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Kein Kaffee ohne Zigarette

7. April 2012

Es riecht übel. Nein, es stinkt. Nach Menschen, die schon zu lange in zu warmer Umgebung sitzen und das natürlich ohne ein Fenster öffnen zu können, denn das geht hier nicht. Wenn doch nur die Klimaanlage funktionieren würde. Mir ist wirklich warm. Ich habe nur ein gewöhnliches Hemd an, aber das ist schon zu viel. Eigentlich wollte ich lesen, doch selbst das ist nicht möglich. Neben mir sitzt Abdul, stellt mir Fragen und erzählt mir verschiedene Dinge. Er hat seinen dunklen Mantel nicht ausgezogen und trägt einen vielfarbigen Schal um seinen Hals. Ich kann es kaum glauben, aber verstehe dieses Verhalten auch, denn Abdul kommt aus Saudi-Arabien.

Abdul hatte mich gefragt, ob der Zug auch wirklich nach Hamburg fahren würde, was ich bejahte. Seine nächste Frage betraf den Platz neben mir, auf dem er nun saß. Es war einer dieser Bummel-ICs, die langsam fahren und länger halten, aus irgendwelchen Gründen. Dafür sind sie zwar etwas billiger, doch irgendwie nervt es. Abdul hat einen Truck gekauft oder mehrere, so gut verstehe ich sein Englisch nicht. Es ist nicht wirklich schlecht, aber man muss sich schon konzentrieren, um alles mitzubekommen. Langsam beginnt die Klimaanlage zu arbeiten. Ich frage mich, ob mein Sitznachbar wohl gleich noch einen Wintermantel aus dem Koffer holt, macht er aber nicht.

Deutschland wäre ganz toll, sagt Abdul, vor allem die Maschinen, aber auch die Leute. Ich wende ein, dass ich allerdings in diesem Land schon auf viele Arschlöcher getroffen bin, er lacht. Arschlöcher gibt es überall, sagt er, womit er zweifellos nicht falsch liegt. Viel haben wir, oberflächlich betrachtet, nicht gemeinsam. Er ist „Businessman“, wie er sagt, hat fünf Kinder und eine Frau. Eigentlich könne er vier Frauen haben, aber mehr als eine wäre ihm wirklich zu anstrengend, meint er. Beim Thema Essen sind wir uns aber einig. Industriehuhn mag er gar nicht, ich auch nicht. Ob ich schon einmal Kamel gegessen hätte, fragt er. Wäre etwas bitter, aber durchaus lecker. Würde ich gerne auch mal probieren.

Abdul schlägt vor, ich solle mal nach Saudi-Arabien reisen. Ich sage, dass ich das gerne würde. Das ist auch nicht wirklich falsch, aber spontan fallen mir 20, 30 Länder ein, die mich mehr interessieren. Außerdem wäre es mir dort bestimmt ständig zu heiß. Ich überlege, was Peter Scholl-Latour neulich im ZDF noch zu Saudi-Arabien gesagt hat. Im Detail kann ich mich nicht an alles erinnern, aber es war alles andere als positiv. Interessant, wenn man das eigentlich nicht schlechte Image des Landes bedenkt, vor allem natürlich im Vergleich zu anderen Staaten der Region wie Irak und Iran. Was Abdul von Günter Grass hält? Ich frage ihn lieber nicht.

Ich bin auch sonst zurückhaltender als sonst. Normalerweise geht es bei mir nicht ohne das ein oder andere „fuck“, „fucking“, „for fuck´s sake“ usw, wenn ich Englisch spreche, dieses Mal schon. Ich bin auch froh, dass wir das Thema Religion nicht streifen. Ich überlege sogar, ob es unhöflich war, den Kaffee abzulehnen, den mir Abdul ausgeben wollte. Ich finde aber es reicht, dass er für seinen fiese 2,80 Euro zahlen muss. Bei den Fahrpreisen könnte man einen Becher wenigstens für faire 1 bis maximal 1,50 Euro anbieten. Außerdem sage ich, dass zu einem Kaffee für mich immer auch eine Zigarette gehöre. Abdul stimmt mir zu. Er bedauert es, dass man im Zug gar nicht rauchen darf. Wenigstens im letzten Wagon könne man doch die Leute qualmen lassen. Keine Frage, das denke ich mir schon seit Jahren.

Etwas später überlege ich mir, wie viele Zufälle zusammen dazu geführt haben, dass wir gemeinsam zur gleichen Zeit in diesem Zug sitzen, ein Saudi und ich. Vom Urknall angefangen auf jeden Fall ganz schön viele. In Osnabrück steige ich aus und verabschiede mich höflich. Abdul muss weiter bis nach Hamburg, freut sich aber bis hierhin etwas Unterhaltung gehabt zu haben. Eigentlich war es ganz interessant und Kamel muss ich wirklich mal probieren. Wie wohl der Fleischer um die Ecke auf meine diesbezügliche Anfrage reagieren wird?

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From → Allgemein, Kultur

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