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Warten auf Slime und „sich fügen heißt lügen“

8. Mai 2012

Es war ein muffiger Kellerraum, in dem ein Billardtisch stand. An drei der Seiten des Tisches war viel zu wenig Platz. Man konnte mit seinem Queue waagerecht einfach nicht zu einem vernünftigen Stoß ansetzen. Tageslicht kam zu wenig in den Raum und das vorhandene künstliche Licht präsentierte sich auf nicht mehr näher zu erklärende Art ziemlich unangenehm. Es war vor etwa 20 Jahren, wahrscheinlich ist es sogar ein bisschen länger her. Ich tippe auf das Jahr 1991. Es klingt für mich wie eine Ewigkeit und es ist auch immerhin mehr als mein halbes Leben, aber dennoch erinnere ich mich an ein bestimmtes Ereignis dieses Tages noch sehr gut.

Wir waren zu viert und ärgerten uns ein wenig über die schwierigen Spielverhältnisse. Nicht, dass es einen großen Unterschied gemacht hätte, wenn wir in einem riesigen, sonnendurchfluteten Penthouse an einen Profi-Tisch gespielt hätten. Nein, wir waren keine guten Spieler, aber trotzdem erlebten wir einen großen Tag, ich zumindest. Einer meiner Freunde hatte einen Kassettenrekorder dabei. Ein wenig veralteter als dieses Gerät sah der aus, wenn ich mich richtig erinnere. Ich denke, er war außerdem schwarz, bin mir aber nicht ganz sicher und konnte leider kein besseres Foto finden. Ich bereue sowieso manchmal, dass ich gewisse Dinge nicht einfach fotografiert habe, aber das ist wieder ein anderes Thema.

Wenn ich zurückdenke an diese Zeit, kommt mir es vor, als wäre es wirklich eine Ewigkeit her. Nimmt man das Gesamtalter des Universums und unserer Erde zum Maßstab, sind zwei Jahrzehnte nicht viel mehr als ein Wimpernschlag. Trotzdem hatten wir damals noch Kassettenrekorder und keine iPhones. Kaum zu fassen, aber es gab keine Handys und kein Internet, zumindest nutzte dieses noch kaum jemand. Auf das Internet möchte ich bestimmt nicht mehr verzichten (das Handy und ein iPhone brauche ich dagegen nicht), aber schlechter war diese Zeit trotzdem nicht. Man verbrachte zwar auch schon oft Zeit am Computer (am C64, Amiga oder Schneider CPC zum Beispiel), aber nicht den kompletten restlichen Tag nach Schulschluss. Nein, man spielte manchmal sogar draußen bis in die Dämmerung auf einem Bolzplatz Fußball.

Ich hörte damals fast nur englischsprachige Musik wie Metallica, sieht man von ganz wenigen Ausnahmen wie den Toten Hosen ab.  Warum haben die eigentlich nach „Ein kleines bisschen Horrorschau“ mehr oder weniger kontinuierlich abgebaut? Uralte Songs wie diesen hier kann ich immer noch regelmäßig hören, während die neue Single „Tage wie diese“ bei mir wieder einmal zwischen „belanglos“ und „leicht ärgerlich“ rangiert. Was wäre eigentlich, wenn eine Band, die man immer geliebt hat, ein schlechtes Album veröffentlichen würden? Eine schlimme Idee und ich hoffe, das passiert niemals. Die meisten Bands, die das bisher gemacht haben, waren schon vorher in meinem Ansehen gesunken, wie eben Metallica mit ihrer endlosen Geldgeilheit und ihrer Hetze gegen Internet-Tauschbörsen und Downloader, die vielleicht noch bereit sind, irrsinnige Summen für eine Konzertkarte auszugeben, sich dafür Metallica CDs aber umsonst herunterladen. Völlig nachvollziehbar, wie ich finde.

Zurück zum Keller mit dem Billardtisch. Ich war nicht scharf auf deutsche Musik, aber ich hatte den Kassettenrekorder nicht mitgebracht und so musste ich mit dem leben, was der Besitzer mit diesem anstellte. Etwas sehr gutes in diesem Fall, er warf nämlich eine Kassette mit Slime rein. Erst war ich nicht sonderlich beeindruckt, aber spätestens beim Song „Alptraum“ änderte sich das. Ich konnte meine Begeisterung nicht gleich vollends zum Ausdruck bringen, da ich ja von der Überlegenheit englischer Musik unglaublich überzeugt war, aber meine Fresse, was für ein geiles Lied hatte ich denn da gerade gehört? Ein verdammt geiles, eines was mich bis ins Jahr 2012 nie gelangweilt hat und welches ich heute immer noch genauso geil finde wie damals.

So lernte ich sie also kennen. Slime, die größte und beste Punkband, die Deutschland je hatte. Eine der drei bedeutsamsten Bands meines Lebens. Früher wie auch heute liebe ich die Klarheit, die Direktheit in den Liedern. Musikalisch hat Slime die Welt nicht verändert, aber in Zusammenspiel von Musik und Texten meine Welt ohne Zweifel. Welche Aktualität viele alte Lieder von Slime heute auch noch haben, ist mehr als bemerkenswert. Völlig egal, ob man sie damals so gemeint hat, wie man sie heute interpretieren kann. Als beängstigend kann man diese Aktualität auch bezeichnen, wenn man möchte. Ich denke an „Zu kalt„. Auch wenn der Sommer langsam kommt, wird es immer kälter. In Deutschland, in ganz Europa und vielen anderen Teilen dieser Welt.

Slime haben so viele unvergessliche Textzeilen geliefert, wie für mich keine andere Band. Ich habe damals (irgendwann in den 90er Jahren)  überlegt, meinen Wehrdienst zu verweigern, in dem ich einfach eine CD mit dem Slime-Lied „Bundeswehr“ einschicke. Habe ich letztendlich nicht getan und vielleicht wäre das auch keine gute Idee gewesen, aber meine Haltung zu diesem Verein hätte ich selbst kaum besser in wenigen Worten zu Papier bringen können:

Du hast ’ne hübsche grüne Uniform
Du tust nichts ausserhalb der Norm
Du hast dich ganz gut angepasst
Denn sonst gehst du auch gleich in’n Knast

Du sollst töten lernen für’s Vaterland
Doch Vaterland ist abgebrannt
Bevor du einen abknallen kannst
Hat der Feind es schon zerstört

Du laesst dich herumkommandieren
Von ’nem alten Nazi-Offizier
Doch was schert dich die Moral
Tu deine Pflicht, alles andere ist egal

Du sollst töten lernen für’s Vaterland
Doch Vaterland ist abgebrannt
Bevor du einen abknallen kannst
Hat der Feind es schon zerstört

Links 2 3 Links 2 3
Marschiert, Soldaten, marschiert
Links 2 3 Links 2 3
Auf daß ihr im Schlamm krepiert

Links 2 3 Links 2 3
Ob ihr da seid oder nicht
Euer Scheiß-Vaterland ist als erstes im Arsch
Wenn der Krieg ausbricht

Eine eigene Meinung hast du nicht
Du tust am liebsten deine Pflicht
Das Hirn voll Scheiße, in der Hand das Gewehr
ja, das ist die Bundeswehr

Entweder stimmt man damit nicht überein und findet es scheiße oder man hält es für absolut großartig, so wie ich es tue. Es waren aber nicht nur politische Lieder, die Slime ausmachten und es noch heute tun. Ich persönlich mochte beispielsweise auch D.I.S.C.O. immer sehr gerne. „Samstag Nacht, Disco Zeit, Girls, Girls, Girls zum Ficken bereit, Eltern überall in großer Not, die Disco-Wichser tanzen sich tot“, heißt es hier. Es bedarf nicht immer hochintellektueller Diskussionen, manchmal reichen einfach ein paar simple Zeilen. Die Aktualität ist auch in diesem Fall wieder absolut gegeben, müsste man doch höchstens „Disco“ durch „Club“ ersetzen. Irgendwie eigentlich unpassend, dass ein Konsumgut eines deutschen Milliardärs (oder meinetwegen auch zweier) ausgerechnet von Slime gefeiert wurde, aber unser Leben ist ohne Widersprüche nicht zu bewältigen. Die Rede ist natürlich von „Karlsquell„.   

Welche männliche Person, die heute zwischen 30 und 50 Jahre alt ist, erinnert sich nicht an diesen Gerstensaft?  Freitagnachmittag bei Aldi. Junge Leute trugen Palettenweise Karlsquell Dosen aus diesem hässlichen Discounter. Ich erinnere mich noch an einen Preis von 39 Pfennig für 0,33 L dieses äußerst gewöhnungsbedürftigen aber einzigartigen Getränks. Ich mag Bier gerne überdurchschnittlich kalt und hasse es (lau)warm, aber bei Karlsquell habe selbst ich eine Ausnahme gemacht. Was sollte man machen, wenn man abends im Park saß, einen Kühlschrank mitnehmen? Der Trick war, es möglichst schnell zu trinken. Abgestandenes, warmes Karlsquell bot auch den passioniertesten Biertrinkern wenig Anlass zur Freude.

Dennoch besteht eigentlich kein Zweifel daran, dass die beiden bis heute bekanntesten Songs von Slime überaus politisch sind. Es kann hier nur die Rede von „Bullenschweine“ und „Deutschland“ sein. Beide sind auf „Slime I“ erschienen. Vielleicht tue ich Rio Reiser und einigen anderen Unrecht, aber für mich ist dieses Album das bedeutendste deutsche überhaupt. Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, wie ich in Hamburg an dem ekligen Kriegerdenkmal war, das Slime zum Lied „Deutschland“ inspiriert hat. Was soll ich sonst noch zu diesen beiden Songs schreiben? Sie sprechen absolut für sich, „Bullenschweine“ wie auch „Deutschland“:

(Zu Teil 2 geht es hier)

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From → Kultur, Politik

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