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Kinotipp: Sag nicht, wer du bist

Das Kinoprogramm dieser Tage wirkt auf den ersten Blick recht fad. “Transformers” oder “Planet der Affen: Revolution” können mir auch am herbstlichsten Augusttag nicht 8 Euro aus der Tasche locken und Luc Besson hat seine besten Tage als Regisseur leider wahrlich lange hinter sich. Gut, dass es Xavier Dolan gibt, dessen Filme jeden Cent Eintrittsgeld wert sind.

Seit gestern ist mit “Sag nicht, wer du bist” (Tom à la ferme) der vierte Spielfilm des in Montréal geborenen Regisseurs, Schauspielers und Produzenten in den deutschen Kinos zu sehen. Soweit nicht ungewöhnlich, mag man denken. Weiß man allerdings, dass der Kanadier im März erst 25 Jahre alt geworden ist, kann man nur beeindruckt sein. In Cannes heimste Dolan darüber hinaus in diesem Jahr für “Mommy” den Jury-Preis ein. Ja genau, das ist dann bereits sein fünfter Film, der im übrigen auch noch in diesem Jahr in den deutschen Kinos zu bewundern sein wird. Begonnen hatte seine Karriere 2009, als er “J’ai tué ma mère” (I killed my mother) noch vor seinem zwanzigsten Geburtstag als Hauptdarsteller, Drehbuchautor und Regisseur auf die Leinwand brachte.

Mit diesem Film wurde ich auf Dolan aufmerksam und habe seine Karriere intensiv beobachtet. Immer wieder denke ich an Rainer Werner Fassbinder, wenn mir sein Talent und Arbeitseifer in die Augen sticht. Einzig an “Laurence Anyways” arbeitete Dolan relativ lange. “Sag nicht, wer Du bist” soll dagegen in einem Zeitraum von nur 17 Tagen entstanden sein. Das Ergebnis ist dafür großartig. Aus dem interessanten Talent Dolan, den man oft als Wunderkind bezeichnete, ist in wenigen Jahren ein großer Filmemacher geworden. Wenn ich bedenke, dass ich 38 Jahre brauchte, um ein nicht allzu umfangreiches Buch fertigzustellen, kann ich nur neidisch den Hut ziehen. In Wirklichkeit bin ich aber nicht neidisch. Ich bin dankbar, dass es bei all der Massenware aus Hollywood und dem größtenteils uninspirierten bis nichtssagenden deutschen Kino noch einige Regisseure dieser Klasse gibt.

Nun kurz zur Geschichte von “Sag nicht, wer du bist”: Tom (gespielt von Dolan) ist Mitte 20, lebt und arbeitet in Montréal in der Werbebranche befand sich dort mit seinem Arbeitskollegen Guillaume in einer Beziehung. Nach dem Tod seines Partners fährt Tom zu dessen Beerdigung aus der Großstadt ins ländliche Québec. Eine Reise, die von Beginn an aus einem zweiten Grund denkbar schwierig anmutete: Guillaume hatte seine Homosexualität vor seiner Mutter verheimlicht und Guillaumes Bruder Francis hat ein großes Interesse daran, dass das so bleibt. Es entwickelt sich ein Thriller, der zu einem großen Teil mit drei Schauspielern auskommt.

“Sag nicht, wer du bist” ist ein Film, der ein wenig schockt, überrascht und vor allem einfach gut unterhält. Wer mehr über den Film erfahren will, kann das auf vielen anderen Seiten. Einige davon verraten meiner Meinung nach aber wieder einmal viel zu viel von der eigentlichen Geschichte. Wenn ich einen Film empfohlen bekomme, möchte ich wissen, warum er sich lohnt und worum es grob geht. Ich möchte nicht zig wichtige Szenen, Entwicklungen und Vorkommnisse vor meinem Kinobesuch schon kennen. Ein Tipp noch generell zu den Filmen Dolans: Es empfiehlt sich, mit “J’ai tué ma mère” zu beginnen.

Das unendliche Ärgernis

Wer kennt das nicht? Man klickt bei Youtube einen Clip an und blickt eine Sekunde später auf einen nervigen Hinweis. In Deutschland sind letztendlich aus finanziellen Gründen mehr Inhalte von Youtube gesperrt als in jedem anderen Land der Welt.

Selbstverständlich kann jeder halbwegs fähige Internetnutzer die Sperre umgehen, aber das kann natürlich eigentlich nicht Sinn der Sache sein. Über den endlosen Streit zwischen Youtube und der GEMA berichtete gestern das Medienmagazin Zapp. Falls jemand die Hoffnung hat, dass sich bei diesem Irrsinn in absehbarer Zeit etwas ändert: Es sieht absolut nicht danach aus. Besonders ärgerlich ist dabei, dass mehr als die Unterhaltung auf der Strecke bleibt, aber seht selbst:

Von Worten, Sätzen und Frauen im Knast

Die Wörter sind da, die Sätze auch. Es gibt sogar noch mehr. Ich habe über ein Dutzend Absätze, aber irgendetwas fehlt. Vielleicht habe ich auch überflüssige Passagen geschrieben. Ich weiß es nicht. 

Ich bin sicher, dass jeder so etwas schon erlebt hat, der schreibt. Völlig egal, in welcher Form auch immer. Ob Artikel, Kurzgeschichten, Gedichte, Songtexte oder vergleichbares, das spielt keine Rolle. Man ist weit vorangekommen, man weiß, wo man hin will, aber etwas passt nicht.  Möglicherweise redet man es sich nur ein, aber das Gefühl verschwindet nicht. Was fehlt denn nur? Ist das gut genug geschrieben? Ist diese Stelle wichtig oder lösche ich sie besser? Soll das Resultat der Arbeit im Internet veröffentlicht werden, drängt sich ein weiteres Problem auf. Der Zweifel, ob der Text nicht zu lang ist. Wer nimmt sich die Zeit für deutlich mehr als 500 Wörter, wenn eine SMS nur 160 Zeichen hat und ein Tweet gar nur 140?

Seit mindestens zwei Wochen schreibe ich an einem verdammten Blogeintrag über Budapest und ich werde mit diesem einfach nicht fertig. Er soll und wird nicht die Welt verändern, aber er soll gut sein, er soll interessant sein und auch mehr als anständig formuliert. Manche Dinge schreiben sich fast von selbst. Man beginnt, tippt einige Absätze und in der Regel ist man meistens nach spätestens zwei Stunden fertig. Nicht mit diesem. Warum auch immer. Für heute kapituliere ich abermals und schaue noch eine Folge “Orange is the new black”. Schließlich hat doch jeder schon wenigstens einmal davon geträumt, eine Nacht im Frauenknast zu verbringen, oder?

Neue Tweets – Teil 26

Bevor es diese Woche mal wieder etwas Neues zu lesen gibt, nach langer Zeit erst einmal ein Blick Richtung Twitter. Es folgen meine bescheuertsten und besten Tweets der letzten Monate. Viel Spaß!

–  Ich gehe weiterhin davon aus, dass City Meister wird. Wenn nicht, dann habe ich irgendwie das Gefühl, es wird nichttwitter-logo Chelsea sein… [Anmerkung: Am 22.3. getwittert. Manchmal ist es richtig scheiße, wenn man so 100%ig Recht hat.]

- Hübsche Kassierin eben bei Rewe. Sie: “Payback Karte?” Ich: “Nein.” Sie: “Interesse?” Ich: “Ja, aber nicht an einer Payback Karte.”

- Wenn ich manche Bus- und Straßenbahnfahrer so sehe, frage ich mich, warum es nicht “öffentlicher Narrverkehr” heißt.

- Früher habe ich mich immer gefragt, warum von diesem Kalle andauernd alle nach Dover fahren.

- “ORRR, DIESER KRACH!” “DU SPIELST SCHACH?” “NEIN, KRACH! IST ZU LAUT HIER. TOO MUCH NOISE!” “WAS IST IN NEUSS?” “NEE, GIBT NIX NEUES!”

- “Ich gehe jetzt zum Türken und hole mir einen…” “…runter?” Warum Gespräche mit mir nicht immer einfach sind.

- Früher dachte ich, Antifa würde bedeuten, dass man gegen Deo ist.

- Es nervt schon, wenn überall in Worten “ver” durch “fair” ersetzt wird. Also “Fairhandeln” und so… Wie wäre es mit ?

- P.K. Subban on Gm 7: “I can’t wait for the crowd, the noise, the energy in the building. I can’t wait to take that all away from them.”

- Da stellt mein Chef mich doch tatsächlich als freundlich und kompetent vor. Schon hat der neue Kollege ein völlig falsches Bild von mir.

- “Mario Basler hat Geschichte geschrieben” “Ach, wie schön. Der geht nochmal zur Schule?”

- Bin eben aus der Pizzeria geflogen. Nur, weil ich eine Pizza Winter für 2 Euro wollte. Macht doch Sinn, wenn die 4 Jahreszeiten 8 € kostet!

- Wo liegt eigentlich dieses Vernunft, wo andauernd Leute irgendjemanden hinbringen wollen?

- Dieser Gedanke, dass Menschen, die viel verdienen, irgendwie auch immer mehr leisten, ist nicht totzukriegen.

- Ein kleiner Vogel sitzt auf meinem Nachtisch. Es gibt Donauwellensittich.

- Ein Freund von mir hat eine komische Stelle gefunden. Den Apfel hat er dann gleich weggeworfen.

- Großes Rüsseltier mit Vorliebe für Softdrinks? Elefanta

- Wäre schon cooler, würden Spaziergänger ihre Hunde anstarren und die Smartphones an einer Leine hinter sich herziehen statt umgekehrt.

- Erst dachte ich, es ginge um einen Türken, der daneben lag. Jetzt verstehe ich. Alliierte also und nicht Ali irrte.

- Habe bei mir einen Kindergarten eröffnet. Musste die Kleinen aber leider auf dem Rasen anketten, weil sie mir sonst die Blumen zertreten.

- Kommt ein Mann fluchend in eine Pommesbude. “Tourette?” “Nein, Pommes Mayo bitte.”

- Der Montag rückt mit großen Schritten näher. Viele von uns müssen dann wieder arbeiten, Joachim Gauck wird wohl in den Krieg ziehen.

- Möchte T-Shirts mit “Lasst die verfickte zweite Kasse doch einfach offen, Ihr Pisser!” drucken lassen. Wer hat Interesse?

- “Mögen Sie harte Arbeit?” “Nö.” “Kundenkontakt?” “Muss nicht sein.” “Aufstiegschancen?” “Mir egal.” “Willkommen bei OBI.”

- Chef: “Ist die Frau Kaufmann schon da?” Ich: “Die MILF?” Chef: “Die was?” Ich: “Sitzt in ihrem Büro, ich habe Feierabend. Bis morgen dann.”

- Putziger Wettstreit im Supermarkt: “Ja, ist nicht einfach, bin schon 77.” “Pah, ich bin 82.” “Mein Mann ist 84.” “Nein.” “Doch.” “Orrr.”

- Ich mache demnächst eine Bar auf. Dort gibt´s sehr viel Obst und nur schwangere Kellnerinnen. Ich nenne den Laden “Fruchtbar.”

- Wer meint, Geld stinkt nicht, hat noch nie mit schwitzenden Händen einen Haufen Münzen gezählt.

- Midnight in Pjöngjang

- Harold und Mord

- My Blackberry Nights

- Wie ein einziger Sarg

- Magnolien aus Stuhl

- “Wo bist Du denn?” “Libanon.” “Bist Du noch bei Trost?” “Nein, Beirut.” “Bei welcher Ruth?”

- Manche Models haben heute sicher wieder weniger gegessen als mir eben aus dem Döner fiel.

- Diese Mother E-Sharif muss die heißeste Milf überhaupt sein. So viele Leute sind bei der schon gelandet.

- “Ich nerve?” “Ja und meine Hemmschwelle sinkt.” “Welches Lied singt sie denn?” “So, Abendessen ist gestrichen!” “Cool, in welcher Farbe?”

- Warum muss die langsamste Kassiererin aller Zeiten (ich nenne sie Fräulein Stornoschlüssel) ausgerechnet im Supermarkt nebenan arbeiten?

- Reservoir Hot Dogs

- Bei Anruf Mortadella

Vielleicht auch von Interesse:

- Neue Tweets – Teil 25

22.000 Kilometer in 22 Tagen

Der Tag ist endlich gekommen, an dem mein Buch erhältlich ist. Die erste Lieferung von “22.000 Kilometer in 22 Tagen” erreichte Düsseldorf am heutigen Mittag. Ab sofort ist mein Reisetagebuch für 8,90 Euro (9,95 Euro per Büchersendung) hier zu bestellen. 

Bjoerns_Buch

Worum geht es? Im letzten Sommer machte ich mit einer sehr guten Freundin eine interessante, intensive Reise, die uns von Düsseldorf über Moskau, Sibirien (Irkutsk, Listwjanka, Wladiwostok) und Peking in die Mongolei führte. Highlights waren die 9288 legendären Kilometer mit der Transsibirischen Eisenbahn und unsere beeindruckenden Tage in der mongolischen Steppe. Von der ein oder anderen hässlichen Stadt, Schlafmangel, skurrilen Begebenheiten und ein paar Missgeschicken wird aber auch berichtet. Zwei Auszüge aus dem Buch kann man sich hier durchlesen:

In der Transsibirischen Eisenbahn

Der zweite Auszug aus meinem Buch

“22.000 Kilometer in 22 Tagen” ist momentan nur bei mir direkt und in gedruckter Form erhältlich. Ob es ein E-Book geben wird, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich aber eher nicht, denn dies ist einer der ganz wenigen Bereiche, in dem ich altmodisch bin. Wer das Buch haben möchte, schreibt einfach eine E-Mail an: Bjoern2711@gmx.de mit dem Wort “Buch” in der Betreffzeile. Eine persönliche Übergabe in Düsseldorf ist möglich oder aber eine Bestellung. Dann wird selbstverständlich in der E-Mail noch die Adresse benötigt.

Jede Leserin und jede Leser, die/der am Ende etwas angetan ist, darf das Buch sehr gerne weiterempfehlen. Ob persönlich, in sozialen Netzwerken oder sonstwie. Warum nicht einfach jemanden eines zum Geburtstag schenken? Der Gewinn soll in das Reisen fließen. Meine nächste ist fest geplant, die übernächste bereits in meinem Kopf. Die Ziele könnten unterschiedlicher nicht sein und die ersten beiden Kapitel eines weiteren Reisebuchs sind auch schon fertig. Vor allem das Kapitel über Budapest würde ich am liebsten schon jetzt veröffentlichen…

Zum Schluss noch das Video zu “22.000 Kilometer in 22 Tagen”:

Es geht los

In wenigen Stunden mache ich mich auf den Weg zum Flughafen. Eine Woche in Budapest, am Balaton und Slowenien steht auf dem Programm. Endlich wird auch dann mein Buch gedruckt, über das ich hier in den letzten neun Monaten immer mal wieder geschrieben habe.

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Budapest

Wer darüber (nochmal) etwas lesen möchte, schaut am besten “hier” rein. Von unterwegs werde ich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht bloggen, aber im Anschluss sollte es einiges zu berichten geben. Über die Reise, das Buch und vielleicht habe ich noch den ein oder anderen WM-Gedanken, den ich teilen möchte, auch wenn ich bis zum Spiel Frankreich-Deutschland (sofern es dazu kommt) keine Partie unbedingt sehen will.

WM: Die Berichterstattung in den deutschen Medien

Seit gut zwei Wochen läuft die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Für mich Zeit, einen kritischen Blick auf die Berichterstattung der deutschen Medien zu werfen, wobei ich mich aus Zeitgründen fast ausschließlich mit der ARD und dem ZDF beschäftige. 

Simon

Steffen Simon, Leiter der ARD-Sportschau und nerviger Fußballkommentator.

Sind Sie auch so begeistert von dieser tollen WM? Grandiose Spiele auf technisch und taktisch höchstem Niveau, souveräne Schiedsrichter und eine erstklassige Berichterstattung im deutschen Fernsehen. Sie stimmen zu? Dann sollten Sie schnell Ihr Fernsehgerät einschalten. Vielleicht verpassen Sie sonst eventuell, wie Katrin Müller-Hohenstein vor laufenden Kameras die Stollen von Bastian Schweinsteigers Fußballschuhen sauber lutschen darf. Ansonsten lesen Sie ruhig weiter, denn ich sehe ein ganz anderes Turnier.

Ich gebe zu, dass der Job des Fußballkommentators kein einfacher ist. Live kann man eben kein unüberlegtes Wort zurücknehmen, jeder Versprecher bleibt hängen. Ob es einem nicht doch in letzter Sekunde auffallen sollte, dass ein Satz wie “”die sind Südländer, da ist nicht alles perfekt organisiert” (Steffen Simon über die Iraner), mehr als ein kleiner Fauxpas ist, darf jeder gerne für sich selbst entscheiden. Gerade bei Simon nerven mich andere Dinge viel mehr. Vor allem seine ständige Tendenz, harmlose Strafraumszenen spannender zu quatschen als sie sind.

Hatte Simon Raheem Sterling schon einmal spielen sehen?

Was Taktik und Spielanalyse angeht, hat Simon so gut wie nie etwas zu bieten, was einem “Bei-der-EM-und-WM-schaue-ich-dann-aber-schon-mal-zu” – Gucker nicht auch auffällt. Wenn man bedenkt, welchen Hype eine Fußball-WM in Deutschland auslöst, ist es auch bemerkenswert, dass offenbar eine intensive Vorbereitung bei vielen Kommentatoren keine Rolle spielt. Natürlich lesen sie sich Informationen an, aber wie ist es möglich, dass ein Steffen Simon offenbar keine Ahnung hat, was für eine starke Rückrunde ein Raheem Sterling in Liverpool spielte und so weder dessen Einsatz noch Sterlings gute Leistung beim Spiel England gegen Italien wirklich überraschend waren? Ich vermute, Simon selbst hatte Sterling zuvor noch nie spielen sehen.

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Dieser Sterling kann tatsächlich Fußball spielen

Wenn jemand ein WM-Spiel zwischen Italien und England kommentiert, darf man schon erwarten, dass die Person in der abgelaufenen Saison zumindest ein paar Spitzenspiele der Serie A und der Premier League gesehen hat. Es ist ja auch nicht so, als müsse man dafür im Jahr 2014 nach Rom, Turin, London oder Liverpool fliegen. Simon würden Reisen dahin allerdings sicher nicht schaden. Vielleicht wäre ein Sabbatjahr gut, einfach mal viele Spiele schauen und die Klappe halten. Fairerweise muss ich anmerken, dass das ZDF mit Béla Réthy an der Spitze auch nicht mit einem Großen seiner Zunft besticht. Auf der anderen Seite hat die ARD durchaus einige fähigere Mitarbeiter, welche jedoch zumeist jene Spiele kommentieren, die nicht im Hauptinteresse des breiten Publikums stehen.

Die fragwürdige Arbeit der meisten Kommentatoren von ARD und ZDF wird aber noch bei weitem durch die oft unterirdischen Vorstellungen der Reporter und Experten in Brasilien überboten. Ich habe kein Problem damit, dass sich Giovane Élber mit der deutschen Sprache noch immer häufig schwer tut. In der Analyse nach den Spielen hat Élber allerdings so gut wie gar nichts anzubieten. Peinlicher ist aber selbstverständlich noch der ARD-Einsatz seiner Landsfrau Fernanda Brandao, deren Aufgabe natürlich eine andere ist. Aber welche eigentlich? Sie ist gebürtige Brasilianerin, sehr attraktiv und? Und nichts. Das muss reichen. So erzählt Brandao freudestrahlend davon, dass sie so gerne einmal im holländischen Bus mitfahren würde, weil da immer so gute Stimmung herrsche. A. Ha.

Katrin Müller-Hohenstein toppt alles

Im Gegensatz zur ARD präsentiert uns das ZDF eine wahre MILF (MIst Labernde Frau), die sich leider auch noch direkt mit dem weltweit beliebtesten Mannschaftssport beschäftigt. Nein, das macht sie nicht wirklich. Sie füllt lediglich die Rolle eines Fans aus, dem es gelungen ist, aus dem deutschen Lager berichten zu dürfen. Eine kritische Distanz zur deutschen Mannschaft ist selbst beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen allgemein non-existent, Müller-Hohenstein unternimmt allerdings nicht einmal die geringste Anstrengung, eine solche vorzutäuschen. Da wird neckisch am Pool geplauscht, auf die Minute genau vorgetragen, wann der deutsche Mannschaftsbus wo angekommen ist und wer vielleicht ein unbedeutendes Wehwehchen mit sich rumschleppt.

Wie sie sichtlich mitleidend über die Verletzung von Mats Hummels erzählt und ansonsten freudestrahlend vorwiegend über Nebensächlichkeiten schwafelt, sagt vieles über ihre Berufsauffassung aus. Ach, Sie interessiert es, dass mannschaftsübergreifend Schafkopfrunden stattfinden und die Tatsache, dass sich der DFB Bus einmal durch die Wassermassen kämpfen musste? Das konnte ich nicht wissen. Im Jahr 2014 gibt es in Deutschland längst genug Frauen, die über Fußball einiges zu sagen hätten, doch das scheint offensichtlich nicht gefragt zu sein. Sehr, sehr schade. Ich persönlich könnte mir theoretisch die Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus anstelle von Urs Meier als Bereicherung vorstellen.

Urs Meier bleibt ohne Klopp blass

Bei der Europameisterschaft 2008 bildete Urs Meier im ZDF mit Jürgen Klopp noch ein sehr starkes Duo. Ohne Klopp, der den Zuschauern immer wieder fachlich interessante und gute Analysen präsentierte, enttäuscht Meier. Gestern lobte der ehemalige Schiedsrichter aus der Schweiz gar kritiklos das lächerlich harte FIFA-Urteil im Fall Luis Suárez. Jeder soll für sich selbst entscheiden, welche Bestrafung in einem solchen Fall angemessen ist. Den Arbeitgeber von Suárez gleich mit zu bestrafen, ist ein Unding.  Man hätte dem Stürmerstar aus Uruguay beispielsweise eine Geldstrafe aufbrummen können, die er wirklich spürt. 100.000 Schweizer Franken sind für ihn weniger als ein wöchentliches Gehalt. Auch hätte man ihm eine 13-monatige Länderspielsperre geben können, sodass er die Copa América 2015 verpassen würde. Das wäre zwar auch unangemessen gewesen, aber seinen Verein für dieses Vergehen leiden zu lassen, ist indiskutabel. All das wurde nicht diskutiert.

Abgesehen vom ein oder anderen Geistesblitz Mehmet Scholls bleiben die Analysen enttäuschend. Fast kontinuierlich kratzt man an der Oberfläche. Man lechzt nach Sensationen, wohl wissend, dass diese bei einer solchen WM früher oder später von alleine kommen. Oliver Kahn schwafelt gerne über “wichtichche Dinge”, mentale Belastungen und Automatismen und wiederholt sich auf penetrante Art und Weise, während sein Zusammenspiel mit Oliver Welke, der bei der Heute Show wesentlich besser aufgehoben ist, erkenntnisarm und zumeist auch äußerst unlustig bleibt. Kahn gehört zu den clevereren Ex-Spielern ohne eine intellektuelle Vorzeigegestalt Deutschlands werden zu können. Dennoch kann und muss man mehr von ihm erwarten, als die ein oder andere zutreffende kritische Beurteilung eines Torhüters vorzubringen.

Kritik scheint ungewollt

Ehrliche, offene und schonungslose Kritik scheint schlichtweg ungewollt zu sein. Man möchte von der WM profitieren. Man will den Zuschauern offensichtlich verbissen verkaufen, dass sie etwas Großem beiwohnen. Ehrlichkeit könnte natürlich auch die Einschaltquoten gefährden… Es wird da kritisiert, wo es unumgänglich ist. Bei unerklärlichen Fehlentscheidungen nicht weniger Schiedsrichter, bei glasklaren Fouls, bei einer peinlichen Schwalbe wie der des Brasilianers Fred im Eröffnungsspiel gegen Kroatien oder eben im Fall von Luis Suárez. Man gefällt sich lieber darin, Nebensächlichkeiten breitzutreten. Man diskutiert die Torkamera, macht alberne Witze über das Freistoßspray (Sprühsahne, Rasierschaum, hahaha) und thematisiert unaufhörlich das Wetter.

Über die Spanier schüttete man lieber kübelweise Häme aus und erzählte Lapidares über eine zu satte und zu alte (insgesamt völliger Quatsch) Mannschaft, anstatt den Trainer Vicente del Bosque ernsthaft zu hinterfragen. Nach der ersten Partie der Spanier gegen Holland betitelte man das letztendlich womöglich spielentscheidende und eindeutig irreguläre 1-3 als Randnotiz. Auch der auf diesem Niveau völlig überforderte und ungeeignete englische Trainer Roy Hodgson, welcher nicht wie sein italienischer Kollege Cesare Prandelli den Anstand besitzt, zurückzutreten, kam gut davon. Man erwartete von England ja eh nichts. Hätte die Mannschaft besser organisiert mit drei zentralen Mittelfeldspielern agiert, wären die Erfolgschancen allerdings deutlich größer gewesen. Gary Lineker hat es erkannt, auch wenn ich seine Kommentare über Wayne Rooney und Steven Gerrard nicht nachvollziehen kann:

Bitte nicht zu viele Demos

Ein ganz besonderes Schmankerl, welches ich beinahe vergessen hätte, bot den ZDF Zuschauern nach wenigen WM-Tagen übrigens noch Béla Réthy. Ihm gelang es tatsächlich, die zu diesem Zeitpunkt im Vergleich zum Turnier von 2010 deutlich höhere Anzahl von Toren mit den unterschiedlichen Systemen zu erklären, die bis dahin in Brasilien aufeinandertrafen. Leider fehlt mir die Zeit, diese unsinnige Aussage auseinanderzupflücken.  Eine große Unsitte ist und bleibt es im Sportjournalismus und nicht nur dort, komplette Nationen zu vereinnahmen. “Ganz Brasilien hofft auf den zweiten Sieg”, obwohl Dutzende Millionen Menschen dort wahrlich andere Probleme haben und nein, auch ganz Deutschland fiebert nicht mit Jogi, Schweini und Poldi. Vielen ist die Fußball-WM einfach völlig egal. Es soll sogar auch Menschen hierzulande geben, die sich gar einen anderen Sieger wünschen.

Sehr übel aufgestoßen sind mir die Relativierungen der Demonstrationen in Brasilien. Ja, vor der WM haben noch deutlich mehr protestiert, aber nun nicht mehr so viele, wurde uns in der ersten WM-Woche zigmal erzählt. Hmm, vielleicht stimmt das faktisch sogar, aber woran könnte das liegen? Eventuell auch daran, dass Menschen keine Lust auf Gummigeschosse im Bauch und Schlagstöcke im Gesicht haben? Nein, man will lieber Samba, Sonne und Strafraumszenen. Dankbar bin ich für die wenigen guten, kritischen Artikel, die ich über die WM bisher zu lesen bekam. Einen der besten lieferte “Zeit Online”, aber leider muss ich aus bekannten Gründen auf einen Link verzichten. Der große Rest der deutschen Presse (Ein Artikel bei Spiegel Online trug gestern tatsächlich den Titel “WM-Vorrunden-Bilanz: Heiß, heiß, Baby!) passt sich ARD und ZDF leider zu sehr an.

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