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Studentenproteste in Québec gehen in den vierten Monat

23. Mai 2012

Ein Thema, welches in den deutschen Medien nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt und teilweise gar keine Beachtung findet, sind die studentischen Proteste in Québec, die mittlerweile in den vierten Monat gehen. Von ähnlichen Vorkommnissen in Chile im vergangenen Jahr wurde gefühlsmäßig deutlich mehr berichtet, auch wenn ich das empirisch nicht beweisen kann. Wahrscheinlich ist dem so, weil die Proteste dort gewalttätiger vonstatten gingen, aber auch im französischen Teil Kanadas läuft es seit langem nicht nur friedlich ab. In der letzten Woche wurde sogar nun ein neues Gesetz beschlossen, welches unter anderem spontane Demonstrationen mit mehr als 50 Teilnehmern verbietet.

Mit diesem großen Widerstand gegen die Erhöhung der Studiengebühren hatten die regierenden Politiker Québecs wohl nicht gerechnet. Doch worum geht es denn eigentlich? Es ist ganz einfach: Die Proteste richten sich gegen den Beschluss, nach welchem die Studiengebühren in den nächsten sieben Jahren (zunächst waren fünf geplant) um jeweils 254 Dollar (ca. 200 Euro) jährlich steigen sollen. Wie sehr das vor allem zukünftige Studenten belasten wird, dürfte klar sein. Um sich hier gegen zu wehren, gingen am 21. Februar zunächst etwa 36.000 der ca. 400.000 Studenten der kanadischen Provinz in den Streik. In der Folgezeit stieg diese Zahl, es gab viele friedliche Demonstrationen, aber auch einige gewalttätige Auseinandersetzungen. Steine und Molotow-Cocktails von der einen, Tränengas und Co. von der anderen Seite. Man kennt das ja.

In einer von der Montreal Gazette (wohlgemerkt keine Boulevard Zeitung) als Schlacht bezeichneten Auseinandersetzung gab es am Sonntag zwanzig Verletzte, auf jeder Seite zehn, darunter war mindestens eine Person, die schwer verletzt wurde. Zu einem weiteren Opfer, allerdings einem körperlich unversehrten, war in der Zwischenzeit die Bildungsministerin Line Beauchamp geworden. Sie trat am 14.5. wegen dieser Angelegenheit zurück. Gestern wurde dann massiv gegen das neue Gesetz protestiert, welches Bürgerrechte beschneidet. Nach diesem sollen beispielsweise Studenten, die aufgrund des Streiks Kommilitonen am Studieren hindern, Strafen zwischen 1000 und 5000 Dollar zahlen. In Montréal gibt es zudem nun die Verordnung, dass Demonstranten, die sich vermummen bzw mit Masken verhüllen, dafür zwischen 500 und 3000 Dollar Strafe zahlen müssen.

Zehntausende marschierten gestern tagsüber gegen diese restriktiven Maßnahmen in Montréal. Darunter waren nicht nur den mittlerweile ca. 170.000 streikenden Studenten zugehörige Personen. Die Zahlen über die teilnehmenden Personen variieren sehr stark. Es gibt Angaben über zwischen 75.000 und bis zu 250.000 Demonstranten. Am Abend kam es dann wieder vereinzelt zu Gewalt. Vier Menschen mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden und etwa 100 wurden verhaftet. Wie immer wird die Gewalt von allen Seiten natürlich verurteilt, was grundsätzlich verständlich ist. Man darf aber trotzdem fragen, wie schnell wohl das intensive mediale Interesse an diesen Protesten auch lokal deutlich abebben würde, wenn immer nur alles friedlich vonstatten gehen würde? Wenn der Verkehr in der Innenstadt wie gestern lahmgelegt wird, wahrscheinlich nicht ganz abrupt, aber ohne solche Nebeneffekte und wenn alles komplett gewaltfrei ablaufen würde?

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From → Allgemein, Kultur, Politik

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