nach ihrer ersten Partie exzellente Chancen auf das Viertelfinale. Leider ging es in der ARD natürlich nicht ohne dümmlichen „Hähä, Griechenland-ist-pleite-Gag“ über die Runden. Sehr originell, aber ich hatte es nicht anders erwartet. Im Rahmen des Russland Spiels boten bei der ARD Reinhold Beckmann und Steffen Simon insgesamt wieder einmal eine drittklassige Leistung. Ich hätte nichts dagegen, wenn Mehmet Scholl die beiden nach Hause schickt und alles alleine macht.

Vielleicht wird es heute deutlich besser, was die Qualität der Spiele angeht. Dann wird bekanntlich unter anderem die deutsche Mannschaft auflaufen. Übrigens endlich mal wieder mit Stahlhelmen. Diese Tradition ist ja doch in den letzten Jahrzehnten etwas aus der Mode gekommen. Die Uniformen sollen auch frisch gewaschen und gebügelt sein und von blitzeblank polierten Kriegsstiefeln gehe ich ebenfalls fest aus. Mit dem DFB Spiel gegen Portugal und Niederlande – Dänemark kann man jedenfalls von diesem Samstag schon etwas mehr erwarten.

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From → Medien, Sport

10 Kommentare
  1. Vaya, jetzt muss er hier den Puristen raushängen! 😉 „Fussball verkopft“ hilft auch nicht wirklich. Costa Rica und Ecuador, Nigeria oder die Elfenbeinküste spielen manchmal sehr ansehnlichen Fussball und freuen sich vor allem unbändig, durch ein schwierige Qualifikation in eine WM gekommen zu sein, ein echtes Ereignis für das Land. Schon deswegen habe ich mich über solche Teilnehmer schon sehr oft viel mehr gefreut als über deutschen überaus erfolgreichen „egal-wie-Hauptsache-Halbfinale“- Stolperfussball der nörgeligen Art. Darauf hätte ich in den vergangenen Jahrzehnten nämlich schon oft verzichten können.

    Zwei meiner Freunde sind begeistert dabei, wenn es um Nationalmannschaften und grosse Wettbewerbe geht. Ich bin ganz sicher: Keiner von ihnen weiss, ob Joe oder Ashley die die geheime Cola-Formel erfunden haben (oder waren das wieder andere?), aber wen interessiert so ein Quatsch denn auch? Die beste Liga hat man eh nur zu Hause und die Engländer sollen sehen, wie sie allein klar kommen.

    Mit den beiden geht es also in die Kneipe zum España feiern, na was den sonst? Nur die schmierigen Wimpel am Auto fehlen uns noch, darüber sollten wir mal nachdenken …

    • Okay, Nigeria 1994 fand ich auch super. Schade, dass sie Italien nicht schlagen konnten. Das Halbfinale hätten sie auf jeden Fall verdient gehabt.

      Ansonsten bleibe ich natürlich bei meiner Meinung, wünsche Euch allerdings viel Spaß und Erfolg. Auf die Spiele von Spanien freue ich mich sportlich am meisten und darauf, wie besonders mies England und dem Volltrottel Hodgson aussehen wird…

  2. Waffenstudent permalink

    FALSCH:

    Der Begriff des „Suppenkaspers“ kam ganz anders auf, als es die deutsche Scheckbuchjournallie groß verbreitete: Die deutsche Fußballnationalmannschaft sollte zwecks Freizeitgestaltung mit Gesellschaftsspielen in fröhliche Stimmung versetzt werden. Dazu veranlaßte man die Spieler zum heiteren Begrifferaten in kleinen Gruppen. Dabei malt in der Regel ein Teilnehmer eine Figur auf ein Blatt Papier, und die übrigen sollen dann raten, um was es sich dabei handeln könnte. Nun hatte ein Mitglied sich den aktuellen Fußballbundestrainer ausgedacht und diesen grob als Strichmännchen auf einem Blatt skizziert. Ohne zu wissen, um wen es sich eigentlich handeln sollte, meinte Uli Stein, daß hier der Suppenkasper gemeint sei! Alle, die das hörten, haben spontan gelacht. Die Stimmung war also gewünscht DFB-Fröhlich! Erst später, nach mehrmaliger Ergänzung der ersten Skizze wurde der zu erratende Begriff (Beckenbauer/Bundestrainer) genannt. Diese eigene Darstellung hat Uli Stein jedenfalls erst viel später öffentlich in einem ausführlichen gesendeten Gespräch mit deutschen Fernsehjournalisten abgeliefert. Wie man daraus die weit verbreitete Mär ableiten kann, Uli Stein habe den Fußballbundestrainer öffentlich als Suppenkasper abgetan, bleibt ein weiteres DFB-Geheimnis. Und es zeugt davon, daß die damalige DFB-Mannschaft bar jeden Corpsgeistes war, und daß der Begriff von den elf Freunden zusammen mit den „Helden von Bern“ längst im Museum abgelegt wurde. Dafür, daß Uli Stein damals strafversetzt wurde, sollte sich die ganze DFB-Bauchtanztruppe bis in alle Ewigkeit schämen. Ganz besonders natürlich der Mannschaftskamerad IM-DFB und Märenträger, welcher den lustigen Vorfall seinen DFB-Führungsoffizier sofort oberpflichtgemäß meldete. Über die Namen und die Höhe des ausgezahlten Judaslohnes schweigt sich der DFB bis heute aus.

  3. Tim permalink

    Ziemlich dämlich von diesem Flick.Ist der immer so?

  4. „Ja, ja die Exoten sind auch immer eine Bereicherung, in der Theorie. Wirklich Spaß macht es am Ende nicht, wenn man sich etwas wie Neuseeland gegen Kolumbien anschaut.“

    Wollen wir mal eins schnell festhalten für die Statistik: EM ohne Exoten
    Bisher acht Partien – davon EIN Fusballspiel (Spanien – Italien), der Rest Gähnschrott und Grottenkicks.

    • Okay, aber:

      – Russland und Kroatien haben anständig gespielt und für ihre Gegner können sie nichts
      – glaube ich nicht, dass Peru-Togo ansehnlicher gewesen wäre als England-Frankreich
      – sind die Gruppen-Auftaktspiele nicht meistens schlechter als die folgenden?

  5. Nicht rausreden jetzt! 🙂
    Ich habe, besonders von südamerikanischen Mannschaften, schon VIEL bessere WM-Spiele gesehen als das, was bei derEM bisher angeblich Fussball sein soll.

    • Ich doch nicht 😉
      Ich habe auch schon Premier League Mittelfeldduelle gesehen, die besser waren als WM Spiele. Ab morgen, ähh übermorgen (gerade noch einmal den Spielplan angeschaut), wird´s dann aber auch besser. Spätestens Donnerstag wird es richtig gut, weil ich dann etwas anderes vorhabe…

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