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Russland – Dieses ganze Chaos ist unser Zuhause

1. März 2012

Ich habe mir vorgestern sehr ausführlich den russischen Themenabend auf ARTE gegönnt und es hat sich gelohnt. Zunächst kam ein sehr interessanter, aktueller Bericht mit vielen, teilweise völlig unterschiedlichen Stimmen sowie Interviews. Dann wurde es lustig und zwar in der Dokumentation „Being… Putin“. Nach „Mit offenen Karten“ (siehe Beitrag von vorgestern) war es dann gar nicht mehr witzig, wenn ich an den Dokumentarfilm „Anna Politkowskaja“ zurückdenke. Die Journalistin, die über die Tschetschenien-Konflikte berichtete, die russische Regierung kritisierte und sich für Menschenrechte stark machte, wurde 2006 vor ihrer Wohnung ermordet.

Was fasziniert mich eigentlich so an einem Land, in dem ich noch nie war? So sehr sogar, dass ich vor ein paar Monaten angefangen habe, die Sprache etwas zu lernen? Ich denke, es beginnt mit der Größe. Kanada ist das zweitgrößte Land der Welt, mit knapp 10 Millionen Quadratkilometern, Russlands Fläche ist mehr als 1,7 Mal so groß, die alte Sowjetunionen umfasste sogar mehr als 22,4 Millionen Quadratkilometer. Diese unglaubliche Weite ist schlicht überwältigend. Wenn wir aus der nordwest-französischen Stadt Brest über Paris, München, Wien und Budapest gen Osten fahren, dann gelangen wir an der ungarisch-rumänischen Grenze erstmals in eine neue Zeitzone. Russland hat insgesamt neun.

Wenn man von der ukrainisch oder der weißrussisch-russischen Grenze über Moskau mit der Eisenbahn Russland von Westen nach Osten durchquert, dann legt man insgesamt ziemlich genau 10.000 km zurück. Ich würde das zu gerne einmal machen. Außerdem fasziniert mich Sibirien. Die Kälte, der Baikalsee und wiederum die Weite. Wenn irgendwo eine Dokumentation läuft, in der Menschen durch Russland reisen, kann ich selten ausschalten. Ich mag außerdem die Melancholie vieler älterer Menschen, die weit abseits von Moskau zu Wort kommen. Vielleicht ist es manchmal auch Fatalismus, aber mir ist fast nie jemand unsympathisch, außer vielleicht irgendwelche Yuppies, die vorwiegend auf Geld aus sind und ständig vom Westen träumen.

Wenn ich an Russland denke, dann natürlich auch an einige der größten Köpfe der Weltliteratur. Tolstoi, Dostojevski oder Solschenizyn zum Beispiel und dann fallen mir sogleich großartige Regisseure wie Eisenstein, Tarkovskiy und Zvyagintsev ein, für die sich sonst niemand interessiert, den ich kenne. Dann wären da die vielen Eishockeylegenden wie Tretiak, Fetissow oder Fedorov. Wie würde ich mich freuen, wenn mit Mikhail Grigorenko vielleicht ein zukünftiger Weltstar des Eishockeys in ein paar Monaten von meinen Montreal Canadiens gedraftet werden würde. Nail Yakupov wäre natürlich auch nicht übel.

Wahlbetrug, Korruption, unglaublicher Reichtum auf der einen und bittere Armut auf der anderen Seite, machen Russland aber leider auch aus. Etwas traurig fand ich, wie im ersten Film auf Arte ehrgeizigem, mutigem und fleißigem Engagement, auch von jungen Menschen, die vielleicht die Chance hätten, etwas zu verändern, Gleichgültigkeit entgegen stand. Gar nicht einmal so unterschiedlich zur Einstellung vieler hierzulande, aber die allgemeinen Lebensumstände beider Staaten lassen sich nicht vergleichen. Vielleicht liege ich falsch, aber für mich sind Sätze wie „Dieses ganze Chaos ist unser Zuhause“ von Eduard Limonow aus „I love Democracy: Russland“ irgendwie typisch russisch. Solche Aussagen mag ich und in Deutschland würde man so etwas eher selten hören.

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