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Wadim

14. Dezember 2011

In der vorletzten Nacht „Leschs Kosmos“, in der vergangenen Nacht „Wadim“: Zwei tolle Sendungen im deutschen Fernsehen bereits in dieser Woche, beide ins Nachtprogramm verbannt. Im ersten Fall habe ich mich daran schon gewöhnt, es gibt ja schließlich auch DVD Recorder, Videorecorder (ja, ich habe noch einen) und Mediatheken. Wie man aber den besonders sehenswerten Film „Wadim“ ins Nachtprogramm verfrachtete, war extrem unnötig. 

Der knapp 90-minütige Film „Wadim“ lief um 0 Uhr im NDR, zwei Stunden zuvor, also noch zu einer für viele Menschen akzeptablen Zeit, kam im gleichen Sender ein Tatort identischer Länge. Eben dieser Tatort, übrigens wohl einer der schlechtesten des Kieler Kommissars Borowski, hatte seine Erstausstrahlung in der ARD erst im September 2009 und war in der Zwischenzeit bereits auf drei verschiedenen Sendern wiederholt worden. Eine logische Rechtfertigung, die beiden Sendungen in der Ausstrahlung nicht zu vertauschen, kann einfach nicht vorliegen. Ein wirklich guter Termin und Sendeplatz wäre der gestrige Dienstag gewesen, um 20.15 Uhr in der ARD. Dort liefen zu dieser Zeit zwei wahrscheinlich ziemlich miese 45-minütige Serien.

Wadim, die Hauptfigur dieses Films von Carsten Rau und Hauke Wendler, wurde im Jahr 1986 als Sohn russischer Letten in Riga geboren. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sehen Wadims Eltern 1993 in der baltischen Republik keine Zukunft mehr. Sie gehen nach Hamburg, um sich dort ein neues Leben aufzubauen, als Wadim gerade sechs Jahre alt ist. Der Vater stellt einen ungewöhnlich langen und ergreifenden Asylantrag, dem aber nicht stattgegeben wird. Eine Rückkehr nach Lettland ist aber auch nicht möglich, weil die russischstämmige Familie dort ebenfalls nicht erwünscht ist.

Also bleiben sie in Hamburg, wo sie teilweise nur im Wochenrhythmus eine neue Duldung erhalten. Ein Leben zwischen Hoffen und Bangen, nie ohne Angst, abgeschoben zu werden. Die Familie ist aber sehr entschlossen, sich zu integrieren. „Soviel Engagement war außergewöhnlich“ sagte Wadims ehemalige Lehrerin über dessen Mutter und über ihn ging ihr ebenfalls kein schlechtes Wort über die Lippen. Wadim lernte wie sein kleinerer Bruder die deutsche Sprache schnell und ging eine Zeit sogar auf ein Gymnasium, später rutscht er ab. Alte Fotos von Wadim zeigen ein fröhliches Kind mit einem verschmitzten Lächeln und ausdrucksstarken Augen. In einem Original-Videoausschnitt präsentiert er später gut gelaunt Hamburg, seine Stadt.

Bedrückend in diesem Film sind die wiederkehrenden Originalaufnahmen von elendig langen Schlangen vor und in der Hamburger Ausländerbehörde, z.B. aus dem Jahr 1996. Menschen quetschen sich durch Türen und werden von überforderten Sicherheitsbeamten skeptisch beäugt.

Um 4 oder 5 Uhr mussten wir aufstehen, sonst bekamen wir keine Nummer mehr. Immer Angst, immer Zittern, warum warten wir so lange? Das waren in etwa die Worte der Mutter, als sie von dieser zermürbenden Zeit spricht. Wadims Vater ist manchmal nur im Hintergrund mit Tränen in den Augen zu sehen. Die Mutter ist heute im Vergleich zu den teils noch recht fröhlichen Originalaufnahmen kaum wieder zuerkennen. Sie leidet unter Depressionen und wirkt mit den tiefen Rändern um ihre Augen oft, als habe sie tagelange nicht geschlafen. Sie ist eine gebrochene Frau.

In einer Nacht im Februar 2005 ist es dann so weit, mehrere Beamte stehen vor der Tür der Familie. Mit gerade 18 Jahren wird Wadim abgeschoben. Seine Mutter schnitt sich während der Aktion vor Verzweiflung die Pulsadern auf, der Vater rastete aus. Innerhalb eines Tages landete Wadim in Lettland, sein Vater in der Abschiebehaft, seine Mutter im Krankenhaus und der jüngere Bruder blieb allein zurück. Binnen kürzester Zeit wurde eine ganze Familie zerstört. Eine Familie, die einfach nur in Hamburg ein ganz normales Leben führen wollte.

Das ist irrational, unlogisch, unmenschlich. Das kann man nicht akzeptieren. Das sagt Mieczeslaw Mazurkiewicz, der Betreuer der Familie über das Vorgehen der Behörden zu Beginn des Films. Ich kann ihm nicht widersprechen. Auch sonst kann ich all seine Äußerungen nachvollziehen. Immer, wenn er zu Wort kommt, spürt man seine Fassungslosigkeit. Genau das kann der Film mit einem machen, fassungslos. Mitunter wird man aber auch wütend, aggressiv, doch vor allem traurig.

Wadim kennt niemanden in Riga, hat lächerliche 10 Euro in der Tasche und steht nach der Abschiebung hilflos auf der Straße, in einem Land, dessen Sprache er nicht einmal mächtig ist. Bei der deutschen Botschaft bekommt er lediglich die Telefonnummer eines Obdachlosenheims.

Eine lettische Staatsbürgerschaft bekommt er ebenfalls nicht, genauso wenig wie irgendeine nennenswerte Unterstützung von offizieller Seite. Mit seinem letzten Geld kauft er eine Telefonkarte und ruft weinend seine Mutter an. Später macht er das einzige, was er tun kann. Über Litauen und Dänemark kehrt er im Jahr 2006 illegal nach Hamburg zurück.

Im gleichen Jahr versucht Wadim es unter anderem auch in Belgien, aber da wird ein Asylantrag ebenso abgelehnt und im Dezember landet er unfreiwillig abermals in Riga. Dort findet er einen Job als Hilfsarbeiter. Seine Chefs beschreiben ihn als fleißigen Mitarbeiter, als einen 100%igen Deutschen, was immer das auch ist. Aus Angst vor Arbeitslosigkeit verlässt er Lettland schließlich wieder Richtung Deutschland. Eine Zukunft will man ihm hier aber einfach nicht geben. Abgesehen von ein paar Ausreden am Telefon war die Hamburger Ausländerbehörde zu keinem wirklichen Statement bereit.

Im Januar 2010 nahm sich Wadim in Hamburg das Leben.

Die beste Dokumentation, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, war bis zu „Wadim„, „Zur falschen Zeit am falschen Ort“ von Tamara Milosevic. Wie bei der Frankfurter Regisseurin halten sich Carsten Rau und Hauke Wendler auch sehr im Hintergrund. Es wird nüchtern beschrieben und erklärt, aber nicht Stellung bezogen. Das ist in diesem Fall auch gar nicht nötig. Die Bilder, Fakten und Personen sprechen für sich.

Ich hoffe, der Film, den ich mit Sicherheit so schnell nicht vergessen werde, ist möglichst bald in der Mediathek des NDR zu sehen. Ansonsten hilft potenziellen Zusehern aber sicher das Internet, die DVD erscheint leider erst im Sommer 2012.

Im Forum bei „Spiegel Online“ wird heute wahrscheinlich darüber diskutiert werden, was im Fall Wadim falsch gelaufen ist. Manche werden das Vorgehen der Behörden auf ihren bequemen Schreibtischstühlen sitzend rechtfertigen, ehe sie in ihre schön eingerichtete Wohnung fahren, aus welche sie nachts niemand legal herauszerren kann. Wiederum andere werden darüber fabulieren, ob man Wadim als Letten, Russen, Deutschen oder einfach als Staatenlosen anzusehen hatte.

Wadim war Hamburger.

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